Geldpolitik und Stabilität des Bankensystems Das Liquiditätsproblem aus Sicht der Theoriegeschichte und der gegenwärtigen Finanzmarktentwicklung H O H E N H E I M E R V O L K S W I R T S C H A F T L I C H E S C H R I F T E N Michael Knittel Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Bankensysteme wurden immer wieder von starken Störungen beeinträchtigt, welche sich ebenfalls negativ auf die Wirtschaftstätigkeit der betroffenen Nation ausgewirkt haben. Die Zentralbank hat im Zusammenhang mit systemweiten Störungen die Aufgabe als Kreditgeber der letzten Instanz (Lender of Last Resort) zu agieren und schwerwiegende Einflüsse vom Bankensystem abzuhalten und damit die Wirtschaftstätigkeit aufrecht zu erhalten. Diese Arbeit versucht zu klären, welche Phasen ein Wirtschaftssystem im Falle einer systemischen Krise durchläuft und wann die Zentralbank einzuschreiten hat. Dazu wird die theoriengeschichtliche Entwicklung einer Zentralbank zum Kreditgeber der letzten Instanz beleuchtet. Die Analyse soll dabei Antworten darauf geben, welche alternativen Maßnahmen diese Zentralbankaufgabe ersetzen bzw. ergänzen können und ob gemäß diesen Grundsätzen das Europäische System der Zentralbanken ausgestaltet ist, um den heutigen Finanzmarktentwicklungen stabilisierend entgegen treten zu können. Michael Knittel, geboren 1977 in Stuttgart; 1997–2003 Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim; 2003–2007 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik insbesondere Geldpolitik der Universität Hohenheim; 2007 Promotion. H O H E N H E I M E R V O L K S W I R T S C H A F T L I C H E S C H R I F T E N Michael Knittel Geldpolitik und Stabilität des Bankensystems Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Geldpolitik und Stabilität des Bankensystems Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften Herausgegeben von Prof. Dr. Michael Ahlheim, Prof. Dr. Thomas Beißinger, Prof. Dr. Ansgar Belke, Prof. Dr. RolfCaesar, Prof. Dr. Harald Hagemann, Prof. Dr. Klaus Herdzina, Prof. Dr. Walter Plesch, Prof. Dr. Ingo Schmidt. Prof. Dr. Ulrich Schwalbe, Prof. Dr. Peter Spahn, Prof. Dr. Jochen Streb, Prof. Dr. Gerhard Wagenhals, Band57 ~ PETER LANG Frankfurt am Main• Berlin• Bern• Bruxelles • New York• Oxford• Wien Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Michael Knittel Geldpolitik und Stabilität des Bankensystems Das Liquiditätsproblem aus Sicht der Theoriegeschichte und der gegenwärtigen Finanzmarktentwicklung ~ PETER LANG Frankfurt am Main. Berlin• Bern• Bruxelles •New York• Oxford• Wien Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Open Access: The online version of this publication is published on www.peterlang.com and www.econstor.eu under the international Creative Commons License CC-BY 4.0. Learn more on how you can use and share this work: http://creativecommons.org/licenses/ by/4.0. This book is available Open Access thanks to the kind support of ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. ISBN 978-3-631-75444-3 (eBook) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://www.d-nb.de> abrufbar. Q) : f! Zugl.: Hohenheim, Univ., Diss., 2007 Gedruckt auf alterungsbeständigem, säurefreiem Papier. D 100 ISSN 0721-3085 ISBN 978-3-631-56770-8 © Peter Lang GmbH Internationaler Verlag der Wissenschaften Frankfurt am Main 2007 Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany 1 2 4 5 6 7 www.peterlang.de Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Für meine Frau Sybille Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Vorwort Die vorliegende Arbeit wurde von der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hohenheim im Mai 2007 als Dissertation angenommen. Mein herzlicher Dank gilt meinem Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Peter Spahn, der die Arbeit angeregt und betreut hat; er stand mir während des gesamten Promotionsprojekts beratend und betreuend zur Seite; seinen Anregungen verdankt die Dissertation wichtige Impulse; außerdem danke ich ihm für die Freiheiten, die er mir während der gesamten Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter gewährte sowie für seine Unterstützung bereits während der Studienzeit. Weiterhin danke ich Herrn Prof. Dr. Harald Hagemann für die Übernahme des Zweitgutachtens sowie für seine Beratung und Förderung während der Promotions- sowie Studienzeit. Herrn Prof. Dr. Klaus Herdzina möchte ich für die Mitwirkung am Promotionsverfahren