Südosteuropa - Jahrbuch ∙ Band 11 (eBook - Digi20-Retro) Verlag Otto Sagner München ∙ Berlin ∙ Washington D .C. Digitalisiert im Rahmen der Kooperation mit dem DFG- Projekt „Digi20“ der Bayerischen Staatsbibliothek, München. OCR-Bearbeitung und Erstellung des eBooks durch den Verlag Otto Sagner: http://verlag.kubon-sagner.de © bei Verlag Otto Sagner. Eine Verwertung oder Weitergabe der Texte und Abbildungen, insbesondere durch Vervielfältigung, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlages unzulässig. «Verlag Otto Sagner» ist ein Imprint der Kubon & Sagner GmbH. Hans Hartl (Hrsg.) Die zeitgenössischen Literaturen Südosteuropas Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063162 SÜDOSTEUROPA-JAHRBUCH Im Namen defSüdosteuropa-G esellschaft herausgegeben von WALTER ALTHAMMER 11. Band Die zeitgenössischen Literaturen Südosteuropas 18. Internationale Hochschulwoche der Südosteuropa-Gesellschaft 3.—7. Oktober 1977 in Tutzing Selbstverlag der Südosteuropa-Gesellschaft München 1978 Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access REDAKTION: Hans Hartl, München Bayerische Staatsbibliothek München Druck: Josef Jägerhuber, Starnberg Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access INHALT W alter Altham m er: Vorwort III E I N F Ü H R U N G Reinhard Lauer: Typologische Aspekte der Literaturen S ü d o ste u ro p a s ........................................ 1 J U G O S L A W I E N Jože Pogačnik: Die L iteraturen Jugoslawiens 19 Ivo FrangeŠ: Die kroatische D i c h t u n g .................... 40 Slobodan M arkovii: Der Roman in der jugoslawischen G e g en w a rtslite ra tu r .............................. 57 A lfred Walter: Deutsche Übersetzungen kroatischer und serbischer G egenw artsliteratur . 73 U N G A R N Pál Pándi: Fragen der neuen ungarischen L ite r a tu r .................................................. 81 János Pusztay: Finnisch-ugrische Traditionen in der modernen ungarischen Lyrik 91 Katalin Frank: Ungarische L iteratur in Deutschland 100 R U M Ä N I E N Romul Munteanu: Der rumänische Gegenwartsroman . 117 Jon Dodu Bálán: Tradition und Innovation in der rumänischen L ite r a tu r ......................... 127 A nneli Ute Gabanyi: Rumänische L iteratur in Deutschland 133 B U L G A R I E N Die bulgarische L iteratur seit 1944 . 145 Georgi Markov: Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063162 G R I E C H E N L A N D Michael Meraklis: Die griechische L iteratur der N achkriegszeit ........................................ 159 Alexander Sideras: Vertonte griechische G egen w artsliteratu r..............................165 T Ü R K E I Die türkische L iteratur nach 1945 . . 183 Die türkische Sprachreform . 196 Über das Übersetzen aus dem T ü r k is c h e n ............................................. 200 A L B A N I E N Mikołaj K. Dutsch: Albanische G egenw artsliteratur . 209 Behcet Necatigil: Yüksel Pazarkaya: Adelheid Uzunoglu-Očherbauer: VI Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 0 0 0631Б2 VORWORT Alljährlich vor Beginn des Herbstsemesters veranstaltet die Südost־ europa-Gesellschaft seit 1956 ihre nun schon zu einer festen Tradition ge- wordenen Internationalen Hochsćhulwochen. Die Them atik dieser akade- mischen Begegnungen mit Professoren, Dozenten, Assistenten und Studen- ten aus den Ländern Südosteuropas konzentriert sich jeweils auf einen anderen Wissenschaftszweig, so daß stets Kollegen der gleichen Fachrich־ tung von hüben und drüben zu einem freim ütigen Informations- und Meinungsaustausch zusamm engeführt werden. Auf bisher 18 Hochschul־ wochen trafen sich Historiker, K ulturhistoriker, Wirtschaftswissenschaft־ 1er, Soziologen, Pädagogen, EDV-Experten, Ethnologen und Literaturw is- senschaftler zu Symposien über gemeinsam interessierende Fragestellun- gen. Namhafte Gelehrte konnten als Vortragende gewonnen werden; die ihren Referenten folgende Diskussion w ar stets, auch wenn kontrastie- rende Standpunkte und Betrachtungsweisen verfochten wurden, vom Geist akademischer Kollegialität und vom Bemühen um gegenseitiges Verstehen getragen. Nicht weniger wertvoll als der beiderseitige wissen- schaftliche Gewinn ist für die jeweils 80 bis 100 Teilnehm er die Anknüp- fung persönlicher Kontakte: Man lernt sich kennen, schließt Freundschaf- ten und bleibt fortan m iteinander in Verbindung. So erfüllen die Inter- nationalen Hochschulwochen neben ihrer wissenschaftlichen Funktion auch die der Verm ittlung kollegialer Fühlungnahm en über Grenzen und Systemschranken hinweg. Die 18. Internationale Hochschulwoche Anfang Oktober 1977 in Tutzing w ar dem Thema ״Die zeitgenössischen Literaturen Südosteuropas“ gewid- met. Auf ihr sollte renomm ierten Literaturwissenschaftlern aus Albanien, Bulgarien, Griechenland, Jugoslawien, Rumänien, der Türkei und Ungarn die Gelegenheit geboten werden, das schöngeistige Schrifttum ihrer Hei- m atländer in Übersichtsdarstellungen