Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 Literaturgeschichte in Studien und Quellen Band 30 Herausgegeben von Werner Michler Norbert Christian Wolf Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 Stefan Maurer Wolfgang Kraus und der österreichische Literaturbetrieb nach 1945 BÖHLAU VERLAG WIEN KÖLN WEIMAR Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 Veröffentlicht mit Unterstützung des Austrian Science Fund ( FWF ): PUB 601-G28 Open Access: Wo nicht anders festgehalten, ist diese Publikation lizenziert unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung 4.0; siehe http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Die Publikation wurde einem anonymen, internationalen Peer-Review-Verfahren unterzogen. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar. © 2020 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Zeltgasse 1, A-1080 Wien Umschlagabbildung: Otto Breicha © Imagno. Korrektorat: Vera M. Schirl Umschlaggestaltung: Michael Haderer, Wien Satz und Layout: Bettina Waringer, Wien Druck und Bindung: Hubert & Co., Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com ISBN (Print) 978-3-205-23311-4 ISBN (OpenAccess) 978-3-205-23312-1 INHALT 1. EINLEITUNG: WOLFGANG KRAUS, EIN „KANTENLOSER HOMME DE LETTRES “? ...................................................... 9 1.1 Forschungsstand, Quellen und theoretische Ansätze ...................................... 9 1.2 Biographische Einführung ...................................................................................... 22 2. DER ÖSTERREICHISCHE LITERATURBETRIEB NACH 1945 ............................ 43 2.1 Entwicklung(en) des Literaturbetriebs nach 1945 .......................................... 48 2.1.1 Politische Rahmenbedingungen: Österreich nach 1945 ................................. 49 2.1.2 Institutionen, Kulturveranstaltungen und Vereine ......................................... 54 2.1.3 Zeitschriften und Rundfunk .............................................................................. 61 2.1.4 Literaturpreise und staatliche Förderung ......................................................... 70 2.1.5 Private Initiativen ................................................................................................ 71 2.1.6 Verlagssituation und Buchhandel ...................................................................... 74 2.2 Resümee ....................................................................................................................... 78 3. DIE ÖSTERREICHISCHE GESELLSCHAFT FÜR LITERATUR (1961–1975) ...... 81 3.1 Gründung und Anfänge der Österreichischen Gesellschaft für Literatur ...................................................... 83 3.1.1 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ÖGL .................................................... 87 3.1.2 Staatliche Subvention ......................................................................................... 92 3.1.3 Stellungnahmen zur ÖGL ................................................................................. 94 3.1.4 Aufgaben und Zielsetzungen der ÖGL ............................................................ 96 3.2 Einladungs- und Veranstaltungspolitik der ÖGL ........................................... 98 3.3 Die ÖGL und das Konzept einer österreichischen Literatur ...................... 124 3.4 Die ÖGL und „Wort in der Zeit“ ......................................................................... 142 3.5 Eine „Heimatadresse“? Die ÖGL und die Exilliteratur ................................ 155 3.6 Forum der Jugend ................................................................................................... 180 3.7 Bemühungen um die Literatur der östlichen Nachbarn .............................. 183 3.8 Resümee .................................................................................................................... 190 Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 4. „DAS MANAGEMENT REISST NICHT AB“. WOLFGANG KRAUS UND DIE ÖSTERREICHISCHE LITERATUR ................... 193 4.1 Kraus als Literaturvermittler ................................................................................ 196 4.1.1 Modernität und Kontinuität ............................................................................ 199 4.1.2 Diskontinuitäten: 1934–1938–1945 ................................................................ 210 4.1.3 Literatur und Katholizismus ............................................................................ 216 4.1.4 Avantgarde und Provinzialismus .................................................................... 223 4.2 Der Literaturkritiker Kraus .................................................................................. 226 4.3 Der Literatur-Organisator Kraus ........................................................................ 245 4.3.1 Im Europa-Verlag .............................................................................................. 