danken. Außerdem geht mein Dank an Prof. Dr. Uwe Swoboda, der mich stets motivierte, die vorliegende Arbeit zugig zur Vollendung zu bringen. Zu danken habe ich ferner meinen Kollegen und Kolleginnen am Lehrstuhl - insbesondere Felix Geiger, Arash Molavi Vassei und Sybille Sobczak - für die kritische Durchsicht einzelner Manuskriptteile sowie die Bereitschaft zur fachlichen Diskussion. Außerdem danke ich meinen Eltern, die durch materielle und immaterielle Unterstützung zum Erfolg der Promotion beigetragen haben. Nicht zuletzt gebührt ein großes Dankeschön meiner Frau, die mich mit großem Verständnis während der Erstellung der Arbeit begleitete und mich stets in meinem Vorhaben ermunterte. LB::BW Stiftungtn Landtsbank Baden-Würtlembtrg Abschließend gilt mein Dank der Stiftung Landesbank Baden- Württemberg, die die Veröffentlichung dieser Arbeit großzügig gefördert hat. Stuttgart-Hohenheim, im Juni 2007 Michael Knittel VII Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Inhaltsverzeichnis Abbildungsverzeichnis ......................................................................... XI Tabellenverzeichnis ........................................................................... XII Abkürzungsverzeichnis ...................................................................... XIII 1. Einleitung ...................................................................................... 1 2. Die Notwendigkeit des LOLR ............................................................. 5 2.1. Die besondere Stellung der Banken innerhalb des Wirtschafts- gefüges und das systemische Risiko ................................................. 6 2.2. Die Bankenpanik/Bankenkrise: Eine Definition .................................. 15 2.3. Das finanziell gesunde Bankensystem und die empirischen Be- stimmungsgrößen von Bankenkrisen ............................................... 18 2.4. Eine detaillierte Analyse des Bankensektors und des Ablaufs von Finanzkrisen ...................................................................... 32 3. Klassischer Ansatz: Thomton und Bagehot .................................................. 90 3.1. Entwicklung der Bank von England bis Thomton ................................ 90 3.2. Henry Thomtons Beitrag ............................................................... 101 3.3. Weiterentwicklung der Bank von England bis Bagehot ........................ 115 3.4. Walter Bagehots Beitrag ............................................................ 139 3.5. Kernaussagen über den klassischen Lender ofLast Resort und seine Anwendung .................................................................... 155 4. ,,Modeme" Ansätze, mögliche Alternativen und der Lender ofLast Resort in der Gegenwart ................................................................. 166 4.1. Modeme Ansätze des Lender of Last Resort .................................... 166 4.1. l. LOLR-Hilfe mittels Offenmarktpolitik: Der Ansatz von Goodfriend/King ( 1988) ..................................................... 166 4.1.2. Der Banking View und seine Erweiterung zu too big to fail ........... 173 4.1.3. Probleme der Lender ofLast Resort-Interventionen ..................... 184 4.2. Alternativen zur Notenbank als Lender of Last Resort .......................... 190 4.2.1. Die Depositenversicherung ................................................. 191 4.2.2. Narrow Banking .............................................................. 202 4.2.3. Free Banking .................................................................. 208 4.2.4. Präventive Maßnahmen ...................................................... 216 4.3. Das systemische Risiko und der Lender of Last Resort in der Gegenwart ... 226 4.3.1. Veränderung in der Rolle und Bedeutung von Banken .................. 227 4.3.2. Die Ausgestaltung des Sicherungssystems der Banken in Deutschland ................................................................... 230 4.3.2.1. Ein Rückblick auf die deutsche Finanzmarkthistorie ............ 230 4.3.2.2. Eine kurze Darstellung des deutschen Bankensystems ......... 240 4.3.2.3. Systemisches Risiko in Deutschland .............................. 257 IX Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access 4.3.3. Bankenüberwachung und LOLR für Gesamteuropa ..... ............... 258 5. Resümee .................................................................................... 