Historische Wissensforschung herausgegeben von Caroline Arni, Stephan Gregory, Bernhard Kleeberg, Andreas Langenohl, Marcus Sandl und Robert Suter † 5 Julian Bauer Zellen, Wellen, Systeme Eine Genealogie systemischen Denkens, 1880–1980 Mohr Siebeck ISBN 978-3-16-154679-2 ISSN 2199-3645 (Historische Wissensforschung) Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio- graphie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2016 Mohr Siebeck Tübingen. www.mohr.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außer- halb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Das Buch wurde von Gulde Druck in Tübingen aus der Minion gesetzt und von Hubert & Co in Göttingen auf alterungsbeständiges Werkdruckpapier gedruckt und gebunden. Julian Bauer , 2001–06 Studium der Geschichte, Philosophie, Kunst- und Medienwissenschaften; 2012 Promotion; 2012–15 Postdoc in der DFG-Forschergruppe „ Was wäre wenn?“ mit einem Pro- jekt zu Ernst Machs Theorie und Praxis des Gedankenexperiments; seit 2015 Referent für For- schung & Innovation bei der European University Association in Brüssel. e-ISBN PDF 978-3-16-154680-8 Für Katharina und Dieter, Brigitte und Wolfgang Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XI 0. Einleitung: Minervas Eule fliegt oft. Vorgehensweise und Zielsetzung einer Genealogie systemischen Denkens, 1880–1980 1 0.1 Die Dunkelkammern der Theoriegeschichte. Zum Aufbau 0.1 und den Absichten des Buchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 0.2 Vergangenheiten und Gegenwarten systemischer Weltbilder bei Gabriel Tarde, Rudolf Burckhardt, Karl Camillo Schneider und Alfred North Whitehead . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Zukünftige Vergangenheit 1896. Tardes ‚Fragment d’histoire future‘ . . . . 11 Gegenwärtige Vergangenheit 1904. Burckhardts Reise in die Antike . . . . 13 Vergangene Gegenwart 1931. Das autobiographische Drama Schneiders . . 16 Zukünftige Gegenwart 1925. Whiteheads Wissenschaftsgeschichte der modernen Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 0.3 Ethnohistoriographien, epistemische Ideale, Bildprogramme und Begriffsnetze. Umrisse der intellektuellen Kultur systemischen Denkens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 1. Lebens-, Sozial- und Geisterwissenschaften. Die vielen Ursprünge systemischer Vorstellungen, 1880–1930 . . . 37 1.1 Anschauung, Abstraktion und Axiomatisierung. Die epistemischen Ideale der theoretischen Biologie und die Bildgeschichte der frühen Systemtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Die materialisierten Epistemologien der theoretischen Biologie an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Johannes Reinke und das Paradigma der Anschauung . . . . . . . . . . . 39 Jakob von Uexkülls Abstraktionen und die Pluralisierung von Wirklichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 Axiomatisierung und Diagrammatik. Ludwig von Bertalanffys Systemtheorie des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 VIII Inhaltsverzeichnis Reflexion, Relation und Risiko. Die epistemischen Werte und Bild- programme systemischen Denkens in der theoretischen Biologie um 1900 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 1.2 Organismen als Grenzobjekte. Über Anfänge von Funktionalismus und Differenzierungstheorie in den Lebens- und Sozialwissenschaften 70 Auf der Suche nach Gesellschaft. Neue Perspektiven auf die Geschichte der Lebens- und Sozialwissenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Die Einheit der Welt. Biologisches Wissen über natürliche Sozialformen im 19. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Die Statik des Sozialen. Über die Ursprünge des Funktionalismus in der organismischen Soziologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Die Dynamik der Differenzierung. Sozialtheoretische Wurzeln der Weltgesellschaft um 1900 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Die Natur der Gesellschaft. Systemische Semantiken des Sozialen im 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 1.3 Parapsychologie. Zu nützlichen Irrtümern und systemischen Denkansätzen der Geisterwissenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . 108 Ist Okkultismus ‚die Metaphysik der dummen Kerle‘? . . . . . . . . . . . . 108 Die Theoretisierung der Geisterwissenschaften. Von Suggestions- kollektiven und anderen systemischen Denkfiguren . . . . . . . . . . . 