Nicole Poissonnier Das Erbe der „Helden“ Grabkult der Konso und kulturverwandter Ethnien in Süd-Äthiopien Göttinger Beiträge zur Ethnologie Band 3 Universitätsverlag Göttingen Nicole Poissonnier Das Erbe der „Helden“ Except where otherwise noted this work is licensed under the Creative Commons License 2.0 “by-nd”, allowing you to download, distribute and print the document in a few copies for private or educational use, given that the document stays unchanged and the creator is mentioned. It is not allowed to sell copies of the free version. Published in 2009 by Universitätsverlag Göttingen as Vol. 3 in the series „Göttinger Beiträge zur Ethnologie“ This series is a continuation of the „Göttinger Studien zur Ethnologie“ formerly published by LIT-Verlag Nicole Poissonnier Das Erbe der „Helden“ Grabkult der Konso und kulturverwandter Ethnien in Süd-Äthiopien Volume 3 Göttinger Beiträge zur Ethnologie Universitätsverlag Göttingen 2009 Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar. „Göttinger Beiträge zur Ethnologie“ Series Editors Prof. Dr. Ulrich Braukämper and Prof. Dr. Brigitta Hauser-Schäublin Institute for Cultural and Social Anthropology University of Göttingen Theaterplatz 15, D-37073 Göttingen Gedruckt mit Hilfe der Dr. Walther-Liebehenz-Stiftung Göttingen This work is protected by German Intellectual Property Right Law. It is also available as an Open Access version through the publisher’s homepage and the Online Catalogue of the State and University Library of Goettingen (http://www.sub.uni-goettingen.de). Users of the free online version are invited to read, download and distribute it. Users may also print a small number for educational or private use. However they may not sell print versions of the online book. Satz und Layout: Julia Vorhölter Titelabb.: Nicole Poisson n ier: Feindesfigur mit spezifischem Schmuck, „Boorana“ (Abb. 101) © 2009 Universitätsverlag Göttingen http://univerlag.uni-goettingen.de ISBN: 978-3-941875-03-6 ISSN: 1866-0711 Inhalt Vorwort und Danksagungen ................................................................................................................................... i Erklärungen zur Orthographie und der Form der Darstellung ............................................................................... iii 1. Einleitung 1 Aufbau der Arbeit ................................................................................................................................................ 1 Entstehung der Arbeit ........................................................................................................................................... 2 Forschungsmethoden und kritische Betrachtung der Forschungssituation ................................................................... 4 1.1.1. Die Forschungsreise............................................................................................................... 6 1.1.2. Interviewpartner ..................................................................................................................... 7 Anliegen der Arbeit und zentrale Fragestellungen.................................................................................................... 9 Übersicht der Quellen ...........................................................................................................................................10 Wissenschaftsgeschichtlicher Hintergrund der Werke von Jensen und Hallpike ....................................................... 12 Die betrachteten Ethnien Süd-Äthiopiens ............................................................................................................. 20 1.1.3. Allgemeiner Überblick .........................................................................................................20 1.1.4. Abriss der Ethnographie der Konso und Gewwada.......................................................21 2. Das Töterwesen bei südäthiopischen Ethnien 35 Das Töterwesen als Bestandteil des Verdienstkomplexes ....................................................................................... 35 2.1.1. Verdienstfeste in Äthiopien ................................................................................................38 2.1.2. Jagd auf Wildtiere als Bestandteil des Töterwesens.........................................................40 2.1.3. Das Töten von Feinden als Bestandteil des Töterwesens ..............................................42 2.1.4. Darstellung der unterschiedlichen Bewertung der Tötungen von verschiedenem Großwild bzw. Feinden............................................................................46 2.1.5. Verwendete Waffen .............................................................................................................47 Der kulturelle Rahmen von Tötungen ...................................................................................................................50 2.1.6. Deklarierte Kriege