\Xferner Telesko Geschichtsraum Österreich Die J labsburger und ihre Ge hi hre in der bildenden Kunse de 19. Jahrhunderr Böhlau Verlag Wien· Köln· Weimar Herausgegeben von der Ösrerreichischen Galerie Belvedere Veröffentlichr mir Untersrützung des Fonds zur Förderung der wissenschaftlIchen Forschung Die forschungen zu vorliegender Publikanon wurden im Rahmen eines APART (AUSTRIAN PROGRAMME FOR !\oVANCED REsEARCH AND TrCHNOI.OGY)- Sripendiums der Ösrerreichischen Akademie der W'issenschaften (2002-2005) geförden. Coverabbildungen: Archiv des Aurors Bibliografische Informarion Der Deurschen Bibliorhek: 05TERREICHI5CHE GALERIE BELVEDERE W F [)t:or Wlss~n5(hahsfond5 OSTERREICHISCHE AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN Die Deutsche Bibliorhek verzeichner diese Publikarion in der Deutschen Narionalbibliografie; deraIllIene bibliografische Daren sind Im Interner über hrrp:/Idnb.ddb.de abrufbar. ISBN 3-205-77522-8 ISB 9~8-3-205-~~522-5 Das \X'erk isr urheberrechclich geschürzt. Die dadurch begründeren Rechre, insbesondere die der Über- setzung, des Nachdruckes, der Entnahme von Abbildungen, der Funksendung, der \X'iedergabe auf foromechanischem oder ähnlichem \X/ege, der Wiedergabe im Interner und der Speicherung in Daren- verarbeirungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwenung, vorbehalren. © 2006 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H. und Co.KG, Wien· Köln· Weimar hup:/ /www.boehlau.ar hrrp:/ /www.boehlau.de Druck: Dimograf, Poland Inhalt Vorwort und bnführung .............................................. 13 Österreichs "Identitäten" und die bildende Kunst im 19. Jahrhundert - Begrifflichkeiren, Methodik und Perspektiven "Identität" Versu he einer begrifflichen Eingrenzung ........................ 19 Bildende Kunst und Idell[ität ........................................... 20 "Imagined Communities" - Österreich im 19. Jahrhundert als historischer Sonderfall .. 22 Die ull[erschiedlichen Ebenen österreichischer " ld ell[ität" ..................... 24 Die Symbole dynastischer Identität: Krone und Wappen ....................... 26 Armee und Militär als Garanten der Dynastie ............................... 27 fiktive "Ge meinsamkeit" als identitätsstihender Faktor. ....................... 28 ldentitätskonsrruktionen "von ull[en " und "von oben" ........................ 29 Die Strategien der Eliten - Kunst "im Dienst des Staates" ...................... 30 "Kanon bildungen " als Strukturmerkmal österreichischer Identitätsstihungen im 19. Jahrhundert ................................................. 32 Die Prinzipien der " Kanonbildung " ...................................... 39 "Ka nonbildung " als Denkmodell für die Strukturierung von Geschichte ........... 40 2 Die Formierung der" ation Österreich" als schwieriger Prozess von der "Casa d'Au tria" zum habsburgischen "Gesamtstaat" "Na tionale " ldell[ität. ........................ ....... ................ 43 " Monarchie des Hauses Österreich" ...................................... 44 Das österreich ische Kaisertum von 1804 bis 18 48 ......................... ... 45 Vaterlandsparriotism us und "nationale Kunst " .............................. 46 Patriotismus, Vaterlandsliebe und -erziehung ..... .. ... ................... . 50 hanz Sartoris Vaterlandskunde ..... ..... ........... .. ....... .. .......... 52 Die staatsrechtlichen Grundlagen des Österreich-Begriffs in der franzisko-josephinischen Epoche ................................... 54 "Österreich" und "österreichisch" in der franzisko-josephinischen Epoche ......... 56 Das Nationalitätenkonzept von ViktOr Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813-1858) und seine Folgen ............................ 58 Vaterlandskunde und patriotische Festspiele ................................ 60 "Ös terreichische" Identitäten in ihrem Verhältnis zu Deutschland in der franzisko-josephinischen Epoche ................................ ... 62 Die ,,Austria" in der bildenden Kunst ..................................... 64 Personifikationen der ,,A ustria" an Brunnenanlagen .......................... 