N I C H T Z U M D R U C K U N D N I C H T Z U M V E R K A U F B E S T I M M T An Stelle eines Prologs Geschätzte Leserin, lieber Leser! Zuallererst möchte ich mich für Ihren Vertrauensvor - schuss bedanken, ein Buch ohne das 'Gütesiegel' eines Verlags erworben zu haben. Die Abwesenheit eines solchen ist schnell erklärt: Von den Vieren, mit denen ich in Verhandlung gestan - den bin, war keiner bereit, den Text ohne wesentliche und mir unannehmbare inhaltliche – wohlgemerkt: nicht sprachliche – Änderungen zu veröffentlichen. Diese betrafen auf aussagenlogischen Inkonsistenzen beruhende Aspekte bzw. Forderungen intellektuellen 'Mainstreams', die selten problematisiert werden, aber wohl allgemein bekannt sind. Sie auszuführen würde meinem Roman einen ungewollten gesellschaftswissen - schaftlichen, ablenkenden und auch umfänglich über - steigerten Rahmen geben, weshalb ich darauf verzichte. So möchte ich Sie einladen, selbst Ihre Schlüsse zu ziehen ... und vor allem gute Unterhaltung wünschen, denn nur darin, und nicht in der so modern gewordenen subtilen Erziehung des Publikums, liegt meine Absicht. GJR 0 LESEPROBE Erstes Kapitel Wien, Hietzing. Großonkel Raymond hatte mit seiner Antwort nicht lange warten lassen: Ja, er konnte, wie Ende Februar in Klosterneuburg angedeutet, einen Helfer mit medizinischem Hintergrund brauchen. Dabei war das Wort 'Arzt' nicht gefallen. Friedrich sollte ehes- tens Bescheid geben. War selbst dieser kaum geläufige Ver- wandte erpicht, ihn zu demütigen? Er faltete den Brief so, dass die Fernsprechnummer außen zu liegen kam. In ihm gab es keine Hemmungen mehr, ein Glas Cognac randvoll einzuschenken und, nicht durch das Fenster hinausgebeugt, sondern auf dem Bett sitzend, eine Zigarette anzuzünden im elterlichen Nichtraucherhaus. Über die letzten drei Monate war aus ihm weniger als Nichts geworden. Es fehlte der Mut, sich in Glanzing noch einmal anschauen zu lassen, den Spind auszuräumen. Als er vor drei Tagen dort gewesen war hatte er mit Pirquet gesprochen. Nicht unfreundlich, aber letztmalig, endgül- tig. Kein Dienstzeugnis, am liebsten hätte man, Damnatio memoriae, seinen Namen aus allen Registern getilgt. Das Bedauern des wohlgesonnenen Mannes über Friedrichs Tun, welches ihn seiner Stellung und eigentlich auch der bloßen Existenz verlustig gehen hatte lassen, dröhnte ihm unentwegt hintergründig und während stiller Momente bestürzend laut in den Ohren. Unmittelbar gab es zwei Möglichkeiten: Zum Telegrafenamt gehen. An die Münz- automaten in den obskuren abortartigen Häuschen, die seit Monaten wie Pilze aus dem Trottoir schossen, ver- schwendete er keinen Gedanken. Als junger Greis hatte er 1 LESEPROBE sich instinktiv geweigert, mit deren Bedienung vertraut zu werden. Und deshalb gar nicht gewusst, dass sein Fern- gespräch damit ohnehin unmöglich gewesen wäre. Oder hinunter, in das Gesellschaftszimmer, den Eiskeller. Und für die Verwendung des Hausapparats mit dieser Tage ohnehin so knapp gewordenem Stolz bezahlen. Ihn schauderte bei dem Gedanken, er legte sein Straßenzeug an. Daphne rannte ihn auf der Treppe fast nieder: „Frit- zifratzi geht saufen!