KATHARINA KRCAL Nachahmen und Täuschen Die ›jüdische Mimikry‹ und der antisemitische Diskurs im 19. und 20. Jahrhundert ˇ OLMS OPEN PUBLISHING IN THE HUMANITIES Katharina Krčal Nachahmen und Täuschen Die ›jüdische Mimikry‹ und der antisemitische Diskurs im 19. und 20. Jahrhundert Open Publishing in the Humanities In der Reihe Open Publishing in the Humanities (OPH) wird die Veröffentlichung von hervorragenden geistes- und sozialwissen- schaftlichen Dissertationen gefördert. Die LMU unterstützt damit Open Access als best practice in der Publikationskultur von Monografien in den Geistes- und Sozialwissenschaften und engagiert sich zugleich in der Nachwuchsförderung. Herausgeber von OPH sind Prof. Dr. Hubertus Kohle und Prof. Dr. Thomas Krefeld. Die Universitätsbibliothek der LMU stellt dafür ihre Infrastruktur des hybriden Publizierens bereit und ermöglicht dadurch jungen, forschungsstarken WissenschaftlerInnen, ihre Werke gedruckt und gleichzeitig auch Open Access zu veröffentlichen. https://oph.ub.uni-muenchen.de Nachahmen und Täuschen Die ›jüdische Mimikry‹ und der antisemitische Diskurs im 19. und 20. Jahrhundert von Katharina Krčal Eine Publikation in Zusammenarbeit zwischen dem Georg Olms Verlag und der Universitätsbibliothek der LMU München Gefördert von der Ludwig-Maximilians-Universität München Georg Olms Verlag AG Hagentorwall 7311 34 Hildesheim https://www.olms.de Text © Katharina Krčal 2021 Diese Arbeit ist veröffentlicht unter Creative Commons Licence BY 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/). Abbildungen unter- liegen ggf. eigenen Lizenzen, die jeweils angegeben und gesondert zu berücksichtigen sind. Erstveröffentlichung 2022 Zugleich Dissertation der LMU München 2019 Umschlagbild: © Nina Wamerdam Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http: //dnb.dnb.de Open-Access-Version dieser Publikation verfügbar unter: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:19-275937 DOI: https://doi.org/10.5282/oph.13 ISBN 978-3-487-16065-8 Inhalt Danksagung ....................................................................................................... IX English Summary ............................................................................................. XI 1 Einleitung ...................................................................................................... 1 Teil I Eine Genealogie der ›jüdischen Mimikry‹ im 19. und 20. Jahrhundert .................................................................................................... 23 2 Eine Genealogie der ›jüdischen Mimikry‹ ......................................... 25 2.1 Von der Entomologie ins Diffamierungsvokabular ........................... 25 2.2 Die Paradoxie der ›jüdischen Mimikry‹ – in den Schriften Werner Sombarts, Ernst Blühers und Carl Schmitts ........................... 34 2.3 Konstruktion ›des Juden‹ als ›Figur des Dritten‹ ................................ 49 3 Achim von Arnims Erfindung des ›heimlichen Juden‹ – Die Rede Ueber die Kennzeichen des Judenthums ............................ 61 3.1 Ausschlüsse der christlich-deutschen Tischgesellschaft .................. 66 3.2 Die Konstruktion der Figur des ›heimlichen Juden‹ .......................... 75 3.3 Experimentelle ›Entmischung‹ von ›Christlichem‹ und ›Jüdischem‹ ..................................................................................... 84 3.4 Intertextuelle ›Vermischung‹ ................................................................ 92 3.5 Der ›jüdische Körper‹ als grotesker Körper ......................................... 99 3.6 Exkurs: Juden und Philister als Vertreter des ›toten Buchstabens‹ ... 103 3.7 Groteske und Ambivalenz .................................................................. 115 4 Oskar Panizzas groteske Schönheitsoperationen – Die Erzählung Der operirte Jud’ ............................................................ 127 4.1 Eine wandelnde Judenkarikatur ........................................................ 134 4.2 Normierende Operationen am ›jüdischen Körper‹ .......................... 141 4.3 Zwei Formen der Mimesis – Der operirte Jud’ mit Horkheimer und Adorno gelesen ............................................................................ 151 4.4 Nachahmung des Nachahmers .......................... ................................ 