Slavistische Beiträge ∙ Band 14 (eBook - Digi20-Retro) Verlag Otto Sagner München ∙ Berlin ∙ Washington D .C. Digitalisiert im Rahmen der Kooperation mit dem DFG- Projekt „Digi20“ der Bayerischen Staatsbibliothek, München. OCR-Bearbeitung und Erstellung des eBooks durch den Verlag Otto Sagner: http://verlag.kubon-sagner.de © bei Verlag Otto Sagner. Eine Verwertung oder Weitergabe der Texte und Abbildungen, insbesondere durch Vervielfältigung, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlages unzulässig. «Verlag Otto Sagner» ist ein Imprint der Kubon & Sagner GmbH. Edith Klum Natur, Kunst und Liebe in der Philosophie Vladimir Solov'evs Eine religionsphilosophische Untersuchung Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access Slavistische Beiträge U nter Mitwirkung von M. Braun, Göttingen • f Paul Dieb, München • J. Holt husen, Würzburg • E. Koschmieder, München • W. Lettenbauer, Freiburg/Br. J. Matl, Graz * F. W. Neumann, Mainz • L. Sadnik-Aitzetmüllcr, Saarbrücken J. Schütz, Erlangen HERAUSGEGEBEN V O N A. SCHMAUS, MÜNCHEN Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access 000 4 6 9 7 9 E D I T H K L U M Natur, Kunst und Liebe in der Philosophie Vladimir Solov’evs Eine religionsphilosophische Untersuchung Vorrede von Fedor Stepun V E R L A G О Г Т О S A G N E R M Ü N C H E N 1 9 6 5 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access Bayerische Staatsbibliothek Mönchen ( ф 1965 by Verlag O t t o Sagner/Mündien Abteilung der Fa. Kubon & Sagner, München Herstellung: Karl Schmidle, Buch- und Offsetdruck, Ebersberg Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access Dem Andenken meines lieben Vaters Prof. Dr. Paul Eugen Böhmer Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access I N H A L T Selte V orrede von Fedor S t e p u n .................................................................. 7 E in f ü h r u n g ................................................................................................. 11 I 1. Untersuchungen über die H e rk u n ft der Sophienlehre Solov’e v s ......................................................................................... 17 2. Das Chalkedonische Christusbild und die M enschenlehre des O s t e n s ......................................................................................... 34 3. Existenz und Essenz (Das w ahrhaft Seiende und die W esen h eit) ................................. 53 4. D er trinitarische Prozeß in seiner D oppelstellung 71 5. Die Anthropologie Solov’e v s ..........................................................83 6. Die Weltseelen-Lehre Solov’e v s ................................................. 98 R ü c k b l i c k ................................................................................................. 113 II 1. Interpretation des Aufsatzes: Die Schönheit in der N a t u r ......................................................... 116 2. Interpretation des Aufsatzes: D er allgemeine Sinn der K u n s t ................................................. 144 3. Interpretation des Aufsatzes: D er Sinn der L i e b e ......................................................................... 161 S c h lu ß b e tr a c h tu n g ................................................................................. 216 A n m e r k u n g e n ......................................................................................... 223 L iteraturverzeichnis................................................................................. 321 Personen- und S a ch reg ister..................................................................327 N a d i w o r t ................................................................................................. 