“ Der entgegnete den fragenden Augen seiner aus dem Wintergarten hinzugekommenen Mutter, dringender Geschäfte wegen noch in die Stadt zu müssen. Die Schwester deutete, in Theatralik grunzend, Kohabita- tionsbewegungen an. Selbstverständlich hatte der Alte mit- gehört. Es stand unter dessen Würde, herauszutreten aus seinem Kokon, der Ecke mit dem Ledersessel und dem Bild vom Kaiser darüber, hinter dem Tischchen mit dem Strudel und dem Kaffee. Seit Wochen ignorierte er seinen Sohn vollständig. Nicht ein Blick, ganz zu schweigen von einem Wort. Die Stöpselgeräusche knackten länger als gewohnt aus dem Trichter, dann fragte die Dame von der Vermitt- lungsstelle Innergebirg, ob es sich um einen Notfall han- delte. Ja, Das war einer! Minuten später, ihm stand längst der Schweiß auf der Stirn, meldete sich eine rauchige Alt- stimme: „Echo von Satori, wer stört?“ Nach langen Mo- menten hatte man dem Onkel das Telefon gereicht. Der wirkte abgelenkt und sagte mehrmals, wie ungemein ihn das Alles freuen würde. Friedrich sollte einfach den nächs- ten Zug nehmen. Im Hintergrund war Gekicher zu hören. Er musste gestehen, dafür nicht ausreichend Geld zu ha- 2 LESEPROBE ben. Die hellen Laute hoben an zu einem Gegacker, Ge- mecker, das ihm wie Hexenlachen vorkam. Der Onkel schien den Ernst von Friedrichs Lage nicht recht zu be- greifen, versprach aber, noch diese Woche eine Fahrkarte am Westbahnhof hinterlegen zu lassen. Dann schwoll das Gelächter noch einmal an und die Verbindung wurde getrennt. Durch ihre Glasscheibe hatte ihn die Beamtin während des ganzen Gesprächs ohne die leiseste Regung angestarrt. Nicht wie einen Menschen. Sondern wie man Ameisen bei ihren todbringenden Löscharbeiten beobachtet, wenn man ihren Haufen angezündet hat. Er wurde der Peinlichkeit gewahr, psychotisch gestikuliert zu haben. Statt zu be- zahlen zeigte er den Dienstausweis, der einzuziehen ver- gessen worden war, und ersuchte, das Gespräch mit der Universitätsklinik abzurechnen: „Orthopädie, zu Handen Professor Königsberger.“ – Ein letzter Gefallen von seinem Doktorvater, den er sich herausnahm. Davon, eine Steige- rung lag jenseits aller Vorstellungskraft, würde Der nicht noch enttäuschter von ihm sein können. Obwohl die Dame mit zweifelnder Herablassung seine Papiere gerade- zu hypnotisierte und sämtliche Einträge abmalte, reichten zwei Unterschriften. So waren ihm seine Münzen geblieben. Von knapp der Hälfte erstand er eine Literflasche Marillenbrand ohne Steuermarke. Nach einem Drittel davon war er weit genug, sich seinem von Kindertagen an gepflegten Vergnügen hinzugeben, welches darin bestand, ziellos mit der Stra- ßenbahn herumzufahren. Bisweilen gratis, weil er mit so einigen Schaffnern zu trinken pflegte und manche von speziellen Örtlichkeiten kannte, im besten Fall verschwie- 3 LESEPROBE genen Ecken im Hügelpark. Er erinnerte sich zurück, zehn Jahre, zwanzig ... mit einem Stanitzel Zucker stundenlang in der Pferdetram sitzen und die Welt vorbeiziehen lassen! Heute hatte er seine Flasche und an die Stelle von Lauten, Schweiß und Ausscheidungen der gequälten Tiere waren metallische Geräusche und der Geruch nach Schmieröl und dem Ozon elektrischer Funken getreten. Zu Abend traf er am Gürtel Miazzerl, die Hebamme, in Wahrheit betrieb die exkommunizierte Salesianerin Engel- macherei. Sie versicherte stets, ihr Handwerk schon im Orden und nicht später in der – übrigens von den Barm- herzigen Schwestern geführten – Neudorfer Weiberstraf- anstalt erlernt zu haben. Mit einer Flasche Wodka vom Naschmarkt ging es in ihre Dachstube. Sie verkaufte das bessere und im Verbrauch sparsamere Kokain als den Mehlverschnitt aus der Apotheke, vermutlich auch, weil sie eine Prise Arsen beimischte. Er bettelte um ein paar Gramm und ein paar Kronen, für die Reise und die ersten Tage in der Gastuna. Freundlicherweise blieb die Tatsache unausgesprochen, dass sie weder das Eine noch das Andere bald zurückbekommen würde. Am folgenden Tag packte er zwei