245 4.3.2 „Die Rampe“....................................................................................................... 254 4.3.3 Literatur-Preise .................................................................................................. 259 4.4 Polemiken und Kämpfe im Feld ......................................................................... 280 4.5 Resümee ..................................................................................................................... 294 5. KONTAKTPERSON, VERMITTLER, DOLMETSCHER: WOLFGANG KRAUS UND DIE ÖSTERREICHISCHE KULTURPOLITIK .............................................. 297 5.1 Elemente einer Kraus’schen Kulturpolitik ....................................................... 302 5.2 Jenseits der Parteipolitik? ...................................................................................... 307 5.3 Die Kulturkontaktstelle ......................................................................................... 323 5.4 „Europalia 1988“ ...................................................................................................... 338 6. WOLFGANG KRAUS’ NETZWERKE IM KULTURELLEN KALTEN KRIEG .... 355 6.1 Der kulturelle Kalte Krieg in Europa ................................................................. 355 6.2 Die Round-Table-Gespräche der ÖGL ............................................................. 367 6.3 Die ÖGL und der „Marshall Plan for the Mind“ ............................................ 375 6.4 Die intellektuellen Dissidenten aus dem Osten .............................................. 385 7. RESÜMEE ................................................................................................................... 399 8. LITERATURVERZEICHNIS ..................................................................................... 403 8.1 Ungedruckte Quellen ............................................................................................. 403 8.1.1 Nachlässe ............................................................................................................ 403 8.1.2 Sammlungen ...................................................................................................... 403 Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 6 8.2 Gedruckte Quellen .................................................................................................. 404 8.2.1 Zeitungen und Zeitschriften (in Auswahl) ..................................................... 404 8.2.2 Primärliteratur ................................................................................................... 404 8.2.3 Sekundärliteratur ............................................................................................... 409 9. PERSONENREGISTER ............................................................................................. 437 10. ABBILDUNGSNACHWEIS ...................................................................................... 449 11. DANK ........................................................................................................................... 450 Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 7 Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 1. EINLEITUNG: WOLFGANG KRAUS, EIN „KANTENLOSER HOMME DE LETTRES “? 1.1 Forschungsstand, Quellen und theoretische Ansätze In der Erzählung Budapest, Wien, Budapest des ungarischen Schriftstellers und Übersetzers Imre Kertész (geb. 1929) reist dieser im September 1989 auf Einla- dung der Österreichischen Gesellschaft für Literatur (ÖGL) nach Wien und besucht eine Vorstellung von Thomas Bernhards Heldenplatz im Burgtheater. An einem Punkt der Erzählung versucht er einen gewissen „Dr. K. ein wenig über [Thomas] Bernhard auszufragen: Er hat ihn gut gekannt, sie waren früher sogar befreundet. Bernhard sei mit fortschreitender Krankheit immer unver- träglicher geworden, sagt er. ‚War er auch erfolgssüchtig?‘ frage ich. Mit zuneh- mendem Alter immer mehr, antwortet K. Es gäbe peinliche Geschichten über seine Wankelmütigkeit, seine unerträglichen Launen. Bewegt höre ich zu.“ 1 Die Figur „Dr. K.“ ist nicht weiter schwer zu dechiffrieren: Es handelt sich um den Publizisten Wolfgang Kraus, den Gründer und langjährigen Leiter der ÖGL. Obwohl hier als positive literarische Figur verewigt, könnten die litera- turgeschichtlichen Stellungnahmen und Bewertungen zu seiner Person und sei- nen Tätigkeiten ambivalenter nicht sein. So findet Thomas Rothschild die „Kon- zentration von Macht und ihr[en] Missbrauch“ 2 in Kraus verkörpert und meint, dass dieser „lange Zeit die Literaturpolitik mit einer konkurrenzlosen Selbstherr- lichkeit, wie sie selbst in den totalitären Staaten des sowjetischen Machtbereichs selten war“, 3 bestimmte. Rothschilds Gleichsetzung von Kraus mit einem so- wjetischen Kulturfunktionär im totalitären System erscheint äußerst provozie- rend und polemisch. Wie bekannt ist, führte die umfassende Kontrolle von außen dazu, dass sowjetische Schriftstellerinnen und Schriftsteller einen „‚inneren Zensor‘“ 4 entwickelten, was wohl für den Literaturbetrieb in Österreich nicht 1 Imre Kertész: Budapest Wien Budapest. 