271 Literaturverzeichnis ........................................................................... 276 X Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Abbildungsverzeichnis Abbildung I: Funktionen eines Finanzintermediärs ........................................ 6 Abbildung 2: Schematische Darstellung einer Bankenbilanz ............................ 10 Abbildung 3: jährliche Wachstumsraten der globalen Derivatemärkte ................. 37 Abbildung 4: Anteile der einzelnen Finanzinstitutionen am Gesamtmarkt in Deutschland ..................................................................... 38 Abbildung 5: spieltheoretische Darstellung des Diamond/Dybvig Modells I ............ 65 Abbildung 6: spieltheoretische Darstellung des Diamond/Dybvig Modells II ............ 66 Abbildung 7: Zusammenbrüche von versicherten Banken und Sparkassen in den USA seit 1930 bis 2005 .................................................. 88 Abbildung 8: Diskontsätze der Federal Reserve seit 2003 ............................... 168 Abbildung 9: Anzahl expliziter Depositenversicherungen weltweit ................... 193 Abbildung 10: Verhältnis der Deckung der Depositenversicherung zu Pro-Kopf BIP im Jahre 2002 in ausgewählten Ländern ........................... 199 Abbildung 11: Anlagestruktur des Geldvermögens der privaten Haushalte in Deutschland (2005) ........................................................ 228 Abbildung 12: Anteile der 5 größten Banken am Bankensektor in den Ländern der EU (2005) ............................................................... 247 Abbildung 13: Return on Equity der Banken in den Ländern der EU (2004/2005) .. 248 Abbildung 14: Return on Assets der Banken in den Ländern der EU (2004/2005) .. 248 Abbildung 15: Vergleich des ROA der fünf größtem deutschen Großbanken im Verhältnis zum Gesamtsektor und zur EU-Vergleichsgruppe (2004/2005) .................................................................. 248 Abbildung 16: Anzahl der Kreditinstitutionen in den Ländern der EU (2003- 2005) ......................................................................... 250 Abbildung 17: Anzahl der Filialen der Kreditinstitute in den Ländern der EU (2003-2005) ................................................................. 250 Abbildung 18: Anteil der EU-Banken und Drittbanken an den Gesamtaktiva der Geschäftsbanken in den Ländern der EU (2005) .................. 252 Abbildung 19: Anteil der Einlagen von Nichtbanken an der kumulierten Bankenbilanz in den Ländern der EU (2001-2005) ................... 254 Abbildung 20: M&A-Aktivitäten von Banken im Euroraum (2000-2006HI) ........ 259 XI Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Vergleich unterschiedlicher empirischer Studien über Banken- krisen ................................................................................. 23 Tabelle 2: Übersicht über geeignete Variablen zur Bestimmung von Bankenkrisen ....................................................................... 32 Tabelle 3: Zeiträume von Zinsliberalisierungen in ausgewählten Ländern zwischen 1980 und 2001 .......................................................... 63 Tabelle 4: kumulierte Bilanz des deutschen Bankensystems (ohne Deutsche Bundesbank) im Jahre 2005 ..................................................... 166 Tabelle 5: Jahr der Einführung der ersten Depositenversicherung in ausgewählten Ländern ........................................................... 193 Tabelle 6: Gliederung der Finanzinstitutionen in Deutschland im Jahre 2005 ....... 241 Tabelle 7: Anzahl der Bankenstellen deutscher und ausländischer Banken im In- und Ausland (2005) ..................................................... 244 XII Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Abkürzungsverzeichnis AG AkA BaFin BBL BfG BIP BIS BIZ BoE BoJ BSHC bzw. c.p. ca. CEBS d.h. DD DM ECOFIN ECU EDV EG ESZB etc. EU EWG EWR EWU FAO FAZ FDIC FED FIERRA FIM FSF FSLIC HGB Aktiengesellschaft Ausfuhrkredit-Gesellschaft mbH Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Bank Brussel Lambert Bank für Gemeinwirtschaft Bruttoinlandsprodukt Bank for International Settlement Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Bank of England Bank of Japan BLUESTONE Holding beziehungsweise ceteris paribus c1rca Committee of European Banking Supervisors das heißt Diamond, Dybvig Deutsche Mark Rat der Europäischen Union in der Zusammensetzung "Wirtschaft und Finanzen" European Currency Unit Elektronische Datenverarbeitung Europäische Gemeinschaft Europäisches System der Zentralbanken et cetera Europäische Union Europäische Wirtschaftsgemeinschaft Europäischer Währungsraum Europäische Währungsunion Food and Agriculture Organisation (ofthe United Nations) Frankfurter Allgemeine Zeitung Federal Deposit Insurance Corporation Federal Reserve System Financial Institutions Reform, Recovery, and Enforcement Act Finnische Mark Financial Stability Forum Federal Savings and Loan lnsurance Corporation Handelsgesetzbuch XIII Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access IADB IADI i.d.R. i.e. IFRS IKT IMF IWF ING JDIC KWG Likobank LOLR LTCB LTCM M&A Mio. MoU Mrd. NordLB NPL NSDAP OECD p.a. ROA ROE RTGS S&L-Krise S.W.I.F.T. SEB sog. ssc TARGET Transfer Inter-American Development Bank International Association of Deposit Insurers in der Regel id est International Financial Reporting Standards Informations- und Kommunikationstechnologie International Monetary Fund Internationaler Währungsfonds Internationale Nederlanden Group (Bank) Jamaica Deposit Insurance Corporation Gesetz über das Kreditwesen/Kreditwesengesetz Liquiditäts-Konsortialbank Lender of Last Resort Long-Term Credit Bank Long-Term Capital Management Merger and Acquisitions Millionen Memorandum of Understanding Milliarden Norddeutsche Landesbank Non Performing Loan Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Organisation for Economic Co-operation and Development perannum Return on Assets Return on Equity Real-Time Gross Settlement Savings&Loan Krise Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication Akandinaviska Enskilda Banken AB sogenannt(e/er) Sequential Service Constraint Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express u.a. unter anderem US United States USA United States of America XIV Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access vgl. WestLB z.B. ZEW vergleiche Westdeutsche Landesbank zum Beispiel Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung XV Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access 1. Einleitung In der Vergangenheit war es lange Zeit still um die Frage, ob ein monetäres System einen Lender of Last Resort (im weiteren LOLR) benötigt oder nicht. Wurde diese Frage im 18. und 19. Jahrhundert heiß diskutiert, so schenkte man ihr bis Ende des 20. Jahrhunderts keine größere Bedeutung; nach der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 blieb die Weltwirtschaft längere Zeit von derlei Wogen verschont. Nachdem jedoch in jüngster Vergangenheit gleich mehrere Finanz- bzw. Währungskrisen - wie die in Südostasien, Japan oder Lateinamerika, um nur einige zu nennen - auftraten, erlangte das Thema um den LOLR neue Bedeutung. Bevor näher auf die Ausgestaltung und die Arbeitsweisen des LOLR eingegan- gen wird, gilt es erst einmal zu klären, was hinter dieser Bezeichnung steht. Der LOLR ist der Kreditgeber der letzten Instanz; er ist der Geldgeber, der in der Lage ist, Kredite zu vergeben und Zusammenbrüche von Banken zu verhindern in Perioden, in denen kein anderer Geldgeber entweder in der Lage oder bereit ist, Liquidität in ausreichen- dem Maße zur Verfügung zu stellen, um Finanzpaniken und -krisen zu verhindern o- der zu beenden. 1 Er ist ein Agent oder eine Institution, die auf dem Kreditmarkt selbst aktiv wird oder um Hilfe gebeten wird. Er kann hierbei entweder als sogenannter crisis Iender oder aber als crisis manager auftreten. 2 Im ersten Falle gewährt er selbst die benötigten Darlehen, während er im letzteren lediglich die Rettungsaktion koordiniert, ohne dabei selbst Kredite zu vergeben, da ohne seine Koordination keine konzertierte Rettungsaktion anlaufen würde; als eines der prägnantesten Beispiele dafür gilt das Eingreifen des Federal Reserve System/der US-amerikanischen Notenbank (Fed) beim befürchteten Bankrott des Hedgefonds Long-Term Capital Management (L TCM), ei- nem privaten Investmentfonds mit dem Ziel der Profitmaximierung für Anteilseigner durch Handel von Werten. Da durch einen potentiellen Zusammenbruch des Fonds drastische Auswirkungen auf die Realwirtschaft befürchtet wurden, intervenierte die Fed, indem sie ein Hilfspaket derart zusammenstellte, dass unter ihrer Initiative vier- zehn Finanzunternehmen in den Fonds investierten und damit seinen Kapitalstock auf- rechterhielten. Es handelte sich hier allein um ein Krisenmanagement der Fed, da sie selbst kein Kapital zur Verfügung stellte, sondern allein Koordinierungsaufgaben an- bot. 3 Aber auch Depositenversicherungen, Regulierung und Überwachung können un- ter Krisenmanagement als Teil eines breit angelegten Sicherheitsnetzes subsumiert werden. 