164 4.5 Der operirte Jud’ als Abjekt .................................. ................................ 177 5 Salomo Friedlaender und das Handwerk des Kakopäden – Die Groteske Der operierte Goj ............................................................. 187 5.1 Das Stereotyp der ›schönen Jüdin‹ und die ›Mimikry‹ .................... 191 5.2 Groteske Verkehrung der Verhältnisse .............................................. 202 5.3 Exkurs: Nathan Birnbaum und die ›jüdische Renaissance‹ ............. 205 5.4 Umgekehrte Assimilation und ›deutsche Mimikry‹? ....................... 212 5.5 Messianische Groteske bei Salomo Friedlaender ............................. 227 Teil II Das Stereotyp der ›jüdischen Mimikry‹ als künstlerische Imitation . . . . . . . . . . . . . ............................................................................................ 239 6 ›Deutsche Genies‹ und ›jüdische Nachahmer‹ – Das Stereotyp des jüdischen Künstlers als Schauspieler und Virtuose . . ............................................................................................ 241 6.1 Richard Wagner und die ›jüdische Mimikry‹ in der Kunst – Das Judenthum in der Musik ................................ ................................ 241 6.2 Richard Wagners Kritik an ›jüdischer Epigonalität‹ .......................... 247 6.3 Virtuosität als Supplement ................................................................. 264 6.4 Exkurs: zeitgenössische Kritik an Wagners Ästhetik als ›jüdisch‹ ... 273 6.5 Juden als Schauspieler auf und abseits der Bühne .......................... 288 7 Karl Emil Franzos und das Drama der Assimilation – Der Roman Der Pojaz .............................................................................. 303 7.1 Auf Bildungsmission in ›Halb-Asien‹ .................................................. 306 7.2 Jüdische ›Theatromanie‹ ..................................................................... 314 7.3 Zwischen Genie und komischer Figur ............................................... 322 7.4 Shylock oder Nathan? – Leidenschaftliche Tatkraft versus aufgeklärte Vernunftrede ................................................................... 329 7.5 Theater der Illusion .............................................................................. 337 7.6 Theater der Präsenz ............................................. ................................ 342 7.7 Schwindsucht als Schwundfigur ........................................................ 354 VI Inhalt Inhalt VII 8 Franz Kafkas Varieté der Arten – Die Erzählung Ein Bericht für eine Akademie ................................................................ 363 8.1 Affen als Metapher ›minderer‹ Mimesis ............................................ 366 8.2 Antisemitische Vergleiche von Juden und Affen ............................. 372 8.3 (Kultur-)zionistische Polemik gegen die ›jüdische Mimikry‹ – Ein Bericht für eine Akademie als Assimilationsgeschichte ............... 377 8.4 Ein Bericht für eine Akademie im jüdischen Kontext ......................... 383 8.5 Rotpeter – (k)ein Schauspieler ........................................................... 391 9 Thomas Manns doppelte Entlarvung – Die Novelle Wälsungenblut .......................................................................................... 419 9.1 Juden als intellektuelle Außenseiter in Wälsungenblut ................... 425 9.2 Juden als primitive Fremde in Wälsungenblut .................................. 440 9.3 Darstellung der Wagner-Aufführung ................................................. 450 9.4 Exkurs: Manns Wagner-Kritik im Anschluss an Nietzsche ............... 455 9.5 Andeutung und Wirklichkeit .............................................................. 468 10 Schluss ....................................................................................................... 483 Literaturverzeichnis ...................................................................................... 