Slavistische Beiträge ∙ Band 145 (eBook - Digi20-Retro) Verlag Otto Sagner München ∙ Berlin ∙ Washington D .C. Digitalisiert im Rahmen der Kooperation mit dem DFG- Projekt „Digi20“ der Bayerischen Staatsbibliothek, München. OCR-Bearbeitung und Erstellung des eBooks durch den Verlag Otto Sagner: http://verlag.kubon-sagner.de © bei Verlag Otto Sagner. Eine Verwertung oder Weitergabe der Texte und Abbildungen, insbesondere durch Vervielfältigung, ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlages unzulässig. «Verlag Otto Sagner» ist ein Imprint der Kubon & Sagner GmbH. Jörg Ebding Tendenzen der Entwicklung des sowjetischen satirischen Romans 1919-1931 Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access S l a v i s t i c h e B e i t r ä g e BEGRÜNDET VON ALOIS SCHMAUS HERAUSGEGEBEN VON JOHANNES HOLTHUSEN • HEINRICH KUNSTMANN PETER REHDER JOSEF SCHRENK REDAKTION PETER REHDER Band 145 VERLAG OTTO SAGNER MÜNCHEN Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 JÖRG EBDING TENDENZEN DER ENTWICKLUNG DES SOWJETISCHEN SATIRISCHEN ROMANS (1919 - 1931) VERLAG OTTO SAGNER • MÜNCHEN 1981 Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 ISBN 3-87690-194-4 Copyright by Verlag Otto Sagner, München 1981 Abteilung der Firma Kubon & Sagner, München Druck: Alexander Grossmann Fäustlestr. 1, D -8 0 0 0 München 2 Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access INHALT ERSTER TEIL : VORAUSSETZUNGEN 1.1. Zur Forschungssituation 1 1.2. Intention 3 1.3. Vorgehen 3 1.4. Gegenstandseinengung 5 1.5. Der sowjetische Satire-Begriff 7 Ja.El'sberg : 'Voprosy teorii satiry1 1.6. Beschreibungskategorien 12 ♦ ZWEITER TEIL : SATIRE DES AUßEN-BEREICHS (Kapitalismus) 2.1. Grobcharakterisierung/Grobgliederung der ,Satire des Außen-Bereichs' 19 2.2. Satire der aristokratischen Agonie 21 0.L.D'Or : 'Russkaja istorija...' 2.3. Satire der kapitalistischen Endzeit 28 V.Girsgorn i I.Keller : *Sorvanec Dzo...1 М.Когугсѵ : 'Nculovimyj vrag...1 2.3.1. Modifikations- und Ubervindungsansätze 44 V.Kataev : 'Ostrov Erendorf...1 В.Lavrenev : 'KruVenie Respubliki Itl' * 2.4. Satire der bourgeois-faschistischen Fratze 50 S.Beljaev : *Kak Ivan Ivanycf ot bol*sevikov begal' 1.Zlobin : 'Zemlja v pautine...' L.Nikulin : 'Prodavcy tajn' P.Suchotin : ,ViVni dlja kompota* A.S18ко : 'Gospodin Antichrist' A.STsko : 'Konec zdravogog soysla...* 2.4.1. Modifikations־ und Ubervindungsansatz 69 V.Ivanov : 'Cudesnye pochozdenija portnogo Fokina' DRITTER TEIL : SONDERFALL ERENBURG - DESORIENTIERTE SATIRISCHE REVUE 3.1. I.Erenburg : 'Chulio Churenito...1 87 3.2. V.Kataevs Anti-Êrenburg-Polemik : ,Ostrov Êrendorf..' 99 3.3. I.Erenburg : 'Trést D.E. ...101 י 3.4. I.Erenburg : 'Lazik Rojtsvanec...1 104 ״ Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access VIERTER TEIL : SATIRE DES BINNEN - BEREICHS (EIGENER SOZIAL-HAÜSHALT) 4.1• Grobcharakterisierung/Grobgliederung der 1Satire des Binnen-Bereichs1 107 4.2. Satire des Sumpfes 111 A.Buchov : 'lstorija trech svjatych...י I.Luk&sin : *Gorod Perepljuj...1 N.Nikitin : *0 byvsem kupce Cbropove...' Ju.Slezkin : ,Közel v ogorode...* 4.3. Exkurs : Antiklerikale Satire 161 A.Buchov : ,Istorija trech svjatych...1 (Dritter Teil) 4.4. NÖP - und Apparatschik-Satire 167 Ju.Berzin : 1Ford...1 L.Grabar' : *Lachudrin pereulok...* 4.5. Intellektuellen-Satir«» 194 S.Zajaickij : 1 'Źizneopisanie Stepana Aleksandrovica...1 FÜNFTER TEIL : SATIRE DES INNEN ־ BEREICHS (EIGENER BEWU:TSEINS-HAUSHALT) 5.1. Satire der Ideal-Zerstörung 205 A.Tolstoj : 'lbikus...' V. Kataev : 1Rastratciki...1 5.2. Satire der Ideologie-Zerstörung 214 M.Barkanov : ,Povest* o tom как pomirilsja...* SECHSTER TEIL : SATIRISCHE TOTALISIERUNG . DIE ROMANE VON I.IL'F UND E.PETROV 6.1. I.ll'f i E.Petrov : *Dvenadcat1 stul'ev' 227 6.2. I.ll'f i E.Petrov : 'Zolotoj telenok* 235 + Überlegungen zum ,Positiven in der Satire* 247 + Zusammenfassung.Schlußbemerkung 250 + Anmerkungen.Zitatnachweise.Originalzitate 260 + Literaturverzeichnis 288 +++ +♦+ Anmerkungen : l)Alle Etiketten wie 'Satire der kapitalistischen Endzeit* etc. stammen vom Verfasser 2)Die vollständigen russischen Titel der bearbeiteten Primärtexte sind dem Literaturverzeichnis zu entneh- men.In den Analysen werden die Titel übersetzt gegeben; und dies bei ihrem ersten Auftreten voilständig,im weiteren Verlauf meist abgekürzt. Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 - 1 - Erster Teil: Voraussetz ung en 1,1♦ Zur Forschungss it uat ion Im Jahre 196!? legte A. V u l i s 1^ die erste und bislang einzige der Entwicklung des sowjetischen satirischen Romans gewidmete Mono- graphie vor. ln dieser Arbeit charakterisiert A. Vulis die dama- lige For schungssituation folgendermaßen: 1 1 der sowjetische satiri- sehe Roman ist bis auf den heutigen Tag das wohl am wenigsten er- 2 ) v forschte Gebiet unserer Literatur" • Daran habe auch L. Ersovs fünf Jahre zuvor publizierte Arbeit ,Die sowjetische satirische 3) Prosa der 20-er Jahre* wenig geändert: **Der Autor bringt eine Reihe vergessener Nam en und Titel ins wissenschaftliche Gespräch und bemüht sich, das enorme Faktenmaterial zu systematisieren und zu analysieren« L. ErSovs Buch ist der flüchtige Beginn eines Gesprächs, das lange vor seinem Ersc hei nen in aller Ausführlich- 4) keit hätte geführt werd en müssen** • Dem bleibt nur hinzuzufügen: auch A. Vul is hat zu einer *Vertie- fung' des *Gesprächs* über die Entwicklung des sowjetischen satir sehen Romans kaum b e i g e t r a g e n ^ . Auch A« Vul is hat aber durch ei- ne beträchtliche Erw eiterung der Mate rialbasis einen überaus wichtigen Beitrag zur wiss en sch aftliche n Darstellung der Ge- schichte des sowjetischen satirischen Romans geleistet: ohne die (weit über das von Ersov, Ozmitel' und anderen Gebotene hinaus- gehende) Fülle an (freilich völlig u ns ys tem ati sch über die ganze Arbeit verstreuten) Hin we is en auf sonst nirgendwo erwähnte Satiri ker und satirische Romane des zu un te rs uche nde n Zeitraums wä r e die hier vorliegende Arbeit, die sich erstmals um eine systemati- sehe, methodisch reflektierte Bewältigung des *enormen Faktenma- terials* zur Geschichte des sowjetischen satirischen Romans be- müht, keinesfalls mög lic h gewesen! + Die Ausgangssituation dieser Arbeit also: eine quantitativ über- aus bescheidene, qualitativ bed enkliche Lit e ra tu r zur Geschichte des sowjetischen satirischen Romans einerseits ־ ein wahrhaft Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 1e n o r m e s 1 (nämlich Dutzende von Pr im är -Tit el n umfassendes) ,Fak- t e n m a t e r i a l 1 andererseits. Die B ew älti gu ng dieser Materialfülle ma chte eine eindeutige G ew icht un gs en tsche id un g erforderlich: auf einen Bericht über die den sowjetischen sa tirischen Roman tangie- ren de F o r s c h u n g wird ebenso verzichtet wie (weitestgehend) auf die Eina rbeitu ng von Meinungen aus Krit ik und Literaturgeschichts- Schreibun g in die eigenen Analysen. Sowohl ein Forschungsbericht als auch die durchgehende Pr äs en ti erung von Meinungen zu bestimm- t e n Autoren und Texten wär en n ur dann sinnvoll (und nicht nur ei- ne - me t h o d i s c h fragwürdige und viel Ra u m beanspruc hen de - lite- r a t u r w i s sensc ha ft li che Pflichtübung), wenn sie in eine eingehende Darst e l l u n g der jahrzehntelangen sowj etisch en Sat ire-Diskussion eingebettet wären. In die detaillierte Da rstellu ng einer Satire- Diskus si on nämlich, die sich hä uf ig mit der Frage befaßte, ob die von Klas se nantagon ism en (angeblich) freie sozialistische Gesell- schaft die Satire überhaupt noch be nöt i g e und die diese Frage (sofern sie - V. Bljum, 1Theorie der Konfliktlosigkeit' s.u. - die Satire nich t pauschal ablehnte) fast durchgeh end mit norma- tiven Fe stleg u n g e n (mögliche Angriffsobjekte, kausale Begr ün dun g g e s e l l s c h a f t l i c h e r Negativität, Nac hw e i s von Mö gl ic hke iten zur Bewältig un g dieser Negativität, figurale oder arg umentative Ein- arbeitun g des *P o s i t i v e n 1) beantwortete. Und nur eine Dars te llu ng schließlich, die auch das pers önl iche und professionelle Schick- sai vieler sowjetischer S a t i r i k e r ^ u n d sich mit Satire befassen- der Kritiker und Wis se ns ch aftl er (für beide Gru pp en hat sich Sa- tire häu fig als existentie ll er oder zumindest pro fe ssi on el le r * S c h l e u d e r s i t z 1 erwiesen) mite i n b e z i e h e n würde, wäre dazu ange- tan, die Beurteilungsunsiche rhe it en, die o f f en si ch tlich en Fehl- urteile, das ko nt in uie rliche Po ch en auf No rm en etc., die die Ar- b e i t e n aller sowjetischen S a t i r e t h e or et ik er und Sat ire hi st orike r charakterisieren, nicht einfach p o l e m i s c h abzufertigen - sie viel• m eh r (diachronisch differenzierend) z u r ü ck zu führe n auf Spezifika der Literaturpolitik, der Ideologiediskussion, der Wi ss en sc haft s- politik, der Edit io ns po litik in der Sowjetunion. Eine derartige Darstel lun g aber könnte nicht mehr den Ran g von P r ä l i mina ri en zum ,eigentlichen' Geg ens ta nd haben; eine derartige Dar ste ll un g wäre Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 (wollte sie sich nicht auf oberflächliches Generalisieren und