und analytischen Referaten vorzu- stellen, um seine Kenntnis im Westen zu fördern und vielleicht auch eine bessere Rezeption im deutschsprachigen Raum zu erreichen. Das unge- wohnliche Interesse an dieser Veranstaltung drückte sich in der hohen Teilnehmerzahl und ih rer vielfältigen Zusammensetzung aus: Über ein- hundert Hochschullehrer, Literaturwissenschaftler, Studenten, Verleger, Schriftsteller, Übersetzer und Journalisten aus Südosteuropa, der Bundes- republik Deutschland, Österreich und der Schweiz w aren der Einladung gefolgt und beteiligten sich an der Diskussion m it den Referenten. Deren VII Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access Vorträge verm ittelten ein von Land zu Land differenziertes, in seiner Gesamtheit aber geschlossenes Bild der literarischen Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg — eine so breitgefächerte Zusammenschau hat es bisher wohl kaum gegeben, und daher entschloß sich denn auch die Südosteuropa- Gesellschaft, die Referate im vorliegenden Band der Öffentlichkeit zu- gänglich zu machen. In der Überzeugung, daß m it dieser Veröffentlichung ein Beitrag zur besseren Kenntnis der zeitgenössischen L iteraturen Südosteuropas gelei- stet wird, danke ich den südosteuropäischen und deutschen Referenten für ihre Mitwirkung. Die wissenschaftliche Leitung der 18. Internationalen Hochschulwoche hatte Prof. Dr. Reinhard Lauer, ihre Planung, Vorberei- tung und Durchführung sowie die Redaktion des vorliegenden Bandes be- sorgte Hans Hartl. Beiden sei ebenfalls herzlich gedankt. Dr. W alter A ltham m er, MdB Präsident der Südosteuropa-Gesellschaft Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063152 R E I N H A R D L A U E R (Göttingen) Ту pologische Aspekte der Literaturen Südosteuropas Eine E inführung in ihre G em einsam keiten, Besonderheiten und zeitgenössischen Probleme Seit langem ist die Südosteuropaforschung in der Bundesrepublik Deutschland übernational, überregional und interdisziplinär ausgerichtet, d. h. sie versucht, nicht nur auf eine Nation oder Region bezogene Themen und Fragestellungen zu untersuchen und zu beleuchten, sondern über- greifende Zusammenhänge zu erkennen und darzustellen. In der Diskus- sion über Standort und Aufgaben der Südosteuropa-Forschung ist von maßgeblichen Wissenschaftlern immer wieder mit programmatischem Nachdruck auf diese methodologische Triade hingewiesen worden. Unsere großen Vorbilder der Südosteuropa-Forschung — Franz Babinger, Fritz Valjavec, Alois Schmaus — haben ganz selbstverständlich so gearbeitet. Das von Franz Ronneberger 1961 entworfene Program m zum Ausbau der Südosteuropa-Forschung in der Bundesrepublik Deutschland *) geht in diese Richtung; und vor allem h at Klaus-Detlev Grothusen, Präsidiums- mitglied der Südosteuropa-Gesellschaft und Vorsitzender des Südost- europa-Arbeitskreises der Deutschen Forschungsgemeinschaft, immer wie- der diese drei Grundsätze: U bernationalität, Ü berregionalität und Inter- disziplinarität herausgestellt und unterstrichen. 2) So überzeugend sich dieses Program m darstellt, es h at mit ihm seine Schwierigkeiten, sobald es verw irklicht w erden soll. Für den Geographen, den Wirtschaftswissenschaftler, den Historiker mögen die methodischen Probleme zu bewältigen sein, selbst — mit übersetzerischer Hilfe — die Sprachbarrieren. Kaum überwindlich aber ist die Schwierigkeit der Multi- lingualität Südosteuropas fü r den Literaturwissenschaftler, der sich ja nicht mit dem mühsamen Zusammensuchen von Sätzen und Bedeutungen behelfen kann — wie zur Not noch der Linguist. Nein, der Literaturw is- senschaftler muß m it künstlerischen Texten, die stets und überall mit komplizierten formalen und semantischen S tru k tu ren ausgestattet sind, zurechtkommen; er muß, um Entwicklungsprozesse erfassen und darstellen zu können, nicht einen, nicht zwei, sondern ein Maximum an Texten ken- 1 Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063152 nen und überblicken. Das ist vom Einzelnen kaum für eine L iteratur zu leisten, geschweige denn für die große Anzahl von Literaturen, die in Süd- osteuropa auf relativ engem Raum versam m elt sind: die slowenische, die kroatische und die serbische, die makedonische in Jugoslawien; die unga- rische, die rumänische, die bulgarische, die albanische, die griechische und die türkische L iteratu r — nicht gerechnet die L iteraturen der großen und kleinen M inderheitengruppen in Jugoslawien, Ungarn, Rumänien, Bui- garien. Komparatistisdie Forschung w ird in diesem Bereich meist in der Weise betrieben, daß Einzelprobleme oder -kontakte zwischen zweien dieser L iteraturen abgehandelt werden. Die Literaturw issenschaftler in den bal- kanologisćhen Instituten der südosteuropäischen Staaten haben bei der Erforschung bilateraler Beziehungen Hervorragendes geleistet, und es ist n u r zu bedauern, daß w ir noch immer keine ausreichende Bibliographie, geschweige denn eine