69 3 Maria Theresia- die "Landesmu[[er" als Imegra[ionsfigur im 19. Jahrhunden Maria Theresia und der Kult der "Kernfamilie" .............................. 79 Die Ikonographie Maria Theresias im 18. Jahrhundert zwischen mythologischer Verkleidung und " Identifikationsporträt" .................... 80 Maria Theresia als "La ndesmutter" ....................................... 83 Die Rezeption Maria Theresias im 19. Jahrhundert - der Denkmalkult ............ 84 Caspar von Zumbuschs Wiener Maria-Theresia-Denkmal ..................... 86 Die politische Instrumentalisierung des Wiener Maria-Theresia-Denkmals ......... 93 Der maria-theresianische Denkmalkult in Österreich ......................... 94 Die wichtigsten Themenkreise der Ikonographie Maria Theresias im 19. Jahrhundert. 94 Maria Theresia am Preßburger Reichstag (u. September 1741) - die Herrseherin als " Kämpferin" ....................................... 96 Die Herrseherin als " Mutter " ........................................... 100 4 Joseph II. - zur Rezep[ion des Kaisers zwischen na[ionaler Vereinnahmung und bildlicher Verklärung HistOrische Grundlagen der Regentschaft Josephs II.. ......................... 105 Das 18. Jallfhundert - die "ze itgenössischen" Bilder des Kaisers .................. 106 Hieronymus Löschenkohl (1753-18°7) und Kaiser Joseph 11. .................... 111 Die frühe Rezeption des Herrscherbildes: das Wiener Denkmal Josephs II .......... 111 Die politische lnstrumentalisierung des Wiener Joseph-Denkmals ............... 1I7 Der Herrscher als Pflüger .............................................. H8 Die Geschichte der Denkmäler bei Slavikovice .............................. 121 lur \letaphorik des herrscherlichen Pflügens ............................... 12 3 DIe literarische Verherrlichung Josephs 11. ..................•.....•........ 12 5 Die legendarische AuS\ .... eitung des Wlrkens Josephs 11. in Gestalr eines "Lebensromans" ....................................... 126 Der KultJosephs I!. in den Denkmälern des 19. Jahrhunderrs im deutsch-cschechischen pannungsfeld ................ 130 Die Denkmäler Josephs I!. im heutigen Österreich ........................... 136 BeglCl(publikationen zu den Denkmalsenthüllungen ......................... 140 5 Das österreichische Kaisertum von Franz 11. (1.) bis Franz Joseph 1. im Spannungsfeld von dynastischer Repräsentation und nationaler Identität Kaiser Franz I!. (1.) ................................................... 145 Kaiser ["ram 11. (1.) als letzter Regent des Heiligen Römischen Reiches Deutscher ation und als Begründer des Kaisertums Österreich ............... 148 Der Bezug zu Kaiser Joseph 11. .......................................... 150 Die Rezeption barocker Traditionen ...................................... 150 Die ,,1 iebe" des Herrschers und die "Liebe" zum Herrscher als propagandistische Leitmotive Habsburgs im 19. Jahrhundert ................. 153 Das Jahr 1814 - die Befreiung in Wort und Bild .............................. 156 Das Reiterporrrät .................................................... 158 Das Kaiserpomät Friedrich von Amerlings (1832) und die Wiedergabe der "Individualität" des Herrschers ........................... 160 Repräsentative Herrscherporträts ......................................... 163 Der Herrscher als "erster Bürger" ........................................ 164 Der Herrscher als "erster Arbeiter" des Volkes ............................... 166 Der Kaiser als "Familienvater" ........................................... 169 Die "hanzensburg" als Ausdruck habsburgischen Ahnenkultes .................. 174 Der Bau als geschicht5[[ächtiges "Reliquiar" ................................ 1""'7 Der "Habsburgersaal" der "Franzensburg" .................................. 178 Der "Lorhringersaal" der "Franzensburg" .................................. 181 Herrscherrepräsentarion und "Caritas" .................................... 186 Die "Caritas" der Kaiserin .............................................. 