Bernd Heidenreich (Hg.) Politische Theorien des 19. Jahrhunderts Politische Theorien des 19. Jahrhunderts Konservatismus Liberalismus Sozialismus Zweite, völlig neu bearbeitete Auflage Herausgegeben von Bernd Heidenreich Akademie Verlag Herausgegeben mit Unterstützung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Wiesbaden Zweite, völlig neu bearbeitete Auflage der dreiteiligen Publikation: Bernd Heidenreich (Hg.), Politische Theorien des 19. Jahrhunderts, Wiesbaden 1999/2000 Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei Der Deutschen Bibliothek erhältlich ISBN 3-05-003682-6 © Akademie Verlag GmbH, Berlin 2002 Der Akademie Verlag ist ein Unternehmen der R. Oldenbourg-Gruppe. Das eingesetzte Papier ist alterungsbeständig nach DIN / ISO 9706. Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in irgendeiner Form - durch Photokopie, Mikroverfilmung oder irgendein anderes Verfahren - reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere von Datenverarbeitungsmaschinen, verwendbare Sprache tibertragen oder übersetzt werden. Einbandgestaltung: Günter Schorcht, Schildow Satz: Veit Friemen, Berlin Gesamtherstellung: Druckhaus „Thomas Müntzer", Bad Langensalza Printed in the Federal Republic of Germany Inhaltsverzeichnis Bernd Heidenreich Politische Theorien des 19. Jahrhunderts als Grundlage des demokratischen Diskurses 9 1. Konservatismus Gerhard Göhler Konservatismus im 19. Jahrhundert - eine Einführung 19 Hans-Christof Kraus Politisches Denken der deutschen Spätromantik 33 Heinz-Joachim Müllenbrock Edmund Burke (1729-1797) 71 Jean-Jacques Langendorf Joseph de Maistre (1753-1821) und L. G. A. de Bonald (1754-1840) - zwei Vertreter der Gegenrevolution 81 Günther Kronenbitter Friedrich von Gentz (1764-1832) 93 Peter Paul Müller-Schmid Adam Müller (1779-1829) 109 Dieter J. Weiß Joseph von Görres (1776-1848) 139 Hans-Christof Kraus Leopold (1790-1861) und Ernst Ludwig (1795-1877) von Gerlach 155 6 Inhaltsverzeichnis Wilhelm Füßl Friedrich Julius Stahl (1802-1861) 179 Heinz-Siegfried Strelow Wilhelm Heinrich von Riehl (1823-1897) 193 2. Liberalismus Gerhard Göhler Liberalismus im 19. Jahrhundert-eine Einfuhrung 211 Heinz-Joachim Müllenbrock Adam Smith (1723-1790) 229 Theo Stammen Emmanuel Joseph Sieyes (1748-1836) 239 Karl-Heinz Breier Alexis de Tocqueville (1805-1859) 265 Wilhelm Hofmann John Stuart Mill (1806-1873) 289 Günther Kronenbitter Wilhelm von Humboldt (1767-1835) 313 Wilhelm Bleek Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1860) 329 Michael Henkel Robert von Mohl (1799-1875) 343 Hartwig Brandt Karl von Rotteck (1775-1840) 369 Rainer Koch Julius Fröbel (1805-1893) 383 Gerd Fesser Friedrich Naumann (1860-1919) 399 Inhaltsverzeichnis 7 3. Sozialismus und andere Antworten auf die soziale Frage Gerhard Göhler Antworten auf die soziale Frage - eine Einführung 417 Thilo Ramm Die Frühsozialisten 429 Theo Stammen Karl Marx (1818-1883) 447 Thilo Ramm Ferdinand Lassalle (1825-1864) 487 Wilfried Rudioff Eduard Bernstein (1850-1932) 507 Hans-Christof Kraus Hermann Wagener (1815-1889) 537 Wilhelm Bleek Lorenz von Stein (1815-1890) 587 Theo Stammen Franz von Baader (1765-1841) 605 Ursula Nothelle-Wildfeuer Wilhelm Emmanuel von Ketteier (1811-1877) 629 Personenverzeichnis 648 Autorenverzeichnis 663 Abbildungsnachweise 665 Politische Theorien des 19. Jahrhunderts als Grundlage des demokratischen Diskurses Bernd Heidenreich Der vorliegende Sammelband soll dazu anregen, sich auf den Spuren der wich- tigsten politischen Theoretiker des 19. Jahrhunderts mit den Grundlagen unseres politischen Denkens zu beschäftigen und dabei hinter die Kulissen des aktuellen politischen Geschehens unserer