synthetische Darstellung der engen literarischen Verflechtungen in Südosteuropa besitzen. Hier kann auf lange Sicht in der Tat n u r Team arbeit, interdisziplinäre Zusam m enarbeit zu Ergebnissen führen. Ansätze dazu gibt es in der Bundesrepublik Deutschland am Südost- europa-Institut der Freien U niversität Berlin, wo u nter Leitung von Nor- b ert Reiter an einem großen Projekt ״Sprache und L iteratu r als nations- begründete Faktoren beim E intritt der Balkanvölker ins Industriezeital- te r״ gearbeitet wird. 3) Einen bescheidenen Beitrag zur vergleichenden Betrachtung und Dis- kussion der L iteraturen Südosteuropas leistet die seit November 1973 an der U niversität Göttingen bestehende Arbeitsgemeinschaft ״Literaturen Südosteuropas1 *, in der Südslawisten, Ugristen, Rumänisten und Neugrä- zisten Zusammenwirken, um Beiträge zu einer literaturwissenschaftlichen Balkanistik — wie w ir es nennen möchten — zu erarbeiten. 4) Ideengeschichtliche H intergründe Vor allem aber verdienen die der Ideengeschichte und L iteratu r Süd- Osteuropas gewidmeten Hochschulwochen der Südosteuropa-Gesellschaft in diesem Zusammenhang Erwähnung. So w aren im Oktober 1974 in Eli־ wangen Probleme der A ufklärung im Donau-Balkan-Raum und ihr Bei- trag zur europäischen K ultur behandelt worden. Dabei h atte sich m it aller Deutlichkeit gezeigt, daß Sinn und Substanz der A ufklärung in Südost- europa sich ganz wesentlich von unserem Bild der A ufklärung untersćhei- den; daß geläufige synthetische Begriffe des A ufklärungszeitalters wie Klassizismus, Rokoko, Empfindsamkeit usw. u n te r den Entwićklungs- und Rezeptionsbedingungen im südosteuropäischen Raum fragw ürdig werden. Aufklärung, zeitlich bis tief ins 19. Jah rh u n d ert hinein verschoben, ge 2 Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063162 w innt eine stark nationale Funktion; romantische W iedergeburtsbewe- gungen erweisen sich von aufklärerischem Didaktizismus durchsetzt. 6) Eine G rundfrage an die Literaturwissenschaft w urde und blieb gestellt: K ann m an u n ter den offenkundigen Substanz- und Zeitverschiebungen im südosteuropäischen Raum unsere heuristischen Verständigungsbegriffe noch sinnvoll einsetzen? Lohnt es sich, neue Begriffe einzuführen, deren allgem einer Gebrauchswert sich erst nach geraum er Zeit herausstellen würde? Das gilt genauso für spätere Begriffe wie Realismus, Naturalismus, Impressionismus, Modernismus, schließlich: Expressionismus, Avantgarde, Ruralismus usw. Damit sind methodologische Probleme angeschnitten, die auch die gegenwärtige Hochschulwoche in starkem Maße beschäftigen werden. Es sind Probleme, die mit der Periodisierung, d. h. m it der Benennung der literarischen Evolution, im südosteuropäischen Raum zu tun haben. Eine literaturwissenschaftliche Balkanistik, die solche Fragen aufnimmt, w ird zu berücksichtigen haben, daß die südosteuropäischen L iteraturen sowohl eine Reihe typologischer Gemeinsamkeiten hinsichtlich ihrer Vor- aussetzungen und Entwcklungsprozesse als auch jede für sich eigengesetz- liehe Besonderheiten aufweisen. Aus der Spannung von typologischen M erkmalen und autonomen Eigenarten entsteht das unverwechselbare Profil einer jeden N ationalliteratur. Aus der Summe der gleichartigen und der unterschiedlichen Erscheinungen der Einzelliteraturen, die sich aus ähnlichen oder unterschiedlichen historisch-politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Bedingungen ergaben, w ird die Einheit und die Vielheit der literarischen S tru k tu r Südosteuropas gebildet. In diesem Sinne richten sich die folgenden A usführungen 1) auf die Frage der typologischen Gemeinsamkeiten der südosteuropäischen Lite- raturen; 2) auf die besonderen Traditionen und Bedingungen der einzel- nen Literaturen; 3) auf die literarischen Probleme der südosteuropäischen L iteraturen der Gegenwart, d. h. nach dem Zweiten Weltkrieg. Die ״ kleinen‘‘ Literaturen Südosteuropas Wir haben es in Südosteuropa durchweg mit ״kleinen“ L iteraturen zu tun. Dieser Begriff, der übrigens in der literarischen Diskussion in den betreffenden Ländern selbst im m er w ieder auftaucht, ist nicht qualitativ, sondern quantitativ zu verstehen, und das auch n u r in dem Sinne, daß diese L iteraturen — im Vergleich etwa mit der englisch-amerikanischen, der russischen, der französischen oder der deutschen L iteratu r — aus einem relativ kleinen ethnisch-sprachlichen Potential heraus entstehen. Um den Unterschied dieser Potentiale zu verdeutlichen, die ja der Produktion und vor allem der Rezeption einer L iteratu r zugute kommen, mögen die nach- folgenden globalen Angaben genügen: W ährend sich die englischsprachige 3 Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063152 L iteratur auf ein Rezipientenreservoir von weit ü b er 200 Mio. stützen kann, die russische auf 120 Mio., die deutschsprachige auf 80 Mio., die fran- zösische auf über 50 Mio., sind die südosteuropäischen