Pa us ch al ier en beschranken!) vielmehr nur im Rahmen einer umfang- re iche n Monographie zur Gesc hich te (nicht des sowjetischen sati- ri sche n Romans, sondern) der sowjetischen Sat ire-Diskussion zu leisten• Letztere ist aber nicht 1e i g e n t l i c h e r 1 Gegenstand d i e s e r Arbeit• + 1.2. Intention Zentrale Intention dieser Untersuchung ist viel me hr die Herausar- beit ung der Entwi ckl ung des sowjetischen satirischen Romans von 1 9 1 9 bis І 9 ЗІ» vom ersten feststellbaren Text also bis zum 1Gol- denen Kälbchen' von I.Il'f und E• Petrov, das eine der Gipfel- lejstungen des sowjetischen satirischen Romans darstellt u n d zu- gleich w ei te stg ehe nd den (vorläufigen) Schlußpunkt seiner Ent- Wicklung markiert• Die Ent wicklu ng sten de nz en werden hierbei prio rit är verdeutlicht an den Veränderungen, denen der Bestand an An gr if fsob jek ten und die Konstitution dieser Angr iff sobjekte wä hr en d dieses Zeitraums un terworfen waren, sowie am Wand el der zu interpolierende n kommu- nikativen Fu nkt ione n des sowjetischen satirischen Romans der ,zwanziger Jahre'• 1.3« Vorgehen Alle Textanalysen we rden vo rge nommen nach e i n e m Beschrei- bungsmodell, nach e i n e m unten vo rz us tel lenden Katalog von Beschreibungskategorien• Dies er Katalog lehnt sich an an den zu diesem Zweck (!) kur z in seinen wich tig sten Positionen unkri- tisch referierten sowj etisch en Sat irebegriff und nimmt implizit einige ergänzende satiretheoret isc he Überlegun gen mit herein• Dieser Katalog von Be sc hr eibun gs ka te gorie n ist keine (etwa dem zuvor vorg est ellten sowjetischen Satirebegriff opponierte) Satire- theorie; er soll auch keine Kriterien für die qualitative Beur- teilung sati rischer Texte zur Verf ügun g stellen! Dieser Katalog von Be sch reib un gs ka tegor ie n wir d vielmehr als geeigneter Frage- ־ 3 - Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access ho ri z o n t zur B e a r b e i t u n g von Texten sozialistischer Satire er- achtet. A l l e r d i n g s we rd en es die nach Maßgabe dieses Fragehori- zonts g e w o n n e n e n Analyse-Erg ebni sse ermöglichen, eine der tun- s tr it t e n s t e n F r a g e n der sowjetischen Satiredisk uss ion - die nach d e m ,P o s i t i v e n in der Satire* - einer kommunik ati onst he or et isc he n B e a n t w o r t u n g zu mi ndes t anzunähern (während diese Frage von sowje- ti sc he n S a t i r e - *T h e o r e t i k e r n 1 in aller Regel durch rezeptionspsy- c ho l o g i s c h u n r e f l e k t i e r t e No rm -S etz ung en liquidiert wird). Ohne selbst eine Th e o r i e zu sein, wird dieser Fragehorizont also theo- reti sch e K o n s e q u e n z e n haben. Die se Arb ei t en ts tand in zwei Phasen. In einer ersten Phase wurde versucht, die E n t w i c k l u n g des sowjetischen satirischen Roman s von 1 9 1 9 1 9 3 1 ־ anhand derjenigen Texte darzustellen, die in westdeut- sehen B i b l i o t h e k e n zugänglich sind; anhand also der *Klassiker* des sowje ti s c h e n sat irischen Romans (I. Erenburg, V. Kataev, В. Lavrenev, I. Il*f u n d E. Petrov): eine (mit etwa zehn Titeln) noch ü b e r s i c h t l i c h e M a t e r ia lb asis - rela tiv eingehende Ei nz el analysen schienen n o c h m ö g l i c h u n d sinnvoll. Ein völlig ve rändertes Bild ergab sich w ä h r e n d eines Ar beitsaufenthaltes in der Sowjetunion, der die u r s p r ü n g l i c h e Materialbasis um ein Vi elf ac he s erw eitert e u n d w ä h r e n d de ssen in der Kiewer Bib liot he k der Akademie der W i s s e n s c h a f t e n der USS R und in der Mos kau er L e n i n - B i b l i o t h e k eine große Zahl v o n T e x t e n zugänglich wurde, die in bish eri gen Darstel- lungen der S o w j e t l i t e r a t u r keine Erwäh nu ng oder gar Be sc hr eibu ng fanden. E i n sich an E i n z e l a n a l y s e n orientierender Da rstellu ngs modus war mit dieser u n v o r h e r g e s e h e n e n Ma teria l- Ex pl osion selbstverständ- lieh h i n f ä l l i g geworden. Statt dessen wird nun die gesamte ermit- telte und zug ä n g l i c h gewordene Pr odu ktio n an sat irischen Ro ma ne n der 'Zwanziger Jahre' einer doppelten Gl i e d e r u n g unterzogen. Näm- lieh erste ns ein er Gr ob glieder ung nac h Maßgabe der Wirk li ch ke its- bereiche, d enen die satirischen Dars tel lu ng so bjek te kor re li ert sind (wobei der sow je ti sc he Leser der 20-er Jahre die Zuo rd nu ng s- pe rs pe kt ive l i e f e r t ) : Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 - 5 - I Außen-Bereich (der Zeit, des Rau ms und der Zeit, des R a u m s ) II Binnen-Bereich (des eigenen Soz ial