Zeit zu schauen. Denn die politischen Diskus- sionen der Gegenwart können ohne Kenntnis ihrer Vorgeschichte, ohne Analyse und Rezeption der politischen Theorien der Vergangenheit nicht beurteilt wer- den. Die Vermittlung dieser Grundlagen ist Aufgabe der politischen Ideenge- schichte. Sie leistet daher einen notwendigen Beitrag zum Verständnis der zen- tralen Begrifflichkeiten der politischen Diskussionen, spiegelt die Probleme des politischen Handelns und Denkens und regt zu einer kritischen Auseinanderset- zung mit den politischen Theorien der Gegenwart an. Konservatismus, Liberalismus und Sozialismus kommen im Rahmen dieser Ideengeschichte besondere Bedeutung zu. Denn sie bleiben in ihrem Kern auch im 20. Jahrhundert die dominanten und repräsentativen politischen Theorien, die die programmatischen Grundlagen der demokratischen Parteien bis heute maßgeblich beeinflusst haben. „Was ist Konservativismus?", so hat Abraham Lincoln einmal gefragt. „Ist er nicht Festhalten am Alten und Erprobten gegenüber dem Neuen und Unerprob- ten?" Diese rhetorische Frage zielt auf eine richtige Antwort, ist doch das Grundprinzip des Konservatismus stets das Bewahren. Dennoch erschöpft er sich keineswegs im Bedeutungsgehalt des lateinischen Verbums „conservare". Historisch entstand der Konservatismus als Reaktion und Gegenbewegung auf die Französische Revolution von 1789, ihr Menschenbild und ihr Ideengut. In den Augen ihrer Kritiker stand diese Revolution - für ein aufklärerisches, individualistisches Denken, das die abstrakte, autonome menschliche Vernunft zum Maßstab aller gesellschaftlichen Ordnung machte, - für eine radikale Säkularisierung, die die göttliche Ordnung der Welt durch eine rein diesseitige, vom Mensch geschaffene und von ihnen verantwortete Ordnung ersetzte und 10 Bernd Heidenreich - für einen völligen Bruch mit der Geschichte und den gewachsenen Institutio- nen und Autoritäten, einschließlich der Abkehr von Staat, Kirche und Familie. Die Kritik an der Revolution war damit zugleich die Geburtsstunde des moder- nen Konservatismus. Mit Edmund Burkes „Reflections on the Revolution in France" (1790) begann sich die Opposition der europäischen Konservativen gegen die Französische Revolution zu formieren, noch bevor sich die Revolution selbst durch den Terror Robespierres und die Verbrechen der Jakobinerdiktatur (1793/94) diskreditiert hatte. In einer doppelten Wendung gegen den Absolutis- mus und die Ideen von 1789 setzte der Konservatismus auf - wie es Karl Mann- heim formuliert - „eine historisch und soziologisch erfaßbare Kontinuität, die in einer bestimmten historischen und soziologischen Situation entstanden ist und in unmittelbarem Konnex mit dem historisch Lebendigen sich entwickelt". Konser- vatives Denken hält daher am Konkreten fest. Es versucht, sich der Tradition zu vergewissern und die gesellschaftliche Wirklichkeit pragmatisch zu reformieren. Sieht man einmal von den französischen Traditionalisten (de Maistre, de Bonald) ab, so beschränkten sich die konservativen Denker des 19. Jahrhunderts (ζ. B. Müller, Gentz, Stahl etc.) keineswegs auf bloße Antirevolutionsrhetorik. Vielmehr lassen sich aus der konservativen Staatstheorie jener Zeit eine Reihe von Grundsätzen herausdestillieren, die in der politischen Diskussion der Ge- genwart noch immer eine wichtige Rolle spielen. Einige dieser Grundsätze seien beispielhaft genannt: - Der Glaube, daß eine göttliche Absicht die Gesellschaft und das menschliche Gewissen lenkt, vor der sich der einzelne, aber auch die Politik zu verantworten haben. - Der Respekt vor der Würde des Menschen und vor dem Leben, dem gebore- nen, dem ungeborenen und dem