Vorlesung Deutsch als Zweitsprache / Sprachbildung für Lehramtsstudierende ISS/GYM und Grundschule Dieser Foliensatz ist urheberrechtlich geschützt. Veröffentlichungen im Internet sind verboten. DaZ/SB - Team: Heike Baake, Barbara Krischer, Geeske Strecker VL 1: Einführung DaZ und Sprachbildung von Barbara Krischer Sommersemester 2023 Organisatorisches Die Vorlesung DaZ/Sprachbildung im SoSe 23 ist als Blended Learning Arrangement konzipiert: Es gibt einen Screencast und einen Präsenzteil - Die VL ist immer ab Donnerstag in Form eines Screencasts auf Bb abrufbar. - Dauer der jeweiligen Screencasts: ca. 60 Min. - Jeden Donnerstag von 9.00 - 9.45 Uhr findet der Präsenzteil zur VL im Hörsaal statt. Es werden u.a. prüfungsrelevante Themenschwerpunkte und Aufgabenformate bearbeitet und besprochen. - Nach dem Präsenzteil wird die VL für die nächste Woche hochgeladen und steht zum Abrufen zur Verfügung. - Sie hören die Screencasts sooft Sie wollen, spätestens bis zum Präsenzteil der Folgewoche. Sommersemester 2023 Organisatorisches Seminare : 14 - täglich, Anwesenheitspflicht und – kontrolle . Sie können, wenn Sie zu einem Termin verhindert sind, diesen in Parallelkursen bei derselben Lehrkraft nach - oder vorholen. Wichtig ist, dass Sie Ihre Anwesenheit auf der Liste Ihres in CM gebuchten Seminars dokumentieren. Bitte sprechen Sie die Lehrkraft auf die korrekte Liste an. Achtung: Seminare 17217 - 17224: DaZ/Sprachbildung mit MINT - Fach bei Frau Krischer. Sie besuchen eines dieser Seminare, wenn Sie ein oder zwei MINT - Fächer studieren. Seminare 17225 - 17236: DaZ/Sprachbildung ohne MINT - Fach bei Frau Strecker. Sie besuchen eines dieser Seminare, wenn Sie kein MINT - Fach studieren. Sommersemester 2023 Organisatorisches Seminare 17204 - 17213: DaZ/Sprachbildung für das Grundschullehramt bei Frau Baake. Seminare 17215 - 17216: DaZ/Sprachbildung für das Grundschullehramt bei Frau Krischer. Sie besuchen eines dieser Seminare, wenn Sie das Grundschullehramt ohne Sonderpädagogik studieren. Seminare 17237 - 17240 bei Frau Prof. Maak und 17241 - 17242 bei Frau Kölling. Sie wählen eines dieser SE, wenn Sie Sonderpädagogik studieren (Grundschullehramt oder ISS/GYM). Prüfung : ISS/GYM und Grundschullehramt: elektronische Prüfung; der Termin wird rechtzeitig über Blackboard bekannt gegeben. VL 1 Problemaufriss - Gliederung 1. Aspekte des Gebiets Deutsch als Zweitsprache 2. Begriffsunterscheidung: Erwerbskontext ( DaM , DaF, DaZ) 1. Deutsch als Erstsprache / (Muttersprache) ( DaM ) 2. Deutsch als Fremdsprache ( DaF ) 3. Deutsch als Zweitsprache (DaZ) 3. Schüler:innen mit Migrationshintergrund 1. Begriffsdefinitionen 2. Ergebnisse der Bildungsforschung 4. Durchgängige Sprachbildung 5. Bildungssprachliche Herausforderungen (ausgewählte Beispiele) 6. Verzahnung von Sprach - und Fachlernen 7. Anforderungen an zukünftige Lehrkräfte 6 1. Aspekte des Gebietes DaZ nach: Barkowski (2010:50) DaZ Politik Ausländerpolitik Bildungspolitik Sozialpolitik Internationale Politik Praxis Kita Kindergarten/ Vorschule Schule Erwachsenenbildung Lehreraus - & Weiterbildung Gesellschaftliche Entwicklung politisch demografisch ökonomisch ethisch Wissenschaft Begegnung versch. Kulturen Begegnung versch. Sprachen Spracherwerbs - forschung Bildungs - forschung 