112 Die Experimentalisierung der Geisterwissenschaften. Zur reflexiven Funktionslogik eines prekären Interaktionszusammenhangs . . . . . . . 118 ‚Lebensform‘ und ‚In-der-Welt sein‘. Zur Rolle von Affekten in Handlungs- vollzügen und der Wirklichkeitskonstitution . . . . . . . . . . . . . . . 134 Wahrheiten der Erfahrung, Wahrheiten der Offenbarung. Parapsychologie, Metaphysik, ästhetischer Modernismus und die Gefahren eines aufs Ganze gehenden Denkens . . . . . . . . . . . . 139 2. Niedergang, Wiederholung und Fortschritt. Die eigentüm- lichen Dynamiken systemischer Geschichtstheorien, 1910–1960 145 2.1 Kreislauf und Widerstand. Zur Epistemologie periodischer Zeitentwürfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Thomas M. trifft Willi S. Eine okkulte Begegnung . . . . . . . . . . . . . . 145 Oswald Spengler und der Untergang des Abendlandes . . . . . . . . . . . 150 Karl Camillo Schneider und die Periodizität der Kultur . . . . . . . . . . . 156 Paul Ligetis Weg aus dem Chaos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Modernistische Mehrdeutigkeiten und monistische Globalvisionen. Die Dezentrierung systemischen Denkens durch periodische Geschichtsbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 IX Inhaltsverzeichnis 2.2 Geschichtsvorhersage. Tabellarische Techniken der Prognostik . . . . 168 Prekäre Prognosen und die Macht der ‚Graphostatistik‘ . . . . . . . . . . . 168 Chaos, Rhythmus, Leere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Das Periodensystem der Weltkulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Weltwellen und kosmische Energetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 Die Pädagogik der Graphen und die Graphen der Pädagogik. Tabellen als Kosmogramme systemischen Denkens . . . . . . . . . . . . 199 2.3 Geschichten der Geschichte. Periodizität, Differenzierung und Progress in Wissenschaftsgeschichte und Wissenssoziologie . . . . 209 Geschichte, Geschichten, Geschichten? Ethnohistoriographie, Reflexivität und Fortschrittsglauben in der Wissenschaftsforschung des frühen 20. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Geschichten der Natur. Wissenschaftsgeschichtliche Ansätze in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 Geschichten der Kultur. Die Anfänge der Wissenssoziologie im beginnenden 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 Geschichten der Naturkultur. Zur reflexiven Einheit und Gestaltbarkeit der Welt in Erkenntnissoziologie und -geschichte . . . . . . . . . . . . . 248 3. Schluss: Pflege überlieferter Usancen oder Aufstieg in schwindelnde Höhen? Traditionsbestände und Transformations- prozesse systemischen Denkens, 1930–1980 . . . . . . . . . . . . . . 255 3.1 Von der fröhlichen zur unverständlichen Wissenschaft. Über Wiederholung und Wandel in der Geschichte systemischer Ideen im 19. und 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 3.2 Tradition und Transformation. Zur Ethnohistoriographie der Soziologie und Systemtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 3.3 Wenig Intuition, viel Abstraktion. Die epistemischen Ideale der Sozial- und Systemtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 3.4 Strenge Kombinatorik und ‚gelehrte Poesie‘. Über Idiomatik und Theorietechnik in der funktionalistischen Soziologie . . . . . . . . 269 3.5 Differenzierung, Wiederholung, Stillstand. Die naturalistischen Prognosen und Utopien der Modernisierungs- und Systemtheorien . . 286 3.6 Von exaltierten Geisterjägern und kalten Geisteskriegern. Konturen einer Provinzialisierungsgeschichte systemischen Denkens 294 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301 Personen- und Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 Vorwort Das vorliegende Buch basiert auf der Dissertation des Verfassers im Fachbereich Geschichte und Soziologie der Universität Konstanz. Die mündliche Prüfung fand am 30.03.2012 statt. Referenten der Dissertation waren 1. Prof. Dr. Bern- hard Kleeberg, 2. Prof. Dr. Philipp Sarasin und 3. Prof. Dr. Bernd Stiegler. Eine frühere, kürzere und kondensierte Fassung des Kapitels 1.2 „Organis- men als Grenzobjekte. Über Anfänge von Funktionalismus und Differenzie- rungstheorie in den Lebens- und Sozialwissenschaften“ erschien als Julian Bau- er, „From Organisms to World Society: Steps towards a Conceptual History of