zwischen verschiedenen Ethnien......................................................50 2.1.7. Tötungen als Soldat der Staatsarmee am Beispiel Konso...............................................52 2.1.8. Innerethnische Konflikte ....................................................................................................54 2.1.9. Ritualisierte Jagd- und Töterzüge als Bestandteil des Gadaa -Systems ..........................55 2.1.10. Individuelle Jagdzüge mit besonderer Berücksichtigung der Konso............................63 3. Der Statuswechsel des Töters 77 Töter und deren Jagdgefährten ...............................................................................................................................77 Trophäen..............................................................................................................................................................82 Die nach einer Tötung zu befolgenden Rituale ....................................................................................................... 89 3.1.1. Opferrituale ........................................................................................................................... 93 3.1.2. Verbleib der Trophäen ......................................................................................................103 Die Beziehung des Töters zu dem Geist seines Gegners........................................................................................111 Töten – ein Liminalritus? ..................................................................................................................................115 4. Der Status des Töters 121 Insignien.............................................................................................................................................................122 Die sozialen Konsequenzen einer Tötung für den Töter und seine Verwandten .....................................................131 Töten als Teil der Männlichkeit ......................................................................................................................... 136 4.1.1. Männer und ihre Beziehung zu Lieblingsrindern.......................................................... 149 4.1.2. Männer und ihre Beziehung zu Pferden......................................................................... 153 5. Bestattung und Totenfeiern als Ausdruck des gesellschaftlichen Status des Töters 157 Die gesellschaftliche Bedeutung von Bestattung und Totenfeiern ............................................................................ 157 Bestattung am Beispiel der Konso und Gewwada ................................................................................................. 163 Die Trauerfeier als Affirmation der gesellschaftlichen Ordnung............................................................................ 170 Die Rolle der Ahnen in der Gesellschaft ............................................................................................................. 180 6. Totendenkmäler der Konso und Gewwada: Die waka und dekaa diiruuma 187 Grabmarkierungen und Totendenkmäler Süd Äthiopiens ................................................................................... 189 Allgemeine Beschreibung der waka der Konso und ihrer Symbolik....................................................................... 199 6.1.1. Menschliche Darstellungen............................................................................................... 199 6.1.2. Farbe .................................................................................................................................... 202 6.1.3. Waffen ................................................................................................................................. 202 6.1.4. Kleidung .............................................................................................................................. 203 6.1.5. Haarstile............................................................................................................................... 204 6.1.6. Geschlechtsmerkmale........................................................................................................ 205 6.1.7. Schmuck .............................................................................................................................. 206 6.1.8. Affen .................................................................................................................................... 209 6.1.9. Feldsteine ............................................................................................................................ 210 Die Kategorien der waka und ihre Merkmale ..................................................................................................... 213 6.1.10. Kategorie 1: Waka – Gruppen der Töter und Großwildjäger..................................... 