haushalt es) III Innen-Bereich (des eigenen Bewußt sei nshausha lte s) Die Verd eutlic hun g dieser Etiketten (I-III) wi r d 'vor O r t 1, im R a h m e n der Textbeschre ibu ngen erfolgen• Diese Großgruppen ( 1Satire des A u ß e n - B e r e i c h s 1, *Satire des Bin- nen-Bereichs* etc•) werden zweitens einer F e i n glied er un g unterzo- gen; diese Feingliederung faßt Texte mit g em einsa me n Darstellungs- Objekten, gemeinsamen Konstitutionsverfahren, gemeinsamen копти- nikativen Funktionen etc• zu Untergrup pen zusammen, die in Abhän- gigkeit vom Klischierun gsgrad der Texte u n d der Anzahl der je- weils eine Untergruppe bildenden Romane als ' P a r a d i g m e n 1, als *typologische Erscheinungsformen' da rg es tellt we rd en - oder aber als Einzeltexte, die sich entweder um Überwindung, Modifik ati on etc• bestehender Paradigmen etc• be m ü h e n ode r aber gänzlich iso- liert stehen• In keinem einzigen Fall w i r d eine 'exemplarische' Darstellung vorgenommen, die einen E i nz el text *stellvertretend* für eine Vielzahl von Texten präsentiert• Also z.B. I JjSatire Außen-Berei_chs^_ - 1• typologische Erscheinun gsfo rm: 'Satire der aristo- kratischen A g o n i e ' - 1* Paradigma: 'Satire der k a p i t a l i s t i s c h e n E n d z e i t ' - Ver suche der Über windung des ers ten Paradigmas - 2• Paradigma: 'Satire der bou rg eo i s - f a s c h i s t i s c h e n F r a t z e ' - Ver suc h der Übe rwindung des zw ei te n Par adi gmas 1.4• Gegenstands ei nen gung 'Tendenzen der Ent wicklung des s o w j e t i s c h e n s a - t i r i s c h e n R o m a n s ' : Was w i r d in die ser Arbeit un- ter 'sowjetischem (1) satirischem (2) R o m a n ( 3 ) 1 verstanden? m.a.W•: Welche Texte werden als di esem Genr e zuschlagbar erach- tet, welche werden als sich nicht auf das U nt er su chung sf el d die- ser Arbeit erstreckend angesehen und fol glich nicht berücksich- tigt? Diese Fragen seien hier sehr la p i d a r geklärt• Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access ad 1): Grun ds ätz lich werden nur Texte vorgestellt, die zumindest einmal in der Sowjetunion erschienen sind: Emigrantenliteratur (ob *antisowjetisch' oder nicht) bleibt also ausgeklammert• ad 2): Des wei te ren konzentriert sich die Arbeit auf Texte, die ohne weiteres als 'satirisch* apostrophiert werde n können, die vo n ihren Autoren als *Satiren* gekennzeichnet wurden, bezüglich deren 1S a t ire 1- Spezifik in wissenschaf tlicher Literatur und Kri- tik Konsens herrscht: Romane, die zwar unbe str eitbar 'satirische Elemente' aufweisen, in denen das 'Satirische' aber nicht den gesamten Text charakterisierendes Konstitutionsmerkmal ist, blei- ben also aus ge klammert (z.B. die Romane Ju• O l e s a s ) . ad 3): Sc hließli ch ist in aller Kürze und ohne jede theoretische P r äte nt io n zu klären, welche Texte aus dem unü ber sehbaren Bestand an satirischen 'Gro ße rzählung en1 dem 'satirischen R o m a n ' zu- geschlag en werden• Auch hier kommen ver schiedene Kriterien zur Geltung: alle (verfügbaren) Texte, denen ihre Autoren den Unter- titel ,sat irischer Roman* gaben, werden berücksichtigt (auch wenn manche dieser 'satirischen Romane' nur 50 Druckseiten aufweisen); desgl e i c h e n alle Texte, die Forschung und Kritik weitgehend ein- mü tig als 'satirische Romane' klassifizieren; und schließlich w er de n aus der enormen Produktion an 'satirischen povesti' (die oft w e se nt lich um fang re ic he r als die 'satirischen Romane' sind) jene als 'satirische Romane' 'akzeptiert*, die als Einzeldrucke in Buc hform erschienen• (Dieses letzte Krit erium verfolgt ledig- lieh die Intention einer Materialeinengung: zum einen wir d sich unten heraussteilen, daß - zumindest für den unt er su chte n Zeit- r a u m - eine starre Scheidung zwischen 'satirischem Roman* und 'satirischer p o v e s t '1 nicht durc hf ühr bar ist; und zum anderen sind auch viele der vorgestellt en 'satirischen Romane' zuerst in Z e i t s c h r i f t e n erschienen)• Grund sät zlich nicht berührt wer den hin gegen Satiren, die zweifelsfrei anderen sati ris chen Genres zuzu- ordnen sind (satirisches Feuilleton, satirische Fabel, satirische Ku r z e rz äh lung etc•): deren (bei Vuli s gang und gäbe) Subsumtion unt er den ,sowj et isc hen satirischen Roman' ergäbe (s.u. unter 'B ü r o k r a t e n - S a t ire *) ein völlig verzer rte s Bild (zwar nicht der Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 1E n t w i c k l u n g de r s o w j e t i s c h e n S a t i r e ״ - a be r doch) d e r *Ent- wicklung des sowjetischen satirischen Romans'• + + + 1.5« Der sowjetische Satire-Begriff