333 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access Vorrede V ladim ir Solov’ev gehört zu den bedeutendsten Erscheinungen des geistigen R ußlands. Sein W erk fällt in die letzten Jah rzeh n te des neunzehnten Jah rh u n d erts, die A usw irkung dieses Werkes in das zw anzigste . . . N icht n u r u n ter den russischen, sondern auch den west- europäischen Philosophen — dieser Begriff nicht im schulmäßig pro- fessoralen, sondern im w eiteren Sinne — h a t es nur wenige gegeben, die genau dasselbe als Philosophen lehrten, was sie als Menschen leb- ten. D er G ru n d b e g riff der Solov’evschen Philosophie ist der Begriff d e r positiven A ll-Einheit, wie sie im Paradiese herrschte, solange dort noch der Baum des Lebens blühte und nicht der Baum der Erkenntnis von G u t u nd Böse, der sein Blühen der Schlange verdankt. Alle gei- stesgeschichtlichen A rbeiten V ladim ir Solov’evs käm pfen mit Leiden- schaft gegen den R ationalism us in der Philosophie und fü r die Rück- führung der in sich geeinten und befriedeten Welt in den Schoß G ot- tes. So ist v o r allen D ingen seine K ritik an dem westeuropäischen Denken zu verstehen, die so manches Gemeinsame m it der G edanken- weit der Slavophilen hat. Das bekannte W ort Ivan Kireevskijs, der Westen sei ein Atomismus des Lebens und ein Rationalismus des Den- kens, könnte m it gutem Recht als M otto über den Gesamtwerken Solov’evs stehen. H eißen dodi die ersten wesentlichen A rbeiten: ״ Die Krisis der Philosophie des West ens ״ ,״ Di e K ritik der abstrakten Prin- zipien", ״D ie philosophischen Prinzipien des ganzheitlichen Wissens“ . Ein Mensch von weitem umfangreichem Wissen w ar Solov’ev, ein Mensch von großer schöpferischer A k tivität. Seiner Wissenschaft ge- nügte es nicht, das bereits Entstandene zu begreifen, sondern es lag ihm daran, das K om m ende m itzuform en. Ihm w ar von A nfang an ein prophetischer Zug eigen. Sieben Jah re vor Ausbruch des russisch- japanischen Krieges h a t er nicht nur sein Kommen vorausgesagt, son- dern auch den Sieg d er Jap an er. Auch lebte er in der Angst, daß der chinesische O sten sich gegen Europa wenden würde, was ja zu r Zeit geschieht. Besorgt w ar er (und es ist unsere heutige Sorge), auf wel- eher Seite R u ß lan d stehen w ürde: auf der Seite Christi oder der von Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access 000 4 6 9 7 9 Xerxes. A uf dem T otenbett h a t er ja auch fü r die Geschicke der Juden gebetet; er ahnte, was ihnen bev orstand. D ie eschatologisch b eto n te Geschichtsphilosophie Solov’evs h a t ihre künstlerisch vollkom m enste u n d philosophisch populärste D arstellung in den berühm ten ״D rei G esprächen“ gefunden, an die die E rzählung vom Antichrist angeschlossen ist. D urch dieses W erk ist der Theologe, der Religionsphilosoph und d er P ro p h e t in die breitesten Schichten des geistig interessierten E u ro p a gekommen. Viel weniger b ek an n t als die Geschichtsphilosophie Solov’evs ist seine Philosophie der K unst, die in keiner großangelegten philosophi- sehen A rbeit zu finden ist, sondern in einer Reihe von A ufsätzen, K ritiken und in seinen eigenen G edichten gesucht w erden m uß. Als das philosophische Z entrum d er selbstverständlich philosophisch aus- gerichteten Ästhetik Solov’evs ist sein bekanntes Poem ״D ie drei Be- gegnungen“ anzusprechen; gem eint sind die Begegnungen m it der Sophia, der Weisheit G ottes, die in d er von Solov’ev beeinflußten L yrik der Symbolisten (Iv an o v , Belyj, Blok) vielfach als ״ ewige F reundin“ bezeichnet u n