Sperrholzkoffer und den Rucksack von seinem Opa. Die Mutter war er- leichtert, der Alte zeigte keine Regung. Friedrich wusste mit einem Schlag, dass es Zeit war, zu gehen. Sein Gepäck schleppte er zu Miazzerl. Ob er bleiben konnte, bis in zwei Tagen die Fahrkarte bereitliegen würde? Zwei Ausschabungen. Er vermied hinzusehen, hatte solche Angelegenheiten nie gemocht. Das war doch keine Medi- zin, sondern Metzgerei! Und genau Darin musste er seine 4 LESEPROBE Zukunft sehen, beim Onkel, in der Gastuna. Trotzdem kam nach Monaten wieder einmal Mitleid hoch, das sich nicht auf die eigene Person beschränkte. Der Alkohol nahm jenen Weg, der ihn immer häufiger abseits des bis vor einem Quartal selbstverständlichen warmen Behagens führte. Diese in die Selbstentrechtung getretenen Frauen, lauter Angeschissene! Und am Grund der Kloake er selbst: Doktor, der so hart errungene Titel war Hohn geworden, Fritzifratzi Fröschlhuber. Diese Nächte und Tage sollten seine letzten in Wien sein. 5 LESEPROBE Zweites Kapitel Die Fahrkarte erwies sich als deren zwei. Eine drit- ter Klasse bis nach Hof und eine erster für die letzten zwölf Kilometer, was Einiges über den Onkel sowie auch dessen Verhältnis zu Friedrich aussagte. Wider genereller Neigung zu früh dran, hatte er Weile, die Lokomotive näher anzusehen. Sein Blick flüchtete in scharfe, blanke Kanten und die trotz oder wegen der ihnen zugrunde liegenden Einfachheit der Geometrie harmonisch wirken- den Rundungen des Stahls. Für Minuten, bis wieder der sprachlichen Formulierung Zugängliches auftauchte: Eine Adriatic, die beste und modernste Langstreckenmaschine der Welt. Er wünschte, dass der riesige Dampfkessel explo- dierte und ihn aller Probleme enthob. Das fiel angesichts der heutzutäglichen Unwahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses leicht. Wäre zwischen knarzenden Nietreihen Dampf hervorgestoben, hätte er selbstverständlich die Bei- ne in die Hand genommen – also war selbst an seinem Lebensüberdruss Etwas faul! Er bemerkte, dass die Räder ihn überragten und fürchtete diese Zukunft wie eine Jede andere. Auf dem Weg nach Linz sah er – zwischen Feldern, Gärten und die Bahnstrecke säumenden Ansiedlungen – Landschaften, die so wirkten, als wäre dort noch nie je- mand hingekommen. Wie in seinen Erinnerungen an die zu seltenen Ausflüge mit den Großeltern. Etwa ihre Tour auf die Hohe Wand. Dieses Abends war er mehr als kurz- fristig beglückt, zufrieden mit ihm selbst, heimgegangen. 6 LESEPROBE Bis zum Haustor mit dem lauernden Alten darin, den Rohrstock wegen des versäumten Federballtrainings schon in der Hand, gepeinigt vom Umstand, dass, welch ein Jam- mer, Fritzifratzi kein Ballgefühl hatte. Ganz im Unter- schied zu Diesem oder Jenem – in der Regel waren das Kinder, die er nicht mochte. Abgesehen hiervon und den Watschen wegen blöd oder frech Dreinschauen hatte es damals trotz strengster Masstäbe der Bewertung an seinem Sohn nicht Viel, den Schulerfolg betrefflich Nichts, auszu- setzen gegeben. Es waren viele Soldaten im Zug, die mit ihm tranken, nach dem Umsteigen in Salzburg auch Sommerfrischler, unter- wegs nach Istrien. Er war zwei Mal in Graz gewesen und noch nie so weit gekommen wie auf dieser verzweifelten Reise. Die Mehrzahl seiner gewesenen Freunde hatte wäh- rend ihrer Studienjahre die Fremde erkundet. Und ihm vorgeschwärmt von Heidelberg, Paris, Amsterdam, Bolo- gna und so weiter. Andere, deren Eltern durch ihren Nach- wuchs ihnen selbst oft versagt Gebliebenes freudig erlebt hatten. Für einen Touristen war er nicht hinreichend