Systems Theory, 1880–1980“, Contributions to the History of Concepts 9.2 (2014), 51–72. Die Dissertation ist 2012 mit dem Preis des Landkreises Konstanz zur Förde- rung des wissenschaftlichen Nachwuchses ausgezeichnet worden. Das Buch wurde mit Mitteln des im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder eingerichteten Exzellenzclusters der Universität Konstanz „Kulturelle Grundlagen von Integration“ und des Zukunftskollegs Konstanz sowie des Open Access-Publikationsfonds der Universitätsbibliothek Konstanz gefördert. Mein Dank gilt: Werner Allweiss, Caroline Arni, Katharina Baier, Dieter Bauer, Katharina Bauer, Wolfgang Bauer, Karim Johannes Becher, Rainer Beck, Nora Binder, David Bruder, Eva Brugger, Adrian Buchli, Holger Czukay, Lana Daudrich, Michael Dengler, Anselm Doering-Manteuffel, Lena Ebert, Anna Echterhölter, Florian Ernst, Wolf Feuerhahn, Franz Leander Fillafer, Edgar Fixl, Daniela Fuhrmann, Giovanni Galizia, Ramiro Glauer, Hanna Katharina Göbel, Ulrich Gotter, Stephan Gregory, Lisa Hartmann, Lea Heim, Robert Heinze, An- gelika Holtz, Felix Holtz, Franz Holtz, Roman Holtz, Brigitte Holtz-Bauer, Sa- skia Holtz-Erhart, Hiroyuki Isobe, Uwe Jochum, Kerstin Keiper, Michael Kem- pe, Bernhard Kleeberg, Stephanie Kleiner, Sibylle Kröber, Jan Kröger, Kristina Kuhn, Albert Kümmel-Schnur, Christa Kuon, Andreas Langenohl, Miriam Lay Brander, Gunnar Lenz, Sandro Liniger, Anda Lohan, Thomas Malang, Uschi Martens, Uwe Martens, Edelgard Matzner, Christian H. Meier, Christopher Möllmann, Anja Oberländer, Jürgen Osterhammel, Kerstin Palm, Niels P. Pe- tersson, Olaf Rahmstorf, Sabine Reichmann, Julian Rössler, Nicolas Rost, Art- hur Russell, Marcus Sandl, Philipp Sarasin, Silas Scherer, Johannes Scheu, XII Vorwort Rudolf Schlögl, Alexander Schmitz, Christian Schudy, Roswitha Schweichel, Steffen Siegel, Rauli Somerjoki, Matthias Spitzner, Wolfgang Spohn, Marc Stie- fenhofer, Bernd Stiegler, Katherina Strowa, Benedikt Stuchtey, Jan Surman, Ro- bert Suter, Kai Trampedach, Zsuzsanna Török, Karl-Heinz Trax, Maarit Vuori- mäki, Julia Wagner, Stefan Wallenstein, Leon Wansleben, Stephanie Warnke-De Nobili, Simone Warta, Marcel Weber, Gwendolyn Whittaker, Gunila Witten- berg, Michael Zeheter. Julian Bauer 0. Einleitung: Minervas Eule fliegt oft. Vorgehensweise und Zielsetzung einer Genealogie systemischen Denkens, 1880–1980 Der Systematiker [...] ist ein geborener Lügner, der, erfüllt von dem Drange, jenes Kunst- werk, das wir System nennen, lückenlos vor die Augen des Beschauers zu zaubern, hier Unebenheiten glättet, dort Sprünge überkleistert. Das vollständige System bleibt ewiges Ziel, das wir nur scheinbar zu antizipieren vermögen. [...] Es bleibt uns nichts anderes übrig als ehrlich zu erklären, daß man eben den jeweiligen Stand des Wissens voraussetzt und nun versuchen will, bald hier[,] bald dort ändernd einiges besser zu machen. Unser Denken steckt notwendig voll von Traditionen, wir sind die Kinder unserer Zeit, mögen wir uns dagegen sträuben, soviel wir wollen; es gibt nur Zeitalter, die dies mehr fühlen als andere. [...] Wir sind wie Seefahrer, die auf offenem Meere sich genötigt sehen, mit Balken, die sie mitführen, oder die herantreiben, ihr Schiff völlig umzugestalten, indem sie Balken für Balken ersetzen und die Form des Ganzen ändern. Da sie nicht landen können, wird es ihnen nie möglich sein, das Schiff ganz zu beseitigen, um es neu zu bauen. 1 Die vorangehenden Überlegungen Otto Neuraths, österreichischer Sozialwis- senschaftler, Pädagoge und Philosoph, von 1913 umreißen emblematisch etwas, das ich als intellektuelle Kultur systemischen Denkens bezeichnen und in den nachfolgenden Kapiteln des Buchs beschreiben möchte. 2 So bringt Neurath hier erstens die Historizität der eigenen Denkpraxis zum Ausdruck. Zweitens for- muliert er als epistemisches Ideal dieser Praxis Vollständigkeit und Restlosig- keit. 3 Zugleich legt Neurath schonungslos offen, dass dieses Ideal unerreichbar 1 Otto Neurath, „Probleme der Kriegswirtschaftslehre“, Zeitschrift für die gesamte Staatswis- senschaft 69.3 (1913), 438–501, 456 f. Siehe auch weiterführend Elisabeth Nemeth, Otto Neurath und der Wiener Kreis. Revolutionäre Wissenschaftlichkeit als politischer Anspruch , Frankfurt am Main: Campus 1981; Nancy Cartwright/Jordi Cat/Lola Fleck/Thomas E. Uebel, Otto Neu- rath: Philosophy between Science and Politics , Cambridge: Cambridge University Press 1996; Günther Sandner, Otto Neurath. Eine politische Biographie , Wien: Zsolnay 2014. 