15 Bagatellen. In: Ders.: Die exilierte Sprache. Essays und Reden. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2004, S. 17–41, hier S. 32. 2 Thomas Rothschild: Österreichische Literatur. In: Klaus Briegleb, Sigrid Weigel (Hg.): Hanser Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bd. 12: Gegen- wartsliteratur seit 1968. München: dtv 1992, S. 667–702, hier S. 676. 3 Thomas Rothschild: Die besten Köpfe. Der Kanon der Österreichischen Gesellschaft für Literatur. In: Wendelin Schmidt-Dengler, Johann Sonnleitner, Klaus Zeyringer (Hg.): Die einen raus – die anderen rein. Kanon und Literatur: Vorüberlegungen zu einer Literaturgeschichte Österreichs. Berlin: Erich Schmidt 1994 (= Philologische Studien und Quellen 128), S. 126–133, hier S. 130. 4 Vgl. zur Kulturpolitik in der Sowjetunion u. a. Karen Laß: Vom Tauwetter zur Perestrojka. Kul- Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 gelten kann. Rothschild steht jedoch mit solchen Werturteilen nicht allein da. Der 1939 in die USA emigrierte Exil-Schriftsteller und Übersetzer Herbert Kuh- ner, der 2014 den renommierten Theodor-Kramer-Preis erhielt, schrieb, dass „Dr. Wolfram Laus [...] eine Karriere daraus gemacht hat, ein Manipulator von kulturellen Belangen und ein professioneller Moralist“ 5 zu sein. Kuhners har- sches Urteil (vgl. dazu ausführlicher Kapitel 4.4) ist erstaunlich, befasst man sich näher mit Kraus’ Rolle bei der Einladung und Reintegration von Emigrantinnen und Emigranten in den österreichischen Literaturbetrieb (vgl. Kapitel 3.5). An Peter Handke, zu dem Kraus im Laufe der 1970er Jahren zunehmend ein Naheverhältnis entwickelte – er besuchte ihn immer wieder in Salzburg sowie in Clamart (Frankreich) 6 und fördert ihn mittels Preisvergaben –, schreibt er am Endpunkt seiner Karriere Anfang der 1990er Jahre: „Macht interessiert mich nicht, sonst wäre mein Leben anders verlaufen. Aber ich will die Freiheit und die Mittel haben, konkret helfen zu können. Mitunter konnte ich durch Rat oder die eine oder andere Idee für die Verbreitung von Geistigem ein wenig bewir- ken, einige Male mußte ich sozusagen Hand anlegen, wie in meiner Zeit im Außenamt und in der Literaturgesellschaft.“ 7 Es sind also stets konkrete, jedoch in einem kulturpolitischen Rahmen ste- hende Ziele, die Kraus verfolgte, um (nicht nur) die österreichische Literatur zu fördern. So schlägt die literaturgeschichtliche Waage auch in die andere Rich- tung zugunsten von Kraus aus. Dass dieser etwa in den frühen 1960er Jahren bezüglich des literarischen Lebens „das Fenster öffnete [...], steht außer Zweifel“, hält der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler anlässlich eines Wolf- turpolitik in der Sowjetunion (1953–1991). Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2002, S. 13. Vladislav Zubok hat zur Kulturpolitik unter Stalin angemerkt: „Eventually, Stalin sought to gain total control over the substance and direction of cultural and intellectual production. The regime categorized all people of culture involved in education and science as Soviet intelligentsia. It became one of Stalin’s pet projects, no less than the secret police and the army, to marshal the intellectual and cultural resources to glorify his regime, prepare for war, and call upon the population for sacrifices.“ Vladislav Zubok: Zhivago’s Children. The Last Russian Intelligent- sia. Cambridge/Mass.: The Belknap Press of Harvard University Press 2009, S. 4. Angesichts dessen erscheint Rothschilds Diktum trotz polemischer Untertöne diktaturverharmlosend und dadurch mehr als fehl am Platz. 5 Herbert Kuhner: Der Ausschluss. Memoiren eines Neununddreissigers. Wien: Edition 39 1988, S. 34. 6 Vgl. Wolfgang Kraus: Tagebuch, 21. Juni 1978, Literaturarchiv der Österreichischen National- bibliothek, Wien, ÖLA 63/97, Nachlass Wolfgang Kraus, ohne Signatur [im Folgenden als NL WK zitiert]; Kraus spricht mit Handke auch über die Praxis des Tagebuch-Schreibens, denn Handke hatte mit Das Gewicht der Welt (1977) ebenfalls ein Journal veröffentlicht. Handke verabschiedet sich bei Kraus mit den Worten: „‚Ihnen kann nichts passieren, sie haben Ihr Tagebuch‘.“ 7 Wolfgang Kraus an Peter Handke, 8. Februar 1991, NL WK. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 10 Einleitung gang-Kraus-Symposiums im Jänner 1999 in Budapest fest, damit auf Hans Wei- gels heftig umstrittenen, 1946 in Otto Basils Literaturzeitschrift „PLAN“ erschie- nenen Essay „Das verhängte Fenster“ anspielend, in dem dieser vor der literarischen „Provinzialisierung“ Österreichs gewarnt und eine kulturelle Öff- nung hin zu Deutschland gefordert hatte. Kraus’ „gute Tat“ sei dann, wie Schmidt-Dengler konstatiert, in literaturgeschichtlicher Perspektive „nicht so belohnt“ worden, wie es „zu erwarten gewesen wäre“. 