L iteraturen wesent- lieh kleiner dimensioniert: die türkische auf eine Sprachgemeinschaft von 26 Mio., die ungarische und die rumänische auf etwa 15 Mio., die serbisch- kroatische auf 13 Mio., die bulgarische auf 6,7 Mio., die albanische auf ca. 3 Mio. und die slowenische und makedonische auf je etw a 1,5—2 M io.e) Gäbe es so etwas wie einen Koeffizienten der literarischen Dichte, der etwa durch den prozentualen Anteil der Schriftsteller an der Gesamtzahl der potentiellen Rezipienten (d. h. der Sprecher einer Sprache) ausgedrückt würde, so besteht kein Zweifel, daß gerade die sog. ״kleinen“ Literaturen einen besonders hohen Dichtewert erreichen würden. Als Exempel hier- für kann die slowenische L iteratu r dienen: anderthalb Millionen Slowe- nisch-Sprechenden standen hier 1965 136 im Schriftstellerverband orga- nisierte S chriftstellerד) gegenüber, d. h. auf ca. 10 000 Einwohner kam, statistisch gesehen, ein Schriftsteller. Ein solcher, rein statistischer W ert sagt selbstverständlich nichts über die Q ualität einer L iteratur aus, doch kann er als A nhaltspunkt dafür stehen, daß sich in der betreffenden Sphäre ein besonders intensives literarisches Leben abspielt. Zu den Faktoren, die die literarische Physiognomie Südosteuropas in besonderer Weise geprägt haben, gehören die vielfältigen ethnischen und sprachlichen Interferenzen. In die größeren kohärenten ethnischen Zonen sind allenthalben heterogene ethnische G ruppen — sei es inselartig, sei es in gleichmäßiger Durchdringung — eingestreut. Die literarischen Aktivi- täten der M inderheitengruppen führen zu typologisch höchst interessanten Erscheinungen, da sich in ihnen sowohl kulturelle Tendenzen des Kreises, dem sie sprachlich zugehören, als auch desjenigen, dem sie staatlich zuge- ordnet sind, verschmelzen. Oftmals erfüllen die Schriftsteller der Minder- heitenliteraturen daher eine fruchtbare Aufgabe als V erm ittler zwischen den beiden L iteraturen, zwischen die sie gestellt sind. Charakteristisch ist ferner nach wie vor das Vorhandensein m ehrsprachiger literarischer Rezep- tionsräume, in denen sich A utoren zwei-, ja dreisprachig artikulieren und Leser L iteratur in ebensoviel Sprachen rezipieren. Gegen das 18. und 19. Jah rh u n d ert hat sich die Situation in den ehemals österreich-ungarischen bzw. türkischen Ländern dadurch qualitativ ver- ändert, daß die Penetration der einstigen Staatssprachen — Deutsch und Türkisch — im 20. Jah rh u n d ert beendet wurde. Ähnlich ist mit dem lang- wierigen und schwierigen Prozeß der Subjektw erdung der südosteuro- päischen Nationen die unm ittelbare, machtgestützte kulturelle Einw irkung seitens der benachbarten Mächte und Großmächte — trotz gelegentlicher unguter Rückfälle — zivileren Formen des kulturellen Austausches ge- wichen, ohne die keine K ultur auf die Dauer bestehen kann. 4 Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063152 Es versteht sich, daß in keinem der literarischen Räume, die w ir vor uns haben, alle möglichen und denkbaren literarischen Impulse von außen aufgenommen und verarbeitet werden, sondern n u r diejenigen, die in die ablaufenden kulturellen Prozesse integrierbar sind. Die Annahme oder Nicht-Annahme ausw ärtiger Impulse w ird nachgerade zum typologischen Merkmal der einen oder anderen L iteratur. Auch in früheren Perioden der Literaturentwicklung ist dies nicht anders gewesen, mit dem Unter- schied freilich, daß a) die kulturelle Kommunikation in früherer Zeit schleppender vonstatten ging; b) über lange Zeitspannen hinweg politisch- kulturelle Räume in Südosteuropa bestanden, die hermetisch voneinander abgeschlossen waren. Die Zugehörigkeit zu der einen oder anderen He- misphäre hat die betroffenen Völker aufs nachhaltigste geprägt. So hat die Kirchenspaltung von 1054 eine bis heute fortw irkende Scheidelinie zwischen orthodoxen und katholischen Christen in Südosteuropa gezogen. Später haben Rumänen, Serben, Bulgaren, Albaner, Makedonier, Grie- chen, dem Türkenreich einverleibt, die für die Entwicklung der euro- päischen K ultur so wichtigen Phasen des Humanismus und der Renais- sance nicht durchlaufen — im Gegensatz zu Slowenen, Kroaten, Ungarn und den Griechen auf der Insel Kreta, die vom 13. bis 17. Jah rh u n d ert u n ter venezianischer Herrschaft stand. Im 18./19. Jah rh u n d ert fanden diese Völker schwer den Anschluß an die europäischen Entwicklungen des Barock, der Aufklärung, der Romantik, die sie in eigenartiger, ab- brevierender Weise dann nachholten. Nachholprozesse und ״ beschleunigte E ntw icklung ״ Solche Prozesse des ״Nachholens“, des beschleunigten Durcheilens zu- rückliegender europäischer Evolutionsphasen bei gleichzeitiger Verarbei- tung auch neuerer, aktuellerer Strömungen machen die L iteraturen Süd- Osteuropas zu einem der interessantesten Untersuchungsfelder der ver- gleichenden Literaturwissenschaft, aus dem exemplarische Modelle für literarische Entwicklungen schlechthin gewonnen w erden können. Hier sei nur an das von dem sowjetischen Literaturw issenschaftler G. D. Gačev anhand bulgarischen Materials entwickelte Modell von der ״beschleunig- ten Entwicklung der L iteratu r“ erinnert. 