2 Der Begriff der ‚intellektuellen Kultur‘ erstreckt sich vor allem auf Begriffsnetze, Bildpro- gramme, epistemische Ideale und Ethnohistoriographien. Er wird weiter unten (siehe Abschnitt 0.3) noch genauer gefasst und wandelt das enger umgrenzte wissenschaftssoziologische Kon- zept der ‚epistemischen Kulturen‘ ab, wie es in Karin Knorr Cetina, Wissenskulturen. Ein Ver- gleich naturwissenschaftlicher Wissensformen [1999], Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002 ent- wickelt wird. 3 Siehe dazu auch Markus Krajewski, Restlosigkeit. Weltprojekte um 1900 , Frankfurt am Main: Fischer 2006. 2 0. Einleitung ist und „ewiges Ziel“ bleiben muss. Systemisches Denken arbeitet demnach drit- tens mit ambivalenten und paradoxalen Erkenntnisansprüchen. Einen Ausweg aus dieser Problematik gibt es für Neurath eigentlich kaum. Es sind einzig vier- tens die Vorstellung gesteigerter Selbstreflexivität und die stete Transparenz ei- gener Setzungen, die lautere wissenschaftliche Arbeit möglich machen. Fünf- tens graduiert Neurath die Einsicht sowohl in die Historizität als auch in die Reflexivität des eigenen Räsonierens. Im Bild des auf offener See instandzuset- zenden Boots spielt er schließlich sechstens mit Registern des Risikos und des Heroischen, die jedoch keineswegs an die Tragik eines Schiffbruchs denken las- sen, sondern faktisch voller Optimismus das Gelingen des eigenen Tuns unter- stellen und eine ethnohistoriographische, selbstreferenzielle und letzten Endes triumphale Fortschrittsgeschichte erzählen. 4 Abstrakter und einfacher gesagt lässt sich mit Neurath eine wesentliche These des vorliegenden Buchs benennen: Die Systemtheorie nordamerikanischer wie deutschsprachiger Prägung hat eine Geschichte. Diese Geschichte beginnt je- doch, wie zumeist angenommen, nicht erst in der Nachkriegszeit des 20. Jahr- hunderts unter dem aufsteigenden Leitstern der Kybernetik. 5 Sie beginnt bereits im späten 19. Jahrhundert mit der weithin vergessenen organismischen Soziolo- gie. Den Systemtheorien Parsons’ und Luhmanns, die sich im eigenen Selbstver- ständnis durch einen markanten Eklektizismus ihres Vokabulars auszeichnen, 6 4 Sein grenzenloser Optimismus wird besonders deutlich in Otto Neurath, „Die Utopie als gesellschaftstechnische Konstruktion“, in: Otto Neurath, Durch die Kriegswirtschaft zur Natu- ralwirtschaft , München: Callwey 1919, 228–231. Bedenkt man die lange Tradition fortschritts- gläubiger Sprechweisen im systemischen Denken, wie sie hier anhand von Neurath illustriert wurde und in den nächsten Kapiteln anhand zahlreicher weiterer Beispiele vertieft werden wird, dann nimmt es nicht Wunder, dass Niklas Luhmann sein Hauptwerk über Soziale Systeme 1984 mit den folgenden Worten beendet: „Wir [...] können jetzt der Eule Mut zusprechen, nicht län- ger im Winkel zu schluchzen, sondern ihren Nachtflug zu beginnen. Wir haben Geräte, um ihn zu überwachen, und wir wissen, daß es um Erkundung der modernen Gesellschaft geht.“ (Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie [1984], Frankfurt am Main: Suhrkamp 9 2001, 661) 5 Das heißt natürlich nicht, dass die Kybernetik für die Genese der Systemtheorie unbedeu- tend ist. Es handelt sich im Gegenteil um einen wichtigen und zugleich gut erschlossenen Strang der Geschichte systemischen Denkens, siehe u. a. Cynthia E. Russett, The Concept of Equilibri- um in American Social Thought , New Haven: Yale University Press 1966; Robert Lilienfeld, The Rise of Systems Theory: An Ideological Analysis , New York: Wiley 1978; Steve J. Heims, John von Neumann and Norbert Wiener: From Mathematics to the Technologies of Life and Death , Cam- bridge, Mass.: MIT Press 1980; Steve J. Heims, The Cybernetics Group , Cambridge, Mass.: MIT Press 1991; Paul N. Edwards, The Closed World: Computers and the Politics of Discourse in Cold War America , Cambridge, Mass.: MIT Press 1996; David A. Mindell, Between Human and Ma- chine: Feedback, Control, and Computing before Cybernetics , Baltimore: Johns Hopkins Univer- sity Press 2002; Claus Pias (Hg.), Cybernetics/Kybernetik: The Macy-Conferences, 1946–1953, 2 Bde. , Zürich: Diaphanes 2003–2004. Aufgrund dieser Literatur kann sich meine Arbeit über- haupt erst anderen, weniger erforschten Traditionslinien zuwenden. 