8 Paul Kruntorad entwickelt in seinem Aufsatz über die „Charakteristika der Literaturentwicklung in Österreich 1945–1967“ ein differenzierteres Bild von Kraus und der Tätigkeit der ÖGL und ist der Ansicht, dass sich diese Institution „als Vermittler in jenem beginnenden ‚Gespräch der Feinde‘, das [Friedrich] Heer einst in seinem Essay gefordert hatte“, etabliert habe, setzt jedoch ironisch hinzu, dass der Dialog zwischen Ost und West sich in der „entspannend ange- nehmen Ideologiefreiheit der Literatur“ entfaltet habe, wenn auch „die Grün- dung der Gesellschaft ein eindeutig politisch motivierter Akt“ 9 gewesen sei. Die mit Kraus befreundete Schriftstellerin Hilde Spiel merkte an, dass die vielen Veranstaltungen und Aktionen der Literaturgesellschaft stimulierend auf das literarische Feld gewirkt hätten, jedoch die Lage der ÖGL „jenem kleinen hol- ländischen Jungen“ entsprochen habe, der „mit seinem Finger die Öffnung im Deich verstopft. Kein geringes Verdienst allerdings, die Fluten der Unbildung und des seichten Geschmacks solchermaßen zu dämmen“. 10 Angesichts dieser Urteile ist Wolfgang Kraus für die Literaturwissenschaft und vor allem für die österreichische Germanistik nicht nur wegen seiner zentralen Rolle im literarischen Feld nach 1945 von Interesse, die bisher kaum Beachtung in der Forschung gefunden hat, sondern seine Tätigkeiten erweisen sich auch für ein differenziertes Verständnis hinsichtlich der Überschneidungen und Zusammenhänge von österreichischer Literatur und Kulturpolitik in der Zwei- ten Republik aus der Perspektive des literaturbetrieblichen Funktionärs als wesent- lich. Obwohl die Rolle, welche Kraus im österreichischen Literaturbetrieb seit den frühen 1960er Jahren bis Mitte der 1990er Jahre einnahm, immer wieder in verschiedenen Literaturgeschichten betont wird, fehlt eine adäquate Beschrei- 8 Wendelin Schmidt-Dengler: Wolfgang Kraus. In: Péter Bassola, Endre Kiss (Hg.): Literatur als Brücke zwischen Ost und West. Zum Gedenken an Wolfgang Kraus. Szeged: Grimm Verl. 2000, S. 17–26. hier S. 22. 9 Paul Kruntorad: Charakteristika der Literaturentwicklung in Österreich 1945-1967. In: Ludwig Fischer (Hg.): Literatur in der Bundesrepublik Deutschland. Hanser Sozialgeschichte der deut- schen Literatur. Bd. 10. München: Hanser 1986, S. 628- 650, hier S. 644. 10 Hilde Spiel: Die österreichische Literatur nach 1945. Eine Einführung. In: Dies. (Hg.): Die zeit- genössische Literatur Österreichs. Zürich, München: Kindler 1976 (= Kindlers Literaturge- schichte der Gegenwart), S. 13-127, hier S. 100. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 Forschungsstand, Quellen und theoretische Ansätze 11 bung dieser Positionen bzw. eine detaillierte Darstellung seiner Professionen im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive besitzt Kraus auch deswegen Relevanz, weil er – neben u. a. Rudolf Henz oder Hans Weigel – einer der wichtigsten Literaturvermittler der Zweiten Republik war, der sich in zentraler Position wesentlich an literaturbetrieblichen Prozessen beteiligte. Kraus ist bisher nur marginales Forschungsinteresse zuteil geworden, wodurch eine literaturgeschichtliche Lücke entstanden ist, die diese Studie zu schließen bemüht ist. Kraus soll als ein Akteur des literarischen Lebens in Öster- reich dargestellt werden, wobei literarisches Leben als „hochkomplexes, dyna- misches Diskursgeflecht“ 11 verstanden wird, in dem die „kulturelle Bedeutung von ‚Literatur‘ durch unzählige Handlungen und Kommunikationen immer wieder aufs Neue ermittelt wird“. 12 Die vorliegende Studie bedient sich des von Pierre Bourdieu erarbeiteten theo- retischen Modells des literarischen Feldes, das der französische Soziologe und Ethnologe in Die Regeln der Kunst (1992) entworfen hat. Mit der Feldtheorie lassen sich Methoden der Literaturwissenschaft, Historiographie und Sozialwis- senschaft kombinieren, wodurch es möglich wird, die Literatur als soziales Fak- tum zu betrachten. Bourdieus Theorie hebt die gesellschaftliche und politische Dimension der Literatur hervor, dabei weit über literaturwissenschaftlich-sozi- algeschichtliche Modelle hinausgehend, und richtet sich gegen eine immanente Betrachtung der Literatur, um eine Sensibilisierung der gesellschaftlichen und historischen Dimension der kulturellen Produktion zu stimulieren. 13 Die im Feld operierenden Akteure, seien dies Verlage, Buchhandel, Literaturkritik, Biblio- theken oder Institutionen der Literaturförderung, bilden nach Bourdieu ein „Netz“, das er als „literarisches Feld“ bezeichnet, wobei jede dieser Institutionen einem eigenen System von Werten und Normen folgt. Das literarische Feld steht dabei, in Analogie zu anderen gesellschaftlichen Feldern, in einem „System von Kraftlinien, Macht- und Einflussbeziehungen [...], ähnlich einem Magnetfeld, das mehr ist als die bloße Summe individueller Interaktionen der Beteiligten“. 