4 Dieses Beispiel macht allerdings nicht nur das verschiedenartige Maßnahmen- spektrum eines LOLR deutlich, sondern zeigt auch Probleme des heutigen Finanz- marktes auf, wie die Erweiterung des Finanzmarktes durch beispielsweise Hedgefonds oder die Überlegung, dass Finanzmarktunternehmen mit nationalen und internationa- len Finanzverflechtungen als zu groß und damit für die Wirtschaft als zu bedeutsam angesehen werden, als dass sie aufgrund von Insolvenz geschlossen werden dürften. Der Grund für den überaus herausragenden Status des LOLR in der Geschichte der Banken- und Geldpolitik ist dabei trotz dieser modernen Problematiken eng ge- 1 Vgl. Krugman, Obstfeld (2004), Seite 831. 2 Vgl. Viotti (2000), Seite 46f. 3 Vgl. Dowd (1999), Seite 2ff. 4 Vgl. Hoggarth, Soussa (2001), Seite 167. Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access knüpft an den Nutzen und die Funktion von Geld und Notenbanken. Das Aufkommen von Geld im Bankengeschäft ist es auch, was die Mikroebene, ob eben eine einzelne Bank vor dem Konkurs gerettet werden soll, mit der Makroebene, der Frage nach der Stabilität des gesamten Finanzsystems, verbindet. 5 Regeln, Normen und die verschiedenen Standpunkte bezüglich der richtigen Vorgehensweise eines LOLR, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben, spie- geln die institutionellen Eigenartigkeiten der geschichtlichen Etappen im Zentral- bankwesen wider. 6 Es gilt also, ein ganzes Fragengeflecht im Bezug auf die Rolle des LOLR zu beantworten: Hat er eine banken- oder eine geldpolitische Funktion zu erfüllen, oder gar beide? Ist diese Funktion dann mikro- oder makroökonomischer Natur? Ist der LOLR durch die Einführung einer 100%igen Reservehaltung entbehrlich oder reicht gar eine reine Marktlösung auch ohne diese Bedingung aus, so dass auf die Zentral- bank als LOLR verzichtet werden kann? Ein zentraler Punkt wird sein, wem gegenüber sich der LOLR zu verantworten hat: Dem Markt als Ganzem oder einzelnen Banken? Der Ansatz wird aber noch dadurch erschwert, dass gerade in den letzten Jahren von Nichtbank-Finanzinstitutionen, oder gar von ganzen Ländern, welche unter finan- ziellen Misslichkeiten oder Überschuldung gelitten haben, finanzielle Hilfe angefor- dert und ihnen auch gewährt wurde. Brisant wird die Frage nach Unterstützung dann, wenn eine Finanzkrise die nationalen Grenzen überschreitet. Dann besteht möglicher- weise die Notwendigkeit eines internationalen/europaweiten LOLR. 7 An dieser Stelle gilt es zu bedenken, dass sich der Begriff „Bank" beziehungs- weise, was man darunter versteht oder subsumiert, bis zur Gegenwart stark ausgedehnt hat im Vergleich zu der Zeit, als der Begriff LOLR erstmals aufkam; dies hat notwen- digerweise zur Folge, sich mit der Frage der Inanspruchnahme desselben seitens der Banken genauer zu beschäftigen, da heute der Begriff Bank „allumfassender" ist. 8 Eine darüber hinausgehende Frage ergibt sich im Bezug auf die Organisation eines LOLR in Euroland. Hier wird die Diskussion über den Verursacher und im Wei- teren der Streit um die Verteilung der Lasten auftauchen. Man könnte sich außerdem noch fragen, ob es auch eine Verpflichtung zur Hil- fe für fallierende Unternehmen gibt, bzw. wie kann eine Rettungsaktion von internati- onal verstrickten Unternehmen aussehen, existiert hierfür so etwas wie eine konzertier- te Rettungsaktion der beteiligten Länder? In allen möglichen Fällen bewegt sich ein LOLR immer auf einem schmalen Grat. Er muss zwei an sich konfligierende Ziele vereinen: Einerseits muss er vermei- den, dass der Wohlstand, die Produktion und auch die Beschäftigung einer ganzen Ö- konomie unter dem Zusammenbruch eines einzelnen Marktteilnehmers leiden, ande- rerseits muss er die Glaubwürdigkeit eines marktwirtschaftlichen Systems - in dem es eben sehr wohl zum Fallieren einzelner Insolventer kommen kann - wahren. 'Vgl. Gersbach, Wenzelburger (2003), Seite 2ff. 6 Vgl. Healey (2001), Seite 20ff. 7 Vgl. Schoenmaker (2005), Seite 398ff. • Vgl. Cabral, Dierick, Vesala (2002), Seite 8. 2 Michael Knittel - 978-3-631-75444-3 Downloaded from PubFactory at 01/11/2019 04:48:36AM via free access