6 Siehe z.B. Talcott Parsons, „Preface“, in: Talcott Parsons/Edward A. Shils (Hg.), Toward a 0. Einleitung 3 kann man allerdings kaum durch eine einlinige Filiation – also durch eine schlichte Rückführung auf die organismische Soziologie – gerecht werden. Um der breiten Fundierung ihrer Theoreme und Gedankenfiguren im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert auf die Spur zu kommen, muss man den vielen Entstehungsherden systemischen Denkens nachgehen sowie deren intellektuel- le und visuelle Kultur skizzieren. Die Flughöhe einer solchen Untersuchung be- wegt sich deshalb auf einer mittleren Ebene, die mit empirisch gesättigter Arbeit an kleinen, wohldefinierten Quellenkorpora in den einzelnen Kapiteln beginnt, ohne im Gesamtverlauf der Argumentation den Horizont größerer Konjunktu- ren aus den Augen zu verlieren. 7 Damit gleichermaßen Feingliedrigkeit, Zusammenhänge und Überschaubar- keit der einzelnen Untersuchungsstränge gewährleistet bleiben, zerfällt das Buch in drei Teile. Der erste Teil begibt sich auf die Suche nach den vielen Ur- sprüngen systemischer Vorstellungen zwischen 1880 und 1930. Im zweiten Teil geht es um die Dynamiken systemischer Geschichtstheorien von 1910 bis 1960, wohingegen der abschließende dritte Teil nach Traditionsbeständen und Trans- formationsprozessen systemischer Ideen zwischen 1930 und 1980 fragt. Die je- weiligen Überlappungen der Untersuchungszeiträume der drei Teile zeigen an, dass die Geschichte systemischen Denkens im 19. und 20. Jahrhundert nicht primär über scharfe Brüche ihrer Fragestellungen organisiert ist, sondern viel- mehr thematische Ballungen und Kontinuitäten zu berücksichtigen hat. 8 In den folgenden Kapiteln werde ich einige ausgewählte Gründungsszenen und Kno- tenpunkte systemischer Denkfiguren und Debatten vorstellen. Sie reichen von womöglich erwartbaren Schauplätzen, wie der Biologie in Form von Jakob von Uexkülls Umweltforschung und der Systemtheorie des Lebens Ludwig von Ber- talanffys, über die bereits erwähnte organismische Soziologie, die frühe Wis- General Theory of Action , Cambridge, Mass.: Harvard University Press 1959, v–viii; Talcott Par- sons, „On Building Social System Theory: A Personal History“, Daedalus 99.4 (1970), 826–881; Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung, 6 Bde. [1970–1995], Wiesbaden: VS Verlag für Sozi- alwissenschaften 2005. 7 Siehe auch Robert E. Kohler/Kathryn M. Olesko, „Clio Meets Science“, Osiris 27.1 (2012), 1–16; Philipp Sarasin, „Sozialgeschichte vs. Foucault im Google Books Ngram Viewer. Ein alter Streitfall in einem neuen Tool“, in: Pascal Maeder/Barbara Lüthi/Thomas Mergel (Hg.), Wozu noch Sozialgeschichte? Eine Disziplin im Umbruch. Festschrift für Josef Mooser zum 65. Geburts- tag , Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2012, 151–174 zu den Vorzügen dieser Herangehens- weise. 8 Man kommt in den Worten Anselm Doering-Manteuffels mit unterschiedlichen, ineinan- dergreifenden „Zeitbögen“ in Berührung. Siehe Anselm Doering-Manteuffel, „Die deutsche Geschichte in den Zeitbögen des 20. Jahrhunderts“, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 62.3 (2014), 321–348 sowie methodisch weiterführend auch Peter Laslett, „Social Structural Time: An Attempt at Classifying Types of Social Change by their Characteristic Paces“, in: Michael Young/Tom Schuller (Hg.), The Rhythms of Society , London: Routledge 1988, 17–36; Andrew D. Abbott, Time Matters: On Theory and Method , Chicago: University of Chicago Press 2001. 4 0. Einleitung senschaftsgeschichte und Wissenssoziologie bis in heterodoxe Felder an den Grenzen zwischen Wissenschaft, Pseudo- und Populärwissenschaft, wie die Pa- rapsychologie oder die periodisch-zyklischen Makrotheorien der Geschichte. Um die Vielschichtigkeit und Ambivalenz einer Theoriebildung nachzuzeich- nen, die sich selber rühmt, traditionelle binäre Beobachtungsschemata sowie die engen Schranken disziplinär bestimmter Arbeitsweisen hinter sich zu lassen, nicht vor Paradoxien zurückzuschrecken und bisweilen supertheoretische Wel- terklärungsansprüche zu formulieren, 9 ist es notwendig, die Leitunterscheidun- gen und Grundbegriffe dieser Theorietradition zu ‚provinzialisieren‘ (Dipesh Chakrabarty). Ich möchte mithin einen dezentrierten Blick auf das systemische Denken werfen, der die