189 Kaiser fram auf dem Sterbebett ......................................... 18 9 Die "Monumentalisierung" der Erinnerung an den Kaiser ..................... 19J Das "l\'achleben" Kaiser Franz' 11. (1.) ..................................... 194 Kaiser Ferdinand l. ................................................... 195 Die Beschwörung der Konrinuirär. ....................................... 19 6 Krönungsbilder ...................................................... 19 8 "Gloriflkarionen" Ferdinands 1. .......................................... 199 Ferdinands "Cariras" .................................................. 202 "Enzyklopädische" Ikonographie des Kaiserrums Ösrerreich .................... 203 Kaiser Franz Joseph 1. ................................................. 205 Die Anfange der Repräsenrarion Kaiser Franz Josephs 1. ....................... 207 "Konrinuirären" ..................................................... 2Il Uniform bildnisse .................................................... 212 "SchriFrporrrärs" ..................................................... 213 Repräsenrarive Herrscherporrrärs ......................................... 215 Die Rezeprion der Anrike .............................................. 216 Herrscherporrrärs im Ornar vom Goldenen V1ies ............................ 218 Das Reirerbildnis ..................................................... 220 Der Herrscher in "narurräumlicher" Umgebung ............................. 220 "Sakralisierungen" FranzJosephs ......................................... 223 Prunkpublikarionen zu den Herrscherjubiläen .............................. 230 Das Jahr 1908 - Gipfelpunkr der Myrhisierung Franz Josephs ................... 235 Jubiläumsadressen .................................................... 238 Die Medaille als Medium der breiren Popularisierung von "Herrscherimages" ....... 241 Die Medaille als Medium der Visualisierung dynasrischer Tradirionen ............ 243 Der Wahlspruch "Viribus uniris" - habsburgisches "Leirmoriv" oder mulrifunkrionales Propagandainsrrumenr? ............................... 244 Der Herrscher als "Myrhos" ............................................ 252 6 Die Suche nach den "Ursprüngen": habsburgische Se lbsrversicherung durch Beschwörung des "Stammvaters" RudolfI. Die uche nach den "Ursprüngen" ....................................... 255 Habsburgische "Frömmigkeir" - Rudolf von Habsburg und der Priesrer ........... 255 Die Bedeurung der Rudolfslegende in der Frühen Neuzeir ..................... 256 Die Rudolfslegende im 19. Jahrhunderr .................................... 257 "Die Habsburg": der Ursprungsorr der Dynasrie ............................. 260 Die Ikonographie Rudolfs von Habsburg in der Frühen Neuzeit. ................ 263 Ladislaus Pyrkers "Rudolphias" .......... .. ............................ 264 Die "Erwählung" Rudolfs .............................................. 266 Die Marchfeldschlacht [278 - Rudolf von Habsburg und ütrokar ............... 269 Rudolf-Panegyrik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderrs ..................... 273 Rudolf-Panegyrik in der zweiten Hälfte des 19· Jahrhunderrs .................... 274 Denkmäler Rudolfs von Habsburg ....................................... 276 Die Akrualisierung der "Piems" Rudolfs bis zur Epoche Kaiser Franz Josephs I. ...... 280 Kronprinz Erzherzog Rudolf als personifizierte "Erinnerung" an den dynastischen Stammvater ...................................... 282 Rückbezüge des [9. Jahrhunderrs auf die Epoche der Babenberger. ............... 287 Herzog Heinrich 11. Jasomirgon ......................................... 289 Die Rezeption der Babenberger in der zweiten Hälfte des 19. Jahthunderrs ......... 291 Die Ikonographie der Babenberger in der Plastik ............................. 292 Genealogien als Grundlagen dynastischer Legitimationsstrategien ................ 294 Rudolf von Habsburg und die Beschwörung des genealogischen "Ursprungs" ....... 294 5tammbäume ....................................................... 