495 Danksagung Eine Dissertation zu verfassen kann eine einsame Angelegenheit sein, ist aber gleichzeitig stets ein kollektiver Kraftakt: So läge auch diese Arbeit ohne die Unterstützung einer ganzen Reihe von Helfer/inne/n nicht in ihrer jetzigen Form vor. In der Anfangsphase der Arbeit durch ein Stipendium unterstützt hat mich das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien, wo ich ein produktives Studienjahr als Junior Fellow verbrachte. Für den Hauptanteil der Finanzierung bedanke ich mich beim Elite- netzwerk Bayern sowie für die fachliche und organisatorische Unter- stützung über mehr als drei Jahre beim International Doctoral Program MIMESIS an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Für die wissenschaftliche Anleitung und ihr Vertrauen zu Dank verpflichtet bin ich meiner Betreuerin, Prof. Dr. Inka Mülder-Bach. Meiner Zweitbe- treuerin, Prof. Dr. Mona Körte, und ihrer Expertise im Bereich literari- scher Antisemitismusforschung verdanke ich viele wertvolle Hinweise. Sowohl vom fachlichen Austausch mit den Kollegiat/inn/en als auch von Herrn Prof. Jay Geller aus den USA konnte die Arbeit überdies pro- fitieren. Schließlich bedanke ich mich bei den Mitarbeiter/inne/n der Reihe Open Publishing in Humanities an der Universitätsbibliothek der LMU für ihre geduldige Arbeit an der Veröffentlichung der Dissertation und Frau Mareike Burgheim (M.Ed.) für das Lektorat. Besonders dankbar bin ich jenen Menschen, die mich während der anstrengenden Zeit durch ihre tatkräftige Mithilfe und/oder seelische Unterstützung den Rücken stärkten. Thomas Assinger (M.A.), Dr. Eli- sabeth Grabenweger, Martina Kigle, mein Bruder Mag. Konrad Krčal, Dr. Stephan Kurz, Dr. des. Elisa Leroy, Dr. des. Sally Oey, Dr. des. Yola Schmitz, Dr. Birke Sturm und Tina Werner-Werhahn (M.A.) halfen beim Korrekturlesen und häufig auch durch Feedback. Sally Oey, Bar- bara Röscheisen (M.A.) und Doris Rebhahn (M.A.) haben mir über eine lange Zeit das Aufstehen erleichtert, weil ich wusste, dass sie vor der Bibliothek auf mich warten werden. Thomas Wojcik hat mir wie- derum das Nachhausekommen versüßt und war als Partner und spä- ter als Freund viel für mich da. Frau Dr. med. Anke Groß und Herr Dipl.-Psych. Rudolf Bruckmoser waren wichtige Personen in meinem Unterstützungsnetzwerk in München. Timo Mozart habe ich für seine großartige und liebevolle Hilfe bei den Vorbereitungen für die Veröf- fentlichung zu danken. Meinen Eltern, Sonja und Walter, danke ich dafür, dass sie mir als erste in der Familie ein Studium ermöglicht und auch meine Entscheidung für ein Dissertationsstudium trotz schwieri- ger Phasen stets unterstützt haben. Meine Mutter hat zudem über alle Stadien hinweg große Teile der Arbeit korrekturgelesen und mich mit ihren Rückmeldungen zur Sprache und ihrem inhaltlichen Interesse bestärkt. Mein ganz besonderer Dank gilt meiner Freundin Dr. Anna- lisa Fischer. Ohne ihre einfühlsame und zugleich pragmatische Beglei- tung, insbesondere in der Abschlussphase – nicht zu sprechen ihrem großen Anteil an den Korrekturen vor der Abgabe –, wäre dieses Pro- jekt vielleicht nicht zu seinem guten Ende gekommen. X Danksagung English Summary Imitation and Deception The 'Jewish Mimicry' and the Anti-Semitic Discourse in the 19th and 20th century The term »Jewish mimicry« was coined at the beginning of the 20th century, but is less known than other anti-Semitic stereotypes, for example those concerning the ›Jewish body‹. During the 19th century biologists created the term to describe the newly found capability of some harmless insects to mimic the appearance and other attributes of poisonous insects. This capacity was considered to be a means of protection developed in the course of evolution and – in the context of the rise of social Darwinism – was soon applied to human society. Shortly thereafter the term »mimicry« also appeared as part of the de- famatory vocabulary of the anti-Semites. However, the idea behind the term arose much earlier than the term itself. During the time of the Enlightenment Jews were prompted to adapt themselves to gentile society, to assimilate. But soon enough the assi- milated Jews were blamed for concealing their real identity. For Jews, this resulted in an unavoidable double bind. ›Jewish mimicry‹ and the ideas associated with it can be seen as a central element of modern anti- Semitic discourse, since the invisible superiority constructed by it often forms the core of anti-Semitic conspiracy theories. The attribution of a particular mimetic capacity to