salopp ange- tan und für einen Kurgast, trotzdem er gebrechlich wirkte, zu schäbig. Seine Erscheinung imponierte am ehesten wie die eines Klinkenputzers, der vorgibt, Handlungsreisender zu sein. Dazu aber passten der zottelige Bart, das wirre Kraushaar und die verbogene Nickelbrille nicht recht. Beim Umsteigen in Hof hielten ihn verwahrloste, unbe- schuhte Kinder für einen Geistlichen und blickten an- dächtig weg, zwei machten obszöne Gesten. Aus dem niedrigen Himmel träufelte 'Salzburger Schnürlregen', wie ihm der Kondukteur, ein Oberösterreicher mit gelben 7 LESEPROBE Augäpfeln, der ein Loch in sein zweites Billett stanzte, er- klärte. Und das obere Ende der sich mit jedem Kilometer höher auftürmenden Berge verlor sich hinter den rußigen Schlieren auf den Fenstern in den Wolken. Die Allermeisten der Wenigen, die ausgestiegen waren, wurden abgeholt, mit Einspännern. Deren Later- nen brannten, so finster hatte das Wetter die einsetzende Dämmerung dieses Frühlingstags gemacht. Friedrich ent- kam dem Regen in das noch keine zehn Jahre alte Bahn - hofsgebäude. Sogar mit einer Zollexpositur kam es der Be- quemlichkeit ausländischer Gäste entgegen. Über jede Funktionalität hinausreichender, in Marmor gehauener Neuklassizismus wies auf den Anspruch von Macht hin. Er begriff, in einer der modernen, Gott entbehrenden Kir- chen zu stehen und nestelte nach einem kurzen Moment verächtlicher Andacht das Stück Papier, dessen Inhalt er längst im Schlaf kannte, aus der Brieftasche: Haus Espla- nade, Zur Satansmühle 13. In der Restauration war nur eine betrunkene Fiakerin, die sich rundheraus weigerte, ihn zu befördern. Weil ihr sein 'Votz' nicht gefiel. Der Wirt meinte entschuldigend, dass noch nicht 'Saison' war. Immerhin bekam er den kurzen Weg ausführlich beschrie- ben. Und Karl-Heinrich anempfohlen, einen Buben mit Radlbock für sein Gepäck. Die Esplanade beherbergte ein Hotel mit Gastwirtschaft und Kaffeehaus. Obwohl sie beide Hände voll hatte, fing ein Serviermädchen die Zwei schon im Foyer ab und schickte sie zum Eingang im Hinterhof. Der Knabe erbot sich, für einen Zigarillo mit Friedrichs Zauberflöte aufzu- 8 LESEPROBE spielen. Er überhörte das Offert nur aus Angst vor einem weiteren Fehltritt. Nach dem Abladen und Bezahlen war seine Taschenuhr weg. Und der Rotzlöffel natürlich auch. Das Reifeprü- fungsgeschenk und Einzige von gewissem Wert, das er nach seiner Enterbung, eigentlich Unterfertigung einer Erklärung des freiwilligen Verzichts, noch besessen hatte. Sich vergessend schüttelte er den Kopf und ruderte mit den Armen, als wollte er sich herauswinden: „Eine Schweizer kriegst Du, wenn aus Dir einmal Etwas gewor- den sein sollte. Kein einziges Laudabilis! Verdienen tust Du auch die Böhmische nicht.“ Er hatte dann immer gedacht, beim Doktorat. – Weit gefehlt, ein verdammtes Stethoskop! Die Schwester: „Damit solltest Du Dich auf- hängen!“ Noch vor dem Essen im Rahmen der pro forma ausgerufenen Feierstunde war er auf sein Zimmer gegan- gen um zwei Budeln Pelinkovac aus dem Nachtkästchen zu leeren. Mit hiervon entfesseltem Trotz hatte er Minu- ten später verkündet, nicht mehr länger Fußabtreter der Familie zu sein, war dabei ins Brüllen und Heulen geraten. Der Alte hatte ihn unter dem Beifall der Verwandtschaft mit dem Handrücken abgewatscht und in aller Ruhe ver- kündet, dass sein Sohn in den Narrenturm gehörte. Damit waren die Verhältnisse wieder einmal geklärt gewesen. Bis zur Weihnachtszeit letzten Jahres. Im Stiegenhaus hatte er auf des Onkels Tür regelrecht ein- gedroschen. Keiner