europäischen, inneren Ausgrenzungen und blinden Fle- cken dieser Denkweise rekonstruiert. Es geht weniger darum, den Wert oder die Geltung systemtheoretischer Ansätze zu bezweifeln, sondern darum, die Viel- seitigkeit systemischer Vorstellungen aufzuzeigen; verschüttete Fundamente dieser Theorietradition freizulegen; die Historizität systemischer Denkfiguren jenseits etwaiger strategischer Interessen ihrer zahlreichen Erfinder zu kontu- rieren und damit sowohl die bedachten als auch die unbedachten Möglichkeits- bedingungen systemischer Ideen und neben beabsichtigten, auch die unbeab- sichtigten Konsequenzen systemischer Sprechweisen darzustellen. Zugespitzt formuliert geht es darum, nachzuweisen, dass die Systemtheorie nicht immer wieder de novo den Köpfen einzelner Genies entspringt, sondern in einem ihrer Denkart charakteristischen reflexiven Selbsteinschluss sozial be- dingt ist und historisch auf erfolgreichen, problematischen und misslungenen Ansätzen vieler, mehr oder minder gelehrter Akteure fußt. In einer dritten Va- riation dieses Gedankens geht es schließlich darum, die traditionelle Wissen- schaftsgeschichtsschreibung selbst zu provinzialisieren, die nur zögerlich mar- ginalisierte Stimmen, Problemstellungen und Regionen untersucht, anstatt sich weiter – und oft mit geringem Neuigkeitswert – an sattsam bekannten, kanoni- sierten Akteuren, Themen und Epochen abzuarbeiten. Nur durch derartige Pro- vinzialisierungsversuche kann es gelingen, postkoloniale Wissenskulturen symmetrisch, ohne westlichen Paternalismus und Imperialismus zu beschrei- ben, wie Lawrence Cohen festhält: „only when an archeology of the subjugated knowledges within European science is attempted[,] can a hermeneutic of other subjugated knowledges be constructed without reducing them to Romantic visi- ons of epistemic alterity.“ 10 9 Siehe als Beispiele für die supertheoretische Reichweite systemischer Denkansätze in der jüngeren Vergangenheit James Grier Miller, Living Systems , New York: McGraw-Hill 1978, pas- sim; R. Keith Sawyer, Social Emergence: Societies as Complex Systems , Cambridge: Cambridge University Press 2005, 11 f. 10 Lawrence Cohen, „Whodunit? Violence and the Myth of Fingerprints: Comment on Har- 0.1 Zum Aufbau und den Absichten des Buchs 5 0.1 Die Dunkelkammern der Theoriegeschichte. 0.1 Zum Aufbau und den Absichten des Buchs Um praktische Vertrautheit mit Theorien, eigenen oder fremden, zu erlangen, darf man sich nicht nur an die großen, einladenden Portale halten, durch die jedermann eintreten kann. Bei weiterem Vordringen stößt man auf andersartige [...] Einrichtungen, die der Stabilisierung des Ganzen, der Verteidigung der Errungenschaften oder der Erleichterung interner Beweglichkeit und Einfallsproduktion dienen. Da gibt es Dunkelkammern, in de- nen man nur nach längerer Eingewöhnung etwas sieht. Nicht selten ist das der Ort, an dem der Theoretiker seine inneren Erfolge hatte und von dem aus er sich in seiner Konstruktion sicher fühlen kann. Und man ahnt, daß es Geheimgänge geben müsse, die die Insassen rascher als den Kritiker zu neuen Argumenten führen, findet Scheintüren, an denen man sich vergebens abmüht, und richtige Türen, die sofort wieder nach draußen führen. 11 Niklas Luhmann, Autor dieser Zeilen und Vater der bundesrepublikanischen Spielart soziologischer Systemtheorie, ist ein entscheidender Fluchtpunkt der folgenden Analysen. Er formuliert hier eine Aufforderung, die ich befolgen möchte. Ich verstehe Luhmanns Ausspruch als einen Hinweis darauf, die Sys- temtheorie historisch und systematisch nicht nach einer epigonalen Orthodoxie ding“, Configurations 2.2 (1994), 343–347, 347 (Hervorhebung im Original). Siehe auch Ranajit Guha/Gayatri Chakravorty Spivak (Hg.), Selected Subaltern Studies , New York: Oxford Univer- sity Press 1988; Homi K. Bhabha, The Location of Culture , London: Routledge 1994; Sandra Harding, „Is Science Multicultural? Challenges, Resources, Opportunities, Uncertainties“, Con- figurations 2.2 (1994), 301–330; Sandra Harding, Is Science Multicultural? Postcolonialisms, Fe- minisms, and Epistemologies , Bloomington: Indiana University Press 1998; Gayatri Chakravor- ty Spivak, A Critique of Postcolonial Reason: Toward a History of the Vanishing Present , Cam- bridge, Mass.: Harvard University Press 1999; Dipesh Chakrabarty, Provincializing Europe: Postcolonial