7 2. Begriffsunterscheidung Gemeinsame Probleme: • Verstehen • Aussprache • Grammatik • Satzbau Deutsch als Erstsprache Deutsch als Zweitsprache Deutsch als Fremdsprache 8 2. Begriffsunterscheidung Günther & Günther (2007:57) und Ahrenholz (2010:3 ff) • Deutsch als Erstsprache (auch als Muttersprache bezeichnet, DaM ) • erste Sozialisationssprache (Beziehungssprache), die ein Mensch erwirbt • indirekter Verweis auf das mögliche Erlernen weiterer Sprachen • Spracherwerb beginnt mit der Geburt • Spracherwerb ist i.d.R. altersgemäß (mit sozialen Unterschieden) • Spracherwerb parallel zur sozialen und kognitiven Entwicklung; Kommunikation an Sprachmöglichkeiten angepasst • i.d.R. Familien - , Amts - und Unterrichtssprache • Lernsprache, maßgebend für den Schulerfolg • Erstsprache ist Unterrichtssprache; entwickelt sich durch den Schulbesuch kontinuierlich weiter; wird durch Hinführung zur Schriftsprache und zu Fachsprachen alters - und lehrplanmäßig entfaltet • Verhältnis zur Sprache Deutsch ist i.d.R. unproblematisch und wird lediglich im Hinblick auf das Unterrichtsfach reflektiert (z.B. Note, Lehrkraft) 9 2. Begriffsunterscheidung G ü nther & G ü nther (2007:58), Rösch (2005), Ahrenholz (2010) • Deutsch als Fremdsprache (DaF) • Spracherwerb findet (institutionell) gesteuert statt, d.h., es gibt diverse Curricula mit einer Progression (u.a. grammatisch, lexikalisch) • Input der Lehrkräfte richtet sich nach der jeweiligen Sprachentwicklung der Lerner (wird – was die Komplexität anlangt - dosiert) • Sprache ist keine Sozialisationssprache, keine Lernsprache, „nur“ ein Unterrichtsfach (Lerner kann u.U. manövrieren) • i.d.R. eingeschränktes, nicht häufig benutztes Mittel der Kommunikation • Sprache oft Vehikel für berufliche Tätigkeit und Karriere; ermöglicht Kommunikation bei Reisen • Spracherwerb beginnt je nach Weltregion vorschulisch oder schulisch • Erstsprache altersgemäß, steht im Unterricht (für Erklärungen etc.) zur Verfügung • je nach Ausgangslage (Land, Wahl - oder Pflichtfach) i.a. Interesse an der Sprache 10 2. Begriffsunterscheidung G ü nther & G ü nther (2007:57) und Ahrenholz (2010:3 - 13) • Deutsch als Zweitsprache (DaZ) • Sprache der gesellschaftlichen Umgebung ð ungesteuerter Spracherwerb (Sprachbad) • Mittel der Verständigung und des täglichen Überlebens in einer fremden Gesellschaft und Kultur • bei Schüler:innen : Schul - bzw. Lernsprache, in der der Lernstoff bewältigt werden muss ð lernbedeutsam und existenziell notwendig • Spracherwerb beginnt oft im Vorschulalter (Kita), bei Seiteneinsteiger:innen während der Schulzeit • Erstsprache zunächst oft dominant, in der Schule u.U. nicht weiter gefördert und im Unterricht nicht lernunterstützend genutzt • Sprachstand in der Erstsprache u.U. nicht altersgemäß • Spracherwerb im sozialen Umfeld z.T. eingeschränkt; Interaktion oft nur in der Schule • Spracherwerb nicht parallel zur sozialen und kognitiven Entwicklung • z.T. Lernerschwernisse aufgrund schwieriger psycho - sozialer Bedingungen; v.a. bei Seiteneinsteiger:innen nicht selten schwieriges Verhältnis zur Sprache • bedeutsame Lernaufgaben müssen z.T. mit unzureichenden Sprachkompetenzen bewältigt werden 11 3.1 Begriffsdefinition • Schüler:innen mit Migrationshintergrund § Schüler:innen , die