d der Erscheinung des ״ Ewig-W eiblichen“ von Goethe angenähert w ird. So viel über die Geschichtsphilosophie von Solov’ev geschrieben wurde, so karg sind die U ntersuchungen über seine K unst- und Lie- besphilosophie, die bei ihm z u r Ä sthetik gehören. Das Budi von E dith K lum ist der erste großangelegte u n d in die letzten Tiefen d er So- lov’evschen Kom position hineinleuchtende Versuch, den erotisch- ästhetischen Teil des philosophischen W erkes darzustellen. Um den Begriff der Weltseele, w ie ihn Solov’ev in vielen V aria- tionen und in V erbindung m it seiner Erscheinung der heiligen Sophia denkt und lebt, klarzustellen, h a t F rau Klum in sechs K apiteln auf das biblische, das patristische u nd das antike D enken ergebnisreich zurückgegriffen. D as Problem des Erscheinens der heiligen Sophia als der weiblichen G estalt ist von F rau K lum nur leicht berührt, n u r an- gedeutet; was methodisch durchaus berechtigt ist, denn die Frage, ob die Frauengestalt als ein dem Jenseits angehöriges Wesen zu verstehen ist oder nur als eine von diesen Wesen Solov’ev gezeigte Vision oder gar H alluzination, kann ja m it den M itteln der philosophischen A na- lyse nicht erm ittelt w erden. Sollte m an wagen, diesem Problem sich zu nähern, so m üßte m an die Erlebnisse der Sophia־V erehrer und 8 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access 000 4 6 9 7 9 -A nbeter der Dichter des Symbolismus analysieren. F ü r eine solche A usweitung ihrer A rbeit hatte Frau K lum keinerlei Veranlassung. D ie K apitel von Teil II handeln ü ber die Philosophie der N atu r, K unst und Liebe. Die Solov’evsche Philosophie der Kunst ist selbst- verständlich keine formale Ä sthetik, sondern eher eine M etaphysik der Kunst, die so manche Beziehungen zu P lato n hat. K unst ist nach Solov’ev die ״V erkörperung d er Id e e “, und die Idee w ird als etwas begriffen, was an und für sich ״ des Geistes w ürdig ist“ . Aus diesen A nsätzen sollte mit der Zeit ein größeres W erk über die Kunst ent- stehen. Doch w ar es Solov’ev nicht vergönnt, dies zu schreiben. D en Abschluß der A rbeit von F rau K lum bildet die D arstellung der kleineren Schrift von Solov’ev über den ״ Sinn der Liebe“ . N i- kolaj Berdjaev, der als Religions- u nd Geschichtsphilosoph sich mit der Zeit von Solov’ev wegen seines durch Hegel beeinflußten R atio- nalismus entfernt hat, hielt die Schrift über die Liebe für das Wesent- lichste, was dem russischen D en k er und M ystiker gelungen ist. Man kann dieses Urteil auch dann verstehen, w enn m an es nicht teilen w ürde; denn zweifelsohne ist das Poem das Persönlichste und Eigen- artigste, was Solov’ev uns geschenkt h at. D ie tiefe Bedeutung besteht darin, daß Solov’ev das Absolute nicht w ie Platon als Idee gedacht, sondern als eine Gestalt des Jenseits persönlich erlebt und dieses Er- lebnis wiederum philosophisch gedeutet h at. D ie Solov’evsche K on- zeption stellt der Weltseele die A ufgabe, die W elt in Einheit und Liebe zu G ott zurückzuführen. D ie W eltseele muß das aber in völli- ger Freiheit und nicht unter göttlichem Z w an g vollbringen. Die Frei- heit der Weltseele schließt in sich die M öglichkeit der A bw endung von G ott; um diese Möglichkeit zu verringern, schuf G o tt nach Solov’ev die Sophia, einen Schutzengel, der d e r Weltseele hilft, ihre Aufgabe zum Ruhm Gottes zu lösen. U n d alle w a h rh a ft Liebenden sind nach Solov’ev dazu berufen, diesem Schutzengel ein treues Gefolge zu schaffen. So erhält die erotische Liebe eine ausgesprochen religiöse Bedeutung. Unserer Zeit sind diese G edanken m ehr als fremd, vielen sind sie sogar feindlich. Aber gerade