213 6.1.11. Kategorie 2: Waka für andere herausragende Persönlichkeiten.................................. 219 6.1.12. Kategorie 3: Waka als Grabmarkierung.......................................................................... 222 6.1.13. Waka und poqalla ................................................................................................................ 225 Herstellung der waka ......................................................................................................................................... 228 6.1.14. Die Wahl des Holzes ......................................................................................................... 228 6.1.15. Die waka -Schnitzer ............................................................................................................ 229 6.1.16. Entstehen einer Skulptur: Arbeitsablauf......................................................................... 230 Aufrichtung der waka und der Steinstelen .......................................................................................................... 232 6.1.17. Wahl des Ortes der Errichtung ........................................................................................ 232 6.1.18. Errichtung der waka ........................................................................................................... 239 6.1.19. Die Steinstelen der Konso ................................................................................................ 241 6.1.20. Aufrichtung der Steinstelen .............................................................................................. 246 Grabpflege und kulturell-emotionale Beziehung zu den Totenmalen ..................................................................... 254 7. Töten und Fruchtbarkeit 257 Ideologische Zusammenführung von Töten und Fruchtbarkeit.............................................................................. 257 Der Fluss der Vitalität...................................................................................................................................... 261 Verbindungen zwischen dem Klanoberhaupt, dem Töter und der Fruchtbarkeit ................................................... 270 8. Zusammenfassung 273 Bibliographie 281 Tabellen: Tabelle 1: Bauerngenossenschaften der Regionen in Konso ........................................ 24 Tabelle 2: Übliche Tötertrophäen in Konso.................................................................... 88 Tabelle 3: Opfer und Trophäen der interviewten Töter in Konso .............................. 89 Tabelle 4: Töterzeichen und ihre Vorkommen ................................................................135 Tabelle 5: Die in Konso üblichen Töter-Insignien ..........................................................136 Tabelle 6: An den waka häufig vorkommende Sysmbole ...............................................223 Tabelle 7: Anzahl der dargestellten Feindesfiguren .........................................................230 Karten: Karte 1: Konso und benachbarte Ethnien ....................................................................... 19 Karte 2: Schematische Karte des Konso special wereda .................................................... 20 Karte 3: Vorkommen megalithischer Anlagen nach Haberland....................................199 Karte 4: Schematischer Plan des Dorfes Mecheke ..........................................................249 Karte 5: Karte des moora harta in Mecheke ........................................................................250 Anhang 1: English Summary I Anhang 2 : Glossar XIV Waka-spezifische Bezeichnungen ...................................................................................................................... XVI Glossar einiger Bezeichnungen der Gewwada..................................................................................................... XIX Anhang 3: Bildteil XXI 8.1.1. Töten von Großwild als Teil des Gadaa- Systems .........................................................XXI 8.1.2. Repräsentationen vom Schneiden der Genitaltrophäe in der äthiopischen Malerei .............................................................................................................................. XXII 8.1.3. Zeremonielles Rösten eines Löwenpenis .................................................................. XXIII 8.1.4. Trauerfeier........................................................................................................................ XXV 8.1.5. Beispiele von Grabanlagen für Töter und anderen Tötermalen in Äthiopien.... XXVII 8.1.6. Für Töter errichtete waka -Gruppen in Konso.........................................................XXXII 8.1.7. Für Töter errichtete Steinstelen .................................................................................XXXV 8.1.8. Darstellungen von Tieren ......................................................................................... XXXIX 