selbst oder bei denen mindestens ein Elternteil im Ausland geboren ist ( Def . der Schulleistungsstudien PISA (2000 - 2009) und IGLU (2000) § dies sind i.d.R. Schüler:innen nichtdeutscher Herkunftssprachen; sie werden auch als zugewanderte Schüler:innen bezeichnet • Personen mit Migrationshintergrund § sind jene, die selbst oder deren Eltern bzw. Großeltern nach Deutschland zugewandert sind, ungeachtet ihrer gegenwärtigen Staatsangehörigkeit ( Def . Mikrozensus ab 2005. Erhebung des Statistischen Bundesamts Deutschland. Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006, S. 8) • Seiteneinsteiger:innen § Schüler:innen , die ohne oder nur mit geringen Sprachkenntnissen aus dem Ausland gekommen sind und zum ersten Mal eine deutsche Schule besuchen. Sie benötigen intensive Sprachförderung, um möglichst schnell am Regelunterricht teilzunehmen • Schüler:innen nichtdeutscher Herkunftssprachen § „ Schüler:innen nichtdeutscher Herkunftssprache“ sind Schüler:innen , deren Erst - bzw. Familiensprache nicht Deutsch ist. Die Staatsangehörigkeit ist dabei ohne Belang; entscheidend ist die Kommunikationssprache ( SenBJF (2017:39) 3.2 Ergebnisse der Bildungsforschung nach: Brandt, Hanne (2016:2) Schulleistungsvergleichsstudien • Leistungsunterschiede zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund sind in Deutschland beunruhigend groß (Klieme et al. 2012) • Die Beherrschung der deutschen Sprache auf einem dem jeweiligen Bildungsstand angemessenen Niveau ist entscheidend für den schulischen Erfolg ( Klieme et al. 2010) • Alltagssprachliche Kompetenzen sind eher unbedeutsam für den Bildungserfolg der Schüler:innen • IGLU: sozio - ökonomischer Hintergrund oft entscheidend für Schulerfolg (nicht auf alle DaZ - Lerner:innen übertragbar) • Erstsprachler mit bildungsfernem Hintergrund ebenfalls betroffen 12 4. Durchgängige Sprachbildung 13 Drei Dimensionen durchgängiger Sprachbildung Übergang Kita - Grundschule Übergang Grundschule – Sek I Übergang Sek I - Sek II / Beruf Sprachbildung in Kita / allen Fächern; Verbindung von Sach - und Sprachlernen Einbeziehung von Eltern & Familie Unterrichtsergänzende & außerschulische Sprachförderung Zweitsprache Alltagssprache Erstsprache Zweitsprache Bildungssprache Erstsprache In Anlehnung an: Andreas Heintze (2013), FörMig Berlin, http://www.foermig - berlin.de/konzeption.html 4. Durchgängige Sprachbildung Sprachbildung • Begriff umfasst sämtliche Formen der gezielten Entwicklung und Weiterentwicklung von Sprache • soll Sprachkompetenzen aller Schüler:innen durch systematisch angeregte Sprachaneignungsprozesse verbessern • Ist allgemeine Aufgabe eines jeden Fachunterrichts, erfolgt gezielt sowie unterrichtsintegriert • indem u.a. die Lehrkräfte gezielt Rückmeldungen zu den sprachlichen Äußerungen der Schülerinnen und Schüler geben, • indem Rückfragen gestellt werden, • indem Aufgaben sprachbewusst und verständlich formuliert werden, • Hilfestellungen bei Formulierungen erfolgen, • ausreichende Zeitfenster eingeplant werden für die sprachlichen Äußerungen der Lerner:innen und für Diskussionen. Jostes , Brigitte: (2017:112 - 115) 14 4. Durchgängige Sprachbildung Sprachförderung • bezeichnet in Abgrenzung zur Sprachbildung gezielte Fördermaßnahmen • Zielgruppe: Kinder und Jugendliche (mit