Schlachtfelder SOZIAL- U ND W IRTSCHAF TSHISTOR ISCHE STUDIEN Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Universität Wien Gegründet von Alfred Hoffmann und Michael Mitterauer Herausgegeben von Carsten Burhop, Markus Cerman †, Franz X. Eder, Josef Ehmer, Peter Eigner, Thomas Ertl, Erich Landsteiner und Andrea Schnöller Wissenschaftlicher Beirat: Birgit Bolognese-Leuchtenmüller Ernst Bruckmüller Alois Ecker Herbert Knittler Andrea Komlosy Michael Mitterauer Andrea Pühringer Reinhard Sieder Hannes Stekl Dieter Stiefel Band 38 Ernst Langthaler SCHLACHTFELDER Alltägliches Wirtschaften in der nationalsozialistischen Agrargesellschaft 1938–1945 2016 Böhl au Verl ag Wien Köln Weimar Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek : Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie ; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Umschlagabbildung: NÖLA, Amt NÖLReg, L.A. VI/12, Entschuldungsakten, AZ 1378-40: Schreiben der Kreisbauernschaft St. Pölten an die Landstelle Wien vom 11.1.1939. © 2016 by Böhlau Verlag GmbH & Co. KG, Wien Köln Weimar Wiesingerstraße 1, A-1010 Wien, www.boehlau-verlag.com Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig. Lektorat : Dr. Andrea Schnöller, Wien Satz : Michael Rauscher, Wien Druck und Bindung : Prime Rate, Budapest Gedruckt auf chlor- und säurefrei gebleichtem Papier Printed in the EU ISBN 978-3-205-20065-9 Veröffentlicht mit der Unterstützug des Austrian Science Fund (FWF): PUB 278-V28 I N H A LT SV ER Z E ICH N IS Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 1. Akteure in Agrarsystemen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Nationalsozialistische Agrargesellschaft als Forschungsgegenstand . . 11 1.1 Von (Re-)Aktionsmustern zu Interaktionsfeldern . . . . . . . . . 11 1.2 Agrarsysteme und Landwirtschaftsstile im Kräftefeld . . . . . . . 16 1.3 Instrumente der Feldvermessung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 2. Anatomie eine s „lebenden Organismus“ . . . . . . . . . . 36 Manövrieren im Feld der Betriebs- und Haushaltsführung . . . . . . . 36 2.1 Die Konstruktion des „Hoforganismus“ . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.2 Höfe im Fokus der Betriebszählung . . . . . . . . . . . . . . . . 44 2.3 Höfe im Fokus der Buchführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 2.4 Höfe im Fokus der Hofkarte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 2.5 Blicke hinter das Hoftor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 2.6 Im Raum des (unter-)bäuerlichen Wirtschaftens . . . . . . . . . . 102 2.7 Im Raum der Gutswirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 2.8 Durchleuchtete Höfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 2.9 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149 3. „Entjude te“ Güter, „deutsche“ Bauernhöfe . . . . . . . 151 Manövrieren im Feld des Grundbesitzes . . . . . . . . . . . . . . . . 151 3.1 „Blut und Boden“ – eine wirkmächtige Metapher . . . . . . . . . 151 3.2 Regulative der Ent- und Verwurzelung . . . . . . . . . . . . . . . 156 3.3 Das Doppelgesicht der Bodenordnung . . . . . . . . . . . . . . . 172 3.4 Verbäuerlichung durch „Entjudung“ . . . . . . . . . . . . . . . . 187 3.5 Schollenbindung oder Parzellenhandel ? . . . . . . . . . . . . . . 199 3.6 Wer ist (k)ein „Bauer“ ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 3.7 „Grundstücksverkehr“ vor Ort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 3.8 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 4. „Menschenökonomie“ unter Zwang . . . . . . . . . . . . . 257 Manövrieren im Feld der Landarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 4.1 Die Steuerung der „Landflucht“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 4.2 Die Steuerung des „Reichseinsatzes“ . . . . . . . . . . . . . . . . 277 6 Inhaltsverzeichnis 4.3 Arbeit als alltägliches Kräftefeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298 4.4 Gerechter Lohn oder Ausbeutung ? . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 4.5 „Menschenökonomie“ vor Ort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347 4.6 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371 5. Die abgebrochene „Dorfaufrüstung“ . . . . . . . . . . . . 375 Manövrieren im Feld des Betriebskapitals . . . . . . . . . . . . . . . . 375 5.1 „Bauerntum“ und Technik – (k)ein Widerspruch ? . . . . . . . . . 375 5.2 „Bauernstolz“ oder Klientenmentalität ? . . . . . . . . . . . . . . . 