sterbenden. - Die Achtung vor der Natur als göttliche Schöpfungsordnung, die dem Men- schen anvertraut ist - nicht nur um sie zu beherrschen, sondern auch um sie zu bewahren und zu schützen. - Die Gewißheit, daß Eigentum und Freiheit zusammengehören, daß wirt- schaftliche Nivellierung keinen ökonomischen Fortschritt mit sich bringt und daß die Aufhebung des Privateigentums zum Ende der Freiheit führt. - Die Hochschätzung der Familie als Keimzelle der Gesellschaft, als Empfin- dungs- und Wirtschaftsgemeinschaft, die die Generationen umfaßt. - Das Vertrauen in das überlieferte Recht, die Tradition und die Erfahrung; die Achtung und der Respekt vor der Geschichte und den Leistungen der Vorfahren. - Die Einsicht, daß Veränderung und Reform nicht identisch sind. Die Skepsis gegenüber dem Zeitgeist und einer eilfertigen Neuerungssucht sowie die Über- Politische Theorien als Grundlage des demokratischen Diskurses 11 zeugung, daß Veränderungen notwendig bleiben, aber langsam und mit Au- genmaß erfolgen müssen. Diese Grundsätze sind nicht nur Theorie geblieben, sondern haben Eingang in die konkrete Politik gefunden. Die preußischen Konservativen sind ohne sie ebenso wenig denkbar wie die Gründung der Zentrumspartei. Auch in den poli- tischen Parteien der Gegenwart finden sich ihre Spuren: So versteht sich die CSU in ihrem Programm auch als konservative Partei. Die CDU betont eben- falls, daß neben dem liberalen und sozialen auch das konservative Element zu ihren geistigen Wurzeln zählt. Schließlich bekennen sich auch die Grünen mit ihren Forderungen nach der Bewahrung der Natur und dem Schutz der Umwelt zu wertkonservativen Positionen. Nicht nur die christlichen Volksparteien pflegen ihre Traditionen. Auch der politisch organisierte Liberalismus knüpft an seine im 19. Jahrhundert gelegten Grundlagen an. Sie gewinnen Konturen in der Gegenüberstellung der unter- schiedlichen Menschenbilder von Liberalen und Konservativen, wie sie Hans- Joachim Schoeps in seiner „Deutschen Geistesgeschichte der Neuzeit" ver- sucht hat: „Der liberale Mensch ist optimistischer, er glaubt an die Zukunft der Welt, an die Erreichbarkeit der Ziele, die Vernunft und den guten Willen der Menschen, dahin zu kommen. Er optiert daher für den vernünftigen Fortschritt, weil er eine gute Meinung vom Menschen hat. Der Konservative hingegen glaubt nicht an den Men- schen. [...] Er bietet gegen ihn den Staat und die staatliche Ordnung auf, weil der Mensch sich selbst überlassen die Welt gerade nicht vernünftig gestalten und zu einem Weltziele fortschreiten, sondern im Gegenteil die Welt zerstören würde. Deshalb verordnet er einen starken Staat mit einer starken Rechtsordnung, der die Schöpfungswelt sichern und den Menschen vor sich selber schützen soll. [...] Liberales und konservatives Geschichtsbewusstsein [stehen] nebeneinander. [...] Hier Glaube an die Vernunft und den guten Willen des Menschen - dort Zweifel an der Vernunft und abgrundtiefer Pessimismus hinsichtlich des guten Willens. Hier der Wille, alle staatlichen und reglementären Beschränkungen der individu- ellen Freiheit des Menschen zurückzudrehen und auf ein Minimum einzuschrän- ken - dort die weite Entwicklung der sozialen Institutionen und der Mut zum Ex- periment. Hier Empfehlung des starken Staates und fester, den Menschen eingrenzende Ordnungen, um der Selbstzerstörung des Menschen entgegenzuwir- ken und den Zerfall der Schöpfung zu verhindern. Dort der Wunsch nach Begren- zung und Abbau des Staates, um ihn allmählich in der Gesellschaft aufzulösen oder auf die Mitgliedschaft in der Kulturnation zu reduzieren." (Schoeps, Deutsche Geistesgeschichte der Neuzeit Bd. IV, S. 