295 ,,Ahnengalerien" ..................................................... 304 Dynastische Ahnengalerien in der zweiten JahrhundenhälFte ................... 307 Habsburgische ,,Ahnenreihen" im internationalen Vergleich - Bayern und Böhmen .. 310 7 Geschichtsschreibung als" eu entdeckung" des Landes - Tendenzen österreichischer Historiographie im 19. Jahrhundert Die Schwerpunkte österreichischer Hisroriographie vor Joseph Freiherr von Hormayr (1781 oder 1782-(848) ........................ 313 Joseph Freiherr von Hormayr ........................................... 314 "Vaterländische" Themen in Won und Bild ................................ 315 Hormayrs "Österreichischer Plutarch" ..................................... 315 Hormayrs "Österreich und Deutschland" .................................. 318 Hormayrs ,,Archiv für Geographie, Hisrorie, Staats- und Kriegskunst" ............ 318 Hormayr und Tirol ................................................... 319 Österreich ische Hisroriographie im 19. Jahrhundert .......................... 320 Joseph Alexander Freiherr von Helfen (I82o-[9IO) ........................... 322 Das "Kronprinzenwerk" Erzherzog Rudolfs ................................ 324 8 "Populäre Bilder" - Inrerpretation en österreichischer Geschichte in der Malerei d es 19 JahrhundertS K I· 'k'" , r .. " unstpo IU Im vormarz .... .......... .............. .... ... ...... Die inhaldi chen Schwerpunkte der Hi storienmalerei im Vormärz ... .. .......... Kar! Ruß (1779-1843) und die frühe österreich ische Historienmalerei ............ Die Situation der Historienmalerei in Böhmen ............................. Die historischen Bildkompendien Amon Zieglers ................... ....... Anton Zieglers "Gallerie aus der österreich ischen Vaterlandsgeschichte" (I8371I838) .. 329 33° 332 339 34 1 343 Zieglers "Gallerie" und die Bedeutung des maximilianeischen Themenkreises ....... 345 Österreichs "Heldenzeitalter" in Zieglers "Ga ll erie" .......................... 351 "Zeitgenössische" Geschichte in Zieglers "Gallerie" ................... ... ..... 353 Anton Zieglers "Vaterländische Immortellen aus dem Gebiete der österreichischen Geschichte (... )" (J838-1840) .................... 354 Anton Zieg lers "Varerländische Bilder-Chronik" (1843-1849) ................... 356 Die Schrifren Leopold Chimanis (1774-1844) . . .. ............. ............. 361 "Geschichtsbilder" - "Bilder" von Geschichte ............................... 363 Die "Personenbezogenheir" habsburgischer Geschichtsreflexion im 19. Jahrhundert .. 367 "GeschichtsgaJerien" ................ ... .... . . .. ..................... 368 Leopold Kupelwiesers Konzepr einer österreich ischen Geschichrsgalerie und die Folgen ..................... .. . . 368 Die Posirion von RudolfEirelberger von Edelberg ....... ...... ............. 370 Leopold Kupelwiesers Freskenprogramm im "Marmorsaal" der ehemaligen Niederösrerreichischen Srarrhalterei in Wien und das Jahr 1848 ... 37Z Das Programm ...................................................... 375 Die Vorsrufen zu Kupelwiesers Konzeprion . .. ................ .. ... .... .... 380 Niko laus (MikJ6s) GrafZrfnys (15°8-1566) Heldentod in Szigeth ................ 380 9 Soldatisch e Tugenden und die Erziehung der Nation- Strategien österreichischer "Militärikonographie" M 'l' .. 'k h ' " 385 " I Han onograp le ..... ....... ...... ... .. ...... ....... ... ....... . . . Der "Myrhos" der ösrerreichische n Armee .................................. 3 86 Die Propagierung der Tapferkeir . ..... . . ....... ....... . . . .... . . ... ....... 387 Feldmarschall Jo sep h Wenzel Graf Raderzky von Rad etz (1766- 18 58) als Ink arn arion des habsburgischen "Mi lirärmyrhos" ........................ 389 Ta Österreichische Geschichte zwischen Heldenapathease und Nationalpädagogik: die "Ruhmeshalle" im Wiener ,,Arsenal" Vorgeschichte ....................................................... 393 Heinrich Friedrich Fügers Zyklus für Erzherzog earl. ......................... 393 Die sechs histOrischen Themen mit originaler Titelnennung .................... 