385 5.3 Staatshilfe als „Auslese“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404 5.4 „Aufrüstung“ in den Bergen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436 5.5 Kapitaleinsatz vor Ort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 472 5.6 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 494 6. Das „Landvolk“ und seine Meister . . . . . . . . . . . . . . 497 Manövrieren im Feld des Agrarwissens . . . . . . . . . . . . . . . . . 497 6.1 Das agronomische Expertensystem . . . . . . . . . . . . . . . . . 497 6.2 Vordenker des „Aufbaus“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 506 6.3 Bindeglied zwischen Führung und „Landvolk“ ? . . . . . . . . . . 518 6.4 Wirtschaftsberatung vor Ort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 534 6.5 Die imaginierte „Volksgemeinschaft“ . . . . . . . . . . . . . . . . 543 6.6 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 566 7. Ordnung und Chaos de s Markte s . . . . . . . . . . . . . . 570 Manövrieren im Feld der Agrargüter . . . . . . . . . . . . . . . . . . 570 7.1 Der Markt und seine (Un-)Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . 570 7.2 Lange Schatten, kurzer Prozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 585 7.3 Öffentliche Bewirtschaftung, privates Wirtschaften . . . . . . . . 593 7.4 Die verlorene „Erzeugungsschlacht“ ? . . . . . . . . . . . . . . . . 620 7.5 „Kriegserzeugungsschlacht“ vor Ort . . . . . . . . . . . . . . . . 642 7.6 Vom Wert der Landarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 669 7.7 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 695 8. Eine grünbraune Re volution ? . . . . . . . . . . . . . . . . . 699 Nationalsozialistische Agrargesellschaft im Systemvergleich . . . . . . 699 8.1 Jenseits von Traditionalität und Modernität . . . . . . . . . . . . 699 8.2 Großbritannien und die Ostmark im Krieg . . . . . . . . . . . . . 709 8.3 Österreich zwischen Krise und Boom . . . . . . . . . . . . . . . . 726 8.4 Versuchsstation des völkischen Produktivismus . . . . . . . . . . . 742 7 Inhaltsverzeichnis Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 755 Tabellenanhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 824 Farbabbildungsanhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 849 Q uellen- und Literaturv erz eichnis . . . . . . . . . . . . . . . 865 Abkürzungsv erz eichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 918 Tabellenv erz eichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 920 Abbildungsv erz eichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 927 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 933 Ortsregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 934 Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 937 VORWOR T Das vorliegende Buch ist eine erheblich überarbeitete – teils gekürzte, teils er- weiterte – Fassung meiner Habilitationsschrift im Fach Wirtschafts- und Sozi- algeschichte, die 2010 von der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien angenommen wurde. Die Leitung eines Forschungsinstituts und mehrerer Forschungsprojekte sowie Gastprofessuren an verschiedenen Universi- täten haben die Drucklegung erheblich verzögert. Die seither erschienene Fach- literatur wurde eingearbeitet, um dem aktuellen Stand der Forschung möglichst gerecht zu werden. Mein Dank für die Finanzierung der Forschungsarbeiten gilt zunächst der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die mir 2005 ein dreijähriges APART-Stipendium verliehen hat. Vorstudien erfolgten im Rahmen von zwei Forschungsprojekten über regionale Agrarentwicklung im 20. Jahrhundert im Auftrag des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, geleitet von Ernst Bruckmüller, und über Zwangsarbeit in der Landwirtschaft 1938 bis 1945 im Auftrag der Historikerkommission der Republik Österreich, geleitet von Ela Hornung. Wichtige Anregungen vermittelte ein nachfolgendes Forschungsprojekt über Landwirtschaftsstile von den 1940er bis zu den 1980er Jahren im Auftrag des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, das ein interdisziplinär zusammengesetztes Team unter meiner Leitung durchführte. Schließlich verdankt sich die Fertigstellung dieser Studie der Förderung durch meinen Hauptdienstge- ber, das Institut für Geschichte des ländlichen Raumes in St. Pölten. Zahlreiche Personen haben zur Fertigstellung dieser Studie beigetragen. Allen Interviewpartnerinnen und -partnern sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbei- tern der benutzten Archive und Bibliotheken, vor allem des Niederösterreichi- schen Landesarchivs und der Niederösterreichischen Landesbibliothek, danke ich für ihre Unterstützung – fallweise auch über den Rahmen des Üblichen hinaus. Stefan Eminger, Leiter des Zeitgeschichtereferats im Niederösterreichischen Lan- desarchiv, war