264) Wenn auch diese schroffe Kontrastierung und vereinfachende Typisierung zu wenig zwischen den verschiedenen Ansätzen des liberalen Denkens differen- ziert und daher zu Einwänden herausfordert, so machen sie doch deutlich: Op- timismus, Glaube an Vernunft und Fortschritt sowie das Vertrauen in die Fähig- 12 Bernd Heidenreich keit des Individuums, wenn es sich nur frei entfalten kann, prägen Weltan- schauung und Menschenbild des Liberalismus, die ihre konkrete Ausformung in den Forderungen der Liberalen des 19. Jahrhundert fanden - politisch in der Forderung nach persönlicher Freiheit, Rechtsgleichheit, Rechtssicherheit und Repräsentation, - wirtschaftlich in der Forderung nach Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, freier Berufswahl, Vertragsfreiheit, freiem Handel und Freiheit des Eigentums, - geistig in der Forderung nach Freiheit von Dogma und religiösen Beschrän- kungen sowie nach Freiheit ftir Wissenschaft, Forschung und Lehre. Diese Grundüberzeugungen und Forderungen des Liberalismus bestimmen die Richtung einer geistigen Linie, die sich von Adam Smith „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations" (1776) über Wilhelm von Hum- boldts „Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen" (1792) und Alexis de Tocquevilles „De la Democratic en Amöri- que" (1835) bis zu den Programmen der gegenwärtigen liberalen Parteien zie- hen läßt. Natürlich sind die meisten dieser liberalen Forderungen längst in die Grund- rechte der europäischen Verfassungen, in unsere an den Gesetzen des Marktes orientierte Wirtschaftsordnung und in eine auf Emanzipation, Selbstbestimmung und Individualisierung setzende Gesellschaft eingeflossen. Sie sind zu einem selbstverständlichen Teil unserer demokratischen Kultur geworden. Dennoch bleibt die politische Kernaufgabe des Liberalismus von zeitloser Aktualität. Denn die auf Natur und Vernunftbegabtheit des Gattungswesen Mensch beru- hende Freiheit, die sich in der freien Entfaltung des Individuums im privaten und öffentlichen Raum konkretisiert, bleibt ein hohes Gut, das in unterschiedli- chen gesellschaftlichen Konstellationen immer wieder neu vor den Eingriffen staatlicher Macht und Fürsorge geschützt werden muß. Im schärfsten Kontrast zu diesen Vorstellungen der Liberalen standen schon früh die verschiedenen sozialistischen Ideen, die von Anfang an eng mit der sozialen Frage verknüpft waren. Mit der in England einsetzenden Industriellen Revolution war zugleich die soziale Frage aufgerufen. Denn die durch die industrielle und technische Ent- wicklung des 19. Jahrhunderts ausgelösten tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen warfen die Frage nach den Lebensbedingun- gen und der politischen Partizipation der unteren Schichten, der Gesellen und Handwerksburschen sowie der sich seit Mitte des Jahrhunderts langsam entwik- kelnden Industriearbeiterschaft auf, die durch die Julirevolution von 1830 und die Februarrevolution von 1848 in Frankreich eine zusätzliche Dynamik gewann. Die wichtigsten und weltgeschichtlich folgenreichste Antwort auf die soziale Frage formulierte der Sozialismus, dessen Schlüsselbegriffe Gleichheit, Solida- Politische Theorien als Grundlage des demokratischen Diskurses 13 rität und Fortschrittsglaube bereits seit der Französischen Revolution von 1789 auf der Tagesordnung der europäischen Politik standen. Ausgangspunkt war dabei die Forderung nach einer über die liberale Rechts- gleichheit hinausgehenden wirtschaftlichen und sozialen Gleichheit, die nahezu alle Lebensbereiche (ζ. B. Einkommen, Eigentumsverhältnisse und Bildungs- chancen) umfaßte und ihre Kernforderung in der Nivellierung der