diese Frem dheit und Feindschaft birgt in sich H ilfsm ittel gegen die V erarm un g unserer Liebeserlebnisse, wie sie von der ganzen modernen L itera tu r gezeigt wird. München Fedor Stepun 9 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access 000 4 6 9 7 9 Einführung Die Schönheit w ird die W elt erretten. (K rasota spaset mir.) Dostoevskij 1 V ladim ir Solov’ev gehört zu jenen seltenen Genien, in denen sich G läubigkeit u n d streng logische Spekulation gleichermaßen begegnen. U n d wenn im O sten au ß er Origenes von A lexandrien (— 254) noch Evagrios Pontikos (— 399), Pseudo-Dionysios A reopagita (um 500) u n d M aximus Confessor (— 663) es waren, die als M ystiker der M eta- physik neue Im pulse gaben, so w ar es im Westen v o r allem Meister Eckhart (— 1327).2 Ihm aber und jenen östlichen frühen Meistern ist Solov’ev kongenial; er ist M y s t i k e r und M e t a p h y s i k e r zugleich.3 Es geht ihm wie jenen um die Einheit von G lauben und Wissen.4 Zudem aber läß t ihn die Frage nach der H e rk u n ft und dem Sinn des Bösen nie ruhen, so d aß w ir ihn auch als E t h i к e r ansprechen d ü rfen;5 und als solchen sehen w ir ihn ebenso wie als M ystiker und M etaphysiker in d er T rad itio n der großen Meister stehen, deren Linie sich zurückverfolgen läß t über die deutschen Idealisten, die hochscholastischen und scholastischen sowie altchristlichen und helleni- stisch-römischen D enker bis hin zu den großen Griechen, zu Sokrates, Platon und Aristoteles. D ie hier zu besprechenden Schriften ״ Die Schönheit in der N a tu r “ , ״D er allgemeine Sinn der K u n st“ und ״D er Sinn der Liebe“ fallen in jene d ritte Schaffensperiode, w ährend welcher sich unser Philosoph zur ״ Religion des Heiligen Geistes“ bekennt (1889— 1900).® Im Jah re 1889 schreibt er den A ufsatz über die ״ Schönheit in der N a tu r “, 1890 denjenigen über den ״ Allgemeinen Sinn der K unst“ und von 1892 bis 1894 jenen über den ״ Sinn d e r Liebe“ . Diese drei A bhandlungen be- deuten einen stufenweisen P rozeß christlich-optimistischen W ieder- aufstiegs, dessen Ziel die fleischliche Auferstehung der Menschheit und ihre V erklärung ist. 11 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access Dem religionsphilosophischen System V ladim ir Sergeevič Solov’evs liegt der Johanneisch-Paulinische G edanke der ״ im A rgen״ liegenden W elt zugrunde, zu welchem sich auch Augustinus bekannte (1. Brief des Johannes 5, 19; Brief des Paulus an die G alater 1, 4). Doch unter- scheidet sich die Solov’evsche Lehre insofern von der Augustinischen, a b er die W e l t s e e l e w iedereinführt und die N a t u r in den ,.Fall ״m ithineinzieht.7 D am it entfernt er sich von der im abendländischen christlichen K ulturkreis herrschenden A nnahm e eines infralapsarischen Falles8 und steht m it seiner Lehre vom supralapsarischen Fall in der östlichen T radition, zu welcher sich auch der deutsche M ystiker Jakob Boehme und sein Kreis bekannten.® Solov’ev setzt ähnlich, wie es P laton getan hatte und in christlich abgew andelter Weise Origenes u n d etwa tau- send Jah re später Meister Eckhart und dessen A nhänger tun werden, eine P r ä e x i s t e n z voraus.10 O hne diese Voraussetzung blieben für ihn sowohl die Freiheit des Willens als auch die Unsterblichkeit unerklärbar.11 W ir können den W erdegang der W iederherstellung o d er Reintegra- ‘ tiön der in der Präexistenz gefallenen N a tu r u n d Menschheit mitvoll- ziehen dank der s t u f e n w e i s e inhaltsvoller w erdenden S c h ö n - h e i t der sich manifestierenden oder sich offenbarenden I d e e des L o g o s.12 Es handelt sich im vorliegenden Falle um eine О n t о 1 o- g i e d e r S c h ö n h e i t , die so tief im mystisch-metaphysischen Bereich verw urzelt ist, daß sie den Rahmen der Ä sthetik überschreitet. Unser Philosoph deutet dies •selbst an in der Einleitung zu seinem Aufsatz ״D ie Schönheit in der N a tu r “ : ״ Die Ä sthetik der N a tu r w ird uns die notwendigen G rundlagen geben fü r eine P h i l o s o p h i e d e r К и n s t.