ein wichtiger Ratgeber. Weiteren Personen schulde ich Dank für die Mithilfe bei der umfangreichen Datenerfassung und sonstige Hilfsdienste, etwa Hinweise auf relevante Quellen und Literatur ; sie sind in den entsprechenden An- merkungen genannt. Die Teilnahme an zahlreichen Tagungen, vor allem im Rahmen der COST-Ak- tion Progressore – Programme for the Study of European Rural Societies , der European Rural History Organisation und des Niedersächsischen Forschungskollegs Natio- nalsozialistische „ Volksgemeinschaft“ ? , bot mehrfach Gelegenheit, Teilergebnisse zu 10 Vorwort präsentieren und mit international herausragenden Expertinnen und Experten zu diskutieren. Zahlreichen Fachkolleginnen und -kollegen aus dem In- und Aus- land, die einzelne oder – wie die Gutachter der Habilitationsschrift und des zur Publikationsförderung eingereichten Buchmanuskripts – alle Buchkapitel gelesen und kommentiert haben, danke ich für wertvolle Anregungen ; vor allem gilt dies für Ernst Bruckmüller (Wien), Erich Landsteiner (Wien), Margareth Lanzinger (Wien), Peter Moser (Bern), Kiran Klaus Patel (Maastricht), Karl H. Schneider (Hannover), Reinhard Sieder (Wien) und Clemens Zimmermann (Saarbrücken). Ulrich Schwarz, von dessen theoretisch, methodisch und thematisch verwandtem Dissertationsprojekt ich in vielfacher Hinsicht profitierte, sowie den übrigen Kol- leginnen und Kollegen am Institut für Geschichte des ländlichen Raumes danke ich für inspirierende Gespräche. Freilich liegt die Verantwortung für die getroffe- nen Aussagen allein bei mir. Die Publikation dieses Buches in gedruckter und elektronischer Form verdankt sich der großzügigen Unterstützung durch den Fonds zur Förderung der wissen- schaftlichen Forschung. Für die Aufnahme in die Sozial- und wirtschaftshistori- schen Studien gilt mein Dank den Reihenherausgeberinnen und -herausgebern am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien. Schließlich danke ich Andrea Schnöller für das Lektorat, Magda Oberreiter für das Korrek- torat, Martin Bauer und Ulrich Schwarz für die Registererstellung sowie Ursula Huber und Michael Rauscher für die verlegerische Betreuung. So reizvoll die mehr als ein Jahrzehnt umspannende Arbeit an diesem Buch für mich auch war – für meine Frau und meine heranwachsenden Kinder bedeutete sie zeitweilig eine enorme Zumutung. Umso herzlicher danke ich meiner Familie für die materielle und ideelle Unterstützung, ohne die dieses Buch nicht entstanden wäre. 1. A K T EU R E I N AGR A R S Y S T E M EN Nationalsozialistische Agrargesellschaft als Forschungsgegenstand 1.1 Von (Re-)Aktionsmustern zu Interaktionsfeldern „Die Erforschung der NS-Agrarpolitik war nie ein zentrales Thema der Ge- schichtswissenschaft und wartet bis heute auf eine systematische Darstellung, auch wenn viele Einzelaspekte inzwischen untersucht sind.“ 1 Dieses ernüchternde Fazit eines aktuellen Literaturüberblicks bestätigt sich über die Agrarpolitik hinaus auch für Landwirtschaft, ländliche Gesellschaft und dörfliche Kultur im Nationalsozi- alismus – vor allem für die Ostmark bzw. die „Alpen- und Donaureichsgaue“ als Teil des Deutschen Reiches 1938 bis 1945. 2 Die Randständigkeit dieser Themen- bereiche in der NS-Forschung kontrastiert mit der Zentralität des „Bauerntums“ in der nationalsozialistischen Ideologie wie der Agrar- und Ernährungswirtschaft in der Kriegs- und Vernichtungspolitik des NS-Regimes. Der folgende Überblick über die fragmentierte Forschungslandschaft skizziert ohne Anspruch auf Voll- ständigkeit anhand ausgewählter Beispiele einige Haupttendenzen. Im Hinblick auf Theorien, Methoden und Themenaspekte lassen sich in der Forschung zur Ag- rargesellschaft im Nationalsozialismus drei zeitlich aufeinander folgende, zugleich einander überlappende Ansätze unterscheiden : Nazifizierungs-, Resistenz- und Kräftefeld-Ansatz (Abbildung 1.1). Bevor sich die kritische Forschung dieses Themas annahm, erschienen in den 1950er und 1960er Jahren teils unkritische, teils affirmative Schriften von Zeitge- nossen, darunter ehemalige Amtsträger, des „Dritten Reiches“. 3 Erst im Kontext der modernisierungstheoretisch und der historisch-materialistisch angeleiteten Strukturgeschichte der 1970er Jahre 4 wurden die nationalsozialistische Durch- dringung von Agrarpolitik und Landwirtschaft im nationalstaatlichen Rahmen und deren Auswirkungen auf die ländliche Gesellschaft eingehender beleuchtet. Bevorzugte Forschungsgegenstände dieses – von mir mit dem Label Nazifizie- rung charakterisierten – Ansatzes bildeten „Blut und Boden“-Ideologie, 5 Reichs- nährstand, 6 Marktordnung, 7 Erbhof- und Siedlungspolitik, 8 Mittelstandsförde- rung 9 und Kriegswirtschaft. 