Gilda Sahebi ist Ärztin und Politikwissenschaftlerin. Sie arbeitet als freie Journalistin. Internationales Irans Geiseldiplomatie: Sechs Freilassungen – aber kein Deutscher darunter © AFP/Karl Schober Irans Geiseldiplomatie Sechs Freilassungen – aber kein Deutscher darunter Teheran hat einen Belgier gegen einen Top-Terroristen ausgetauscht. Vermutlich war die Freilassung sechs weiterer Europäer Teil des Deals. Tut Berlin zu wenig für seine Staatsbürger? Von Gilda Sahebi 11.06.2023, 11:55 Uhr ABO Mein Konto Politik Internationales Krieg in der Ukraine Wagner-Gruppe Wladimir Putin Europapolitik USA Türkei Berlin Gesellscha Wirtscha Kultur Wisse zum Hauptinhalt An die ersten Worte, die sie zueinander sagten, erinnert sich Nilufar Mossaheb nicht mehr. „Wir sind uns alle in die Arme gelaufen, haben uns lange gehalten und geweint“, erzählt sie. Nilufar Mossaheb und ihre Schwester ha en ihren Vater seit mehr als vier Jahren nicht gesehen. Der heute -jährige Österreicher Massud Mossaheb befand sich seit Januar in iranischer Geiselha . Am . Juni kehrte er auf österreichischen Boden zurück, gemeinsam mit Kamran Ghaderi, einem weiteren politischen Gefangenen. „Unser jahrelanges diplomatisches Ringen um ihre Freilassung hat Früchte getragen“, schrieb der österreichische Außenminister Alexander Schallenberg in einer Pressemi eilung, in der er seine Freude über die Freilassung der zwei Männer deutlich machte. Die Tagesspiegel-App Aktuelle Nachrichten, Hintergründe und Analysen direkt auf Ihr Smartphone. Dazu die digitale Zeitung. Hier gratis herunterladen. zum Hauptinhalt Sechs Freilassungen in wenigen Wochen In den vergangenen Wochen wurden au ällig viele europäische Geiseln aus iranischer Ha entlassen: Zwei französische Staatsbürger, ein Däne, ein Belgier und die zwei Österreicher. Sechs Freilassungen in wenigen Wochen, nachdem sich zuvor jahrelang nichts bewegt ha e. Was steckt dahinter? Geiseldiplomatie sei für das iranische Regime zu einem strategischen Mi el der Außenpolitik geworden, so schreibt die US-amerikanische Denkfabrik The Stimson Center in einer Analyse von Ende Mai. Der Iran benutze die Geiseln, um Zugeständnisse von den jeweiligen Staaten zu erzwingen. Mit dieser Taktik, so scheint es, ist dem iranischen Regime tatsächlich ein Coup gelungen. Es konnte die Rückkehr eines seiner Top- Terroristen erwirken: Assadolah Assadi. Er wollte im Jahr in Paris einen Terroranschlag ausüben und wurde in Belgien zu Jahren Ha verurteilt. Ende Mai wurde bekannt, dass Assadi gegen den Belgier Olivier Vandecasteele ausgetauscht wurde. zum Hauptinhalt Es ist anzunehmen, dass die anderen europäischen Geiseln informell dem Assadi-Deal zuzurechnen sind, auch wenn dieser in erster Linie ein Austausch zwischen Iran und Belgien war. Unter den Freigelassenen war jedoch keine deutsche Geisel: Weder Der belgische MItarbeiter einer Hilfsorganisation, Olivier Vandecasteele, begrüßt seine Familie nach seiner Freilassung im Mai 2023. © REUTERS/Pool zum Hauptinhalt Jamshid Sharmahd noch Nahid Taghavi dur en den Iran verlassen. Nahid Taghavi wurde im Oktober unter fadenscheinigen Gründen festgenommen und ist seitdem im Evin-Gefängnis in Ha . In der vergangenen Woche gab es besorgniserregende Nachrichten: Es soll der -Jährigen Nahid Taghavi gesundheitlich sehr schlecht gehen. „Sie baut gesundheitlich immer mehr