394 Das Wiener ,,Arsenal" ................................................. 394 Das Programm earl Rahls .............................................. 398 Rahls Programm im Detail ............................................. 399 Der Programmenrwurf von earl von Blaas ................................. 402 Änderungen im Programm und Rahls Neukonzeption im Jahr 186o .............. 405 Die endgültige El1[scheidung über das Programm ............................ 407 Die Revision des ursprünglichen Programmenrwurfs von Blaas .................. 408 DIe Pendel1[ifmedaillons des "M imisaals " der " Ruhmeshalle " ................... 408 Die Themen der Dekoration der Schildbögen im " Mineisaal " ................... 408 Die Programmatik der Nebensäle ........................................ 408 NIegorische vs. hisrorische Konzeption) .............. ............ ......... 410 "Gesc hichtsmalerei " und der Ameil der Hisroriker ....................... ... 412 Quirin von Leirner und die österreichische "M ilirärikonographie " ............... 414 Das plastische Programm der " Ruhmeshalle " und "Fel dherrnhalle" ............... 415 Ir Zusammenfassung ............................................. 417 12 An merkungen ................................................. 4 2 3 13 Literatur ...................................................... 507 14 Personenregister... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 565 Vorwon und Einführung Bilder produlieren Geschichtsbilder. Wie kaum für eine andere Epoche gilt diese Formu- lierung für das österreich ische 19. Jahrhundert. In manchen Kunsrwerken scheinen sich die komplexen historischen Zusammenhänge geradezu gleichnishaft zu verdichten. Werke die- ser Prägung mutieren zu" ignalbildern" geschichtlicher Ereignisse und Entwicklungen. So gewannen erwa Damellungen der fur Österreich siegreichen Schlacht von Aspern (1809) im Verlauf des 19. JahrhundertS den Charakter wichtiger "Leitbilder" militärischer Größe. Da- mit drängt sich die Frage auf in welchem Verhältnis Werke dieser Art zu den geschichtlichen Ereignissen selbst stehen, und in welcher Weise die unterschiedlichen Visualisierungen der Historienkunst des 19. Jahrhunderts den jeweiligen historischen Ereigniskern "instrumen- talisieren" und "modell ieren". Primäres Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Rolle und die vielgestaltige Bedeutung der Historie und der "Historien kunst" in der Habsburgermonarchie des 19. JahrhundertS deutlich zu machen sowie die unterschiedlichen "Mythisierungen" der Epochen österrei- chischer Geschichte als zentrales Thema der Rezeptionsgeschichte zu beleuchten. Welchen Stellenwert gewann die Beschäftigung mit Geschichte ganz allgemein' Auf welche histO- rischen Ereignisse bezog man sich vorzugsweise in den entsprechenden Darstellungen? In welcher Hinsicht besaß die "eigene" - bis zu fiktiven mythischen Anfangen gleichsam belie- big "verlängerbare" - Geschichte für aktuelle Frage teilungen Bedeutung? HistOrienkunst zielt dabei nicht immer auf die programmatisch eindeutige "Verdichtung von Staatlichkeit" (Bernd Roeck). Zumeist sind die Prozesse, die zur Entstehung der Werke fuhren, wesentlich komplizierter: Kunsrwerke tragen zur Konstruktion von Traditionen bei - und dies in höchst doppelsinniger Weise: Das jeweilige Werk enthält und erzeugt zugleich Geschichte. Es ist darüber hinaus ein soziales "Identifikationsmedium", indem es zwischen dem Herrscher und den Rezipienten vermittelt und zugleich als Medium der Selbstrefle- xion fungiert. Der dezidiert als "politische Kunst" zu bezeichnende Bereich, der vor allem mit dem Zweck in Auftrag gegeben wurde, dem Machterwerb bzw. der Machterhalrung zu dienen, oder zu solchen Zwecken instrumentalisiert wurde, stellt quantitativ eine deut- liche Minderheit dar. Aus den genannten Phänomenen sollte deutlich werden, daß sich Ge- schichtsreAexionen in einem äußerst komplexen Verhältnis zwischen den zu vermittelnden geschichtlichen Ereignissen einerseits und den herrschenden Eliten sowie den Künstlern und Rezipienten andererseits