10 Die Forschungen kreisten um das Verhältnis von nationalsozialistischer Bauerntumsideologie sowie Agrar- und Ernährungswirt- schaft ; dabei trat ein „essentieller Widerspruch zwischen antimodernistischen Appellen und kriegs- und industriewirtschaftlich bedingter Modernisierung“ 11 zutage. Wichtige Impulse kamen von internationaler Seite mit den Überblicks- darstellungen von John E. Farquharson und Gustavo Corni. 12 Zu den deutschen Vorreitern zählten in der BRD Horst Gies, der neben zahlreichen Aufsätzen 12 Akteure in Agrarsystemen zusammen mit Gustavo Corni ein viel beachtetes Standardwerk zur Agrar- und Ernährungswirtschaft publizierte, 13 und in der DDR Joachim Lehmann, der für den agrarhistorischen Abschnitt der monumentalen Kriegswirtschaftsgeschichte von Dietrich Eichholtz verantwortlich zeichnete. 14 Verwies die ältere Forschung auf die kriegswirtschaftlichen Triebkräfte der Agrar- und Ernährungspolitik, 15 so betonen neuere Arbeiten die Radikalisierung durch das Bündel aus Rassis- mus und Technokratie, etwa in der ländlichen Raumplanung, 16 bei Ausbeutung und Völkermord in den besetzten Gebieten Europas, 17 im ländlichen Zwangsar- beitseinsatz 18 und in der „Arisierung“ land- und forstwirtschaftlichen Grundbe- sitzes. 19 Neben Politik und Wirtschaft wurden zunehmend kulturelle Bereiche der Nazifizierung, etwa Massenmedien 20 und Agrarwissenschaften, 21 beleuchtet. Eine aktuelle Zusammenschau von Gesine Gerhard umreißt die Nazifizierung des Agrar- und Ernährungssystems im „Dritten Reich“ mit einem Fokus auf die „Hungerpolitik“. 22 Abbildung 1.1 : Forschungsansätze zur nationalsozialistischen Agrargesellschaft Quelle : eigener Entwurf. Aktion Reaktion Beobachtungsebene Interaktion nationalstaatlich regional lokal Resistenz Kräftefeld Beziehungsmuster Nazifizierung 13 Von (Re-)Aktionsmustern zu Interaktionsfeldern Seit den 1980er Jahren rückten teils von der erweiterten Strukturgeschichte, teils von der sich davon abhebenden Alltagsgeschichte 23 beeinflusste Arbeiten das Ver- hältnis von NS-Herrschaft und ländlicher Gesellschaft stärker ins Zentrum. An- statt des systemimmanenten Widerspruchs zwischen Agrarideologie und Kriegser- nährungswirtschaft betonte dieser Ansatz den Widerspruch zwischen NS-System und ländlichem Alltagsleben in Gestalt der Resistenz ländlicher „sozialmoralischer Milieus“ gegenüber dem Zugriff des Nationalsozialismus, dem Leitmotiv des „Bay- ern-Projekts“ um Martin Broszat. 24 Als bevorzugtes Genre diente die Regionalstu- die, die der milieubedingten „Beharrungskraft“ vor allem katholisch orientierter bäuerlicher Bevölkerungsteile gegenüber den Anreizen und Zumutungen des NS- Regimes – Erbhofrecht, Lebensmittelbewirtschaftung, Zwangsarbeitseinsatz und so fort 25 – aus der Nahsicht nachspürte. Demzufolge erwiesen sich die Akteure der ländlichen Gesellschaft – einschließlich der „Landfrauen“ 26 – als weniger passiv, als die politik- und wirtschaftshistorische Forschung annehmen ließ ; sie zeigten sich in durchaus aktiver Weise als resistent gegenüber Versuchen der „Gleichschaltung“ ländlicher Arbeits- und Lebensbereiche, etwa des Vereinswesens, 27 nahmen aber auch, etwa mittels Denunziationen, 28 aktiv daran teil. Maßgebliche Regionalstu- dien zur bäuerlich geprägten Agrargesellschaft stammen von Daniela Münkel, 29 die auf die ambivalente Doppelrolle regionaler und lokaler Herrschaftsinstanzen in einem niedersächsischen Landkreis hinwies, weiters von Beatrix Herlemann für Niedersachsen, Theresia Bauer für Bayern und Jill Stephenson für Württemberg 30 Mario Niemann konstatiert auch für den mecklenburgischen Großgrundbesitz – trotz der NS-Affinität jüngerer Gutspächter und -besitzer – eine milieubedingte Distanz zum Nationalsozialismus, die sich aus protestantischen, monarchistischen und konservativen Orientierungen speiste. 31 Seit den 1990er Jahren hat im Zuge weiterreichender cultural turns der histori- schen Wissenschaften das Unbehagen mit den etablierten Ansätzen – dem der Na- zifizierung ebenso wie dem der Resistenz – zugenommen. 32 Aus einer poststruktu- ralistischen oder, genauer, „praxeologischen“ 33 Perspektive erscheinen nicht nur die nationalgeschichtlich gerahmten Erzählungen über die Aktionen des NS-Regimes als Ausdruck von Politik- und Wirtschaftsstrukturen obsolet. Auch die Regional- studien zu den Reaktionen der ländlichen Gesellschaft, die ihren Gegenstand meist entlang derselben politisch-ökonomischen Strukturen entwerfen, bleiben zwar unbeabsichtigt, aber funktional der Systemperspektive verhaftet. 