Jews also points to the fact that, since the desegregation of the ghetto, Jewish minorities in modernity have often been associated with ambivalence, boundary-crossing, and pro- cesses of mixing that lead to a blurring of clear distinctions and essen- tialist categories of identity. The assumption of a special Jewish talent for imitation and deception, however, often results in paradoxes; the stereotype of ›Jewish mimicry‹, after all, states on the one hand that Jews adapt themselves beyond recognition to their surrounding society, yet remain recognizably different. As in many cases, the spread of this stereotype forced not least the stereotyped to confront the mimetic qualities attributed to them. In Zionist discussions, for example, ›assi- milation‹ was repeatedly seen as a form of harmful and ultimately also useless, adaptation to the ›predator‹. The stereotype was also the basis for the widespread assumption that Jews had special acting abilities. Since the performance of actors in the 19th century was increasingly regarded as an artistic achievement in its own right, such talent could also well be interpreted as creativity, even genius. This volume attempts to trace the processing of this stereotype in the texts of diverse German-language authors, both of Jewish and non- Jewish background, including Achim von Arnim’s speech Ueber die Kennzeichen des Judenthums (About the Characteristics of Judaism), Oskar Panizza’s story Der operirte Jud’ (The Operated Jew), Franz Kafka’s animal story Ein Bericht für eine Akademie (A Report to an Academy), Karl Emil Franzos’ novel Der Pojaz (The Clown of Barnow) and Thomas Mann’s novella Wälsungenblut (The Blood of the Walsungs) . It shows in what way the paradoxical implications of ›Jewish mimicry‹ are reflected in these texts: Some of these texts are driven by the desire for unambi- guity and neat clarification of the boundaries between what is Jewish and what is German. This desire for clear distinctions and homogeneity, however, is often countered by a tendency towards textual and lingu- istic blending, which brings the texts closer to the aesthetic category of the grotesque. In other texts the transgressive qualities attributed to mimicry are harnessed to subvert dichotomous and fixed categories in terms of a counter-strategy. The examination of the heterogeneous text corpus makes the close interweaving of the stereotype with various contemporary discourses comprehensible: Not only social problems, but also aesthetic questions are closely intertwined with the contemporary so-called ›Jewish ques- tion‹. For example, works of art created by assimilated Jews were often defamed as mere imitations, or even caricatures, of works of art by artists of German origin. The ideals of sincerity and authenticity established in bourgeois society since the Enlightenment, the cult of genius and the associated concepts of originality and essentialist notions of identity lead to the accusation of imitation and deception having a particularly severe effect. By relegating this to the Jews, it was possible to separate the aspects of imitation and deception that are always connected with the production of art and the establishing of social identities from the ideal of a homo- geneous, creatively autonomous and authentic German identity and art. XII English Summary 1 Einleitung Seit den 1970er-Jahren wurde die Frage nach den Effekten und Poten- zialen von mimetischen Praktiken, insbesondere in asymmetrischen Machtverhältnissen in den gender , queer und postcolonial studies, viel- fach thematisiert. 1 Die Überlegungen fokussierten dabei – häufig unter dem Stichwort »Mimikry« – auf mehr oder weniger subversive, mime- tische Strategien in Geschlechterbeziehungen und im Verhältnis von Kolonialmacht und Kolonisierten. Vergleichsweise wenig wurde in Bezug auf das Verhältnis zwischen »Mimikry«, Mimesis und Juden und Jüdinnen 2 publiziert. Und das obwohl – oder gerade weil – Juden im Antisemitismus in den Worten des französischen Philosophen Lacoue- Labarthes immer wieder als »unvorstellbar mimetische Wesen« 3 ima- giniert wurden. Bisher wurde die antisemitische Zuschreibung der ›jüdischen Mimikry‹ vor allem in der englischsprachigen Forschung behandelt. 