8.1.9. Darstellungen von Waffen.................................................................................................XL 8.1.10. Darstellung von Kleidung...............................................................................................XLII 8.1.11. Haarstile der Männer .......................................................................................................XLII 8.1.12. Haarstile der Männer .....................................................................................................XLIII 8.1.13. Frisuren, die häufig an Figuren zu finden sind, die getötete Feinde darstellen .... XLIV 8.1.14. Haarstile der Frauen ........................................................................................................XLV 8.1.15. Lehaya .............................................................................................................................. XLVI 8.1.16. Kassara............................................................................................................................XLVII 8.1.17. Darstellungen der weiblichen sekundären Geschlechtsmerkmale.......................XLVIII 8.1.18. Darstellungen des männlichen Glieds.................................................................................L 8.1.19. Schmuck und Insignien....................................................................................................... LI 8.1.20. Stile...................................................................................................................................... LIV 8.1.21. Waka und poqalla ..............................................................................................................LVII 8.1.22. Herstellung eines waka .................................................................................................. LVIII 8.1.23. Aufrichtung der Stele für einen Töter anlässlich einer Totenfeier in Gewwada............................................................................................................................ LIX Vorwort und Danksagungen Die vorliegende Arbeit ist auf der Grundlage von drei Forschungsreisen 1998-2000 ent- standen, die das Centre Français d’Etudes Ethiopiennes (CFEE) in Addis Ababa unter dem damaligen Direktor Bertrand Hirsch und die äthiopische Behörde ARCCH (Authority of Research and Conservation of Cultural Heritage) in Auftrag gegeben hatte. Zweck der Reisen war die Erstellung eines Katalogs der hölzernen anthropomorphen Holzfiguren der Konso ( waka ), um eine Grundlage für deren Studie zu schaffen. Diese Reisen ergaben eine Fülle von statistischem Material. Eine weitere Forschungsreise von zwei Monaten diente der Vertiefung und Sammlung von Hintergrundinformationen. Ein beträchtlicher Zuschuss des CFEE, dessen Führung mittlerweile Gérard Prunier übernommen hatte, war hierbei sehr hilfreich. Als ich 1999 mit den Forschungsreisen des CFEE zur Inventarisierung der hölzernen Skulpturen der Konso beauftragt wurde, sprachen sowohl meine Vorgänger der ersten Forschungsreise als auch meine Interviewpartner von „Denkmälern für Helden“. Dieser Begriff „Held“ erschien mir zunächst aufgrund der Konnotationen im deutschen Sprach- gebrauch, die an Heldenepen, Tapferkeit und Kampf von Angesicht zu Angesicht hinwei- sen, problematisch. Im Kontext des Töterwesens in Äthiopien sind zuweilen Übergriffe auf Feinde aus dem Hinterhalt oder durch eine List keineswegs ein Zeichen von Feigheit oder Hinterträchtigkeit, sondern als ehrenhafte Tat anzusehen. Die Töter von Feinden und Großwild in Äthiopien sind dennoch Helden in dem Sin- ne, dass sie Vorbilder in ihrer Gemeinschaft werden und ihre Verwandten sich über diese Vorbilder identifizieren. Dies betrifft vor allem die Nachkommen, für die diese Tat ihres Vorfahren nach dessen Tod wie eine Hinterlassenschaft wird, die sie einerseits dazu ver- pflichtet, ein Denkmal zu setzen, und es ihr gleichzeitig ermöglicht, eben durch diesen Vorfahren und sein Denkmal die eigene Position in ihrer Gesellschaft zu stärken oder gar zu erhöhen. Ich danke an dieser Stelle vor allem meinen Mitarbeitern während der Forschungsreisen: Marie Hernandez für die Fotografien, von denen viele in dieser Arbeit zu sehen sind, Li- onel Fadin für die Ausarbeitung der Karten des Dorfes Mecheke, den Kollegen der äthi- opischen Verwaltung Akloge Zewde und Calamwa Araya, die leider mittlerweile verstor- ben ist und den beiden immer gut gelaunten Fahrern des CFEE, Amare Setotaw und Tomachechw Yifru. Ebenso danke ich allen Mitarbeitern des Kulturbüros in Konso, die unsere Inventur in langen und zum Teil ermüdenden Gesprächen in den Dörfern (zum Teil unter Einsatz ihres Lebens) vorbereitet haben und meine sich häufig wiederholenden Fragen mit Engelsgeduld übersetzten: Anto Arkato, Gadissa, Alemitu Abebe und Dinote Shankari. Ato Getachew vom Büro für Inventur in Addis Ababa leitete die Reise im Jahr 2000 gemeinsam mit mir. Ich danke ihm für die gute Kooperation, die