34 Einen Ausweg aus diesem Dilemma eröffnet der Entwurf ländlicher Gesellschaft nicht allein von den Kommandohöhen des NS-Systems her, sondern auch aus der Alltagsperspek- tive der Akteure – der weiblichen und männlichen – in Region, Dorf und Haus. 35 Ausgangspunkt sind weder die Aktionen ‚von oben‘, noch die Reaktionen ‚von un- ten‘ ; vielmehr sind es die eigensinnigen Wahrnehmungs-, Deutungs- und Hand- 14 Akteure in Agrarsystemen lungsweisen der Vielen – mithin deren (Inter-)Aktionen in Form strukturierter und strukturierender Praktiken 36 –, die regional-, lokal- und lebensgeschichtliche Fall- studien nachzuzeichnen suchen. Erkenntnisleitend ist dabei das Konzept des ge- sellschaftlichen Kräftefeldes ( societal field-of-force ), in dem unterschiedlich mächtige Akteure mit-, neben- und gegeneinander auf den Vorder- und Hinterbühnen des Alltags um Ressourcen vielfältigster Art ringen. 37 Der praxeologische Blick auf die NS-Gesellschaft, der durch die alltagshistorischen Pionierarbeiten Alf Lüdtkes 38 und Detlev Peukerts 39 entfaltet worden war, findet neuerdings in den Forschungen zur „Volksgemeinschaft“ – als Gesellschaftsutopie wie als Anweisung zu deren Re- alisierung – eine Fortführung. 40 Darin bildet die ländliche Gesellschaft ein wich- tiges Testfeld des „Volksgemeinschafts“-Konzepts. 41 Davon abgesehen wurde der Kräftefeld-Ansatz – wohl auch wegen des nach dem „Wendejahr“ 1989 einsetzen- den Forschungsbooms zur Agrargeschichte der SBZ/DDR 42 – bislang nur zöger- lich umgesetzt. Der praxeologische Blick führt nicht zwangsläufig in die Sackgasse der Entpolitisierung oder Entökonomisierung, wie dies Strukturhistoriker/-innen der gelegentlich als „neohistoristisch“ verunglimpften Alltagsgeschichte vorgewor- fen haben. 43 Vielmehr sucht er das Politische und Ökonomische – wie die Struktu- ren der Gesellschaft insgesamt – aus einer Praxisperspektive zu erkunden. Die allgemeine Forschungslandschaft zur nationalsozialistischen Agrargesell- schaft zeigt für das Gebiet Österreichs besondere Akzente. Die institutionalisierte Geschichtsforschung vermied lange – länger als in anderen Bereichen der NS-For- schung 44 –, sich mit der österreichischen Agrargesellschaft im Nationalsozialismus eingehend auseinanderzusetzen ; so erscheinen die Jahre von 1938 bis 1945 immer noch als black box der österreichischen Agrarentwicklung. Neben apologetischen Schriften ehemaliger Amtsträger des „Dritten Reiches“ 45 griffen in den Nach- kriegsjahrzehnten nur wenige wissenschaftliche Publikationen dieses Thema auf. Darin erschien die NS-Ära meist als staatspolitisch induzierte Unterbrechung des landwirtschaftlichen Fortschritts oder gar als Rückentwicklung. So etwa betonte Ferdinand Tremel in seinem wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Handbuch den Zusammenhang zwischen landwirtschaftlicher Extensivierung und bäuerlicher Widersetzlichkeit : „Das nationalsozialistische Wirtschaftssystem kannte keine freie Marktwirtschaft, sondern nur eine von oben gelenkte Planung, der alle Berufe unterworfen wurden, und die ausschließlich wehrwirtschaftliche Ziele verfolgte. Auf auffälligsten kam dies in der Landwirtschaft zum Ausdruck ; zwar wurde das Privateigentum an Grund und Boden nicht angetastet, aber die Verwertung der produzierten Güter wurde bis in alle Einzelheiten vorgeschrieben. Wohl fügten sich die Bauern anfangs diesen Vor- schreibungen, aber bald setzten sie sich auf ihre Art zur Wehr, indem sie zum Anbau 15 Von (Re-)Aktionsmustern zu Interaktionsfeldern von Gütern übergingen, die der Bewirtschaftung nicht oder in geringerem Maß un- terworfen waren, oder – während des Krieges – indem sie unter dem Vorwand, keine Arbeitskräfte zu besitzen, ihre Felder brach liegen ließen und bloß als Weide nutzten. So wurde die Agrarwirtschaft immer extensiver anstatt intensiver betrieben und da- durch ertragloser.“ 46 Diese Sicht, die dem vorherrschenden Geschichtsbild vom erfolgreichen wirt- schaftlichen und politischen „Wiederaufbau“ Österreichs als vormals „erstem Op- fer“ Hitlers folgte, 47 prägte hierzulande bis in die 1980er Jahre die Geschichts- schreibung. Einen fundierten Überblick, der dem Nazifizierungs-Ansatz nahestand, boten erstmals Michael Mooslechner und Robert Stadler im wegweisenden Hand- buch NS-Herrschaft in Österreich von 1988. 48 Eine kurz danach erschienene Dis- sertation zum Reichsnährstand in Österreich vermochte wegen ihrer apologetischen Tendenz – der Verfasser war leitender Mitarbeiter der Landesbauernschaft Donau- land – nicht den Rang eines Standardwerks zu erlangen. 49 Eine quellengesättigte Darstellung erfuhr allein die Forstwirtschaft im Nationalsozialismus. 