14 Zentral für die Studie ist zudem Bourdieus Begriff des „Kapitals“, denn dieser rückt Mechanismen und Strategien der literarischen Produktion in den Fokus, 11 Stephan Porombka: Literarisches Leben. In: Dieter Burdorf, Günther Schweikle (Hg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3., völlig neu bearb. Aufl. Stuttgart: Metzler 2007, S. 442. 12 Ebd. 13 Vgl. Joseph Jurt: Das literarische Feld. Das Konzept Pierre Bourdieus in Theorie und Praxis. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1995, S. 71–109. 14 Markus Joch, Norbert Christian Wolf: Feldtheorie als Provokation der Literaturwissenschaft. In: Dies. (Hg.): Text und Feld. Bourdieu in der literaturwissenschaftlichen Praxis. Tübingen: Niemeyer 2005, S. 1–24, hier S. 2. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 12 Einleitung wobei auch gesellschaftliche Bedingungen bzw. Entstehungsvoraussetzungen im Auge behalten werden. Mit dem Begriff „Kapital“ wiederum ist der „Antriebs- motor“ für die Aktivitäten im literarischen Feld bezeichnet, nämlich der „Kampf um Einfluss und Macht“, 15 wobei für Bourdieu „Macht“ mit dem Begriff „Kapi- tal“ synonym ist. Bourdieu übernimmt die Kategorie des „Kapitals“, globalisiert den Begriff und spricht von ökonomischem, kulturellem, sozialem sowie sym- bolischem Kapital. Letzteres kann in Zusammenhang mit den drei vorhergehen- den Kapitalsorten als „Prestige“ oder „Renommee“ bezeichnet werden und ist zentral im Rahmen der feldinternen Kämpfe um die Autorität zu bestimmen, was der in seiner Bedeutung variierende Begriff „Literatur“ ist. 16 Bei den im Feld stattfindenden „Definitionskämpfen“, was „Literatur“ oder eine „Autorin“ bzw. ein „Autor“ sei, sind auf ökonomischer Seite eben mit dem Begriff „Kapital“ auch die Vielfalt gesellschaftlicher Ressourcen wie Geld, Besitz, aber auch sym- bolisches Kapital wie Reputation, Beziehungen und Preise zu berücksichtigen. Im Falle von Wolfgang Kraus und der ÖGL eignet sich der Begriff des „lite- rarischen Feldes“ insofern, als dieser es erleichtert, regionale Variationen zu erfassen, die der räumlichen Reichweite des Feldes nach variabel sind. Die Ein- heit des „literarischen Feldes“ bemisst sich an den konkret nachweisbaren Macht- und Einflussbeziehungen, weshalb „lokale, regionale, territoriale, nationale und übernationale Perspektiven gleichermaßen möglich“ 17 sind. Bourdieus Theorie wird für diese Arbeit fruchtbar gemacht, da nicht nur Kraus selbst im Zentrum der Analyse steht (vgl. Kapitel 1.2, 4, 5), sondern auch die ÖGL (vgl. Kapitel 3). Diese Herangehensweise erscheint logisch, da Kraus’ Wir- ken mit der Institution engstens verknüpft war. Durch den Begriff des Feldes, der es ermöglicht, die Beziehungen der Akteure im literarischen Feld untereinander als permanente Auseinandersetzungen zu betrachten und, sich von einer Sicht des interesselosen Austausches derselben zu entfernen, lassen sich Machtrelati- onen aufzeigen, welche die Internationalisierung der literarischen Produktion, im Falle dieser Arbeit der österreichischen Literatur nach 1945, bestimmen. 18 Aus dem theoretischen Modell Bourdieus ergeben sich in Bezug auf die vor- liegende Arbeit, die einen wesentlichen Teil der österreichischen Literaturge- schichte von 1945 und 1990 ergänzt und zum Gegenstand macht, folgende For- schungsfragen: 15 Bodo Plachta: Literaturbetrieb. Paderborn: W. Fink 2008 (= UTB 2982), S. 14. 16 Vgl. Joseph Jurt: Pierre Bourdieus Theorie des literarischen Feldes. In: Ders.: Das literarische Feld, S. 71–109. 17 Joch, Wolf: Feldtheorie als Provokation der Literaturwissenschaft, S. 16. 18 Vgl. dazu Joseph Jurt: Text und Kontext. Zur Theorie des literarischen Feldes. In: Herbert Fol- tinek, Christoph Leitgeb (Hg): Literaturwissenschaft: intermedial – interdisziplinär. Wien: ÖAW 2002, S. 97–120. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 Forschungsstand, Quellen und theoretische Ansätze 13 1. Welche spezifischen Positionen hatte Kraus im Literaturbetrieb inne? 2. Wie verband er diese Positionen bzw. wie standen diese miteinander in Zusam- menhang? 3. Welchen Literaturbegriff vertrat Kraus, wie bewertete er die literarische Pro- duktion österreichischer Autorinnen und Autoren hinsichtlich des Span- nungsfeldes literarischer Tradition und Avantgarde? 4. Welche (österreichischen) Autorinnen und Autoren förderte er aktiv, welche fielen aus seinen Förderungskategorien heraus? 