Deutsch als Erst - und Zweitsprache) mit besonderen Schwierigkeiten oder Entwicklungsverzögerungen • Förderbedarf ist im Idealfall diagnostisch ermittelt worden. • Maßnahmen können in der Schule unterrichtsintegriert (Regelunterricht) oder additiv (Förderkurse) erfolgen Jostes , Brigitte: (2017: 112 - 115) 15 5. Bildungssprachliche Herausforderungen nach: Beese et al. (2014:28) 16 Sprache in der Schule Bildungssprache (quer durch alle Fächer) Fachsprachliche Anteile in der Oberstufe der einzelnen Unterrichtsfächer Alltagssprache Regionalsprachen, Jugendsprache ... 5. Bildungssprachliche Herausforderungen nach: Kniffka ; Siebert - Ott (2007:19f.) Alltagssprache Bildungssprache raumzeitliche, oft emotionale Nähe raumzeitliche, emotionale Distanz Kommunikation im situativen, kontextgebundenen Rahmen Kommunikation situationsentbunden, kontextarm einfache Satzkonstruktionen komplexe Satz - und Textstrukturen unpräziser Wortgebrauch präziser, differenzierter Wortgebrauch eher keine durchgeplanten Darstellung(en) explizite, widerspruchsfreie Darstellung(en) keine wissensschaffende (epistemische) Funktion wissensschaffende (epistemische) Funktion nicht ausreichend für den Schulerfolg ! erforderlich für Schulerfolg ! 17 5. Bildungssprachliche Herausforderungen sprachliche Heterogenität der Lerner Sprachliche Schwierigkeiten im Unterricht – mögliche Ursachen • Erwerb der Bildungssprache im sozialen Umfeld oft eingeschränkt • fehlende Strategien beim Entschlüsseln komplexer Sachtexte • hoher Anteil an mündlichen Abhandlungen in vielen Unterrichtsfächern • dadurch Schwierigkeiten bei der Erbringung schriftlicher Leistungen • Mangel an sprachlichen Hilfestellungen im Fachunterricht • z.T. fehlende bildungssprachliche Kompetenzen in der Erstsprache bei DaZ - Lerner:innen • z.T. keine Ausbildung DaZ/Sprachbildung der Lehrkräfte vgl. Wojnesitz , Alexandra (2017:7) 18 5. Bildungssprachliche Herausforderungen Mathematikaufgabe, Klasse 4 Im Salzbergwerk Bad Friedrichshall wird Steinsalz abgebaut. Das Salz lagert 40 m unter der Meereshöhe, während Bad Friedrichshall 155 m über der Meereshöhe liegt. Welche Strecke legt der Förderkorb bis zur Erdoberfläche zurück? Quelle : Gogolin & Lange (2010). Durchgängige Sprachbildung. Münster et al.: Waxmann , S. 10f. Zwischenfrage: Woran könnten Schülerinnen und Schüler bei dieser Aufgabe scheitern. Überlegen Sie. 19 5. Bildungssprachliche Herausforderungen sprachliche Analyse des Aufgabentextes Im Salzbergwerk Bad Friedrichshall wird Steinsalz abgebaut . Das Salz lagert 40m unter Meereshöhe , während Bad Friedrichshall 155m über Meereshöhe liegt. Welche Strecke legt der Förderkorb bis zur Erdoberfläche zurück ? Nominalkomposita: Salzbergwerk, Steinsalz, Meereshöhe (2x), Förderkorb, Erdoberfläche (= gleichzeitig spezifischer Fachwortschatz) Termini mit Mehrfachbedeutung: (Strecke) zurücklegen, abbauen Trennbares Verb: zurücklegen (Verbklammer) Passivkonstruktionen: wird ... abgebaut Adversatives „während “ (Nebensatzkonstruktion) Strukturwortschatz (Präpositionen): unter, über, bis zu Sachkontext: eher nicht vertraut in der Alltagswelt von Viertklässlern Quelle: nach Schwaiger 2014, zit. nach: Brandt, Hanne (2016): Sprachbildung im Fachunterricht? (Wie) geht das?. Vortrag am 24.9.2016, S.14 20