Mit seiner 1957 erschienenen Satiretheorie ('Fragen der Theorie \ • 7 ) der Satire') leistete Ja• El'sberg den bislang wichtigsten Beitrag zur sowjetischen Satiretheorie; die Bedeutung dieser Arbeit resultiert einerseits daraus, daß sie die russische und sowjetische Satirediskussion aufarbeitet, andererseits daraus, daß sie sich d ar um bemüht, einen Schlußstrich zu ziehen unter die seit 1929 nicht aussetzenden Versuche, der Satire ein Hei- matrecht in der sowjetischen Literatur abzusprechen• • El'sberg definiert die Satire als '*spezifisches ideell-künstle- о \ risches Pri nz ip der Darstellung der W i r k l i c h k e i t 1 1 , das eine spezifische Relation Wirklich ke it : Te xt :L es er herstellt u n d zu deren Re al is ie ru ng spezifische Darstellungsverfahren und Konsti- t ut io ns pr in z ip ie n e insetz t • I n h a i t i i c h wird die Satire charakterisiert durch die Auswahlstrategie, die sie bezüglich der darzustellenden Wirklich- keit verfolgt: aus einer komplexeren gesellscha ftlich en Realität isoliert sie fast ausschließlich negative Erscheinungen, zeigt 9) sie "wie u n t e r einem Vergrößerungsglas** • Ihre I n t e n t i o n ist Decouvrierung, Verspottung, Verla- chung eben dieser negativen - oft als positiv maskierten - Er- scheinungen; ihre Angriffsobjekte sind generell solche Erschei- nungen, die der Entwicklung einer gegebenen Gesellschaft zu dem dem Satiriker vo rs chwebenden gesells çh a ftlichen Ideal im Wege stehen und deren Überwindung die Satire verfolgt. Hieraus - d.h. aus der Decouvrierungs- und Ag g re ssionsintention der Satire - resultiert ihre Strategie, resultierei ihre zentra- len D a r s t e l l u n g s - P r i n z i p i e n : Humor, Ironie und ins- besondere K o m i k 1 0 ^; deren Funktion ist aber nicht nur in der I « Entlarvung des den Rezipienten bedrohenden gesellschaftlichen ־ 7 ־ Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 Negativen zu sehen (d.h. in der Herstellung eines Problembewußt- ' seins), sondern auch darin, ihm ein Superioritätsbewußtsein ge— genüber dieser Bedrohung zu vermitteln, ihm das Bewußtsein sie meistern zu können zu suggerieren; d.h. aber letztlich: ihn zu ihrer Überwindung zu aktivieren. Näher bestimmt sich dieses als satirisches Angriffsziel ausgewie- sene gesellschaftliche Negative durch die ״Qualität des Komischen', • w .״4 dessen Basisdefinition El *sberg von Cernysevskij übernimmt: Das Komische ist "innere Leere und Nichtigkeit, die sich unter einem Äußeren verbergen, das Anspruch auf Gehalt und echte Bedeutung erhebt"**^ - es resultiert also aus der Nichtübereinstimmung von Idee und Form, Schein und Sein, Anspruch und Einlösungsvermögen• Das so beschriebene Komische ist aber nur sekundär ästhetische Qualität; primär ist es objektive "Qualität bestimmter gesell- schaftlicher Erscheinungen und historischer Personen, die jenen 1 2 ) objektiv aufgrund historischer Ursachen eignet" - un d nur die- ses im soziohistorischen Raum vorfindliche Komische ist für die satirische Darstellung relevant• Zur Beantwortung der Frage, wann negative soziohistorisehe Er- scheinungen objektiv komisch, wann objektiv tragisch seien, bie- tet E l ״sberg zwei sehr verschiedene Kriterien an: zum einen das Selbstverständnis der Träger des Negativen. (Dieses Selbstver- ständnis sei in der Feudalgesellschaft mit ihrem festgefügten Wertesystem intakt gewesen - in ihr v o r f indiicher gesellschaft- licher Negativität müsse also die objektive Qualität 'tragisch1 zugewiesen werden; in der spätbürgerlichen Gesellschaft hingegen schützten die Träger des gesellschaftlich Negativen ein intaktes Selbstverständnis nur mehr vor - sie seien folglich objektiv 'komisch')• Als zweites Kriterium dient El'sberg die erwiesene "Machtlosigkeit (der Träger des Negativen j.e.) vor dem Antlitz 13) des historischen Prozesses" - dieses Kriterium weist Hitler (im Gegensatz etwa zu Ds ch in gischan) als 'komische' 'historische Person' aus. + - 8 - Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 Dieses iiberhistorische Satireverständnis erfährt für die Belange der sowjetischen Satire Präzisierung un d Modifikationen, die im Ergebnis bei El' sbe rg freilich eher N o r m e n für eine künftige sow- jetische Sati reprod ukt ion aufstellen, als aus der Analyse der vorlieg en de n Prod uktion gewonnene Ch ar akt e r i s t i k a darstellen• A ng ri ffsobjekte der sowjetischen Satire: ihre "Spitze muß gegen alle wie auch immer gearteten büro kratisch en Entartungserschei- nungen, gegen Gleichgültigke it gegenüber den Interessen der Werk- tätigen, gegen Unte rdrückung der Kritik, gege n V