da, zugesperrt, dosische Schlösser, wie in seinem alten Zuhause, der Villa Fröschlhuber. Einer Zwingburg. So wie das Internat, die Alma Mater, ganz zu schweigen vom Krankenhaus, der ganzen Welt ... unter- schiedslos, nur verschiedene Abteilungen. Sinnierend, dass 9 LESEPROBE es für ihn, außer – zum Teil – der Mutter und dem frem- den Onkel, keinerlei Blutsbande mehr gab, ließ er seine Habseligkeiten unter der Treppe stehen und kehrte in das Lokal zurück. Der Oberkellner nickte abfällig und hielt sich eine Serviette vor die Nase, ohne zur Seite zu treten, zum Ausweichen nötigend. Dessen Kollegin machte ihm ohne Gruß oder Anrede klar, dass er Etwas zu bestellen hatte, wollte er hier „knotzen“ . Dabei wirkte sie lieblich in dem kurzen Röckchen, mit den immensen Brüsten, derart hochgebunden, dass sie schier aus den Rüschen ihres Dirndls quollen. Ob er ein Unsteter war? Oder Paraber? Ob er bezahlen konnte? Friedrich streckte sich seufzend, um an das Kleingeld in seiner Hosentasche zu gelangen und legte das Häufchen von nicht einmal dem Wert einer Krone vorsichtig auf die Glasplatte, welche die blauge- druckte Mühlviertler Tischwäsche darunter vor Kaffee und Aschenflecken bewahrte. Trotzdem schepperte es lei- se, was den magersüchtigen, mit Korkenzieherlocken be- wehrten Damen einer feinen Tarockrunde distinguierte Zischlaute abrang. Nach einer Stunde und zwei Großen Braunen kam Onkel Raymond, in Waldviertlern, mit Wetterfleck und Rucksack. Die freundschaftliche Begrüßung des Personals und die innige Umarmung seines Großneffen verrieten, dass er sich ganz wie in seinem eigenen Salon fühlte. „Du hast sicher auch Hunger!“ In Klosterneuburg hatte dersel- be Mann anders gewirkt, beinahe manieriert, passend zu den auch von dieser Szene abermals demonstrativ irritier- ten Kartenspielerinnen. Und kompliziert, etwa als er ihm am Leopoldsgrab seine Verehrung dieses einen der weni- 10 LESEPROBE gen österreichischen Heiligen mit dessen Verweigerung der Teilnahme am Kreuzzug und der Zurückweisung der Kaiserkrone begründet hatte. Friedrich wählte von der Kleinen Karte ein Gulasch, es kam unverzüglich. Onkel Raymond musste bei einer Maß Trübem Schwarzacher auf seine frisch zubereiteten Leib- gerichte warten. Er redete vom Wetter, irgendwelchen zir- kumglobalen Höhenströmungen. Anblick und Geruch der panierten Kutteln auf Hirn mit Ei taten Wirkung. Um Haaresbreite hätte Friedrich zur Begrüßung auf den Tisch gespieben, schaffte es gerade, den seine Backen blähenden Mageninhalt, dessen Säure ihm in den Stirnhöhlen brann- te, retour zu würgen. Der Onkel bestellte Enzian und putzte schelmisch lächelnd den Rest von Friedrichs Teller als Vorspeise weg. Bald wurde das Lokal umarrangiert, Spanische Wände beiseitegeschoben und die Beleuchtung gedämpft. Von Geißlerröhren erhellte drapierte Fetzen sorgten für das beliebte orientalische Flair. Auf der kleinen Bühne thronte ein schrankgroßer, in Schliffglas verbauter Radiowellenempfänger. Es dröhnte die Jupitersymphonie im an- und abschwellenden Knistern und Jaulen des Äthers. Das Gewirr aus Drähten, umsponnen von Seide in schimmernden Farben und das Glühen der Heizgirlanden in Glastuben mit vielen Beinchen stand für die Zukunft. Damit wurde andernorts künstlich erzeugte Luftelektrizi- tät aufgefangen, filtriert und millionenfach verstärkt hör- bar gemacht – sagte man und plapperte er nach. Um die genauen Vorgänge wussten aber nur Wenige. Es blieb Nichts, als den Experten zu vertrauen. Deshalb wohl tra- ten sie in weißen Mänteln auf und benahmen sich wie die 11 LESEPROBE ausgefuchstesten Ärzte. Mehr Geld machten sie wahr- scheinlich bereits. Onkel Raymond fuhr fort, Friedrich die soeben angelan- deten Gestade zu erklären: Dass es sich bei der Esplanade um kein Kurhaus handelte, dieses gleichen Namens befand sich am Graukogel und hatte mit der Freifrau Nichts zu tun. Natürlich kannte sein Großneffe weder den Berg noch die Erlauchte. „Von Hart, Hermine, für besondere, doch unbekannte Verdienste von Erzherzog Johann in den Adelsstand erhoben. Neben dem Hotel spekuliert sie mit Immobilien.