lebhaften Diskus- sionen bezüglich der Organisation und den Zielen der Inventur und für sein großes Inte- resse an unserer gemeinsamen Arbeit. Besonders freute mich, als ich ihn drei Jahre später ii bei einem Vortrag wieder traf und erfuhr, dass ihn die Inventurreise dazu animiert hatte, selbst Ethnologie zu studieren. Ich danke Gurasho Gumacho für seinen großen persönlichen Einsatz als mein Assis- tent in Konso und für die gute Auswahl von exzellenten Interviewpartnern wie Kilate, Xalale, dem poqalla Irato Kala, der letztes Jahr leider verstorben ist, Sagoya Oyama, Ar- mansha Kamalle, Kadido Korinje, Katamo Berisha und Kalebo Luko. Diesen auch ein herzlicher Dank für ihr Vertrauen, mit mir über ein recht heikles Thema zu sprechen. Ganz besonders hat mich die Einladung von Kilate gefreut, jederzeit weitere Interviews führen zu dürfen und an seinen Ritualen teilzunehmen. Dank auch an Chabo Brian Sarosa, der lange Strecken mit mir in Gewwada zurück legte, um die Aufrichtung einer Steinstele beobachten zu können, und für die langen Ge- spräche und Erklärungen. Ebenso an seine Frau, die mich während dieser Zeit bewirtet hat. Ich danke meinem Professor Ulrich Braukämper für das sich Jahre hinziehende ge- duldige Lesen unfertiger und schlecht formulierter Kapitel. Ich danke auch meinem ‚Ma- gistervater‘ Professsor Ivo Strecker dafür, dass er meine Begeisterung für die ethnologi- sche Feldforschung geweckt und mich auf diesem Weg immer bestätigt hat. Ich danke meinen Eltern, die sich ihre Sorgen und Bedenken kaum haben anmerken lassen und Christiane und Birgit, die alle meine Hochs und Tiefs in langen Telefonaten miterlebt haben. Außerdem auch Tiki und den anderen, die maßgeblich dazu beigetragen haben, mich gelegentlich entspannen zu können. Ein ganz besonderer Dank geht an Bertrand Poissonnier, ohne den ich diese Arbeit nie begonnen hätte, und der mich lange Jahre in allen Bereichen unterstützt hat. Und an mei- ne ‚paami’ Dr. Susanne Epple, meine langjährige Kollegin, Freundin und moralische Stüt- ze während unserer gemeinsamen Aufenthalte bei den Bešada, die mir bereits bei der Fer- tigstellung der Magisterarbeit zur Seite gestanden hat und ohne die ich diese Arbeit wo- möglich nie beendet hätte. Erklärungen zur Orthographie und der Form der Darstellung Die vernakulären Begriffe, die in dieser Arbeit vorkommen, sind teilweise in anderen Werken verschiedensprachiger Herkunft in unterschiedlicher Schreibweise veröffentlicht worden. Ich werde mich bei der Verwendung dieser Begriffe so weit wie möglich an die Orthographie halten, die in der Encyclopaedia Aethiopica erarbeitet worden ist. Die Namen der Ethnien sind in den meisten Fällen auch in der neuen Schreibweise noch erkenntlich. Hier zähle ich deshalb nur jene Namen auf, die von der in früheren deutschen Werken üblichen Bezeichnung stark abweichen: Frühere Bezeichnung Aktuelle Bezeichnung Janjero Yäm Amarro Koorete Wolamo Wälaytta Gato Kusuma Darassa Gide’o Für weniger bekannte Begriffe orientiere ich mich an den einschlägigen Werken zu dem entsprechenden Thema. ᆀ Einige Wörter aus der Sprache der Konso, die ich in dieser Ar- beit verwende, sind meines Wissens bisher nicht veröffentlicht worden. Bei diesen Wör- tern verwende ich die von Korra Garra vorgeschlagene Schreibweise. Dieser ist Mitglied eines eher losen Verbands von Konso-Sprechern, die zurzeit an der Erarbeitung eines Rechtschreibestandards und der Erstellung eines Wörterbuchs arbeiten, von einer grund- legenden Einigung jedoch noch weit entfernt sind. Die Vorschläge von Korra Garra an- zunehmen ist m. E. deshalb sinnvoll, da er ein wichtiger Informant für mehrere Forscher (Hallpike, Watson, Demeulenaere) in Konso ist und selbst in dieser Schreibweise Texte veröffentlicht hat, wie z.B. einer in Englisch und Konso abgefassten Sammlung von Le- genden (Amborn; Korra 2003). Auf diese Weise scheint sich seine Schreibweise, die sich an derjenigen des Oromo orientiert, bereits international durchzusetzen, bevor eine gere- gelte Orthographie beschlossen ist. Da die Interviews mit Hilfe von Übersetzern auf Englisch geführt wurden, tauchen einige sprachliche Unzulänglichkeiten im Originaltext (s. Ahnhang) auf. Die Übersetzung ins Deutsche ist sinngetreu wiedergegeben, jedoch so weit verändert, dass die Sätze flüssig und verständlich werden. Auch habe ich viele Wiederholungen weggelassen. Ich habe in der Arbeit sowohl eigene Erhebungen als auch neuere und ältere Texte verwendet. Insbesondere was die Texte zu anderen Ethnien als den Konso betrifft, konn- te ich aber nicht immer Nachforschungen darüber anstellen, inwiefern die Beobachtun- gen und Analysen noch aktuell sind. Da es mir daher unmöglich war, zu entscheiden, welche der Aussagen heute noch Gültigkeit haben und somit im Präsenz wiederzugeben sind und welche als Vergangenheit darzustellen sind, und auch, um die Lesbarkeit nicht durch ständige Zeitenwechsel unnötig zu erschweren, habe ich den gesamten Text im iv Präsenz verfasst. Die Zeit, aus der die Aussagen stammen, ist jeweils aus der Literaturan- gabe im Text ersichtlich. 