50 Vom Resistenz-Ansatz explizit oder implizit angeleitete Regional- und Spe- zialstudien setzten sich eingehender mit der österreichischen Agrargesellschaft im Nationalsozialismus auseinander. Erhebliche Strahlkraft entfalteten seit den 1980er Jahren die Arbeiten Ernst Hanischs, die das Milieu-Konzept des „Bayern- Projekts“ in die österreichische Theoriediskussion einbrachten und am Reichsgau Salzburg empirisch umsetzten. 51 Lokal- und Regionalstudien nahmen diese Im- pulse in kreativer Weise auf 52 und Bundesländergeschichten der NS-Zeit brach- ten mehr oder weniger ausführliche Abschnitte zur Agrargesellschaft. 53 Evan Burr Bukeys Studie zur Volksmeinung strich die anfängliche Koexistenz- und spätere Resistenzhaltung der katholischen Bauernschaft heraus. 54 Die durch Historiker- kommissionen belebte Zwangsarbeitsforschung betonte die Resistenz bäuerlicher Milieus gegenüber dem „verbotenen Umgang“ mit ausländischen Arbeitskräften. 55 Ein Handbuch zur österreichischen Agrargeschichte im 20. Jahrhundert thema- tisierte an zahlreichen Stellen die NS-Ära. 56 Auch Gerhard Siegls Pionierstudie zum österreichischen Bergbauerngebiet folgte dem Schwenk von den Aktionen des NS-Regimes zu den Reaktionen der ländlichen Akteure, indem sie die Auswir- kungen der Machtergreifung der Nationalsozialisten auf die „wirtschaftliche und soziale Lage der Landbevölkerung“ zur Leitfrage erhob. 57 Der alltagshistorische Ansatz des Kräftefeldes bestimmte neben anderen Ar- beiten, etwa zum Alltag der „Landfrauen“, 58 meine eigenen Forschungen, begin- nend mit einem nach Interaktionsfeldern gegliederten Handbuchartikel in der 2000 erschienenen Neuauflage von NS-Herrschaft in Österreich 59 Dabei war ein zweifaches Forschungsdefizit zunächst nur zu benennen, aber nicht zu beheben : 16 Akteure in Agrarsystemen einerseits das – bereits ein Jahrzehnt zuvor festgestellte 60 – Fehlen einer umfassen- den, auf der Höhe der wissenschaftlichen Diskussion stehenden Darstellung der Agrargesellschaft in der Ostmark ; andererseits das Fehlen eines agrarhistorischen Forschungsansatzes, der die eingeschliffenen Gegensätze zwischen Struktur- und Praxisperspektive zu überwinden vermochte. Diese und weitere Aktivitäten mün- deten in einem längeren Forschungsschwerpunkt : Im Zuge eines vergleichenden Forschungsprojekts zur regionalen Agrarentwicklung in Niederösterreich im 20. Jahrhundert 61 stieß ich auf Quellen, die der ländlichen Mikrogeschichte in der NS-Ära eine hervorragende Basis boten. 62 Zudem eröffnete ein Forschungsprojekt zur Zwangsarbeit in der Land- und Forstwirtschaft im Reichsgau Niederdonau 63 die Gelegenheit, ein zentrales Interaktionsfeld zwischen NS-Regime und Agrarge- sellschaft auszuarbeiten. Das am Institut für Geschichte des ländlichen Raumes 64 angesiedelte Habilitationsprojekt 65 ermöglichte schließlich, das Gesamtvorhaben umzusetzen – und die anfangs festgestellten Probleme empirischer und theoreti- scher Art zu bearbeiten. Das vorliegende, auf meiner Habilitationsschrift basie- rende Buch sucht die beiden Fragen, die der Handbuchbeitrag vor eineinhalb Jahr- zehnten aufwarf, zu beantworten. 1.2 Agrarsysteme und Landwirtschaftsstile im Kräftefeld In Abweichung vom gängigen Lehrbuchwissen begreift diese Studie die Agrarge- sellschaft nicht bloß als ‚vormoderne‘, der ‚(post-)modernen‘ Industrie- und Dienst- leistungsgesellschaft vorgelagerte Entwicklungsstufe. Vielmehr geht es ihr um jene Sphäre der Gesellschaft, in der die Produktion land- und forstwirtschaftlicher Gü- ter und Dienstleistungen mittels Land- und Viehnutzung zum Eigen- oder Fremd- konsum sowie deren formelle und informelle Regulative (Familienbetrieb, Genos- senschaft, Agrarpolitik usw.) vergleichsweise dauerhafte Zusammenhänge bilden. 66 Auf dem Weg in die (west-)europäische Moderne trat die gesamtgesellschaftliche Prägekraft des Agrarbereichs zugunsten des Industrie- und schließlich des Dienst- leistungsbereichs mehr und mehr zurück. 67 Doch auch für die zunehmend vom Industrie- und Dienstleistungssektor geprägte Gesamtgesellschaft leistet die agra- rische Teilgesellschaft – der Agrarsektor – wichtige Funktionen: durch die Abgabe von Lebensmitteln, Rohstoffen und Arbeitskräften an andere Wirtschaftszweige wie durch die Abnahme von Industrieprodukten und Dienstleistungen. 