abspielen. Die Kunstwerke stehen dabei im Dienst von Di- stinktionsbestrebungen und tragen wesentlich zugleich dazu bei, Identität bzw. Alterität zu VorwOrt und EinFührung sriften. Wie andere ymbolsysreme auch, sind sie gleichsam höchsr \\Irkungsvolle visuelle ,,Agenten" der Formierung von Gruppen und der Srabilirär von Sraaren bzw. Insrirurionen. Auch wenn sich die Kunsthisroriker bisher am inrensivsren mit der Problematik des hi- srorischen Bildes auseinandergeserzt haben, war die Beschäftigung mit diesem Feld nie eine exklusive Domäne des Faches Kunstgeschichre. Wissenschaftliche Beirräge der Kulrurwis- senscharren, Forogeschichre, Polirologie und Medienwissenschaft vor allem zur Geschichre und Visualisierung von Propaganda, Krieg und Werbung zeigen ebenfalls einen kritischen Umgang mir Bildern, der über eine rein illusrrarive Verwendung von Bildmaterial im Rah- men wissenschaftlicher Publikarionen weir hinausgehe. Die Spezifika unrerschiedlicher GeschichrsreAexionen in Ösrerreich im Verlauf des 19. Jahrhunderts in den Medien der bildenden Kunsr zu unrersuchen, brach re die prakrische Norwendigkeir mit sich, die bisher bekannre Marerialbasis berrächrlich zu erweirern. Es zeigre sich in deurlicher Weise, daß die Forschung bisher zumeisr von einem eher be- grenzten Werkbesrand (vor allem der "Hochkunsr") ausging und diesen nichr mir lirera- rischen Dokumenten aus Hisroriographie und Belleuisrik in Beziehung setzre. Ersr auf dieser enrsprechend erweirerren Basis von Dokumenren in Won und Bild läßr sich meines Erachrens ein einigermaßen verläßliches Gesamtbild der überaus vielschichtigen Srraregien der habsburgischen Ikonographie von der Herrscherrepräsentarion unter Kaiser Franz 11. (1.) bis zu den Akrualisierungen Maria Theresias und Kaiser Josephs 11. im spären 19. Jahr- hunden gewinnen. Die solcherart gewählte Methodik erschien nicht nur zweckmäßig und darüber hinaus für den konkreten hisrorischen Fall geradezu unerläßlich, sondern sie zeigt auch, daß gerade in dieser verschränkren (in den Spezifika des Marerials begründeren) Be- trachrungsweise aufeinander bezogener Bild- undTextmedien ein wesenrlicher Schlüssel für ein besseres Verständnis der österreich ischen Hisrorienkunst im 19. Jahrhunden liege Zahl- reiche Kunsrwerke weisen besonders enge Verbindungen mit den (besonders seir Joseph Freiherr von Hormayr [1781 oder 1782-1848]) ausgeprägten literarischen und hisroriogra- phischen Traditionen auf, reAekrieren diese und wirken zum Teil wieder stimulierend auf neue Textprodukrionen ein. Die vorliegende Publikation hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, alle Bildgarrungen - und hier insbesondere die lange vernachlässigre Druckgraphik - nach ihren unterschied- lichen hisrorischen Sinnsriftungen zu untersuchen. "Erzählen" von Geschichte bedeurer nichr ohne Grund besonders im 19. Jahrhunderr Sroffbeherrschung und Materialregie in affen Medien. Dies wird auch in den komplexen Diskursen der Geschichtswissenschaft seit dem frühen 19. Jahrhunderr deurlich: Geschichte ist dorr hauprsächlich "Vergegenwäni- gung" von Vergangenern. Sie stellt geschichrliche Wirklichkeiten vor Augen, indem sie eine Gegenwan herstellt, die den Sinn menschlicher Handlungen in einer Gesamtschau de- konsrruierr und wieder neu zusammenserze. Die bildlichen Quellen sind dabei essentieller Vorwort und Finfuhrung "Brennswff' für die wissenschaftliche Phantasie, die den Gelehrten in seinen jahrelangen Recherchen antreibt. Gerade den bildlichen Zeugnissen, insbesondere den Werken der Hi- storienmalerei oder der Porträtkunst, kommt somit nicht nur die Funktion von Informa- tions- bzw. C;eschichtsquellen zu - sie sind zugleich "Ideengeber" von Wissenschaft. Die vorliegende Publikation nähert sich den zentralen Fragestellungen über eine Einfüh- rung zu Begrifflichkeit und Methodik und verfolgt die komplizierte hiswrische Formierung der "Nation Österreich" von der "Casa d'Austria" bis zum habsburgischen "Gesamtstaat". KonstItuierend für die Untersuchungen ist hier die spezifische Konstruktion der österrei- chischen \10narchie als außerordentlich komplexe Einheit heterogener Ethnien und Ter- ritorien. Das österreichische 18. Jahrhundert im "Gedächtnis" des nachfolgenden Jahrhun- derts am Beispiel der Regenten Maria Theresia und Joseph 11. zu untersuchen, ist zentraler Cegenstand des zweiten Abschnitts. Während Maria Theresia vor allem als ([landes-Jmüt- terliche) "Integrationsfigur" fungierte, verkörperre ihr Sohn als der große und umstrittene Reformer" lelfach die Polarisierungen in Zusammenhang mit den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts virulenten Konflikten zwischen Deutschen und Tschechen. Fast zwingend schließt sich hier das große Kapitel zur Herrscherikonographie von Kaiser Franz 11. (1.) bis Kaiser FranzJoseph 1. an. Als gemeinsamer enner kann dabei die enorme Vielgestaltigkeit und breite mediale Auffächerung der Formen der Repräsentation festgestellt werden. Zum ersten Mal wird die Fülle habsburgischer Geschichte in umfassender Weise verarbeitet. Die unterschiedlichen visuellen trategien der Habsburgerregenten im 19. Jahrhundert und die damit untrennbar verbundene Frage nach der Legitimation des jungen österreichischen Kai- sertums in den Jahren nach 1804 und 1848 lenken den Blick wieder zurück zur Suche nach den realen und mythischen "Ursprüngen" sowie zur habsburgischen " elbstversicherung" durch die Beschwörung des" tamnwaters" Rudolf I., die zentraler Gegenstand des sechs- ten Kapitels ist. Die unterschiedlichen Rekurse auf den heroisierren Gründer der Dynastie be~itzen in diesem Zusammenhang den Charakter eines "fundierenden" Mythos Oan Ass- mann). Dieser sollte die Gegenwart als immerfort wiederkehrende Vergangenheit erklären und damit vor allem "Sicherheit" stiften. Zu diesem Zweck wurden unterschiedliche Kon- nnuitätsmechanismen eingesetzt, die Ausdruck zeitlich gewachsener Selbstverständlichkeit sind. Die Gegenwarr konnte andererseits aber auch an einen fernen (häufig mythisierren oder \·erklärten) "Uranfang" (etwa die Schlacht bei Dürnkrut im Jahr 1278) geknüpft wer- den, wobei das geschichtlich Dazwischenliegende (und damit Heterogene und zum Teil vielfach "Störende") einfach ausgeblendet wurde. Das abschließende Kapitel versucht Ant- worten auf die Fragen nach der "Blüte" österreichischer Hiswriographie im 19. Jahrhunderr im Verhältnis zu den zahlreichen Interpretationen in der Malerei. Eine deutlich ge teigerre Kennrnis der eigenen Vergangenheit war die we ... entlichste Voraussetzung für eine quan- titative teigerung in der Produkrion von Hiswrienbildern unterschiedlichster Art, deren 16 Vorwort und Einführung lhemenkreise sich in Form eines literarisch und bildlich nachweisbaren "Kanons" langsam verfestigten. Damit wurde es schließlich möglich, aus dem quasi unerschöpflichen Reich- tum der (eigenen) Geschichte bestimmte (und aus der Perspektive der Habsburger gleich- sam "aktualisierungsfähige") Aspekte der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in den Vordetgrund zu stellen. Am konkreten Beispiel der "Militärikonographie" und der Aus- stauung der "Ruhmeshalle" im Wien er ,,Arsenal" wird die komplexe Genese der Verherr- lichung österreichischer Ruhmestaten deutlich. Hier kreuzt sich in besonderer Weise die Propagierung des Zusammenhalt stiftenden österreichischen Mythos der ,,Abwehrhaltung" (vor allem gegen die Türken- und Franzosengefahr) mit der von den Militärs initiierten Programmatik, die hisrorischen Ereignisse in ihrer scheinbar unbestechlichen Faktentreue in den Vordergrund zu stellen. Wahrend im vorliegenden ersten Band der "Gesamrstaat" aus dem Blickpunkt der wich- tigsten Phänomene der ungemein facerrenreichen "habsburgischen Ikonographie" im Zen- trum des Interesses steht, werden im zweiten Band der Gesamtpublikation, dessen Ma- nuskript Ende zoo6 vorliegen wird, die ,,Aktualisierungen" hisrorischer Geschehnisse im Zenrrum Wien und in den Regionen, den österreichischen Kronländern (zum Teil iden- tisch mit den heutigen Bundesländern der Republik Österreich), untersucht. In diesem Band kommen hisrorische Phänomene zur Sprache, die einerseits in