“ 18 — Es geht somit in diesen A bhandlungen weniger um die form ale Bestimmung der Schönheit als um ihre inhaltliche, d. h. um ihren geistigen Gehalt. W ir begegnen hier einer schichtgerecht aufsteigenden streng durch- gearbeiteten M e t a p h y s i k der Schönheit, in welcher Verstandes- metaphysik und V em unftm etaphysik aufeinandertreffen und bruch- los ineinanderübergehen.14 Es liegt bei diesem Aufstieg eine K onkor- danz der Schichten vor: jede Schicht verm ag nur so viel vom gött- liehen P rinzip aufzunehmen, wie es ihrem A ufnahm everm ögen ent- spricht. U nd so w ird je nach dem G rade d er A ufnahm efähigkeit des Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access 000 4 6 9 7 9 den Logos verkörpernden M aterials die sich offenbarende Schönheit m ehr oder weniger vollkom m en sein.15 D ie N a tu r auf ihrer untersten Stufe, d. h. die M aterie der un- belebten atom aren Welt, verm ag das logoshafte P rinzip nur unvoll- kom m en aufzunehmen entsprechend der K orrelation (sootnošenie) zwischen dem Em pfangenden und dem Empfangenen. U nd darum o ffen b art sich das göttliche Prinzip, der Logos, in stufenweisem Auf- stieg als die jeder Stufe gemäße Schönheit vom Mineralreich aufw ärts über Pflanzen- und Tierreich bis hinauf zum Menschen und schließlich Gottmenschen. Im Mineralreich begegnen w ir im durchlichteten D ia- m anten nur dem Symbol der w ahrh aften Schönheit, welche von So- lo v ’ev definiert w ird als vollkom m ene D urchdringung von Geist und M aterie oder M aterie und G eist.16 M it dieser Bestimmung der Schönheit stehen w ir m itten in der M eta- physik. U nd unsere Aufgabe w ird es sein, diesen aufsteigenden Weg des sich in immer vollkom m enerer Weise als Schönheit manifestieren- den oder offenbarenden Logos zu verfolgen, beginnend bei der äußer- sinnlich erfahrbaren Schönheit des Enhylon Eidos17 bis hinauf zur geistig erfahrbaren Schönheit des E nhypostaton Eidos, welches auf seiner höchsten Stufe die M anifestation oder O ffenbarung des Logos als vollkom m ener w ahrer Schönheit in der ihn verkörpernden Geist- M aterie bedeutet. Diese G eist-M aterie aber ist nichts anderes als die von Solov’ev als göttliche Weisheit verstandene nicht-empirische, ideelle unsterbliche Menschheit, welche er mit S o p h i a bezeichnet.18 W ir müssen uns diesen Aufstieg des Logos im Origenistischen Sinn vorstellen: der Logos steigt herab und verw andelt sich in die M an- nigfaltigkeit der Dinge, um die gefallene Vielheit heimzuholen. Die ökonomischen Abstiege des einen Logos in die sinnliche Vielheit lassen ihn selbst b u nt und m annigfaltig unter tausenderlei Formen erschei- nen.19 U n d so erscheint er au f der untersten Stufe der N a tu r, im Be- reich des Unbelebten, als die dieser Stufe gemäße vollkommene Schön- heit im funkelnden Licht des diam antenen Facettenspiels. Im Hinblick auf die sich hier offenbarende Schönheit handelt es sich um die naturwissenschaftlich zu verstehende M aterie,20 wobei sich, indem sie das äußersinnlich w ahrnehm bare Licht in funkelnder Weise zurückwirft, eine äußerliche gegenseitige D urchdringung von Licht und M aterie vollzieht. Im Hinblick auf die w ahre Schönheit jedoch handelt es sich, wie w ir schon zeigten, um die geistige Materie der 