er st öß e gegen die sozialistische Gesetzlichkeit und andere F o l g e n des Personenkult 14 ) tes gerichtet sein" • Ihr Hauptziel ist der Bürokrat als Repra- sentant einer gesellschaftlichen Gruppe, die aus einem grundle- gend nega tiv en gesellschaftlichen System neg at ive Arbeitsgewohn- h e i t e n in eine grundlegend positive Gesel ls c h a f t verschleppte und so im V e r e i n mit der gleichfalls aus der Vergangenheit oder den kap ita li st is chen Ländern *i mp or ti erte n1 Gruppe der Karrieri- sten, Magnaten, Kriecher, Spießer, Raffer, Gecken, Dandys etc. die endgültige Aus formung des soz ial istischen ge sells ch af tl ichen Ideals behindert. D.h. aber: die sow jetische Satire zielt wese nt - lieh nicht auf von der sozialistischen Ge sells ch af t pr oduzi ert es Negatives, nicht auf Decouvrierung und Ü b e r w i n d u n g von Struktur- schwächen die ser Gesellschaft, vielmehr auf die *Überbleibsel' C p er ež itki ') einer bereits übe rwundenen Gesellschaftsordnung: der 'perezitok' ist die Zentralkategorie des sowjetischen Sati- r e b e g r i f f s ! Na c h diesen von gesellschaftlichen G r u p p e n repräsentier- ten oder an bestim mte Gruppen und s o z i a l e T y p e n * gebundenen A ng ri ff szi elen nennt El' sb erg die "Überbleibsel der alten Welt des Priv atbe sit zes im B e w u ß t s e i n der Men- s c h e n " ^ ^ sowie die 1 1 bürgerliche Ideologie in den ka pi talisti- sehen Ländern s e l b s t " 1^ Aber - geändert gegenüber der v o r r e v o lu ti onäre n Gesellschaft ha- ben sich n ic ht nur die negativen Er s c h e i n u n g e n selbst, g e ä n d e r t hat sich v o r allem auch ihr objektiver Charakter: wä hr en d die 'Ausbeutergesellschaft' den Menschen (und zwar Unterdrüc kte n wie ־ 9 ־ Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 Unterdrücker) durch objektive Strukturfehler dieser Gesellschaft pe rv er t i e r t e - subj ektives Fehl ver halten und objektive Bedingt- h e i t dieses F e h l v e r h a l t e n s also kein Schuldbewu ßtsein aufkommen ließen, muß in der n a c h r e vo lu ti onäre n Satire gerade die person- liche V e r a n t w o r t l i c h k e i t des die N o r m Verl et z e n d e n herausgearbei- tet werden• Diese Ä n d e r u n g des ,objekti ve n Charakters* des N e g at iven wirkt sic h in sb es on dere auf die Fig ure n-Typisi erung sv er f ah re n der sow- jet is che n Satire aus• Generell ist die satirische Figur konsti- tuiert als auf stär kere Individualisierung ve rz ic hte nder ,merk- m a l h a l t i g e r 1 ( *naricat el 'ny.j ' ) Charakter, der sich vom *typi- sehen' C h a r a k t e r durch die scharfe H e r aus ar be it ung meist nur ei- n e r neg a ti ve n D i m e n s i o n unterscheidet: er ist der *bekannte Un- bekannte', der - da in ihm das negative Allgemeine gegenüber dem i n d i v i d u a l i s i e r e n d e n Bes ond er en üb erwiegt - unmittelbar e Identi- fik ati on mit eine r Vi el z a h l 'sozialer T y p e n ' , d.h• Mens chen glei- eher (negativen) kla ss en - bzw. gru pp enspezif isc her Merkmaldomi- na n z ermöglicht. Die Satire k o n z e n t r i e r t sich auf Altes, Überlebtes; die satiri- sehe T y p i s i e r u n g un te rstre ic ht also nicht nur die (negative) E i n d i m e n s i o n a l i t ä t der satirisch generalisie rte n Trä ger des Ne- gativen, sondern auch ihre Statik und Entwicklungsunfähigkeit: sie sind ,innerlich leer' - folglich lernunfähig, unfähig, ihre *Idee* mit der ihr ina däquaten Realität in Üb er ein s t i m m u n g zu b r i n g e n • And ers als die vo rr ev ol u t i o n ä r e hat - nac h El* sb er gs Auff ass ung - die sowjetische Satire aber verstärkt die Möglichkeit, Eindimen- sionalität u n d Sta tik früh ere r sat irischer Typen dahi nge hend zu modifizieren, daß die T yp isier un g e i n e ne ga t i v e (*Über- b l e i b s e l *-)Qualität sich von einem insgesamt posi ti ven Fond ab- heben läßt - was w e i t e r h i n die Mög lich kei t eröffnet, satirische Fi gu re n zu dynamisieren, ihnen eine die Eli mi ni e r u n g dieser Ne- gat iv -Q ualitä t u n t e r dem Einfluß einer posi ti ven gesellschaft- liehen Rea li tä t b e i n h a l t e n d e Biographie zuzuschreiben• - 10 ־ Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 Daraus, daß die Existenz dieser 1posi tive n ges el lsc haft lic hen R e a l i t ä t 1 in der sowjetischen Satire nicht nur als im Erfahrungs- horizont des Re zipienten verankert gesetzt, in der Satire viel- mehr dargestellt werd en soll, resultiert die tie fgreifendste - postulierte - Mo dif ikation gegenüber der vo rr ev oluti on är en V v Satire: Für Saltyko v-S cedrin