umfassender Weise die vielfältigen Geschichtsreflexionen an der - häufig vernachlässigten - "Peripherie" in den Blickpunkt nehmen und andererseits den (vielschichtigen) Umgang mit der eigenen Geschichte (etwa besonders anhand der prominenten Ereignisse der Zweiten Türkenbe- lagerung 1683) aus der "Gegenwart" des 19. Jahrhunderts beleuchten sollen. Zudem wird die visuelle Verarbeitung epochaler Ereignisse der jüngeren österreichischen Vergangenheit - von der Schlacht bei Aspern (1809) über die Revolution des Jahres 1848 bis zum Arren- tat auf Kaiser Franz Joseph (1853) und zur Weltausstellung des Jahres 1873 - in Wien und in den Provinzen untersucht. Ein Kapitel, das sich mit der "Monumentalisierung" dieser Erinnerung an die Vergangenheit im öffendichen Denkmalkult (Herrscher, Feldherren, Bürger und Künstler) beschäftigt, schließt hier an, ebenso wie eine Analyse des Gebrauchs der unterschiedlichen Stilmodi (Klassizismus, eurenaissance, Neubarock etc.) in ihrer Insrrumentalisierung hinsichtlich staatlicher, regionaler und kommunaler Identitätskon- srruktionen (u. a. in bezug auf die Ausstattungen der Museumsbauten und der Rathäuser). Anhand dieser Abschnitte soll deutlich gemacht werden, in welcher komplexen Weise, mit welchem Grad der Durchdringung und mit welchen signifikanten Gegensätzen zwischen dem Zentrum Wien und der Provinz die "eigene" Geschichte im Spannungsfeld von ge- samtstaatlichen, regionalen und kommunalen Interessen reflektiert wurde. Die Perspektive in bezug auf den "Geschichtsraum Österreich" wird sich im zweiten Band somit vom "Ge- samtstaat" als übergeordnete staatliche Einheit zur Betrachtung der vielschichtigen "Plurali- Vorwort und Einfuhrung 17 tat der Räume" (Kar! Schlögel) verlagern. Aus diesem Grund erhält auch die Untersuchung der reichen Produktion der österreich ischen Landschaftskunst des 19. Jahrhunderts in bezug aufihren identitätsstinenden Gehalt einen prominenten Platz. Die umfassende Analyse der GeschichtsreAexionen in den Medien der bildenden Kunst in bezug auf Raum, Zeit und Handlung soll einen grundsätzlichen methodischen Eckpunkt aller Ausführungen der - auf zwei Bände konzIpierten - Gesamtpublikation darstellen. Es versteht sich von selbst, daß die hier kurz skiniene inhaltliche Trennung nur eine publikationstechnische Behelfslösung sein kann. Zahlreiche Phänomene sind in außerordentlich dichter Weise miteinander ver- schränkt und letztlich immer unter einem gemeinsamen Blickpunkt zu betrachten. Die Erforschung der hier angesprochenen Problemfelder wurde von mir im Rahmen eines dreijahrigen APART (AUSTRIAN PROGRfu\.1ME FOR ADV CED RESEARCH A. D TECHNOLOGy)- tipendiums der Österreich ischen Akademie der Wissenschaften Im ZeItraum von September 2002 bis September 2005 durchgeführt. Die Zuerkennung dIeses Forschungsstipendiums schuf eine ideale Grundlage für die umfassende Bearbeitung dieser - in weiten Bereichen - unerschlossenen Materie. Dem Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) danke ich für die Gewährleistung des Druckkosten- zuschusses. Die Realisierung der vorliegenden Publikation wäre weiters nicht ohne die Hilfe zahlreichen Institutionen im In- und Ausland möglich gewesen. Besonders hervorheben möchre ich hier sämdiche österreichischen Landesmuseen, die Sammlungen der Österrei- chischen ationalbibliothek (besonders die umfangreichen Bestände des Bildarchivs und der Ponrätsammlung, die eine unerschöpfliche Fundgrube darstellen) sowie vor allem die Österreich ische Galerie Belvedere in Wien, welche die Meisterwerke der österreichischen Kunst dieser Epoche beherbergr. Für die Möglichkeit der Herausgabe dieses Buches durch dIe Österreichische Galerie Belvedere bin ich Herrn Direkror Hofrat Dr. Gerben Frodl 7U großem Dank verpAichtet. Frau Dr. abine Grabner, Kusrodin für die Kunst des 19. Jahrhunderts an der Österreichischen Galerie, hat in zahllosen Fragen wertvolle Hinweise geliefert. 'icht zuletzt danke ich Frau Dr. Eva Reinhold-Weisz (Böhlau Verlag) für die lang- jährige engagierte Unterstützung sowie die ausgezeichnete Zusammenarbeit.