4 Mit dem Abschnitt Elemente des Antisemitismus in Hork- 1 Die entsprechenden Arbeiten beziehen sich entweder auf das von Luce Irigaray in den 1970ern geprägte Konzept einer subversiven weiblichen Mimesis männlicher Artikulations- formen oder Judith Butlers in den 1990ern entwickeltes Konzept der performativen Gen- der-Imitation bzw. Homi Bhabhas ebenfalls in den 1990ern geprägten Begriff der colonial mimikry . Vgl. Luce Irigaray: Das Geschlecht, das nicht eins ist . Berlin 1979; Dies.: Speculum. Spiegel des anderen Geschlechts . Frankfurt a.M. 1980; Judith Butler: Gender Trouble. Femi- nism and the Subversion of Identity. New York/London 1990; Dies.: Imitation und Gender Insubordination. In: Neil Badmington und Julia Thomas (Hrsg.): The Routledge Critical and Cultural Theory Reader. London/New York 2008, S. 365–380 und Homi K. Bhabha: Of Mimicry and Man. The Ambivalence of Colonial Discourse. In: Gaurav Gajanan Desai und Supriya Nair (Hrsg.): Postcolonialisms. An Anthology of Cultural Theory and Criticism. Oxford 2005, S.265–273. 2 Die geschlechtergerechte Schreibweise wird normalerweise in der Form mit Schrägstrich zwischen männlicher und weiblicher Form umgesetzt, aufgrund des Umlauts ist das bei ›Jüdinnen‹nicht möglich, weshalb weibliche und männliche Form ausnahmsweise ausge- schrieben werden. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird allerdings bewusst häufig nur die männliche Form ›Juden‹ eingesetzt, da der antijüdische wie der antisemitische Diskurs stark androzentrisch strukturiert sind. ›Der Jude‹ wird fast immer als männlich gedacht. Zur Frage nach den Konsequenzen dieser Androzentrik des judenfeindlichen Diskurses für das Mimikry-Stereotyp siehe Kapitel 5.1. 3 Philippe Lacoue-Labarthe: Die Fiktion des Politischen. Heidegger, die Kunst und die Poli- tik. Stuttgart 1990, S.35. 4 Für den englischen Sprachraum sind hier vor allem die Arbeiten Jay Gellers zu nennen, vgl. The Other Jewish Question. Identifying the Jew and Making Sense of Modernity. New heimers und Adornos Dialektik der Aufklärung (1947) liegt allerdings eine frühe Bearbeitung des »Mimikry«-Komplexes und seiner Bezie- hung zum antisemitischen Denken auch im deutschen Sprachraum vor. 5 Doch findet sich bis dato keine diesem Thema gewidmete Mono- grafie, die sich mit dem Thema in umfassender und systematischer Weise auseinandersetzt. Die vorliegende Arbeit soll diese Forschungs- lücke schließen. Ihr Ziel ist es, die Zentralität von Zuschreibungen mimetischer Praktiken an Juden und Jüdinnen für die »Phantasmen- geschichte« 6 des Antisemitismus aufzuzeigen. Die Vorstellungen von angeblichen jüdischen Täuschungs-, Nach- ahmungs- und Verstellungskünsten etablierten sich im Zeitalter fort- schreitender jüdischer Emanzipation und beginnender rechtlicher Gleichstellung von Juden und Jüdinnen und christlichen Staatsbürger/ inn/en im frühen 19.Jahrhundert. Sie schlossen allerdings an einen älte- ren Vorurteilskomplex an, den Topos des ›falschen Juden‹, der in der Reformationszeit popularisiert wurde. 7 Weil das Judentum Jesus nicht als Messias anerkannte, wurde Juden und Jüdinnen von christlicher Seite unterstellt, entweder unfähig zu sein, die Wahrheit – als neutes- tamentarisches Wort Gottes – zu erkennen oder anzuerkennen. Die »hartnäckige Weigerung«, Jesus als Messias zu akzeptieren, wurde als Ausdruck einer »jüdischen Falschheit« 8 gewertet. In der Reformations- York 2011, S.264–276; Ders.: Of Mice and Mensa: Antisemitism and the Jewish Genius. In: Centennial Review 38 (1994), S.361–385; Ders: Bestiarium Judaicum. Unnatural Histories of the Jews. New York 2018, S.110–120. Der einschlägige deutschsprachige Beitrag zur Unter- suchung des antisemitischen Konzepts der ›jüdischen Mimikry‹ ist ein politikwissenschaft- licher Artikel; vgl. Mathias Brodkorb: Vom Verstehen zum Entlarven. Über ›neu-rechte‹ und ›jüdische Mimikry‹ unter den Bedingungen politisierter Wissenschaft. In: Jahrbuch Extremis- mus & Demokratie 22 (2009), S.32–64. 5 Vgl. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Philosophi- sche Fragmente. In: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften Bd.3. Frankfurt a.M. 1981. 