8) Die ״beschleunigte Entwicklung“, die w ir in der einen oder anderen Form in allen Literaturen Südosteuropas im Laufe des 18. und 19. Ja h r- hunderts beobachten können, fing sich um die Jahrhundertw ende fast ohne Ausnahme im Modernismus bzw. Symbolismus. So sehen w ir zwi- sehen 1890 und 1914 die südosteuropäischen L iteraturen m it n u r wenigen Ausnahmen auf der Höhe der europäischen Entwicklungen. Doch schon der Erste Weltkrieg schuf eine erneute, auch für die L iteratur relevante Teilung Südosteuropas. So kurzfristig sie war, gewann sie doch litera- 5 Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063152 turtypologisćh insofern Bedeutung, als sich in dieser Zeit eine Orientie- rung auf verschiedene V arianten der künstlerischen A vantgarde vollzog: auf den deutschen expressionistischen Typus bei Slowenen, Kroaten, Ungarn, Bulgaren; auf den französischen surrealistischen Typus bei den Serben, z. T. auch Griechen und Rumänen. In dem uns interessierenden Zeitraum nach dem Zweiten Weltkrieg entstand eine Scheidelinie zwischen den Staaten, die dem Ostblock, und jenen, die ihm nicht angehörten, modifiziert freilich durch die Verschie- bung Jugoslawiens nach der Inform bürokrise 1948 und durch die Abschot־ tung Albaniens seit 1960. Für die L iteraturen in Südosteuropa w urde die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Hemisphäre dadurch bedeutsam, daß durch sie die W irkung und Intensität der Doktrin des ״sozialistischen Realismus“ und — reziprok dazu — die Ausblendung der Abschwächung westlicher modernistischer Ström ungen bestimmt wurde. Eine bis in die Gegenwart hineinreichende Besonderheit der südost־ europäischen L iteraturen besteht in der starken ״Folklorisierung“ der Li־ teratur, wie es der bulgarische Literaturw issenschaftler Bojan Ničev ge- nannt hat.®) In fast allen L iteraturen Südosteuropas hatte sich in einer agrarisch-patriarchalischen Sphäre eine reiche V olksliteratur herausge־ bildet, die im 19. Jahrh u nd ert, wo nicht Fundam ent der Literatur, so doch ein dominierendes Element in ih r wurde. Wenn die jungen Literaturen Südosteuropas bei Goethe und den B rüdern Grimm, bei Prosper Merimeé und Aleksandr Puskin, bei europäischen L iteraten und Wissenschaftlern bereits im 19. Jah rh u n d ert Interesse fanden, dann wegen dieses Bornes der reinen Volkspoesie, der in Südosteuropa viel reicher sprudelte als anderswo. Im w eiteren Verlaufe der Literaturentw icklung zeigte sich Folklore aber oft auch als schweres Gewicht, dem m an nicht zu entrinnen vermochte. Wir w erden Gelegenheit haben, die Frage zu erörtern, in wel- ehern Maße und in welcher Form noch oder w ieder Folkloregut die Lite- ratu ren der Gegenwart speist. Das Problem der Literatursprache Als letztes der typologischen Merkmale, das die südosteuropäischen L iteraturen bündelt, sei das Sprachenproblem erw ähnt. Obwohl einige der südosteuropäischen L iteraturen auf alte oder — denken w ir an Grie־ ćhenland — uralte literatursprachliche Traditionen zurückblicken können, erzeigte sich überall im 18./19. Jah rh u n d ert die Notwendigkeit, die Lite- ratursprache neu, und zwar auf der Basis der gesprochenen Sprache, zu konzipieren und zu kodifizieren. So gerieten im Serbischen und K roati- sehen, im Ungarischen, Rumänischen, Griechischen und Türkischen frühere Kodifizierungen der Sprache, die sich inzwischen weit von der gesproche- nen Sprache entfernt hatten, in Konflikt mit dem neuen Konzept. W ir 6 Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access haben vor uns zum Teil lange Zeit fortw irkende Oppositionen wie die zwischen dem vom Kirchenslavischen und Russischen geprägten Slaveno- serbisch und dem von Vuk Karadžič geförderten volkssprachlichen Serbo- kroatisch; zwischen der griechischen ״Rein-Sprache“ (Katharevusa) und der neugriechischen Volkssprache (dhimotiki); zwischen ״reinem und fei- nem “ Türkisch (Fasih-türkçe) und ״Volkstürkisch“ (Kaba-türkçe) usf. Sprachkonflikte blieben virulent in jenen Bereichen, wo die A lternative zwischen hochsprachlicher Tradition und Volkssprache nicht eindeutig zu- gunsten der letzteren entschieden w urde bzw. entschieden w erden konnte (Griechisch, Rumänisch, Türkisch), oder wo, wie im serbo-kroatischen Sprachenstreit, unifikatorische Tendenzen die p artikularen Normen zu überlagern drohten. Eine ähnliche Konfliktsituation mit der Gefahr einer Sprachspaltung bestand auch in der albanischen L iteratur als die frühere Schriftsprache, das Südgegische, nach dem Zweiten W eltkrieg durch das Toskische abgelöst wurde. 