13 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access ideellen unsterblichen Menschheit, wobei sich, indem sie ״ das w ahr- haftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet“,21 aufnim m t, eine innerliche gegenseitige Durchdringung von göttlichem Licht und menschlicher Geist-M aterie vollzieht.22 Metaphysisch gesprochen liegt in diesem K onkretum aus Logos und Sophia die höchste Form des E nhypostaton Eidos vor, das Com po- situm aus Existenz (suščee) und Essenz (suščnost*). D er hier vorlie- genden O ntologie der Schönheit entsprechend bedeutet dieses Com- positum die vollendete Schönheit; das aber ist der G o t t m e n s c h , d. h. der zweite A dam oder überzeitliche Christus. In diesem Sinne ist das D ostoevskij-W ort zu verstehen, welches Solov’ev seinen Auf- sätzen über die Schönheit voranstellte: ״Die Schönheit w ird die W elt erretten.“ Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access 00046979 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access 00046979 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access 00046979 / ״ י Bayerische i Stadtsbibfiottu r ׳ ׳ ״ h e n L T e i l Untersuchungen über die Herkunft der Sophienlehre Solov’evs Entscheidend fü r das philosophische W erk V ladim ir S. Solov’evs sollten seine mystischen Erlebnisse werden, vor allem diejenigen in London (1875) und in Ä gypten (1876). Von diesen Erlebnissen be- richtet sein Gedicht ״D rei Begegnungen1 ״. Dem neunjährigen K naben bereits w id erfu h r das erste Erlebnis dieser A rt im Jah re 1862. E r schildert hier zunächst einen Sonntagm orgen auf dem M oskauer Bou- levard. D o rt begegnet er au f dem Wege z u r Kirche einem ihm be- kannten neunjährigen M ädchen in Begleitung der G ouvernante. Den Knaben hatte eine frühe Leidenschaft zu dem kleinen Mädchen er- faßt, und er gesteht je tz t seine Liebe. A ber das Mädchen schweigt; im K naben b ren n t die Q u al der Eifersucht, er glaubt an einen Rivalen und träu m t davon, ihn zu fordern. D an n aber in d er Kirche w ährend der Liturgie schwindet ihm plötzlich die äußerlich sichtbare W elt: eine überirdisch schöne — azurgolden um strahlte — Frauengestalt erscheint ihm, lächelt ihm zu und verschwindet im Nebel. M it ihrem Entschwinden aber ist zugleich auch seine Leidenschaft fü r jenes kleine Mädchen geschwunden, u n d seine Seele ״ erblindet“ nach dieser Vision für alles Irdische. Zehn Jah re später begegnet dem nunm ehr N eunzehnjährigen die- selbe Vision. U nser Philosoph h a t dieses Erlebnis, das chronologisch die zweite Begegnung ist, nicht in die ״D rei Begegnungen“ aufgenom- men, sondern erst in späteren Jah ren in N ovellenform niedergelegt.2 D er A nnahm e F. Stepuns zufolge hat er diese visionäre Begegnung mit den ihr vorhergehenden U m ständen darum nicht in die Dichtung aufgenommen, weil hier M ystik und E rotik in zu engem Zusammen- hang stehen; nicht etw a deshalb, weil dieses Erlebnis weniger bedeu- tungsvoll fü r ihn gewesen w äre.8 U nd w ir dürfen uns wohl der A n- sicht F. Stepuns anschließen, der in der Tatsache, d a ß noch der reife 17 2 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access 000 4 6 9 7 9 M ann dieses Erlebnis niederschrieb, ein Zeichen fü r die besondere Be- deutung dieser Begegnung sieht. Die dritte Vision dieser A rt (im Gedicht die zweite) sollte dem jungen M ann wenige Ja h re später in London zuteil werden. Im Früh- jah r 1875 h atte er die U niversität gebeten, ihm eine einjährige Aus- landsmission zu bewilligen, da er beabsichtigte, im Britischen Mu- seum indische, gnostisthe und mittelalterliche Philosophie zu studie- ren.4 Nach erhaltener Erlaubnis