Thought and Historical Difference , Princeton: Princeton University Press 2000; Jürgen Osterhammel, Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats Studien zu Beziehungs- geschichte und Zivilisationsvergleich , Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2001; Saree Makdisi, Making England Western: Occidentalism, Race, and Imperial Culture , Chicago: University of Chicago Press 2014; Sandra Harding, Sciences from Below: Feminisms, Postcolonialities, and Modernities , Durham: Duke University Press 2008; Bernhard C. Schär, Tropenliebe. Schweizer Naturforscher und niederländischer Imperialismus in Südostasien um 1900 , Frankfurt am Main: Campus 2015; als Beispiele für heterodoxe Wissenschaftsgeschichtsschreibung: Bernadette Bensaude-Vincent/Christine Blondel (Hg.), Des savants face à l’occulte, 1870–1940 , Paris: La Dé- couverte 2002; Dirk Rupnow/Veronika Lipphardt/Jens Thiel/Christina Wessely (Hg.), Pseudo- wissenschaft. Konzeptionen von Nichtwissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte , Frank- furt am Main: Suhrkamp 2008; Alexander C. T. Geppert/Till Kössler (Hg.), Wunder. Poetik und Politik des Staunens im 20. Jahrhundert , Berlin: Suhrkamp 2011; Cornelius Borck, „Living Am- biguity: Speculative Bodies of Science in Weimar Culture“, in: Cathryn Carson/Alexei Kojevni- kov/Helmuth Trischler (Hg.), Weimar Culture and Quantum Mechanics: Selected Papers by Paul Forman and Contemporary Perspectives on the Forman Thesis , London: Imperial College Press 2011, 453–473, die Impulse aus der Wissenschaftssoziologie aufgreifen und historisch vertiefen (siehe unten mit weiteren Literaturhinweisen vor allem Kap. 1.3). 11 Niklas Luhmann, „Die Praxis der Theorie“ [1969], in: Niklas Luhmann, Soziologische Auf- klärung, Bd. 1: Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme , Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissen- schaften 7 2005, 317–335, 331. 6 0. Einleitung eng auszudeuten, sondern in ihrer Vielfalt und Mehrdeutigkeit zu rekonstruie- ren und ihre heterogenen Tiefenschichten freizulegen. Das zu diesem Zweck geeignete historiographische Verfahren wird landläufig Genealogie genannt und orientiert sich an Nietzsche und Foucault. 12 Formal und methodisch probiere ich, die Ratschläge Foucaults zum genealo- gischen Schreiben aus seinem Artikel über Nietzsche, la généalogie, l’histoire (1971) zu beachten. Demgemäß muss man erstens nicht bloß oder primär vom Ende her denken, sondern die „singularité des événements“ herausarbeiten, „pour retrouver les différentes scènes où ils ont joué des rôles différents“. 13 Kom- positorisch heißt das, einzelne Szenen aufzuspüren und sie minutiös in ihrer Immanenz darzustellen. Zweitens kann es nicht darum gehen, nach einem sin- gulären Ursprung zu suchen, sondern die verschiedenen Anfänge, Zufälle, Ab- weichungen und Verteilungen zu dokumentieren, um Kontingenzen und situa- tiven Offenheiten im Moment ihres historischen Auftretens gerecht zu werden und damit der eigenen Zeit Handlungsfähigkeit zu verschaffen. 14 Gleichzeitig geht drittens die genealogische Untersuchung aus der jeweiligen Gegenwart und ihren spezifischen Fragen hervor. Das auf diese Weise gewonnene Wissen ist perspektivisch. Es dient der Selbstaufklärung und bereitet den Boden für Verän- derung. 15 Um historische und aktuelle Möglichkeitsräume auszuloten, schlägt Foucault mit Nietzsche viertens vor, eine spielerische Haltung einzunehmen. Seriös und gründlich zu arbeiten, aber nicht nur mit dem bitteren Pathos schwe- rer Ernsthaftigkeit zu schreiben, sondern genauso mit sanftem Spott, milder Ironie, Begeisterung und Leidenschaft. 16 Inhaltlich geht es mir mit dieser Herangehensweise darum, alte wie junge, di- cke wie dünne Wurzeln einer wirkmächtigen Sozialtheorie unserer Gegenwart 12 Siehe Friedrich Nietzsche, „Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift“ [1887], in: Fried- rich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral, München: Deutscher Ta- schenbuch Verlag 1999, 245–412 und Michel Foucault, Der Wille zum Wissen [1976], Frankfurt am Main: Suhrkamp 14 2003; Michel Foucault, Der Gebrauch der Lüste [1984], Frankfurt am Main: Suhrkamp 3 1993; Michel Foucault, Die Sorge um sich [1984], Frankfurt am Main: Suhr- kamp 7 2002. 13 Michel Foucault, „Nietzsche, la généalogie, l’histoire“ [1971], in: Michel Foucault, Dits et écrits 1, 1954–1975, Paris: Gallimard 2001, 1004–1024, 1004. 