1. Einleitung 1.1 Aufbau der Arbeit Die vorliegende Arbeit ist in acht Kapitel gegliedert. In der Einleitung werde ich zunächst meine eigene Forschungssituation und meine Vorgehensweisen darlegen und das For- schungsgebiet sowie meine Hauptinformanten kurz vorstellen. Das zweite Kapitel behandelt das so genannte ‚Verdienstwesen’, in dem ein Mann in seiner Gesellschaft einen höheren Status erreichen kann, wenn er Zeit seines Lebens eine besonders verdienstvolle Tat vollbringt. Dies können einmal sehr aufwendige Schlachtfes- te sein, bei denen der Betreffende seinen Reichtum darstellt (Verdienstfeste), oder aber er kann einen Feind oder ein Großwild erlegen (Töterwesen). Nach seinem Tod wird ihm dafür ein Denkmal gesetzt. Da Verdienstfeste in Äthiopien kaum noch existieren und meine Arbeit auf einer Forschung zu den Totendenkmälern der Konso aufbaut, bei de- nen solche Feste auch in der Vergangenheit nicht bekannt waren, lege ich meinen Schwerpunkt hierbei auf das Töterwesen, das zumindest in in Form von Jagdfesten und einigen Jagdzügen auf Großwild noch existiert. Anschließend beschreibe ich verschiedene Rahmen und Situationen, in denen Tötungen vorgenommen werden, und welche Vor- kehrungen der Töter hierfür getroffen hat. Im dritten Kapitel erläutere ich, welche Rituale der Töter durchläuft, um seinen höhe- ren Status zu erreichen, und im vierten Kapitel wird der Status des Mannes beleuchtet, der einen befeindeten Mann oder ein Großwild getötet hat. Dabei werden auch die Moti- vationen betrachtet, die dazu führen, dass Männer diesen Status anstreben. Da der Status eines Töters vor allem nach seinem Tod in dem Denkmal sichtbar wird, das seine Nachkommen ihm zu Ehren errichten, bespreche ich im fünften Kapitel zu- nächst kurz die Bestattungszeremonien der Konso und die Bedeutung der Trauerfeier, die 1. Einleitung 2 einige Zeit nach der Bestattung stattfindet. Im Zuge dieser Trauerfeier werden auch die Denkmäler der Töter errichtet. Im sechsten Kapitel folgt die detaillierte Beschreibung der Totendenkmäler der Kon- so, nachdem ich diese in den Kontext der anderen Totendenkmäler in Äthiopien gestellt habe. Für die Denkmäler der Konso wird hierbei eine Kategorisierung von verschiedenen Stilen erstellt. Im letzten Kapitel bespreche ich ein Thema, das von Forschern, die sich mit dem Tö- ten beschäftigt haben, untersucht wurde: Es scheint offensichtlich, dass das Töten von bestimmten Großwildarten und Feinden auf irgendeine Weise Fruchtbarkeit erzeugt. Während frühere Forscher eine solche Verbindung des Tötens mit der Fruchtbarkeit möglicherweise leichter feststellen konnten, wurde dies von meinen Informanten in Kon- so jedoch nie so deutlich ausgesprochen. Dennoch scheint mir dieser Aspekt auch heute noch in gewisser Weise aktuell. 1.2 Entstehung der Arbeit Mit der Intensivierung des Tourismus seit den 1990er Jahren sind auch die Ansammlun- gen von hölzernen menschlichen Figuren, die aufgereiht an Wegesrändern oder auf öf- fentlichen Plätzen stehen, als Besonderheit der Konso im Süden Äthiopiens eine Attrak- tion für durchreisende Touristen geworden. Es handelt sich hierbei um die waka – Toten- denkmäler, die in Konso für Klanchefs und für Töter von gefährlichen Wildtieren oder auch Männern befeindeter Gruppen aufgestellt werden. Die in den Antiquitätenläden Addis Ababas zum Verkauf stehenden Skulpturen wer- den immer zahlreicher, und auch auf dem internationalen Kunstmarkt haben die Toten- denkmäler der Konso mittlerweile einen beträchtlichen Wert erhalten. Diese Umstände, ebenso wie das sich verbreitende Christentum, so vermuteten die Behörden in Konso, trügen dazu bei, dass immer mehr Einwohner der Dörfer ihren Denkmälern völlig indifferent gegenüber stehen und zum Teil selbst ihre Skulpturen ent- fernen und Händlern zum Kauf anbieten. Hinzu kommt, dass aufgrund des Verschwin- dens von Großwild sowie der Befriedung der Region immer weniger Männer das Helden- tötertum anstreben (können) und somit immer weniger neue Figuren aufgerichtet werden. Der Diebstahl von waka wird zwar mit 5 Jahren Freiheitsentzug bestraft, allerdings sind hiervon lediglich die auf frischer Tat ertappten Diebe betroffen. Händler, die die Skulptu- ren in Antiquitätenläden der Hauptstadt Addis Ababa anbieten, bleiben in der Regel un- geschoren, obwohl die Objekte häufig recht offensichtlich Hehlerware darstellen. Auf- grund von Hinweisen seitens der Verwaltungsbehörde von Konso, die vermehrt Dieb- stähle der Skulpturen vermeldete, wurden gerechtfertigte Bedenken geäußert, die waka könnten im Begriff sein, völlig zu verschwinden. Aus diesen Gründen organisierte die Authority of Research and Conservation of Cultural He- ritage (ARCCH) des Kultusministeriums in Äthiopien in Zusammenarbeit mit dem fran- zösischen Centre Français des Études Éthiopiennes (CFEE) unter der Leitung von Bertrand 1. Einleitung 3 Hirsch 