verließ er R u ßland. D ie Vergegen- w ärtigung der besonderen U m stände dieser spirituellen Reise vermö- gen vielleicht dazu beizutragen, die H erk u n ft seines philosophischen Systems zu erhellen. London zog ihn besonders an, er arbeitete den ganzen Tag über in der Bibliothek des Britischen Museums, das er fü r ״ ideal in allen H insichten“ erklärte.5 Am A bend pflegte er spiri- tistischen Sitzungen beizuwohnen, die ihn jedoch enttäuschten, so daß er bald die H offnung verlor, im Spiritismus eine G rundlage fü r seine Philosophie zu finden.® D a Solov’ev eine M etaphysik erstrebte, die sich nicht auf rein theoretische Erkenntnis gründet, brachte ihn diese Enttäuschung dazu, nach anderen M itteln zu suchen, um das Geistige im M ateriellen zu verwirklichen.7 In jenem Gedicht ״D rei Begegnungen״ , das ein wertvolles D oku- ment im Hinblick auf seinen A ufenthalt in London u n d Ä gypten ist, spricht er von den köstlichen sechs M onaten, die er im Britischen Mu- seum verbrachte. Seine Studien w aren völlig derjenigen gewidmet, die ihm schon zweim al erschienen w ar. Wie er selbst sagt, deuteten ihm geheimnisvolle Mächte dasjenige an, was er über sie lesen sollte. Im H erbst des Jahres 1875 bittet er sie, sich ihm wie ehemals zu offen- baren; und sie gew ährt ihm die Bitte. Alles ist azur-gülden erfüllt, Wieder strah lt sie vor mir, Ih r einziges A ntlitz, allein ihr gehörig.8 Einem Londoner Freund Solov’evs ist es zu danken, d aß w ir N ä- heres über die Studien im Britischen Museum wissen. Dieser Freund, Ianjouil, fragte eines Tages unseren Philosophen, nachdem e r ihn stundenlang vertieft gesehen hatte in ein kabbalistisches Buch, das m it bemerkenswerten Bildern versehen w ar, weshalb er im m er ein und dasselbe Buch lese. Solov’ev h atte ihm hierauf geantw ortet: Es ״ ist sehr interessant, in jeder Zeile dieses Buches ist m ehr Geist als in 18 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access 000 4 6 9 7 9 d e r ganzen europäischen Wissensdiaft. Ich bin sehr glücklich, daß ich diese Ausgabe gefunden habe.“9 Einem V orw ort, das Solov’ev etw a zw anzig Jah re später (1896) zu einem A rtikel über die K abbala geschrieben hat, können w ir ent- nehmen, daß er in der K ab b ala ein D enkm al erblickte, das nodi das G epräge einer alten hebräischen Überlieferung trage, ein Denkmal, das im Besitz gewisser biblischer W ahrheiten sei. O ffenbar zog ihn dabei besonders die Lehre über die Einheit von Form und Inhalt an. W enn fü r die Griechen der Dualismus der intelligiblen W elt und der W elt der Erscheinung sich als unüberbrückbar erwies, so zeigte sich, d aß es in der kabbalistischen Spekulation diesen Dualismus nicht gab, insofern nämlich als in der M aterie n u r die letzte Verwirklichung oder V erkörperung des wahren Wesens gesehen wurde. U nd wenn die Grie- chen den Übergang von der intelligiblen W elt z u r W elt der Erschei- nung als E ntw ürdigung ansahen, so gewann in der K abbala hingegen dieser Übergang einen positiven Sinn, indem in eben diesem Übergang die vollkom m ene V erkörperung der W ahrheit erblickt wurde. D a- durch gewinne die menschliche G estalt (Form) eine absolute universale G estalt (Form). Diese biblische W ahrheit aber, die ganz im Gegensatz z u r griechischen Philosophie stehe, habe der Apostel Paulus in die christliche W elt übernommen. Solov’ev fügt abschließend hinzu: ״ Die Einheit von allem, was existiert, sofern es die V erkörperung eines einzigen und absoluten Inhaltes ist, ist der Ausgangspunkt und das grundlegende Prinzip der K abbala, ein bew ußter und systematischer A nthropom orphism us ist ihre V ollendung.