5. Wie gestalteten sich seine literatur- und kulturpolitischen Verbindungen, mit welchen Institutionen stand er in Kontakt? Wie gestaltete sich seine Rolle innerhalb der österreichischen Kulturpolitik? Die vorliegende Studie möchte die mit der Person von Wolfgang Kraus einher- gehenden Beurteilungen sowie seine literaturgeschichtliche Einordnung im öster- reichischen „Literaturbetrieb“ nach 1945 anhand eines fundierten Quellenstu- diums einer kritischen Überprüfung unterziehen und Urteile wie etwa von Rothschild und Kuhner in einen literaturgeschichtlichen und gesellschaftspoli- tischen Kontext setzen. Um eine möglichst „dichte Beschreibung“ 19 des zu behandelnden Objekts zu erreichen, bezieht die Studie nicht nur bisherige Forschungsergebnisse zur öster- reichischen Literaturgeschichte sowie Kraus’ umfangreiches publizistisches Œuv- re, sondern auch archivalische Quellen mit ein, die im Rahmen der Recherche erschlossen und ausgewertet wurden und bisher unbekannt oder nicht zugäng- lich waren. Das Archiv stellt für die vorliegende Arbeit sozusagen den „Rohstoff “ in Form von Briefen, Dokumenten und Rezeptionszeugnissen bereit, die gleich- sam als Spuren des literarischen Lebens betrachtet werden können und dazu bei- tragen, die verschiedenen Konstellationen im literarischen Feld nachzuzeichnen. 20 Den Ausgangspunkt für die Erforschung von Wolfgang Kraus und des österrei- chischen Literaturbetriebs nach 1945 bildet dessen umfangreicher Nachlass am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Dieser setzt sich aus 19 Kartons mit Werkmaterialien, Sammlungen von Lebensdokumenten, Zei- tungsausschnitten sowie knapp zwei Dutzend Schachteln mit Korrespondenzen zusammen. Von eminenter Bedeutung sind die von Kraus zwischen 1970 und 19 Vgl. Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kul- tur. In: Ders.: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1987, S. 7–43. Geertz’ dynamischer Kulturkonzeption einer „dichten Beschreibung“ wird insofern gefolgt, als in die vorliegende Arbeit eine Vielzahl von literaturgeschichtlichen Beobachtungen und Aufzeichnungen kultureller Daten eingehen. 20 Vgl. Michael Hansel: Rohstoff für das (literarische) Leben. In: Ders., Martin Wedl (Hg.): Öster- reichisches Literaturarchiv. Die ersten 10 Jahre. Wien: Praesens Verlag 2006, S. 67–82. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 14 Einleitung 1996 in handschriftlicher Form verfassten diaristischen Aufzeichnungen, die dem Autor dankenswerterweise in transkribierter Form 21 zur Verfügung stan- den und durch deren Aufarbeitung sich einige sonst kaum nachvollziehbare Zusammenhänge erschlossen. Das Tagebuch bietet darüber hinaus faszinieren- de Einblicke in die Persönlichkeit sowie den „Habitus“ des Dargestellten, denn Notiz- bzw. Tagebücher gehören zur Grundausstattung von schreibenden und registrierenden Persönlichkeiten, sie sind handliche Wegbegleiter und Aufbe- wahrungsorte für Entwürfe, gleichsam Ideen- und Datenspeicher. Kraus begann bereits im Mai 1943 mit Aufzeichnungen, allerdings in aphoristischen, manch- mal auch in kulturkritischen Expositionen. Von den Eintragungen, wie er sie später pflegen wird, sind diese weit entfernt. Kraus selbst wird darüber in einer sehr frühen, beinahe leitmotivischen, Eintragung festhalten: „Wenn ich mich an meine früheren Aufzeichnungen erinnere: krampfhafte Abstraktion. Und Abs- traktion ist eine Art Hochmut gegenüber dem Realen und Menschlichen, wenn man sie in diesem Zusammenhang betrachtet. Ich bemühe mich, näher am Rea- len, am Einfachen zu bleiben, dafür es deutlicher zu sehen.“ 22 Auffällig ist das völlige Fehlen von Aufzeichnungen für die sehr bewegte Zeit der 1960er Jahre, in die etwa die Gründung der ÖGL und seine ersten Bekannt- schaften mit für ihn später so wichtigen Persönlichkeiten wie z. B. Manès Sper- ber und Elias Canetti fallen. Für diese Jahre existieren leider nur kurze kalenda- rische Aufzeichnungen, die jedoch ebenfalls Rückschlüsse auf seine Aktivitäten zulassen. Die Tagebücher, die er ab Mitte September 1970, im Alter von 46 Jahren, gewissenhaft zu führen begann, begleiteten Kraus fortan beinahe täglich als ein Mittel der Selbstanalyse, der Selbstvergewisserung und nicht selten der Selbst- kritik in Bezug auf sein organisatorisches und auch essayistisches Schaffen. Ergänzend zum Nachlass von Wolfgang Kraus wurde gezielt in Nachlässen ande- rer Provenienz nach relevanten Materialien recherchiert, z. B. seiner Mitarbeiter in der ÖGL, wie Kurt Benesch und Herbert Zand, die ebenfalls im Literaturar- chiv aufbewahrt werden. Zusätzlich wurden auch Nachlässe von anderen zent- ralen Persönlichkeiten des Literaturbetriebs wie Rudolf Henz (Dokumentations- stelle für österreichische Literatur), Hans Weigel oder Friedrich Torberg (beide Wienbibliothek im Rathaus) berücksichtigt, die in einem mehr oder weniger engen Verhältnis zur ÖGL standen. 21 Der Autor möchte sich an dieser Stelle bei Ass.-Prof. Mag. Dr. Thomas Angerer und Frau Minis- terialrätin a. D. Mag. Gertrude Kothanek bedanken, die den Abdruck von Zitaten aus Wolfgang Kraus’ Tagebüchern gestattet haben und dem Verfasser darüber hinaus mit zahlreichen nütz- lichen Hinweisen hilfreich zur Seite gestanden sind. 22 Wolfgang Kraus: Tagebuch, 22. September 1970 Frankfurt [am Main], NL WK. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 Forschungsstand, Quellen und theoretische Ansätze 15 Eine weitere – für die Studie zentrale – Sammlung befindet sich natürlich in der ÖGL, in der in Bezug auf die Institution selbst (vgl. Kapitel 3) sowie hin- sichtlich Kraus’ Partizipation am „kulturellen Kalten Krieg“ nach relevanten Materialien recherchiert wurde (vgl. Kapitel. 