“ Und dass er Miteigentümer dieses Hauses war, der dritten Etage und des halben Dachbodens. Nach einem kurzen Rundgang und der Besichtigung des über die Treppe im Innenhof erreichbaren und nach diesem weisenden, für Friedrich vorgesehenen Dienstbotenzim- mers Nummer 7, einem erkerartig an die Mauer geklatsch- ten hölzernen Verschlag, gingen sie wieder nach unten. Zwei Neger aus Louisiana spielten Saxofon. Der Vortrag war auch für großstädtische Verhältnisse ein ganz ein- drucksvoller. In der Pause nahm er den Onkel zur Seite: Sie mussten reden! Aber dieser Abend gehörte nicht ihm, wenigstens nicht vordergründig. Der an den Tisch gekommenen Freifrau wurde er als Neffe und junger Kollege präsentiert. „Noch ein Höhlenforscher! Werden immer mehr. Haben Sie denn goldene Hände? Sonst werden Sie Hier keinen Fuß auf den Boden kriegen.“ Der Onkel rückte zurecht, dass Friedrich bei ihm ergänzende Ausbildung zu Teil werden sollte. Ihre Ver- wunderung äußernd, was die Künstler aus Ragtime ge- macht hatten, setzte sie ihren Rundgang fort, um andere Gäste zu begrüßen. Ein streng aussehender, als Oberfeuer- 12 LESEPROBE werker uniformierter Herr jonglierte mit glühenden Koh- len an einer mannshohen Wasserpfeife. Nachdem seine Lungen es geschafft hatten, die Glut im Kopf zu verbrei- ten, keuchte er, violett angelaufen und schwankend: „Mes- dames, Messieurs! Es ist angerichtet!“ Von diesem Punkt an hatte Friedrich nur vage Erinnerung an Begegnungen mit Gela, der Apothekerin, zwei oder drei Kurärzten, einem Ingenieur von der Post, und jene mit dem dicken Russen, Popen des Fürsten von Jermak, der ihm Absinth spendiert hatte. Über den Riss jedes Fadens hinaus, nach dem Zu- rückgeworfensein auf Bildfolgen, wie in der Grottenbahn oder dem Filmtheater. 13 LESEPROBE 14 LESEPROBE 15 LESEPROBE Drittes Kapitel ( ... ) Dahinter lagen die versperrten Räumlichkeiten der Haus- hälterin und die Garconnière des Onkels. Der sprach auch beim Frühstück, es gab Polenta, mit keinem Ton von den Ereignissen in Wien. Als Friedrich diese zu erklären be- gann, unterbrach er, Nichts davon hören zu wollen. Das Geschehene dünkte ihm zu frisch und allzu verwickelt. Er deutete, ohne das Geringste Preis zu geben, ausdenkbare Motivlagen der Akteure an und riet, die Geschichte ab- hängen zu lassen wie zähes Fleisch. Vielleicht würde sie eines Tages genießbar. ( ... ) Während seiner Besorgungen und ersten Erkun- dungen im Zentrum beidseits der Brücke über den Wasser- fall streifte ihn das irrationale Gefühl von Zugehörigkeit. Geschäftsführer Schneider, auch von Beruf, benahm sich, als hatte er ihn unter der seinem Handwerk würdigen, mit Scheren und Zahlen bestickten Kippa schon anerkannt als Jemanden, der sein Leben Hier führte. Egal von Woher und Warum. ( ... ) „Damit ist für diesen Monat aber Ende im Gelände.“ Durch solche Formulierungen schimmerte der Soldat. Was hielt sein Onkel von Leuten wie ihm, der sich vor der Wehrpflicht in die Ersatzreserve gedrückt hatte? Nachts kroch sanftes Licht durchs offene Fenster und er- LESEPROBE