6 Ich übernehme hier einen Begriff den Matala de Mazza ursprünglich für die Imagina- tion eines politischen Körpers als natürliche Gemeinschaft geprägt hat, siehe Ethel Matala de Mazza: Der verfaßte Körper. Zum Projekt einer organischen Gemeinschaft in der Politi- schen Romantik (Rombach Wissenschaften. Reihe Litterae Bd.68). Freiburg i.Br. 1999, S.39. Näheres dazu in Kapitel 3. 7 Vgl. Melanie Kleinschmidt: ›Der hebräische Kunstgeschmack‹. Lüge und Wahrhaftigkeit in der deutsch-jüdischen Musikkultur (Klang Zeiten. Musik, Politik und Gesellschaft Bd.12). Köln [u.a.] 2015, S.42f. 8 Ebd., S.44. 2 1 Einleitung 1 Einleitung 3 bewegung begegnete man aber auch der Konversion vom Judentum zum Christentum mitunter mit Misstrauen. In einer Zeit, in welcher man zunehmend Wert auf die inneren Zustände des Individuums leg- te, 9 wurden die jüdischen Konvertit/inn/en oft mit dem Verdacht kon- frontiert, dass es sich bei ihrem neu angenommenen christlichen Glau- ben um ein rein äußerliches Bekenntnis handle, während die inneren Überzeugungen unverändert geblieben seien. 10 Doch es ging bei die- sen Verdächtigungen noch nicht vorrangig um die Sorge, Juden bzw. Jüdinnen könnten mit Christen bzw. Christinnen verwechselt werden, sondern um eine Absprache des Zugangs zur göttlichen Wahrheit auf theologischer Basis. Schließlich waren jüdische und christliche Grup- pen in Europa bis ins 18.Jahrhundert weitgehend segregiert. Die beiden sozialen Gruppen waren historisch schon äußerlich einerseits durch herrschaftlich verordnete Kennzeichen wie den ›gelben Fleck‹ oder den ›Judenhut‹ und häufig auch eine räumliche Abgrenzung der Gebiete, in welchen Juden und Jüdinnen leben durften, von einander abgehoben. Andererseits grenzten sich die Bevölkerungsgruppen oft auch durch unterschiedliche Traditionen bezüglich Kleidung und Haartracht sowie durch eine sprachlichen Differenz – der Verwendung des Jiddischen als Alltagssprache unter den Juden und Jüdinnen – voneinander ab. 11 Das ändert sich mit der jüdischen Emanzipation, der damit verbunde- nen Säkularisierung, der Auflösung der Ghettos und der zunehmen- den Angleichung von christlicher und jüdischer Bevölkerung. Die im zweiten Kapitel dieser Arbeit untersuchte Figur des »heimlichen 9 Vgl. ebd., S.42. 10 Vgl. ebd., S.49. Damit entwickelt sich eine Position, die jener der Inquisition gegenüber dem ›Marranentum‹ ähnlich ist. Als Opfer von Verfolgungen und Zwangstaufen kon ver- tierten im Spanien des 14./15.Jahrhunderts zahlreiche Juden und Jüdinnen zum Katholizis- mus, die neu getauften Juden – die man historisch Conversos, Neu-Christen oder Marranen nannte – standen jedoch stets im Verdacht unter dem Gewande christlicher Frömmigkeit weiterhin ihrem alten Glauben anzuhängen, vgl. Wilke, Carsten L. [Art.]: Conversos. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart Bd. 3. Berlin/New York. 2010, S.51–54. 11 Zu historisch und geografisch variierenden Kleider- und Haarmoden bei Juden und Jüdinnen, die teils freiwillig als Gruppentracht entwickelt, teils als Stigmasymbole herrschaft- lich vorgeschrieben wurden, vgl. etwa Robert Jütte: Leib und Leben im Judentum. Frankfurt a.M. 2016 zur Barttracht S. 62–77 und zu Kopfbedeckungen S. 139–157. Wobei es durchaus vorkam, dass frühere Gruppentracht später als Stigmasymbol umfunktioniert wurde, wie etwa im Fall der im Mittelalter geläufigen ›Judenhüte‹, vgl. ebd., S. 114. 4 1 Einleitung Juden«, die Achim von Arnim in seiner judenfeindlichen Rede Ueber die Kennzeichen des Judenthums (1811) entwickelte, gehört bereits zur Vorgeschichte des Mimikry-Stereotyps. Es handelt sich um eine Gestalt, die ihre jüdische Identität vor den Augen der Mehrheitsgesellschaft geschickt zu verbergen und sich in die für Juden verschlossene christ- lich-deutsche Tischgesellschaft einzuschleichen weiß. Die jüdische Minderheit sieht sich Anfang des 19. Jahrhunderts durch die Entstehung solcher Bedrohungsszenarien mit einem Dou- blebind konfrontiert: Einerseits steht die aufklärerische Forderung nach (vollständiger) Anpassung und Assimilation, die häufig mit dem Ver- sprechen rechtlicher Gleichstellung und dem Ende gesellschaftlicher Diskriminierung verknüpft wurde, weiterhin im Raum. Andererseits werden die jüdischen Assimilationserfolge von Seiten der Mehrheitsge- sellschaft als »Unterwürfigkeit oder erschlichene Vorteilnahme« 12 abge- wertet. Im antisemitischen Denken wurde die Anpassungsleistung der jüdischen Minderheit als Versuch, sich ›einzuschleichen‹ und als ›Ver- stellung‹ diskreditiert. Die Spezifik des Antisemitismus liegt dem fran- zösischen Philosophen Vladimir Jankélévitch zufolge darin, dass er sich an »einen anderen, der unmerklich anders ist, [wendet]; er drückt die Besorgnis aus, die der Nicht-Jude angesichts dieses anderen empfindet, der sich beinahe nicht von ihm selbst unterscheidet [...].