6). Zudem konnten Quellen gesam- melt werden, die vor allem Kraus’ „Tagesgeschäft“ in den 1980er Jahren betref- fen sowie Unterlagen zu den zahlreichen von der ÖGL veranstalteten Symposi- en. Darüber hinaus wurden noch Materialien aus dem Nachlass Heimrad Bäckers („Rampe“-Redaktionsarchiv), dem Archiv der Grazer Autorenversammlung sowie dem Nachlass Jakov Linds herangezogen. Keinen Erfolg brachte die Recherche nach Dokumenten, die Kraus’ Arbeit für die „Kulturkontaktstelle“ im österreichischen Außenministerium betreffen. Die Nachfrage beim zuständigen Archivar des Außenministeriums Ministerialrat Dr. Gottfried Loibl ergab, dass die von Kraus angelegten Akten nicht mehr vor- handen sind. Eine mündliche Erklärung dafür gab dem Autor Marianne Gruber, die ehemalige Leiterin der ÖGL: Laut Gruber hat Kraus die „Kontaktstelle“ betreffende Akten ohne fortlaufende Aktenzahl angelegt. 23 Dadurch gingen die- se bei einem Umzug des Außenministeriums verloren. 24 Der Verlust dieser wich- tigen Quellen konnte jedoch (ansatzweise) durch einige Unterlagen hinsichtlich dieser kulturpolitischen Tätigkeit in Kraus’ Nachlass sowie in den Sammlungen der ÖGL kompensiert werden. Ebenso als verloren müssen die Interna zu Kraus’ Konsulententätigkeit in der Wiener Filiale des Europa-Verlags gelten, die sich, – nach Mitteilung des Österreichischen Gewerkschaftsbundes –, nicht erhalten haben. 25 Aber auch hier konnte die Studie über Umwege auf anderes Quellen- material zurückgreifen wie z. B. das Teilverlagsarchiv des Europa-Verlags, das in der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur im Literatur- haus Wien verwahrt wird. Die vorliegende Studie versteht sich aufgrund dieser bisher unerschlossenen Quellen als materialorientiert. Bei der Auswertung der Dokumente stellt sich, um es mit Pierre Bourdieu zu formulieren, unweigerlich die Frage, wie weit in die „objektiven, durch Beobachtung nachweisbaren Strategien“ 26 eines Akteurs wie Kraus, bewusste Berechnung eingeht, denn die von ihm hinterlassenen Doku- mente, Briefwechsel, Tagebücher und expliziten Stellungnahmen über die lite- rarische Welt machen deutlich, dass auch seine jeweilige Position und Laufbahn im Feld seismografischen Erschütterungen ausgesetzt war. 23 „Kulturstelle ohne Aktenzwang: Dr. Wolfram Laus wird im Außenamt kulturelle Belange koor- dinieren.“ Vgl dazu ebenso Kuhner: Der Ausschluss, S. 53 f. 24 Mail von Dr. Gottfried Loibl an den Verfasser, 21. Juli 2011. 25 Mail von Johanna Wagner (ÖGB-Öffentlichkeitsarbeit) an den Verfasser, 14. März 2011. 26 Pierre Bourdieu: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Aus dem Frz. übers. v. Bernd Schwibs u. Achim Russer. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2001 (= stw 1539), S. 430. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 16 Einleitung Eine eingehende Beschäftigung mit der Geschichte der ÖGL, von Kraus’ Bio- graphie ganz zu schweigen, ist in der österreichischen Literaturwissenschaft bis- her nicht vorgenommen worden, wodurch der Forschungsstand eine Nullsum- me ergibt. 27 Immerhin liegt mit der unpublizierten Arbeit von Martina Schmidt eine aus dem Jahre 1995 stammende historische Darstellung der Geschichte der ÖGL zwischen 1961 und 1970 vor, die trotz eines umfangreichen Materialien- bandes, der Briefe und Dokumente vorlegt, leider vor allem durch tendenziöse Werturteile hervorsticht. 28 Diese Forschungsarbeit, die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Auftrag gegeben wurde, ist nicht veröffentlicht und nur an entlegenen Stellen (in Kraus’ Nachlass sowie auf der Dokumentati- onsstelle für neuere österreichische Literatur) vorhanden. Zu Kraus selbst gibt es so gut wie keine Sekundärliteratur, eine Ausnahme ist ein Aufsatz von Manfred Müller über die Einladungspolitik gegenüber Exil-Au- torinnen und -autoren 29 sowie kurze Abschnitte in diversen bundesdeutschen bzw. österreichischen Literaturgeschichten. Zwar gibt es einen schmalen Sym- posiumsband, in dem verschiedene Aspekte von Kraus’ Wirken und Schaffen diskutiert werden, allerdings fand die Konferenz Ende Jänner 1999 in Budapest statt und versammelte vor allem Freunde und Bekannte des erst wenige Mona- te zuvor verstorbenen Kraus. 30 Das wissenschaftliche Interesse an Kraus scheint in denjenigen Ländern zu liegen, um deren Intellektuelle sowie Wissenschaftle- rinnen und Wissenschaftler er sich angenommen hat. So gab der rumänische Germanist Georg Guţu den knapp zwanzig Jahre umfassenden Briefwechsel zwischen dem Philosophen Émile M. Cioran und Kraus heraus. 31 Die Studie nimmt es sich zum Ziel, neben einer Darstellung der Ausdifferenzie- rung des österreichischen Literaturbetriebs nach 1945 (vgl. Kapitel 2), einer Dar- 27 Das von Günther Stocker geleitete Projekt „Die Österreichische Gesellschaft für Literatur. Selbstverständnis, Literaturförderung, Kulturpolitik“ hat den Archivbestand der ÖGL der Jah- re von 1961 bis 1975 mittels einer Datenbank online aufbereitet. Vgl. https://www.univie.ac. at/ogl-projekt-db/ [zuletzt aufgerufen am 15.1.2020]. 