68 So ver- fügten auch die nationalstaatlich verfassten Gesellschaften Europas, die sich im 20. Jahrhundert zu Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften wandelten, über darin ein- und untergeordnete agrargesellschaftliche Sphären. Der – durch inner- und zwischenstaatliche Kriege mitunter aufgesprengte – Behälterraum des Nati- 17 Agrarsysteme und Landwirtschaftsstile im Kräftefeld onalstaats darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Agrargesellschaft seit der Verdichtung transnationaler und -kontinentaler Güter-, Finanz-, Menschen- und Wissenstransfers ab Mitte des 19. Jahrhunderts global verflochten war. 69 Der Nationalsozialismus setzte der globalen, marktliberalen Agrargesellschaft unter britischer Hegemonie, die sich in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg ausgebildet und danach fortgesetzt hatte, die Alternative einer kontinentaleuropä- ischen, staatsgelenkten Agrargesellschaft unter Führung des Deutschen Reiches entgegen. Die Vision eines nationalsozialistischen „Agrar-Europas“ leitete etwa die 1942 erschienene Programmschrift Um die Nahrungsfreiheit Europas von Herbert Backe, Staatssekretär und späterer Minister für Ernährung und Landwirtschaft im Deutschen Reich : Die „Weltwirtschaft“ unter dem liberalistischen Regiment der „unsichtbaren Hand“ der Marktkräfte führe die bäuerliche Landwirtschaft gera- dewegs in den Untergang ; daher müsse die „sichtbare Hand“ der Staatsführung als Organ des „Volkswillens“ das „Bauerntum“ beschützen sowie dessen ökonomi- sches und „rassisches“ Leitungspotenzial zur Entfaltung bringen. Die angestrebte „Nahrungsfreiheit“ schien wegen beschränkter Ressourcen im Reichsgebiet allein in einem unter deutscher Führung stehenden „Großraum“ unter Einschluss der Agrarüberschussgebiete Ost- und Südosteuropas machbar. 70 Bereits in den 1930er Jahren suchte Deutschland dieses Potenzial mittels Handelsverträgen auszuschöp- fen ; ab Kriegsbeginn sollte die Ausplünderung der besetzten und abhängigen Ge- biete die trotz jährlicher „Erzeugungsschlachten“ klaffenden Lücken füllen. Der Nationalsozialismus peilte – trotz seiner agrarromantischen Rhetorik – keine ‚anti- moderne‘ Wiederherstellung vorindustrieller Verhältnisse an ; er suchte seine Ant- wort auf die „Agrarfrage“ nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft einer alternativen Moderne jenseits des liberalistischen Agrarindividualismus und des sozialistischen Agrarkollektivismus. Den Fluchtpunkt bildete das Deutsche Reich als wirtschaftlich und militärisch schlagkräftige Industriegesellschaft im Gravi- tationszentrum des kontinentaleuropäischen „Großraums“ mit davon abhängigen Peripherien. 71 Als tragendes Rückgrat der NS-„Volksgemeinschaft“ galt das im Reichsnährstand organisierte „Landvolk“ als agrarischer Kern einer entwickelten Industriegesellschaft. Der Gemeinschaftsentwurf des „deutschen Landvolkes“ ver- band – wie jener der „Volksgemeinschaft“ insgesamt 72 – ‚grobe‘ und ‚feine Unter- schiede‘ : Einerseits schloss er Juden, Slawen und andere „Gemeinschaftsfremde“ aus ; andererseits maß er die eingeschlossenen „Volksgenossen“ an der Fähigkeit, die nationale „Nahrungsfreiheit“ und „Rassereinheit“ zu gewährleisten. Die na- tionalsozialistische Agrargesellschaft als „(Land-)Volksgemeinschaft“ entfaltete – trotz der Kluft zwischen Vision und Realität – im Alltag erhebliche Wirkung. Die dauerhaften, gleichwohl veränderlichen Zusammenhänge, die eine (Ag- rar-)Gesellschaft ausbilden, sind Gegenstand handlungs- und systemtheoretischer 18 Akteure in Agrarsystemen Ansätze der Sozial- und Kulturwissenschaften. Die gesellschaftsbildenden Zu- sammenhänge werden bei Ersteren durch die Alltagspraxis denk- und handlungs- mächtiger Akteure geknüpft, bei Letzteren durch gleichsam ‚hinter dem Rücken‘ der Akteure wirkende Strukturen geschaffen. Für den Gegenstand dieser Studie – das alltägliche Wirtschaften in der nationalsozialistischen Agrargesellschaft – eig- nen sich vor allem Gesellschaftstheorien, die im Zuge einer Konvergenzbewe- gung den Gegensatz zwischen Handlungs- und Systemtheorien zu überwinden suchen. 73 Einen Schritt in diese Richtung setzt Jürgen Habermas mit dem – wenn auch umstrittenen 74 – Versuch, Gesellschaft zugleich aus der Beobachterpers - pektive als funktional integriertes „System“ und aus der Teilnehmerperspektive als kommunikativ integrierte „Lebenswelt“ zu entwerfen. 75 Daraus formuliert er die Zeitdiagnose der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ durch die ökonomischen und politischen Systemimperative des „monetär-administrativen Komplexes“. 76 Da Lebenswelt häufig eng – als „rein phänomenologischer Sachverhalt“ – gefasst wird, bevorzuge ich den weiter gefassten Begriff der Alltagswelt 77 In einem wei- teren Gedankenschritt erschließt sich der Zusammenhang von Funktionssystem und Alltagswelt mit Pierre Bourdieu und Anthony Giddens als gesellschaftliches Feld , in dem mehr oder weniger mächtige Akteure innerhalb beschränkender und ermöglichender Manövrierräume gemäß habitualisierter Denk- und Handlungs- schemata um Ressourcen verschiedener Art ringen 78 – und durch ihre Alltagspraxis die äußeren und verinnerlichten Strukturen in derselben oder veränderten Weise wiederherstellen. 