1998 eine Forschungsreise, um in diesem Rahmen den Bestand der hölzernen, anthropomorphen Heldentöterdenkmäler der Konso zu inventarisieren. Ziel der geplanten Bestandaufnahme war einerseits eine Studie der Skulpturen und andererseits sollte die Rückführung von gestohlenen Figuren zu ihren ursprünglichen Be- sitzern in Betracht gezogen werden. Die erste Inventurreise, die 1998 unter Bertrand Hirsch geführt wurde, zeigte jedoch erfreulicherweise, dass die noch existierenden Skulpturen viel zahlreicher waren als ur- sprünglich angenommen, weshalb noch zwei weitere Forschungsreisen organisiert wur- den. Diese fanden unter meiner Leitung in den Folgejahren 1999 und 2000 statt. Wäh- rend dieser Reisen zeigte sich, dass es in den unterschiedlichen Regionen Konsos viele verschiedene Stile und Regeln der Aufrichtung der hölzernen Denkmäler gibt. Christliche Symbolik an den Stelen deutete zudem auf eine mögliche Integration christlicher Prakti- ken in die Praxis der Aufrichtung von Totendenkmälern hin, bzw. auf eine Mischung von Werten. Während somit eine umfangreiche Studie der Skulpturen durchgeführt werden konn- te, fand der zweite Gedanke, nämlich die Rückführung ehemals gestohlener waka nur we- nig Resonanz. Nur in sehr seltenen Fällen erwägen die Bestohlenen ernsthaft eine erneute Aufrichtung der Skulpturen, wenn sie einmal entwendet worden sind. Von einem dieser Fälle, wo allerdings ein völlig neues Denkmal geschnitzt wurde, erfuhren wir in dem Dorf Debana mit den Figuren KW 104-107. Eine bestimmte Familie des Dorfes hatte in einer Nacht einen Fremden beherbergt. Dieser war, ebenso wie die oben genannten Figuren, am nächsten Morgen verschwunden. Daher wurde angenommen, diese Familie stehe mit dem Diebstahl unmittelbar in Verbindung und sie wurde dazu verpflichtet, die fehlenden Skulpturen durch neue zu ersetzen. Der tatsächliche Dieb ist bis heute nie gefasst wor- den. Die bei der Aufstellung der ersetzten Figuren abgehaltene Zeremonie wurde von den Bewohnern Debanas als eine Nachahmung der Originalzeremonie beschrieben. Ein solcher Beschluss und effektiver Druck seitens der Dorfbewohner ist mit Sicher- heit nur möglich, wenn der Dieb oder seine Helfer selbst Mitglieder der Gemeinschaft sind. Tatsächlich vermuten – oder wissen – viele Konso, dass eine große Anzahl der Die- be aus den eigenen Reihen stammt. In diesem Fall ist daher anzunehmen, dass sie die Ge- gend sowie die Statuen sehr genau kennen. Unsere Mitarbeiter aus Konso bedauerten diese Entwicklung zutiefst und entdeckten darin eine deutliche Abnahme des Respekts, der ursprünglich den waka entgegengebracht wurde. Früher, so sagte man, habe man die waka weder berührt, noch gewagt an den Statuen des nachts vorbeizugehen. Die Entwen- dung der Figuren bringt daher Reflexionen bezüglich des spirituellen Wertes der waka mit sich, was auch von Amborn (2002: 94) bereits dargelegt wurde. Da die waka , wie erwähnt, entweder für einen Klanchef oder für den Töter eines Großwilds, früher auch eines befeindeten Mannes aufgerichtet werden, führte die Be- schäftigung mit den Figuren zu einem Themenkomplex, der vor allem von den Mitglie- dern der Frankfurter Schule, Jensen, Haberland und Straube in den 1930er bis 1960er Jahren erforscht worden ist, nämlich dem Verdienstkomplex. Hieraus entstand das Vor- haben, mit der Forschung in Konso als Fortführung der bisherigen Arbeiten eine verglei- 1. Einleitung 4 chende Studie der Denkmäler für Töter, deren Kontexte und dem Töterwesen als Teil des Männlichkeitskonstrukts bei den Konso und benachbarten Ethnien zu erarbeiten. 1.3 Forschungsmethoden und kritische Betrachtung der Forschungssituation Um die Inventur der Denkmäler in Konso durchzuführen, reisten wir jeweils in einer Gruppe von etwa 10 Personen, die außer mir selbst aus dem Fahrer des Autos, einer Fo- tografin (während der ersten Reise waren es zwei), je einem Mitarbeiter der Kulturbüros in Addis Ababa und Awassa sowie mehreren Angestellten des Kulturbüros in Konso be- stand. Die Gruppe hatte ihr festes Lager in einem Hotel in dem Verwaltungszentrum von Konso, von dem aus täglich Fahrten in die betreffenden Gebiete unternommen wurden. Ein ortsansässiger Schmied wurde damit beauftragt, Inventarnummern in Aluminiumpla- ketten zu stanzen, die an den inventarisierten Figuren angenagelt werden sollten. Die gezählten Gruppen von waka sind nicht alles vollständige Denkmäler. Wir nah- men auch einige in die Kartei der Inventur auf, aus deren Mitte die Hauptfiguren fehlten (z.B. KW 280 in Doha, KW 14 – 15 in Mecheke) da offensichtlich immer nur die Haupt- figuren, d.h. die Darstellungen des Verstorbenen selbst bzw. dessen Ehefrauen, gestohlen werden. Dies sind in der Regel die am sorgfältigsten geschnitzten Figuren, während die übrigen, welche etwa getötete Feinde darstellen, meist kleiner, mit weniger Details verse- hen und manchmal auch aus weniger resistentem Holz geschnitzt sind. Einen Teil der Figuren haben wir nicht auf ihrem ursprünglichen