1 0 ) Allgemein ist festzustellen, daß das Prinzip, die Schriftsprache auf das Fundam ent der im Volke gesprochenen Sprache zu gründen, in den Sprach- gemeinschaften Südosteuropas sich weit stärk er durchgesetzt h at als etwa in den Sprachgemeinschaften der großen europäischen Nationen. Das hat darin seinen Grund, daß sich die Nationsbildung in Südosteuropa erst im 19. Jahrhundert, bereits nach dem von H erder aufgestellten Spraćhenkri- terium , vollzog. Die Nationen, die sich h ier form ierten und die seit langem bestehenden Universalstaaten, die österreich-ungarische Monarchie und das Osmanische Reich, ״dekomponierten“ ״ ), w aren Sprachnationen — Sprachnationen, deren prim äres Unterscheidungsmerkmal n u r die gespro- chene, die Muttersprache, nicht irgendwelche Hoch- oder Kultsprachen wie Altgriechisch, Latein oder Kirchenslavisch sein konnten. Der Sprachnatio- nalismus, der einerseits die individuelle kulturelle Profilierung der süd- osteuropäischen Völker erst ermöglichte, w urde auf der anderen Seite zu einem Hemmnis der V erm ittlung kultureller, insbesondere sprachabhän- giger Güter, — ein Problem, das einen der Diskussionspunkte der gegen- w ärtigen Hoćhschulwoche bilden wird. Wenn bisher auf typologische Gemeinsamkeiten der kulturellen und literarischen Entwicklung in Südosteuropa abgehoben wurde, so wurde doch keinen Augenblick darüber vergessen, daß natürlich auch die Eigen- a rt jedes Ethnikums deutlich und unverw echselbar ausgeprägt ist. Alles Einschlägige hier zu nennen, w ürde nicht n u r den zeitlichen Rahmen dieses Vortrages sprengen, sondern auch die fachliche Kompetenz desVortragen- den bei weitem überschreiten. Hier können vielm ehr n u r einige hervor- stechende Tatsachen in E rinnerung gerufen werden, die von der Vielfalt der kulturellen Traditionen und Eigenart der südosteuropäischen Nationen zeugen. Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063152 Blicken wir nach Griechenland, so haben w ir ein Volk vor uns, das — freilich durch den Filter von Zeit und Geschichte — seine Wurzel in der altgriechischen K ultur und im m ittelalterlichen Byzanz besitzt. Es bedarf keiner Frage, daß der Bezug auf diese Traditionen, die Auseinanderset־ zung m it ihnen, auch die neuere griechische K ultur und L iteratur aufs stärkste prägt. Doch besitzt die griechische Antike, die ja für ganz Europa zum unerreichbaren Hum anitäts- und K ulturideal wurde, für die griechi־ sehen Nachfahren einen völlig anderen Stellenw ert als etwa in unserer Vorstellung. Ihre W iedergewinnung ist zu vergleichen mit der Wiederge- winnung der altrömischen Tradition durch die Italiener im 15./16. Ja h r־ hundert — das nennen w ir Renaissance; oder m it der Wiedergewinnung des germanischen M ittelalters durch die Deutschen — das nennen w ir Ro- m antik; und nicht zuletzt mit der Erringung eines idealen H um anitäts־ und Formverständnisses im 18. Jah rh u n d ert — das nennen w ir Klassizis- mus. So ist die Rezeption der griechischen Antike durch die Griechen der Neuzeit geeignet, viele bei uns etablierte Überzeugungen und Stil- bzw. Epochenbegriffe in Frage zu stellen oder wenigstens zu relativieren. Zur altgriechischen Tradition tritt aber die byzantinische, die der Orthodoxie, die in der reinen Form eben in Griechenland überliefert wurde. Und in produktivem Gegensatz hierzu steht die populäre Tradition der Volks־ lieder (Akriten- und Kleftenlieder) und der Volksmusik sowie der volks־ sprachlichen kretischen L iteratur der Renaissance-Zeit. Ein spezifisches Problem der rumänischen K ultu r־ und L iteraturent־ Wicklung ist im Kampf um die L atinität zu sehen, d. h. in der H ervorkeh־ rung der antiken dako-romanischen Tradition gegenüber heterogenen, vor allem slavischen ethnischen und sprachlichen Einfügungen. Da die Rumä־ nen zunächst in den Bereich der bulgarischen Kirche gehörten, h atte sich bei ihnen altkirchenslawisches Schrifttum verbreitet. Und obwohl Rumä־ nisch als Kirchensprache schon im 17. Jah rh u n d ert eingeführt wurde, be־ hielt es doch bis Mitte des 19. Jah rh u n d erts die kyrillische Schrift bei. Mit anderen Worten: die langandauernde slawo-romanische Symbiose der Ru- m änen w urde erst relativ spät — im Zuge der nationalen Bewegung im 19. Jah rh u n d ert — durch eine um so entschiedenere sprachliche und kul- turelle Reromanisierung aufgelöst. Damit w urde zugleich eine auf den gemeinsamen lateinisch-romanischen Ursprung gegründete Affinität zur französischen K ultur geboren, wie sie enger in keiner anderen südost- europäischen L iteratur zu bem erken ist. Ungarische und bulgarische Traditionen Eine unverwechselbare, selbständige ethnische und sprachliche Einheit ohne alle Verwurzelung und Verwandtschaftsbeziehungen im südost- europäischen Raum stellen die Ungarn dar. Geschichtlich seit der Christia 8 Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063152 nisierung durch Stephan den Heiligen ein unübersehbarer politischer Fak- tor in Europa, zeigt die kulturelle Entwicklung der Ungarn, wie es Wolf- gang Schlachter einmal ausgedrückt hat, ein Schwanken zwischen selbst- bew ußter Behauptung der ungarischen Eigenart und einer ״perm anenten Anpassungskrise“ an die W erte und Normen Europas. 