z.B. war das Positive (das gesell- schaftliche Ideal) aufgrund der fehlenden 'demokratischen und re- volutionären R e i f e 1 seiner Zeitgenossen figurai kaum darstellbar, konnte im Text also nur indirekt - als die gesteuerte Reaktion des Rezipienten auf das dargestellte Ne ga t i v e - präsent sein; die sowjetische Satire hingeg en kann dur ch aus gerade den Durch- schnittsmenschen als Pos itiv-Figur den n e g a ti ve n Figu ren opponie- ren. Mit diesem Abrücken von der Auffassung, der positive Held sei der Satire unangemessen, da er g r u n d sä tzli ch anders-als sa- tirische F ig u r e n konstituiert und der R e a l i s i e r u n g der von der « Satire ver folgten Intention hin derlich sei, gibt E l ״sberg eines der zentralen Merkmale der Satire auf: ihre das Negative isolie- rende A u s w a h l s t r a t e g i e . 19 29 artikuliert V. Bljum in einem Aufs at z in der 1Li te raturna ja gazeta' eine Meinung, die schon 1923 ־ a n l äßl ic h der Diskussion um das satirische Feuilleton - und in den f o l ge nd en Jahren wie- derholt laut wu rde und die üb e r fast dr ei ßi g Jahre nicht nur Stimme in der sowjetischen Sat ir edi sk us si on hatte, sondern sich auch bes tim mend auf die Satire-Pro duk tion auswirken und zur Folge haben sollte, daß diese Produktion ph as e n w e i s e wei tg eh end zum Stillstand kam• Unter dem Titel 'Kommt eine R en ai ssanc e der Sa- t i r e ? 1 vertritt er die Auffassung, diese W i e d e r g e b u r t werde und dürfe nicht stattfinden, denn: "das sowj eti sche V o l k braucht die Satire n i c h t A l s Begründung für diese Au f f a s s u n g - die ins- besondere im Wi der s p r u c h steht zu Majak ov s k i j s w i e d e r h o l t e r Kla- ge über den des astreusen Zustand der sow je ti sche n Satire sowie zu seinem Ruf nach dem Satiriker als "Pro kuror des Alten und Ver- 1 Q \ teidiger des Aufb aus" - führt Blj um an, unte r der Diktatur des Proletariats könne die Satire nicht existieren, da sie "ih- 19) ren Staat und ihre Gesellschaft v e r ni ch te n muß" * In den fol- - 11 - Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access Se nden Jah ren wird diese Auf fas sung - nic ht nur von Bljum selbst h ä u f i g wiederholt; und noch die 19^9 s t a t t f indende 1Allunions- k o n f e r e n z über Satire und Humor', in der Po sit io ne n der 1Theorie der K o n f l i k t l o s i g k e i t 1 dominieren, ver we is t die Satire in die V e r g an ge nh eit: in einer Gesellschaft ohne Klassenkonflikte sei Satire 1A l l c h e m i e 1 und *Ma gie 1; der S a t ir ik er setze sich folg- li e h dem Vo r w u r f der Veru nst altung u n d V e r l e u m d u n g der Wirklich- 1 , 2 0 ) ke i t aus • • W i e d e r h o l t - und diese Auffassung schlägt noch in El'sbergs Sati- r e t h e o r i e durch - wird die Meinung geäußert, Satire sei zwar nÖ- tig, m ü s s e in der Sowjetgesellschaft aber, da diese keine anta- go n i s t i s c h e n Kla ss en kenne, ein 'lächelndes, gütiges Gesicht' zeig en - d.h. aber: auf jede A n g r i f f s s c h ä r f e verzichten, das Po- sitive zur Dominanz führen. M.a.W•: die Satire müs se aufhören • 21 ) Satire zu sein! Erst Eventov ve rwe i s t diesen 'Kompromiß* des Feldes, da er richtig erkennt, daß diese r nor ma t i v wirkende Sa- t i r e b e g r i f f zu ein em guten Teil das vi el be k l a g t e Ausb leib en ei- ner sati ri schen Lit erat ur auch nac h dem S ta li nis mus bedingt. + + + 1.6. Be sc hr ei b u n g s k a t e g o r i e n 1*6.1. N e g a t i v - P o s i t i o n Die Kate go ri e 'Negativ-Position' um s c h r e i b t die beiden - zu k o r r e l i e r e n d e n u n d zu tren nenden - Ebe ne n der satirischen D a r s t e l l u n g s - O b j e k t e (i n t r a t e x t u e l l ) einerseits, der ihnen k o r r e l i e r t e n sat irischen A n gr iffs- Ob je kt e (e x t r a t e x t u e l l ) an- d e r e r s e i t s • Die No t w e n d i g k e i t der K o r r e l a t i o n von satirischen D a r s t e l l u n g s - O b j e k t e n und satirischen A n g r i f f s - O b j e k t e n bedarf keiner Er läu terung. Nicht glei ch ermaßen evident ist die Not- wendigke it ihrer T r e n n u n g : A n g r i f f s - O b j e k t e der Sa- tire sind nicht generell (wenngleich im Bereich der sowjeti- sehen Satire auch vorwiegend) im s o z i o - p o l i t i s c h e n Raum un- Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access 00061077 mitt el ba r 'personifiziert' vorfindliche Objekte (z.B. militari- sehe Gegner, Klasse nfe inde in der fremden oder eigenen Gesell- schaft, schädliche Gruppen u n d Typen in der eigenen Gesellschaft etc.) - d i e s e Angriffs-Objekte