14 Foucault, Nietzsche, la généalogie, l’histoire, 1008 f. Siehe ähnlich dazu außerdem Paolo Palladino, „Icarus’ Flight: On the Dialogue Between the Historian and the Historical Actor“, Rethinking History 4.1 (2000), 21–36; Joan W. Scott, „After History?“, in: Joan W. Scott/Debra Keates (Hg.), Schools of Thought: Twenty-Five Years of Interpretive Social Science , Princeton: Princeton University Press 2001, 85–103; Harry Harootunian, „Remembering the Historical Present“, Critical Inquiry 33.3 (2007), 471–494; Judith Butler, „Sexual Politics, Torture, and Se- cular Time“, The British Journal of Sociology 59.1 (2008), 1–23. 15 Foucault, Nietzsche, la généalogie, l’histoire, 1018. 16 Foucault, Nietzsche, la généalogie, l’histoire, 1021. Siehe grundlegend zur Genealogie nach Foucault auch Philipp Sarasin, Darwin und Foucault. Genealogie und Geschichte im Zeital- ter der Biologie , Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009, bes. 129–263. 0.1 Zum Aufbau und den Absichten des Buchs 7 auszugraben. Ein naheliegender Strang führt in die theoretische Biologie zu Be- ginn des 20. Jahrhunderts. Dort werden zwei der wichtigsten Grundbegriffe, ‚Umwelt‘ und ‚System‘, der Systemtheorie maßgeblich geprägt und eine episte- mische ‚Werteökonomie‘ (E. P. Thompson/Lorraine Daston) vertreten, die Tal- cott Parsons, Edward Shils und Niklas Luhmann nachhaltig beeindruckt und in der Nachkriegszeit von ihnen, aber auch durch Ludwig von Bertalanffy im Rah- men der ‚General System Theory‘ großzügig generalisiert wird (siehe Kap. 1.1, 1.2, 3.3, 3.4). Man kann aber auch noch weiter zurückgehen ins späte 19. Jahr- hundert – vor allem Luhmann weist selbst gelegentlich auf dieses Korpus hin – und entdeckt dann in der organismischen Soziologie, etwa bei Albert Schäffle oder Guillaume de Greef, Denkfiguren und Argumentationsweisen, die das So- ziale funktional und kommunikationstheoretisch fassen und den diachronen Befund einer ‚Weltgesellschaft‘ im Kern vorwegnehmen (siehe Kap. 1.2, 3.5). Diese epochalen Großdeutungen unterliegen selbst einem theoriegeschichtli- chen Wandel, den der zweite Hauptteil der Arbeit untersucht. Nicht erst, aber doch verstärkt nach 1900 wimmelt es nur so von periodisch oder spiralförmig angelegten Makrotheorien der (westlichen) Welt, die mit den Debatten um Os- wald Spengler in der Zwischenkriegszeit ihren Höhepunkt erreichen (siehe Kap. 2.1, 2.2) und dann vordergründig an Bedeutung verlieren, allerdings tiefe Spuren in einigen Spielarten der zeitgenössischen Wissenschaftsgeschichte und -soziologie hinterlassen (siehe Kap. 2.3). Periodizität und Fortschritt schließen sich in diesen Modellen wohlgemerkt nicht aus und unterfüttern die große Zu- versicht und den Machbarkeitsglauben der Differenzierungs- und Modernisie- rungstheorien nach dem 2. Weltkrieg (siehe Kap. 2.3, 3.2, 3.5). Die zweite Achse des Buchs ist nicht vertikal angelegt, sondern horizontal. An die Stelle genetischer Fragen rückt ein Interesse an zeitgenössischen ‚Erfah- rungsräumen und Erwartungshorizonten‘ (Reinhart Koselleck). In dieser Aus- legung, die in einer losen, undogmatischen Weise an die Arbeiten des frühen Foucault anschließt, stehen Bestandsaufnahme und Beschreibung eines be- stimmten Zeitraums im Mittelpunkt. 17 Während beispielsweise in der Ordnung der Dinge gleich mehrere Jahrhunderte durchleuchtet werden, wähle ich aller- 17 In der Antwort auf den „Cercle d’épistémologie“ bemerkt Foucault 1968, dass Archäologie in seinem Verständnis vor allem „le projet d’une description pure des fait du discours “ ist (Michel Foucault, „Sur l’archéologie des sciences: réponse au Cercle d’épistémologie“ [1968], in: Michel Foucault, Dits et écrits 1, 1954–1975 , Paris: Gallimard 2001, 724–759, 733 [Hervorhebungen im Original]). Siehe dazu und zum Folgenden auch Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft [1961], Frankfurt am Main: Suhrkamp 15 2003; Michel Foucault, Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des klinischen Blicks [1963], Frankfurt am Main: Fischer 6 2002; Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften [1966], Frankfurt am Main: Suhrkamp 15 1999; Michel Foucault, Ar- chäologie des Wissens [1969], Frankfurt am Main: Suhrkamp 10 2002; Michel Foucault, Die Ord- nung des Diskurses [1972], Frankfurt am Main: Fischer 8 2001.