12) Eines der rühm - reichsten Zentren des europäischen Humanismus bildete im 15. Jahrhun- dert der Hof des M atthias Corvinus. Bis ins 19. Jah rh u n d ert hinein wurde Latein als Sprache der schönen L iteratur, der Wissenschaft und — bis 1848 — der allgemeinen Verwaltung gepflegt. So besteht eine neulateini- sehe Tradition, wie sie, außer den lange Zeit an Ungarn angebundenen Kroaten, keine andere südosteuropäische Nation aufzuweisen hat. Die durch den Vorstoß der Türken bew irkte Teilung der ungarischen Nation in einen protestantischen und einen katholischen Teil hatte un ter anderem auch eine Spaltung der kulturellen O rientierung zur Folge: die katholi- sehen Landesteile verblieben in enger Verbindung mit Wien und ö ste r- reich, w ährend die protestantischen Teile mit dem protestantischen Nor- den Deutschlands, mit den U niversitäten Halle, Jena, Göttingen, in Kon- tak t traten. In jüngster Zeit h at eine Rückbesinnung auch auf die finnisch- ugrischen Ursprünge des Ungarntums, hat eine Beschäftigung mit obugri- scher und samojedischer Mythologie und Folklore eingesetzt. In Bulgarien w irkt das Bewußtsein fort, daß die erste große Blüte sia- wischen Schrifttums überhaupt, das Goldene Z eitalter der altkirchensla- wischen L iteratur in der Herrschaft des Zaren Simeon im 10. Jahrhundert, ein bulgarisches Ereignis war. Daß die Bulgaren im M ittelalter das kir- chenslawische Schrifttum nach Rußland verm itteln, haben die Russen Jah rh u n derte später durch die Befreiung von der türkischen Herrschaft vergolten. Doch brachte das Ja h r 1878 n u r den politisch und militärisch spektakulären Höhepunkt der russisch-bulgarischen Interessengemein- schaft; längst vordem w ar die bulgarische W iedergeburtsbewegung am Vorbild der russischen K ultur orientiert gewesen. Nach der politischen Verstimmung und dem Rückzug der russischen B erater im Jah re 1885 so- wie der Wahl des Prinzen Ferdinand von Sachsen-Coburg-Gotha zum Für- sten von Bulgarien 1887 tra t allerdings eine stärkere Hinwendung auch nach Deutschland ein, die nicht nur im politischen, sondern insbesondere auch im kulturell-literarischen Sektor Bedeutung gewann und Nachwir- kung zeigt. Illyrism us und Regionalismus bei den Kroaten Auf der Suche nach balkanischer Vorfahrenschaft haben sich die Bui- garen, gestützt durch archäologische und linguistische Forschungen, den Thrakern zugewandt — ein Impuls, der von L iteratu r und Kunst in den letzten Jah ren begierig auf genommen wurde. Bemerkenswert, daß die 9 Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access Bulgaren das illyrische Ideologen! nicht akzeptierten, die These nämlich, die Illyrer seien die altgeschichtlichen Vorfahren der Slawen auf dem Balkan. Diese Konstruktion h at seit der Renaissancezeit das politische Denken der Kroaten, teils aber auch der Serben und Slowenen bewegt. Nicht nur die Erinnerung an das kroatische Feudalreich Tomislavs und das serbische Großreich der Nemanjiden, sondern auch die ethnische und sprachliche Verbundenheit m it den mächtigen slawischen Nationen Europas, Polen und Russen, w urde in der illyrischen Ideologie aufgehoben.1s) Ihre Aus- Strahlung auf die L iteratu r ist bis in unsere Tage ungewöhnlich groß ge- wesen. In ihrem Namen w urde in der Bewegung des kroatischen Illyris- mus im 19. Jah rh u n d ert die Einheit aller Südslawen im großen geographi- sehen Dreieck Villach—Varna—Skutari postuliert — eine ״illyrische“ Großnation, wie sie nach H erder schon nicht m ehr denkbar und realisier- bar war. Daß gerade die Kroaten die Idee eines monolithischen Blödes aller Südslawen vertraten, kann nicht verw undern angesichts der parti- kularen Vielfalt politischer und k u ltu reller Entwicklungen im eigenen Be- reich. Das Gesetz des Regionalismus, d .h . die Ausbildung regionaler Stränge in Sprache, K ultur und L iteratur, steht über der Kulturgeschichte Kroatiens. Dubrovnik, Dalmatien, Slawonien, Binnenkroatien — jede die- ser Regionen besaß in der Geschichte ihre eigene schriftsprachliche und literarische Tradition: Reichtum und Vielfalt. Noch heute besteht ein le- bendiges kroatisches Schrifttum im öakawischen und kajkawisćhen Dia- lekt, neben der L iteratur in der Stokawischen Hauptsprache. Besonderheiten der serbischen und slowenischen Entw icklung Das Selbstverständnis der Serben findet Rückhalt in der E rinnerung an das mächtige m ittelalterliche Nemanjiden-Reich, an die vom Heiligen Sava geschaffene serbische autokephale Kirche, an die heroische K ata- strophe auf dem Amselfeld, schließlich an die erfolgreichen nationalen Aufstände von 1804 und 1815, die den Serben früh er als anderen südost- europäischen Völkern Autonomie innerhalb des Osmanischen Reiches er- rangen. So entstanden nationale Mythen, die in besonderem Maße