« 13 Die Verur- teilung von Juden und Jüdinnen als bloße Nachahmer/innen ging also mit der Wahrnehmung der zunehmenden ›Ununterscheidbarkeit‹ der jüdischen Bevölkerung von der Mehrheitsgesellschaft einher und kann als eine Strategie der Neu-Einschreibung der Differenz von jüdischer und nicht-jüdischer Bevölkerung gelten. Der Begriff »Mimikry« hat im englischen Sprachraum eine lange Geschichte. Erste frühe Belege für die Anwendung des Begriffes in gesellschaftlichen Zusammenhängen finden sich Ende des 17.Jahrhun- derts in England. »Mimicry« wurde laut Oxford English Dictionary ver- standen als »action, practice, or art of copying or closely imitating, or (in early use) imitation of the speech or mannerisms of another in order 12 Matthias Schmidt: Reflexe Der Unsichtbarkeit: Wagner, Hanslick und Das Judenthum in der Musik In: Musik & Ästhetik 22 (2018) H.85, S.5–26, hier S.9. 13 Vladimir Jankélévitch und Béatrice Berlowitz: Irgendwo im Unvollendeten. Wien 2008, S.132. 1 Einleitung 5 to entertain or ridicule.« 14 Dieser Aspekt des Komischen, das durch die verzerrende Nachahmung erzeugt wird, kehrt im deutschen Sprach- raum später in Vorwürfen an Juden und Jüdinnen bzw. ihre Kunst- erzeugnisse wieder; sie werden schon Anfang des 19. Jahrhunderts als »widerliche Karikaturen« 15 der Deutschen bzw. ›deutscher Kunst‹ verhöhnt. Der Begriff Mimikry selbst allerdings ging erst später ins Deut- sche ein, abgeleitet von seiner Verwendung in der Biologie durch bri- tische Insektenforscher. Sie adaptierten den Terminus Mimikry Mitte des 19.Jahrhunderts, um damit die neu entdeckte Eigenschaft einiger Insektenarten zu bezeichnen, sich in Farbgebung und Morphologie ungenießbaren und deshalb von Fressfeinden gemiedenen Arten anzu- gleichen. Die sogenannte Mimikry wird deshalb im Darwinismus als eine Form des Selbstschutzes aufgefasst, die einen evolutionären Vorteil im Kampf ums Überleben bietet. 16 In vielem ähnelt die ursprüngliche Bedeutung von Mimikry im Sinne einer verspottenden Nachahmung aus dem 17. Jahrhundert aber dem, was im Deutschen unter ›Nach- äffung‹ verstanden wurde. Das große Zedler’sche Universallexikon definiert Nachäffen 1740 als »unnatürliche, gezwungene Nachahmung einer Person in der äußeren Aufführung, als in Minen, Gange, Klei- dern, Worten, Sprache u.s.f.« 17 Obwohl der Affe – der als Tier trotz sei- ner Menschenähnlichkeit nach gängiger Vorstellung eigentlich durch Naturnähe ausgezeichnet ist – als Reflexionsfigur für diese Art von ›schlechter‹ Nachahmung diente, war das wesentliche Kennzeichen der sogenannten ›Nachäffung‹ ›Unnatürlichkeit‹ und ›Äußerlichkeit‹, also seine Entfernung von ›Natur‹ und ›Natürlichkeit‹. Ähnlich wie bei der 14 Eintrag ›mimicry‹ Oxford English Dictionary. Oxford University Press [Online-Ver- sion]. https://www.oed.com/ (Zugriff:14.03.2019). 15 Hartwig von Hundt-Radowsky: Judenspiegel. Ein Schand- und Sittengemälde alter und neuer Zeit . Würzburg 1819, S.90. Permalink: http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12- bsb10570479-7 (Zugriff: 11.11.2021). 16 Zu Entdeckung und Definition von Mimikry in der Biologie, vgl. Kyung-Ho Cha: Humanmimikry. Poetik der Evolution. München 2010, S.29–37. 17 Eintrag ›Nachäffen‹ in Johann Heinrich Zedler: Großes vollständiges Universallexikon der Wissenschafften und Künste [...]. Bd.23. Leipzig/Halle 1740, Sp.51 [Online-Version]. URL: https://www.zedler-lexikon.de/index.html?c=blaettern&id=203642&bandnummer=23&sei - tenzahl=0043&supplement=0&dateiformat=1%27 (Zugriff.14.03.2019). 6 1 Einleitung ›Karikatur‹ ersetzt in der ›Nachäffung‹ eine verzerrte Nachahmung die ›realistische‹ Abbildung der Natur. Die im Zuge der Kritik an der jüdi- schen Emanzipation immer wieder vorgenommenen Vergleiche von Juden und Affen, die in Kapitel8 zur Sprache kommen, dienen der Dif- famierung jüdischer Assimilation als ›unnatürliche‹ Nachahmung. 