79 Dieser allgemeine Theorierahmen vermag auch für die Beson- derheiten von Agrargesellschaften entwickelte Konzepte ökonomischer, soziologi- scher und ethnologischer Herkunft aufzunehmen. Die Agrargesellschaft lässt sich aus der Beobachterperspektive als System – ge- nauer, als komplexes System – betrachten : 80 „Komplex sind Systeme, wenn die Wechselbeziehungen der Teile ein Gesamtverhalten erzeugen, das sich signifikant vom Verhalten der einzelnen Teile unterscheidet.“ 81 Für das Agrarsystem bedarf der meist nationalstaatlich, zunehmend global gerahmte Systembegriff der Ge- sellschaftstheorie 82 einer zweifachen Anpassung : Erstens beobachtet diese Studie Agrarsysteme auf verschiedenen Ebenen ; dabei stehen neben nationalstaatlichen vor allem regionale, lokale und betriebliche Systeme – landwirtschaftliche Produk- tionsgebiete, Landgemeinden, Bauern- und Gutshöfe – im Zentrum. 83 Zweitens zeichnet sich ein Agrarsystem gegenüber anderen Systemen durch die Verwoben- heit naturaler und sozialer Elemente – Menschen, Tiere, Pflanzen, Maschinen, Gebäude und so fort – aus: Einerseits ist es Teil der Natur, die etwa über die Klima-, Boden- und Reliefbedingungen der Kulturpflanzenwahl, die Saisonalität des Arbeitsbedarfs, die Ertragsrisiken aufgrund von Witterungsschwankungen, Krankheiten und Schädlingsbefall oder die Auswirkung der Landnutzung auf die 19 Agrarsysteme und Landwirtschaftsstile im Kräftefeld Bodenfruchtbarkeit der Landbewirtschaftung Grenzen setzt. 84 Andererseits ist es Teil der Gesellschaft, die sich die Natur entsprechend menschlicher Bedürfnisse, vor allem dem Bedarf an quantitativ und qualitativ entsprechender Nahrung, im Zuge von „Kolonisierung“ aneignet. 85 So gesehen erscheint ein Agrarsystem als auf verschiedenen Ebenen zu beobachtendes Hybrid naturaler und sozialer Elemente, deren wechselseitiger Zusammenhang eine – dauerhafte, aber durchaus veränder- bare – Grenze zu seiner Umwelt zieht. Historische Forschungen über Agrarsysteme verwenden sozialökonomische Modelle, vor allem in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, und sozialökologi- sche Modelle, vor allem in der Umweltgeschichte. 86 Beide modellieren den Zu- sammenhang der Systemelemente in je eigener Weise : Sozialökonomische Mo- delle fokussieren häufig auf das Zusammenspiel der „Kräfte der Einseitigkeit“ (z. B. des Standortes), der „Kräfte der Vielseitigkeit“ (z. B. des Arbeitsausgleichs) und der „Kräfte der Wirtschaftsentwicklung“ (z. B. des Marktpreisgefüges). 87 So- zialökologische Modelle rücken den Stoffwechsel („Metabolismus“), die Material- und Energieflüsse, zwischen Gesellschaft und Natur ins Zentrum. 88 Dabei setzen die Modelle unterschiedliche anthropologische Grundannahmen : Im landwirt- schaftlichen Betriebssystem sucht ein rationaler „Unternehmer“ durch ‚optimale‘ Kombination der Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital den Gewinn zu maximieren. 89 Im Agrarökosystem sucht sich die menschliche „Population“ gleich tierischen und pflanzlichen Arten in Überlebensnischen einzurichten. 90 Trotz al- ler Erkenntnismöglichkeiten stoßen beide Agrarsystem-Modelle dort an Grenzen, wo sie anthropologischen Engführungen unterliegen. Das landwirtschaftliche Be- triebssystem setzt Individuen, die in ‚rationaler‘ Weise den Gesetzen der Ökonomie folgen, voraus. Im Agrarökosystem scheinen Land bewirtschaftende Kollektive zur Anpassung an natürliche Gesetzmäßigkeiten gezwungen zu sein. Überspitzt ge- sagt, beide Modelle beschreiben Agrarsysteme ohne Akteure – ohne gegenüber den Systemmechanismen denk- und handlungsmächtige Individuen und Kollektive. 91 Die Probleme der Systemperspektive auf die Agrargesellschaft verlangen nach einer Lösung, die der Perspektive der wirtschaftenden Akteure, dem „Eigensinn“ 92 der agrarischen Alltagswelt, Rechnung trägt. Dabei geht es nicht um den Ersatz der Beobachter- durch die Teilnehmerperspektive, sondern um deren Verschrän- kung – um Akteure in Agrarsystemen . Eine solche Perspektive eröffnet das von Jan Douwe van der Ploeg entwickelte Konzept des Landwirtschaftsstils , 93 das die Eng- führung auf eine einzige Systemlogik überwindet ; vielmehr erweitert es den Blick auf die Vielfalt alltagsweltlicher Logik, 94 etwa Spielarten der „moralischen Öko- nomie“ 95 bäuerlicher Gesellschaften. Wenn Landwirtschaft nicht in objektiven Gesetzen aufgeht, gilt keineswegs der Umkehrschluss, dass sie sich in subjektiver Beliebigkeit erschöpft. Jenseits des scheinbaren Dilemmas von Determinismus und