Standort besichtigt. In der Polizeistati- on von Konso wurden uns dreizehn von Dieben gestohlene und zurückgelassene Skulp- turen gezeigt, und im Kulturbüro der Verwaltung von Konso lagerten weitere siebenund- fünfzig einst gestohlene Skulpturen. Die meisten davon waren männliche Hauptfiguren. Die Herkunft der Figuren konnte jedoch nicht genau identifiziert werden. Kaum einer der bestohlenen Besitzer ist je gekommen, um sich seine abhanden gekommenen Statuen wieder einzufordern. Einige von Dieben am Tatort zurück gelassene Statuen lagern in den Männerhäusern ( magana ) der entsprechenden Dörfer so z B. in Machelo (8 Figuren), Tu- raite (2 Figuren) oder Fasha (13 Figuren). Die Besitzer gaben an, eine Wiederaufrichtung zu planen, sobald die nötigen Ressourcen vorhanden sind. Der Mitarbeiter des Kulturbüros in Konso, Dinote Shankari, bereitete unsere Besuche in den verschiedenen Kommunen vor, indem er sich nach der Anwesenheit von Statuen erkundigte und von der Kulturbehörde beglaubigte Briefe an die entsprechenden Dorf- versammlungen verschickte. Auch stellte er unsere Gruppe in den jeweiligen Kommunen vor, assistierte bei der Übersetzung in die Sprache der Konso und wählte die Informanten aus, die, soweit möglich, Besitzer der Statuen sein sollten. Wenn, wie in einigen Fällen, keinerlei Einigung erzielt werden konnte und uns jegliche Information zu den Figuren versagt wurde, ließen wir die entsprechende Gruppe zurück. Während der drei Reisen konnten insgesamt 496 Figuren (+ 14 Speere und Schilde) inventarisiert werden, davon 1. Einleitung 5 360 auf ihrem ursprünglichen Standort, 26 in Polizeistationen, acht in dörflichen Gemein- schaftshäusern der Männer und 58 in der Verwaltungsbehörde in Konso. Um die Inventur zu bewerkstelligen, arbeiteten wir mit im Vorfeld ausgearbeiteten Karteikarten, in die die entsprechenden Größen, Beschreibungen und Details der einzel- nen Figuren eingetragen wurden. Zusätzlich zu den Gruppen als Ensemble wurde jede Figur einzeln abgelichtet. Während der beiden Inventurreisen 1998 und 1999 wurde für jede bearbeitete Gruppe von Statuen zudem der genaue Standort mit Hilfe des General Posiotioning System bestimmt. Das Dorf Mecheke griff ich unter Absprache des Mitar- beiters aus Konso und Lionel Fadin, dem Geographen unserer Forschungsgruppe, auf- grund der leicht nachzuvollziehenden Verteilung der Statuen und ihrer Besitzer als reprä- sentativ heraus, um in einer Karte die verschiedenen Standorte der Skulpturen in Bezug auf die Familien der Dargestellten aufzeigen zu können (Karte 4). Die Ergebnisse werden ausschließlich online auf der Homepage des Universitätsverlags Göttingen bereitgestellt. Die Kennzahlen, die zuweilen im Text angegeben sind (z.B. KW 208), sind die Inventar- nummern, die den einzelnen Skulpturen zugeteilt wurden. Probleme während der Inventur Zu jeder Stelengruppe führte ich kurze Interviews mit den anwesenden Nachkommen der dargestellten Verstorbenen, und wenn diese nicht zu sprechen waren, mit den uns beglei- tenden Dorfbewohnern. Hieraus ergaben sich einige Hintergrundinformationen zu dem Datum, den Umständen der Aufrichtung des Denkmals, Alter der dargestellten Person bei seinem Tod, dessen Persönlichkeit und sozialer Stellung in dem betreffenden Dorf sowie gegebenenfalls den spezifischen Gründen für die Aufrichtung des Denkmals. Wäh- rend der Inventur konnten allerdings aufgrund der Priorität zugunsten der Zählung und physischen Beschreibung der Statuen nur vereinzelt längere Gespräche mit Interview- partnern geführt werden, so dass die Informationen aus diesen beiden Reisen sehr bruch- stückhaft ist. Die Mitarbeit vieler Personen sowie die Vorgabe, so viele Statuen wie mög- lich in einem recht kurzen Zeitraum zu inventarisieren, hinderte selbstverständlich längere Interviews um Hintergrundinformationen zu erlangen. Aufgrund der bereits angesprochenen Diebstähle, die sich nach der ersten Inventur unter Bertrand Hirsch angeblich noch vermehrt hatten, wurden wir von den Bewohnern einiger Dörfer verdächtigt, als ‚Vorhut der Diebe’ die interessantesten Figuren herauszu- suchen. In vielen Gegenden begegneten wir daher Misstrauen und Unwillen, die ge- wünschten Zusatzinformationen zu geben. In einigen Dörfern verweigerte man uns jegli- che Zusammenarbeit, indem man vorgab, keine Skulpturen zu besitzen, obgleich die Mit- arbeiter der Behörde in Konso von deren Existenz überzeugt waren. In anderen Dörfern bedrohten uns Kinder mit Steinen bei dem Versuch, die Statuen abzulichten. In einigen Gegenden waren mehrere Stunden währende Diskussionen notwendig, bevor die Be- wohner eines Dorfes der Inventur zustimmten. Diese Art Probleme konnten durch eine Maßnahme der ARCCH ( Authority of Research and Conservation of Cultural Heritage ) zur Er- läuterung unseres Anliegens vor der zweiten Reise weitgehend aus dem Weg geräumt werden. 1. Einleitung 6 Zudem hatten wir einen Ausdruck der von der letzten Reise erstellten Datenbank mit Fotos mitgebracht. Dies