18 Die Nachahmung im sozialen Kontext hat spätestens seit Ende des 18.Jahrhunderts generell einen schlechten Ruf. In der höfischen Gesell- schaft des 17. Jahrhunderts war Nachahmung im Rahmen von politi- schen Klugheitslehren noch als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen empfohlen worden und als Teil der »Inszenierungsnotwen- digkeiten« 19 bei Hofe anerkannt. Doch im Zeitalter der Aufklärung ändern sich die Wertesysteme und die mangelnde Übereinstimmung von innerer Verfassung und äußerem Auftreten bringen das nachah- mende Verhalten zunächst in den moralischen Wochenzeitungen in Misskredit. Mit zunehmender Festlegung von »individuelle[r] Beson- derheit zum allgemeinverbindlichen, den Einzelnen auf das Merkmal der Singularität verpflichtenden Identitätsmodell«, 20 die sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts vollzog, erschienen Nachahmungstechni- ken im sozialen Kontext mehr und mehr als anrüchig. Die Vorstellung vom Menschen als von inneren Kräften geleitetem Individuum, wie sie schließlich im Zeitalter der Empfindsamkeit und im Sturm und Drang propagiert wurde, führt laut Literatur- und Sozialwissenschaftler Kris- tian Donko »zur Verdrängung der Imitation als möglichen Positivwert der Identitätsbildung.« 21 Auch die mit der Nachahmung assoziierte Ver- stellungskunst ist zunächst integraler und selbstverständlicher Teil der Lehren der »Privatklugheit«. 22 Erst in der aufklärerischen Kritik werden durch die Orientierung am Grundsatz der Identität und Natürlichkeit soziale Verstellung und Täuschung verworfen. 23 Die neuen Tugenden lauten »naïvité und Offenheit«, die zu einer »Vermeidung von schau- 18 Vgl. insb. Kapitel 8.1. 19 Kristian Donko: ›L’homme copie‹. Individualität und Imitation im 17. und 18. Jahrhun- dert. München 2012, S.94. 20 Ebd., S.15. 21 Ebd., S.28. 22 Ursula Geitner: Die Sprache der Verstellung. Studien zum rhetorischen Wissen im 17. und 18. Jahrhundert. Tübingen 1992, S.21–23. 23 Vgl. ebd., S.154. 1 Einleitung 7 spielerischen Techniken und Taktiken« 24 im sozialen Kontext führen sollen. »Im Zeitalter der Natur und Natürlichkeit, der Aufrichtigkeit und des Ausdrucks, der moralisch-ästhetischen Einfalt und naïvité wird Artifizialität, sofern sie am Menschen sich realisieren soll, ver- dächtig«, so Ursula Geitner in ihrer Untersuchung des rhetorischen und anthropologischen Wissens im 17. und 18.Jahrhundert: »Wer seiner Natur nicht folgt, wird – jetzt übertragen – ein Schauspieler genannt.« 25 In den folgendenJahrhunderten wurden diese Aufrichtigkeitsideale in der bürgerlichen Gesellschaft immer weiter inkarniert. Es scheint, dass mit der parallel zu dieser Inkarnation erfolgenden Emanzipation der Juden und Jüdinnen, die Problematik dissimulatorischer Praktiken bei dieser gesellschaftlichen Minderheit als in besonderer Form konzent- riert wahrgenommen wurde. Die Vorstellungen von jüdischen Nachahmungs- und Verstellungs- künsten werden schließlich unter dem Begriff der ›jüdischen Mimi- kry‹ versammelt, der ab den 1920er-Jahren in diversen Diskursen im deutschen Sprachraum meist im Zusammenhang mit antisemitischen Vorstellungen nachweisbar ist. Da die Rede von der ›jüdischen Mimi- kry‹ alle den Juden zugeschriebenen mimetischen Aspekte bündelt und in einer ›diskursiven Formation‹ 26 zusammenführt, wird in der vorlie- genden Arbeit das sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelnde Zuschreibungsrepertoire als ›Mimikry-Stereotyp‹ bezeichnet. Denn auch wenn der aus dem zoologischen Bereich übernommene Begriff Mimikry im Deutschen erst im frühen 20.Jahrhundert zur Verfügung stand, bilden schon die Fantasien von den jüdischen Nachahmungs- und Verstellungspraktiken aus dem 19. Jahrhundert die Basis für die spätere Übertragung des Begriffs Mimikry auf Juden. Wie Jay Geller – Experte für Jewish Studies – festgestellt hat, wurde diese Vorstellung schließlich bereits im Laufe des 19.Jahrhunderts zu einem intrinsischen Bestandteil des europäischen Judenstereotyps. In klaren Worten unter- streicht Geller die Wichtigkeit dieser Zuschreibung für die zeitgenössi- 24 Ebd. 25 Ebd., S.49. 26 Zur Definition des Begriffs ›diskursive Formation‹ siehe Michel Foucault: Archäologie des Wissens. Frankfurt a.M. 1973, S.58. Foucault schlägt vor, die schwer fassbaren Begriffe ›Theorie‹, ›Wissenschaft‹ und ›Ideologie‹ durch diese Bezeichnung zu ersetzen.