gesellschaft- lichen Unterschiede hatte. Eine vermeintlich gerechtere Wirtschafts- und Sozi- alordnung sollte die Verfügbarkeit des Privateigentums in der Wirtschaft stark einschränken. Die Rechte und Interessen des Individuums traten in diesen sozia- listischen Vorstellungen allerdings hinter dem Anspruch der Gemeinschaft bzw. des Kollektivs auf Solidarität im gemeinsamen Kampf für soziale Gerechtigkeit zurück. Die Vertreter des Sozialismus vertrauten darauf, daß die von ihnen angeprangerten gesellschaftlichen Zustände durch die wissenschaftlich- technische Entwicklung und durch die verstärkten Bildungsanstrengungen überwunden werden konnten und sahen auf der Grundlage dieses Fortschritts- glaubens dem geschichtlichen Verlauf optimistisch entgegen. Historisch reichten die Wurzeln des Sozialismus bis zur Französischen Revo- lution (Babeuf) jedenfalls aber bis zum Frühsozialismus in England und Frank- reich (Owen, Saint-Simon, Fourier) zurück, wo die Industrialisierung deutlich früher als in Deutschland einsetzte und demzufolge auch die soziale Frage eher gestellt wurde. In Deutschland entwickelte vor der Revolution von 1848/49 der Schneidergeselle Wilhelm Weitling sozialrevolutionäres Gedankengut, bis im Jahre 1848 Karl Marx und Friedrich Engels das „Manifest der Kommunisti- schen Partei" vorlegten. Marx und Engels reduzierten darin die Geschichte auf den Gegensatz von Klassen und erhoben die Forderung: „Proletarier aller Län- der vereinigt euch!" Sie vertraten die Auffassung, daß sich im Kapitalismus die Gegensätze und Klassenkämpfe so lange verschärfen würden, bis eine soziali- stische Revolution die Gesellschaft hinwegfegte. In den Augen von Marx und seinen Anhängern konnte daher sozialreformerische Arbeit am Staat den histo- risch notwendigen und wünschenswerten Geschichtsverlauf nur verzögern und wurde deshalb als kontraproduktiv verworfen. Demgegenüber setzte Ferdinand Lassalle auf Pragmatismus, Mitarbeit in den Parlamenten, soziale Reformen und den Aufbau starker, autonomer Arbeiterorganisationen, ohne allerdings seinen prinzipiellen revolutionären Anspruch und den Versuch, eine Veränderung des Bestehenden durch einen politischen Umsturz herbeizuführen, aufzugeben. Seine Bemühungen mündeten 1863 in der Gründung des „Allgemeinen Deut- schen Arbeitervereins". Die noch konsequenter Sozialrevolutionär orientierten Vertreter des Sozialismus versammelten sich dagegen um August Bebel und Wilhelm Liebknecht in der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutsch- lands" in Eisenach (1869). Kam es auch 1875 unter dem Dach der „Sozialisti- schen Arbeiterpartei Deutschlands" in Gotha zu einem Zusammenschluß beider 14 Bernd Heidenreich Gruppierungen, so blieb doch der Gegensatz von - trotz aller Revolutionsrheto- rik - reformerischem Pragmatismus und sozialrevolutionär-marxistischer Orien- tierung unverbunden nebeneinander stehen und bestimmt die Diskussion im sozialistischen Lager über den „Revisionismusstreit" Eduard Bernsteins hinaus im Grunde bis zur Sozialdemokratie der Gegenwart und zum Postkommunis- mus nach dem Zusammenbruch der Diktaturen Osteuropas. Es wäre jedoch völlig verfehlt, nur im sozialistischen Lager Kompetenz und Lösungsvorschläge für soziale Probleme zu vermuten. Konservatismus, Liberalismus und Katholizismus suchten und fanden viel- mehr bereits im 19. Jahrhundert von ihren jeweils unterschiedlichen Stand- punkten aus bedenkenswerte Antworten auf die neuen sozialen und gesellschaftlichen Problemlagen. Das gilt für Hermann Wageners Idee des „sozialen Königtums" und Lorenz von Steins „Sicherung der sozialen Freiheit und [...] Erhebung der arbeitenden Klasse zu Bildung und Besitz" ebenso