“ 10 Nach D. Strćm ooukhoff ist es wahrscheinlich, daß dies dieselben Ideen sind, von denen Solov’ev schon in London tief beeindruckt w ar und die sein Interesse für die kabbalistische Philosophie weckten. Von hier aus lasse sich verstehen, wie sich bei ihm die Synthese von Ver- nunft und O ffenbarung vollzogen h a t.11 Bis zu seiner Londoner Reise hatte Solov’ev sich geweigert, das weibliche P rinzip als positives P rin zip aufzufassen, denn er w ar der Ansicht gewesen, daß diese Auffassung von den israelitischen Prophe- ten bekäm pft worden sei. Nachdem er aber das weibliche Prinzip als positives Prinzip in den Büchern Salomos in jüdisch-theosophischer Interpretation gefunden hatte, scheute er sich nicht mehr, es ebenfalls als positives Prinzip anzunehm en; um so mehr, als ihm das weibliche Prinzip als strahlende Vision erschienen war. D ie Vision im Britischen 19 Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access Museum scheine, wie D . Strém ooukhoff ausführt, seine dortigen For- schungen gekrönt zu haben und sie sozusagen zu legitimieren. Es sei nicht schwer, in der Solov’evschen Vision die G estalt der Sophia tou Theou der salomonischen Sprichw örter zu erkennen, in denen, wie bekannt, die Weisheit personifiziert w erde.12 D an k seinen kabbalistischen Studien w ird Solov’ev schließlich zu einem t h e o s o p h i s c h e n System geführt, das sehr ähnlich seiner D arstellung von der K abbala ist. E r steht somit in der esoterischen T radition, die von M. E. D erm engham als ״ occidentale“ bezeichnet w ird ; diese T rad ition ״ est essentiellement la C abale judéo-chrétienne“ , die der T radition des buddhistischen Orients entgegengesetzt ist.13 D er Vision im Britischen Museum sollte sehr bald eine w eitere fol- gen. Es verlangte Solov’ev danach, das visionäre Frauenbildnis ganz zu sehen. U n d nachdem er einen inneren R u f vernommen hatte, un- ternahm er eine geheime Reise nach Ä gypten. E r beschreibt dieses E r- lebnis in den ״D rei Begegnungen“ und in anderen Versen. Zunächst h ält er sich in K airo auf, w o ihm der mysteriöse Befehl zuteil w ird, sich nach Theben zu begeben. In langschößigem Gehrock und im Z ylinder macht er sich auf den Weg, w ird jedoch von Beduinen, die ihn für Schaitan, — den Teufel in Person — halten, überfallen und in der Wüste liegen gelassen. E r verbringt eine N acht unter dem Ster- nenhimmel und spürt sich am anderen M orgen beim Erwachen von Rosenduft umgeben: wieder erscheint ihm die Vision der überirdisch schönen Frau, seiner ״ ewigen G efäh rtin “ . Aus ihren Augen strö m t das Licht des ersten Schöpfungstages; doch ist die Welt, deren E n t- stehung unser Philosoph in visionärer Schau erlebt, nicht diejenige, von der die Genesis berichtet: ihr fehlen Zeit und Raum. ״M it einem einzigen Blick um fängt Solov’ev, was w ar und ist und kommen w ird. In einer A rt mystischer Allvereinigung erschaut er das blaue M eer, die fernen Flüsse, die W älder und die Schneegipfel der Berge. All das lebt m it- und ineinander in einer seligen U m arm u n g als Ganzes und Grenzenloses. — Diese kosmisch-mystische Einheit der U rla n d sd iaft ist aber nicht als eine A rt Panoram a zu verstehen, welches die heilige Sophia ihrem auserwählten Freund zeigt, sondern als die S e e l e d e r W e l t in G estalt einer vollkom m enen fraulichen Schönheit. — Nach einem Augenblick, der vielleicht eine Ew igkeit dauerte, erlosch die Vision und verschwand. U ber die W üste legte sich lautlose Stille. Aber in seiner Seele hörte Solov’ev den Glockenklang der frohen Bot- Edith Klum - 9783954793853 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 06:18:35AM via free access