ab“, bestätigt ihre Tochter Mariam Claren, die wie ihre Mu er Kölnerin ist. Aufgrund der langen Isolationsha habe sie mehrere Bandscheibenvorfälle, außerdem leide sie unter Bluthochdruck und Diabetes, berichtet Claren. Sie könne sich vor lauter Schmerzen nur noch wenig bewegen. Wenn sie nicht bald eine medizinisch adäquate Therapie erhalte, fürchtet Claren, könnte das schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Neben Nahid Taghavi ist auch Jamshid Sharmahd in Geiselha ; er wurde zum Tode verurteilt und könnte jeden Moment hingerichtet werden. Deutsche Gefangene im Iran „Meine Mu er ist Opfer der Geiseldiplomatie“ zum Hauptinhalt „Die Bundesregierung bezeichnet meine Mu er nicht einmal als politische Geisel.“ Mariam Claren, die Tochter der in Teheran inhaftierten Kölnerin Nahid Taghavi Mariam Claren, Taghavis Tochter, hat den Eindruck, dass sich die Bundesregierung nicht in dem Maße für die Befreiung der Deutschen einsetze wie es andere Staaten für ihre Bürger tun. „Die Bundesregierung bezeichnet meine Mu er nicht einmal als politische Geisel“, so Claren. Anders als beispielsweise die Franzosen: So sprach das Außenministerium im Jahr in einem Statement in Zusammenhang mit zwei inha ierten Franzosen ausdrücklich von „Staatsgeiseln“. Auch der Umgang mit Angehörigen politischer Geiseln unterscheidet sich. „Wir ha en regelmäßig mit dem Außenamt Kontakt“, berichtet beispielsweise Nilufar Mossaheb, die Tochter des inzwischen befreiten Österreichers Massud Mossaheb. zum Hauptinhalt „Manchmal täglich, manchmal alle paar Wochen, je nachdem, was gerade passierte.“ Es habe eine Task Force gegeben, die sich der Befreiung ihres Vaters widmete, berichtet die Tochter. Österreich neuer Außenminister traf die Angehörigen sofort persönlich Die Gespräche fanden zudem persönlich sta . „Wir haben gemeinsam Szenarien durchgespielt und Strategien überlegt“, erzählt sie. Auch an Wochenenden und am Abend sei das Team für sie dagewesen. Außerdem habe Außenminister Schallenberg sich gleich zwei Wochen nach seinem Amtsantri persönlich mit den Angehörigen getro en. Der Fall, so wird klar, wurde auf höchster Ebene behandelt. Erfolgreich. Bei Mariam Claren läu es anders. Sie steht alle paar Wochen telefonisch mit dem Auswärtigen Amt (AA) in Kontakt und gibt Updates über den Zustand ihrer Mu er. Informationen erhält sie selten. Was unternommen wird, um ihre Mu er zu befreien, weiß sie nicht. Ein Tre en mit Annalena Baerbock habe es nie gegeben. KOMMENTARE 0 zum Hauptinhalt Mehr zum Thema Auf einen Fragenkatalog antwortet das AA nur knapp: Man setze sich „weiterhin intensiv und hochrangig“ für die im Iran inha ierten Staatsbürger ein. Diese Information beantwortet nicht einmal, wofür sich das AA überhaupt einsetzt – denn wenn es die Deutschen nicht als Geiseln sieht, muss es auch keine Freilassung geben. Da verwundert es nicht, dass die Deutschen nicht Teil des Assadi-Deals waren. „Dass meine Mu er im Iran im Gefängnis sitzt, hängt nur mit ihrer deutschen Staatsbürgerscha zusammen“, sagt Claren. „Das ist das Schlimmste für mich. Dass ihr Schicksal von diesen beiden Staaten abhängt.“ Zar Amir Ebrahimi im Porträt Man kann auch aus der Ferne kämpfen Irans Atomprogramm Warum ein israelischer Angri wahrscheinlicher wird Frauenrechte in der Türkei „Wir wollen nicht Iran oder Afghanistan werden“ zum Hauptinhalt