wie für Franz von Baaders Sozialbindung des Eigentums und Bischof Wilhelm Emmanuel von Kettelers Forderung einer an Thomas von Aquins Eigentums- und Soziallehre geschulter Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Solche konservativen und christlichen Ansätze mündeten in die katholische Soziallehre (vgl. die Enzykliken Rerum Novarum (1891) und Quadragesimo Anno (1931) der Päpste Leo XIII. und Pius XI.) und in die evangelische Sozialethik. Daneben fanden sie ihren Ausdruck in den politisch-pragmatischen Lösungen der deutschen Sozialgesetzgebung, die Bismarck in den achtziger Jahren durchsetzte. In der katholischen Zentrumspartei, den konfessionsübergreifenden Unionsparteien, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entstanden, und den anderen christlich-sozialen Volksparteien Europas wurden diese Traditionen aufgegriffen und weiterentwickelt. Schon diese einfuhrenden Bemerkungen zeigen: Die Auseinandersetzung mit den politischen Theorien des 19. Jahrhunderts hat auch in der modernen Demo- kratie nichts von ihrer Aktualität verloren. Der vorliegende Aufsatzband, der aus einer dreiteiligen Publikation der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung hervorgegangen ist, stellt Persönlichkeit und Werk einiger wichtiger Repräsentanten des politischen Denkens dieses Jahrhunderts vor, die aus kon- servativer, liberaler, sozialistischer oder christlicher Perspektive eine Antwort auf die politischen Fragen ihrer Zeit versucht haben und mit ihren Ideen den politischen Diskurs bis in die Gegenwart bestimmen. Allen Autoren, die mit ihren Beiträgen an diesem Buch mitgewirkt haben, sei dafür herzlich gedankt. Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Gerhard Göhler vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaften der Freien Universität Berlin, der das Entstehen dieser Publikation mit vielen Anregungen begleitet hat. 1. Konservatismus 8 4 si « B e t r a c h t u n g e n fiber tie fraitiofifc&e SUMution btm «ηβίίΓφηι bti £ m n SBnrft nta* bearbeitet mit e i n e r E i n l e i t u n g , S i n m e r f u n g e n , politifdjen W a i i M u n g e n , H ü b einem critifcfyei» SScrseicfjnifj 6» in φι^Ιαηδ iiber bitf« Revolution erfdjimenen £<frrlfwit M R S r i e b r i d ) ® e n j|. 3« 3®fi l^tiftt. € r fl t r ' Ϊ Μ ι 1. &<rit!t 1793, bei gritbritfc 5Jit»ti öem ST<Itcrrκ. Konservatismus im 19. Jahrhundert - eine Einfuhrung Gerhard Göhler 1. Das Phänomen des Konservatismus Der Konservatismus ist nicht tot, und er ist auch nicht einfach reaktionär. Zwei- fellos ist konservatives Denken vor allem rückwärts gewandt, aber wer nach rückwärts schaut, muß nicht von vornherein den Blick auf die Zukunft ver- schließen. Nur wer auch nach rückwärts schaut, kann Erfahrungen einbringen und für die Zukunft geltend machen. Das Rad muß nicht immer wieder neu erfunden werden. Andererseits - so ist immer wieder zu konstatieren - kann der Blick nach rückwärts die Zukunft auch verstellen. In diesem Spannungsverhält- nis sollten wir den Konservatismus diskutieren. Dabei verstehe ich Konserva- tismus neben Liberalismus und Sozialismus als eine der „Ideologien" sozialer und politischer Bewegungen, die vornehmlich im 19. Jahrhundert entstanden sind und die unser politisches Denken bis in die Gegenwart beeinflussen. Geht es dem Liberalismus um die freie Entfaltung des Individuums gegenüber aller politischen und gesellschaftlichen Bevormundung, dem Sozialismus um die Verwirklichung von sozialer Gerechtigkeit in einer selbstbestimmten Ge- meinschaft, so dem Konservatismus um die Bewahrung des Bewahrenswerten in einem vorgegebenen Ordnungsgefüge. Das lateinische Wort „conservare", von dem sich „Konservatismus" ableitet, hat bekanntlich den Sinn von aufbe- wahren, instandhalten, retten. „Konservatismus" ist - ebenso wie „Liberalis- mus" und „Sozialismus" - ein im 19. Jahrhundert entstandenes Kunstwort. Die Wortgeschichte ist ein wenig pikant (Vierhaus 1982, S. 537ff): Der Ausdruck „conservateur/conservatrice" diente als politischer Begriff ursprünglich der Erhaltung der Errungenschaften der Französischen Revolution - und zwar so- wohl gegen ihre Radikalisierung als auch gegen ihre Rücknahme. In der Restau- rationszeit galt es dagegen anderes zu erhalten. „Le Conservateur" war 1818— 1820 die Wochenzeitschrift Chateaubriands und ein Organ der Royalisten; sie stand im Gegensatz zum Liberalismus, allerdings nicht für die Rückkehr zu vorkonstitutionellen Zeiten. In Deutschland hat sich der Begriff „Konservatis- mus" zur Bezeichnung einer politischen Richtung erst ab den 30er Jahren des 20 Gerhard Göhler 19. Jahrhunderts allmählich durchgesetzt: als Signalwort für die Bewahrung der anti-liberalen und erst recht der anti-demokratischen politischen Ordnung. Welches Denken und welche sozialen und politischen Bewegungen lassen sich als „konservativ" kennzeichnen, und wie ist ihr „Konservatismus" zu bestimmen? Darüber werden in der Literatur heftige Auseinandersetzungen geführt, die klare, brauchbare Verortungen fast schon unmöglich erscheinen lassen. Aber so hoffnungslos ist die Lage nicht, wenn man sich die unleugbare Vielfalt ein wenig systematisch ansieht. Ich unternehme daher hier zwei Durchgänge. Zunächst bestimme ich, ausge- hend von Mannheims grundlegendem Werk, den Konservatismus als eine Denkstruktur, also als eine bestimmte Art und Weise, wie gedacht wird - so- dann als historisches Phänomen, nämlich in der Abfolge von historischen Etap- pen. 1.1 Konservatismus als Denkstruktur Was heißt „konservatives Denken"? Das Fundamentalprinzip ist das Bewahren. Zu erhalten sind also grundsätzlich sowohl die Lebensprinzipien des Einzelnen in der Gesellschaft als auch die Ordnungsprinzipien der Gesellschaft und des Gemeinwesens selbst als auch schließlich die Prinzipien der Bindung des Ein- zelnen an das Ganze. Maßstab ist stets, daß alles erhalten werden soll, was sich bewährt hat - sei es von Gott oder der Natur vorgegeben, sei es als geschichtli- cher Erfahrungsgehalt erworben. Bereits in dieser allgemeinen Bestimmung liegt die entscheidende Abgren- zung gegenüber Liberalismus und Sozialismus, weil diese beiden vielmehr von konstruktiven Prinzipien und ihrer Absicherung ausgehen. Wenn der Liberalis- mus die freie Entfaltung des Individuums propagiert, so beruft er sich auf die Vernunft des autonomen Ich; sie ist die Grundlage und der Maßstab für jede Verfassungskonstruktion. Ganz entsprechend geht der Sozialismus zur Verwirk- lichung sozialer Gerechtigkeit von der Prämisse aus, daß der Mensch als sozia- les Vernunftwesen nur in einer selbstbestimmten Gemeinschaft seine Erfüllung findet. Für Liberalismus wie Sozialismus ist die Ordnung des menschlichen Zusammenlebens nach Vernunftprinzipien, aus rationaler Begründung zu erstel- len oder entsprechend zu verändern. Dagegen richtet sich das konservative „Bewahren" auf das Vorhandene, auf die überkommene Ordnung. Weil sie normativ oder historisch vorgegeben ist, stellt sich die Frage, ob sie bewahrenswert ist, eigentlich erst dann, wenn sie von anderer Seite infrage gestellt wird; sie ist virulent, theoretisch wie prak- tisch, vornehmlich in Umbruchzeiten. Sonst wäre keine Reflexion erforderlich, und erst mit einer solchen Reflexion setzt eigentlich der Konservatismus ein. Im Zeitalter der sozialen und politischen Bewegungen ist Konservatismus deshalb