sind unmittelbar darstell- bar. Anders verhält es sich, wenn Angriffs-Objekte der Satire b ei m Rezi piente n selbst angesetzte Denkmuster sind: Denkmuster (z.B. bürg er lic he Ideologien, Vergangenheitslastige Idealkon- zeptionen) sind zwar direkt ansprechbar (benennbar), aber nicht direkt darstellbar. In diesem Pall muß der Satiriker also dem 22 ) "gesichtslos Drohende (n )1 1 Angriffs-Objekt ein Darstellungs- Objekt zuordnen, welches das den B e w u ß t s e inshaushalt des Rezi- pienten (und damit - übe r das von diesem Bewußtsein abhängige S oz ia lve rha lten des Rez ipi en te n - auch die Gesellschaft) bela- stende (bedrohende) Neg a ti ve repräsentiert. Dieser g e s t e i- g e r t e Rep rä sent an zc ha rakte r (gesteigert, denn: eine Reprä- sentanz liegt nat ürl ic h auch dann vor, wen n die Angriffs-Objekte im sozio-politischen Ber eich liegen) muß signalisiert werden (s • u . ). 1.6.1.1. Figu re n-Bes ta nd a) We lc he m gesellsc ha ftlic he n Gro ßra um (kapitalistische, soziali- stische Gesellschaft), welchen gese llschaftlichen Klassen, Gruppen (der anderen oder eigenen Gesellschaft) gehören die dar ges tellte n Figuren an? b) Ist (Im Falle: 'eigene Gesellschaft') die Klassen- bzw. Grup- penz uge hörigk eit einer Figur spezifiziert? Die Be an tw o r t u n g dieser Frage ist relevant für die Beurtei- lung 1. der Gener alisie rba rkeit der darg estellten Negativität, 2. des Gra de s des Reprä sen tanzwert es dieser Figur: je schwä- eher die Sig na li si erun g der Grup penzug ehö rigkeit etc. ausge- prägt ist, desto größer 1• die Generalisierbarkeit, 2. und folglich der Repräsentanzwert für e i g e n e s Denken, e i g e n e s Sozial-Verhalten. c) Sind der geop olit isc he Raum (z.B. nicht ,kapitalistische Ge- sellschaft überhaupt', sondern 'französische kapitalistische Gesellschaft') und der Zeitraum (z.B. nicht *kapitalistische Gesellschaft überhaupt', sondern 'kapitalistische Gesellschaft ־ 13 - Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access jetzt/in hu n d e r t Jahren; oder: 1kap ita listische Gesellschaft in der I n ku batio ns ph as e des Faschismus), in dem die darge- stellten F i g u r e n stehen, spezifiziert? Auch die B e a n t w o r t u n g dieser Frage ist relevant für die Beur- teilung der G e n e r a l i s i e r b a r k e it der darg estellte n Neg ativität (in Ra u m und Zeit!). + 1 .6 .1 » 2 F i g u r e n - K o n s t i t u t ion a ) E i n d ^ m ^ n ^ i o n a H t ä t ^ o d e r Mehrdimensi^onal^tät ^ ? Im Z u s a m m e n h a n g mit anderen Krit er ien relevant für die Beur- teil ung des R e p r ä s e n t a n z w e r t e s der Figuren, d.h. für die Be- an tw or tung der Frage: liegen die Ang ri ffs obje kte p r i o r i - t ä r auf der Ebene gesellsc haftl ic he n Seins und Ver halt en s a n d e r e r od er p r i o r i t ä r auf der Ebene des Be- w u ß t s e i n s h a u s h a l t e s des Re zi pienten ( 1prioritär: es versteht sich von selbst, daß die Satire in bei den Fä ll en eine Stei- ger ung der Be w u ß t h e i t des Rezi p i e n t e n intendiert. Im ersten Fall ist es aber eine Ste iger un g der Bewußtheit bez üg li ch der N e g a t i v i t ä t anderer, im zweiten Fall bezüg li ch der eige- ne n p a r t i e l l e n Negativität . S.u. ,Ko mm un ikat ive F u n k t i o n 1). b) Mer km ale soz ialen Seins, V e rhal te ns und Denkens (anderer)? An v i s i e r t e ,e i g e n e 1 Den k m u s t e r (Idealkonzeptionen, Ideologien e t c • ), e v en tu elle an vis ie rt e ,eigene* soziale V e r h a l t e n s w e i s e n с ) Dar^s^el^Lun^ und/oder_Benennung?_ D.h. - wie k o n s t i t u i e r t sich die dargestellte Negativität, wie k o n s t i t u i e r t sie sich als ko mi s c h e Neg ativität? - ergeben sich Ne gat i v i t ä t und Komik m i t te lbar aus der K o n s t i t u i e r u n g der Fi gu ren (Einführung, Aufbau, Destruierung, Opp o s i t i o n zu an de ren Figu re n etc.) oder/und erfolgt (zusätz- lieh) eine direkte Et i k e t t i e r u n g der Ne ga ti vitä t (,Bourgeois', ,Spießer* etc.), eine direkte Benennung der Läc he rli chke it ('steht auf v e r l o r e n e m Posten', ,gibt sich als vo ll we r t i g e r Mensch, ist aber fa kt i s c h eine W a n z e 1 etc.)? - damit direkt gekoppelt ist die Frage na c h der d ) De £ 0 u'vri erunfis^Str at e _ g ie ? _ - W e r d e n die Fi g u r e n (int ra textuell s.u.) als n e g a t i v de cou v r i e r t oder w e r d e n sie - we nn ihre N eg ativi tä t als evident gesetz t ist - als l ä c h e r l i c h etc. de- c o u v r i e r t ? Jörg Ebding - 9783954792788 Downloaded from PubFactory at 01/10/2019 05:21:17AM via free access