28 Vgl. Martina Schmidt: Die Geschichte der Österreichischen Gesellschaft für Literatur. Wien: ÖAW 1994. Kraus selbst hatte die Arbeit gelesen und erhob gegen einige Darstellungen hefti- gen Einspruch. In einem Memorandum an den Germanisten Werner Welzig, der zu dieser Zeit als Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften fungierte, schrieb er: „Die hier genannten ersten Hinweise erschöpfen noch keineswegs die Kennzeichnung der mißgüns- tigen, unobjektiven und böswilligen Haltung der Arbeit.“ Vgl. Memorandum für Herrn Prof. Dr. Werner Welzig, NL WK. 29 Vgl. Manfred Müller: Wolfgang Kraus und die Exilliteratur zu Beginn der sechziger Jahre. In: Evelyn Adunka, Peter Roessler (Hg.): Die Rezeption des Exils. Geschichte und Perspektiven der österreichischen Exilforschung. Wien: Mandelbaum 2006, S. 87–100. 30 Vgl. Bassola, Kiss: Vorwort. In: Dies. (Hg.): Literatur als Brücke zwischen Ost und West, S. 7–8. 31 Vgl. Georg Guţu: Cioran. Scrisori către Wolfgang Kraus. Bucuresţi: Humanitas 2009. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 Forschungsstand, Quellen und theoretische Ansätze 17 stellung der Geschichte der ÖGL zwischen 1961 und 1975 sowie der Dokumen- tation und Analyse ihrer Tätigkeiten auch die literaturvermittelnden Aktivitäten, die von Kraus ausgingen (vgl. Kapitel 4.2 u. 4.3), kritisch zu beschreiben. Der Begriff „Literaturvermittlung“ wird dabei ganz allgemein definiert, als „jede direkt oder indirekt zwischen Autor und Leser vermittelnde Einrichtung, Unter- nehmung oder Instanz“. 32 Aus diesen Fragestellungen ergaben sich verschiedene Aspekte, die Kraus’ Funktion als Distributor und Förder- bzw. Verhinderungsinstanz von Literatur in den Fokus rücken: Dazu zählt sowohl die Einladungspolitik der ÖGL, die in dieser Hinsicht analysiert wird (vgl. Kapitel 3.2), als auch Kraus’ Einfluss in Sachen Preis- und Stipendienvergaben (vgl. Kapitel 4.3.2). Inwiefern Kraus Autorinnen und Autoren in ökonomischen Belangen, – außerhalb der staatli- chen Förderung – behilflich war, geht die Studie ebenfalls nach (vgl. Kapitel 4.2.2). Im Zusammenhang mit der Tätigkeit „Literaturvermittlung“ steht auch Kraus’ Rolle als Literaturkritiker und sein Auswählen, Ordnen und Bewerten von Lite- ratur anhand ausgewählter Beispiele (vgl. Kapitel 4.1) im Mittelpunkt. Seine lite- raturkritischen Beiträge fanden sich sowohl in wichtigen österreichischen, deut- schen und Schweizer Zeitungen wie „Die Presse“, „Die Furche“, „Wiener Zeitung“, „Stuttgarter Zeitung“, „Der Tag“ (West-Berlin), „Die Zeit“ und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, als auch in nationalen und internationalen Literatur- und Kulturzeitschriften wie z. B. „Wort in der Zeit“, „Literatur und Kritik“, und „Mer- kur“. Ein weiterer Aspekt, der sich aus der Frage von Kraus’ literarischer Vermitt- lungstätigkeit ergibt, sind die „expliziten“ und „impliziten“ Wertungen, die von ihm ausgingen. Deshalb möchte die vorliegende Arbeit innerhalb einiger Kon- texte untersuchen, ob von Kraus und der ÖGL Bestrebungen der Kanonisierun- gen ausgingen (vgl. Kapitel 3.3). Denn Kanonisierung ist, wie Renate von Hey- debrand anmerkt, ein Ergebnis vieler, einander stützender Wertungshandlungen und „es sind vor allem die Institutionen der Literaturvermittlung, deren Wer- tungen schließlich Kanonisierung bewirken“. 33 Anknüpfend daran ergibt sich die Frage nach der von Kraus und der ÖGL ausgehenden kulturpolitischen Moti- vation (vgl. Kapitel 3.2, 3.3, 3.4 und 4) sowie, ob die ÖGL nicht auch „als geschickt verlängerter Arm des Minoritenplatzes“, wo sich das Bundesministerium für Unterricht befindet (wie dies Viktor Matejka 1962 im „Österreichischen Tage- 32 Gebhard Rusch: Literaturvermittlung. In: Ansgar Nünning (Hg.). Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze, Personen, Grundbegriffe. 4. akt. u. erw. Aufl. Stuttgart, Weimar: Metzler 2008, S. 404. 33 Renate von Heydebrand, Simone Winko: Einführung in die Wertung von Literatur. Systematik – Geschichte – Legitimation. Paderborn, München, Zürich: Schöningh 1996, S. 222 f. Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0 18 Einleitung buch“ konstatiert hat), eine „Staatsliteratur“ zu propagieren versuchte. Vor allem anhand der Einladungspolitik der ÖGL selbst, die neben zeitgenössischen öster- reichischen Autorinnen und Autoren auch jene aus den damaligen Staaten des realen Sozialismus mit in ihr Programm einband, lässt sich untersuchen, wel- ches „Österreich“-Bild hier evoziert wurde, ohne den vielzitierten „habsburgi- schen Mythos“ von Claudio Magris strapazieren zu müssen. 34 Ein weiterer Schwerpunkt der Studie liegt in der Beschreibung von Kraus’ lite- rarischen und kulturpolitischen Verflechtungen (vgl. Kapitel 5 und 6). Die Stu- die widmet ihre Aufmerksamkeit Kraus’ Kontakten, sowohl zu nationalen, als auch zu internationalen literarischen bzw. kulturpoliti