auch von der L iteratur aufgenommen und getragen wurden. Eine Besonderheit der serbischen Entwicklung bestand darin, daß 1690 nach der Großen Wan- derung der Serben vom Amselfeld in die Vojvodina, d. h. an die Peri- pherie der österreich-ungarischen Monarchie, die serbische Nation in zwei kulturelle Zonen sich entfaltete, die sich nach Substanz und C harakter bis auf den heutigen Tag deutlich unterscheiden. Keines der Völker Südosteuropas dürfte in seiner sprachlichen und kul- turellen Eigenständigkeit so stark in Frage gestellt gewesen sein wie das kleine Volk der Slowenen dicht an der Grenze zum überm ächtigen deut- sehen K ulturkreis. Hinzu kommt, daß das ohnehin kleine Sprachgebiet der Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063162 Slowenen aufgrund der Siedlungsbedingungen im A lpenraum eine unge- wohnlich starke mundartliche Zersplitterung aufweist. Vielleicht hat aber gerade diese Gegebenheit das Überleben der Sprache — als eines reinen Bauernidioms — ermöglicht, w ährend die enge Verbindung zum deutschen K ulturraum auch eine Chance eröffnete, die Chance nämlich, Prozesse, die dort abliefen, gleichsam als eigene mitzuvollziehen. Die Bibelübersetzun- gen, die im Zuge der Reformation entstanden (Primož Trubars Überset- zung des Neuen Testaments und die Bibelausgabe von Ju rij Dalmatin 1584), später dann das dichterische W erk France Prešerens, das aus einer engen Affinität zur deutschen Romantik erwuchs, sind einmalige, frühe Höhepunkte südosteuropäischer L iteratu r überhaupt, die sich zu einem Teil auch der Nähe zur deutschen K ultur verdanken. Makedonische, albanische und türkische Charakteristika Bei der jüngsten u n ter den südslawischen L iteraturen, der makedo- nischen, die eine kodifizierte Literatursprache — und damit das wichtigste äußere Kennzeichen einer selbständigen Nation — erst nach dem Zweiten W eltkrieg erhielt, ist die Suche nach Tradition noch im Gange. Vorläufig w urden Helden der Folklore wie Königssohn Marko (Marko Krale) zu Orientierungspunkten. ״ ) Doch der Blick schweift w eiter zurück in die große Vergangenheit der Region Makedonien. In der m ultinationalen und m ultilingualen literarischen Gesam tstruk- tu r Jugoslawiens sind bei den einzelnen Völkern apostrophierte unter- schiedliche kulturelle Traditionen und regionale Besonderheiten — hier w äre nachdrücklich auch auf die Eigenarten des bosnisćh-herzegowinischen Raumes und den besonderen C harakter Montenegros hinzuweisen — w irk- sam als ein Faktor der Divergenz, der im Wechselspiel mit integrierenden Tendenzen des Staatswesens Jugoslawien das Gesamtbild der L iteratur in Jugoslawien bestimmt. 15) Eine Sonderstellung nehmen die albanische und die türkische L iteratur im südosteuropäischen Rahmen ein. Die albanische L iteratur gründet sich auf eine singuläre Sprache und eine unsichere historische Überlieferung. Im 19. Jahrhundert, als die benachbarten Nationen in ihrem Identitäts- streben bereits weit fortgeschritten waren, erblickten die A lbaner noch in der engen Anlehnung an das Türkische Reich die Lösung ihrer nationalen Frage. Nationalbewußtsein und Literatursprache der A lbaner haben sich so im Verhältnis zu den anderen Völkern Südosteuropas außerordentlich zögernd und uneinheitlich entwickelt. Die albanische Sprachgemeinschaft ist nicht n u r politisch — auf Albanien und Jugoslawien — geteilt, sondern zeigt auch eine sprachlich-dialektische Zweiteilung. Die L iteratur schickte sich erst spät an, die Standards der europäischen, ja der umliegenden süd- osteuropäischen L iteraturen zu erreichen. 11 Hans Hartl - 978-3-95479-722-6 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 10:04:40AM via free access 00063152 Die Türken schließlich, die jahrhundertelang große Teile Südosteuro- pas beherrschten und einen dichten kulturellen Einfluß in dieser Zone geltend machten, sind hauptsächlich durch ihre Geschichte m it Südost- europa verbunden oder — wie es Zoran Konstantinovic jüngst formu- lierte 1в) — sind ״n u r als Bezugspunkt und nicht als Bestandteil der ge- meinsamen geistigen S tru k tu ren dieses Raumes“ zu betrachten. Die Hoch- k u ltu r im Osmanischen Reich, die durch persisch-arabische Sprach- und Stilelemente lange Zeit geprägt war, durchlief erst im Laufe des 19. Jah r- hunderts eine Phase der Rückbesinnung auf das eigentliche T ürkentum — ein Antagonismus brach damit auf, der, durch westliche Einflüsse über- deckt, noch heute spürbar ist. Geschichte und G egenw artsliteratur Was hier stichwortartig an gemeinsamen S tru k tu ren und besonderen Charakteristika der südosteuropäischen L iteraturen genannt wurde, be- trifft historische Bedingungen und Traditionen, d. h. im wesentlichen Ver- gangenes, Geschichtliches. Hat dies — so ist zu fragen — für die Literatu- ren der Gegenwart Bedeutung? Die Antwort auf die Frage geben Werke, die zum Besten gehören, was in den südosteuropäischen L iteraturen in unserem J