FORSCHUNGEN ZUR KAISER- UND PAPSTGESCHICHTE DES MITTELALTERS BEIHEFTE ZU J. F. BÖHMER, REGESTA IMPERII HERAUSGEGEBEN VON DER ÖSTERREICHISCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN – REGESTA IMPERII – UND DER 31 DEUTSCHEN KOMMISSION FÜR DIE BEARBEITUNG DER REGESTA IMPERII BEI DER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN UND DER LITERATUR · MAINZ KAISER SIGISMUND (1368–1437) Zur Herrschaftspraxis eines europäischen Monarchen Herausgegeben von Karel Hruza und Alexandra Kaar BÖHLAU VERLAG WIEN · KÖLN · WEIMAR Gedruckt mit Unterstützung durch den Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek : Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie ; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http ://dnb.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-205-78755-6 Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdruckes, der Entnahme von Abbildungen, der Funksendung, der Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege, der Wiedergabe im Internet und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, blei- ben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. © 2012 by Böhlau Verlag Ges. m. b. H. & Co. KG, Wien · Köln · Weimar http://www.boehlau-verlag.com Umschlagabbildung: Mit freundlicher Genehmigung von Statutární město Plzeň, Archiv města Plzně, Bestand Urkunden, Kart. 8, Inv. Nr. 120 Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem Papier Gesamtherstellung: Wissenschaftlicher Bücherdienst, 50668 Köln GELEITWORT Der Beitritt der Tschechischen Republik und der Republik Ungarn zur Europäischen Union im Jahr 2004 ließ historische Länder wieder näher rücken, die in früheren Jahr- hunderten auf verschiedene Weise eng miteinander verbunden waren. Das gilt in Bezug auf Österreich vornehmlich für die Zeit der Habsburgermonarchie von 1526 bis 1918. Gut ein Jahrhundert zuvor konnte Sigismund, Sohn des viel gerühmten Kaisers Karl IV. (1316–1378), die Kronen des römisch-deutschen Reiches, Böhmens und Ungarns auf seinem Haupt vereinen und herrschte über ein wahrhaft riesiges europäisches „Impe- rium“, das ganz oder teilweise die heutigen Staaten Österreich, Deutschland, Schweiz, Italien, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Belgien, Tschechische Republik, Ungarn, Slowakei, Rumänien, Bulgarien, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Serbien erfasste. Dieser große geografische Machtbereich Sigismunds, in dem unterschiedliche kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Gegebenheiten vereint waren, macht es schwierig, seine Herrschaft im Gesamten zu erfassen und zu bewerten, aber er spiegelt auch deut- lich deren europäische Dimension wider. Schon früh hat man deswegen erkannt, dass eine geschichtswissenschaftliche Bewältigung Sigismunds und seiner Herrschaft nur in internationaler Kooperation möglich ist, um Quellenmaterial und Literatur zielführend bearbeiten zu können. Während in Deutschland um 1900 im Rahmen der Regesta Im- perii und der Deutschen Reichstagsakten wesentliche Quellenpublikationen vorgelegt wurden, erscheinen in Ungarn seit 1951 Regesten im Zsigmondkori oklevéltár (Urkun - denbuch des Zeitalters Sigismunds). Eine längere internationale Zusammenarbeit in ei- nem Editionsvorhaben hat jedoch bis in das 21. Jahrhundert hinein nicht stattgefunden. Die Erweiterung der Europäischen Union und eine Initiative Harald Zimmermanns (Tü- bingen) gaben Anlass zu versuchen, in einem Drittmittelprojekt im Rahmen der Regesta Imperii in Wien ungarische, tschechische und österreichische Historikerinnen und Histo- riker zur Bearbeitung der Urkunden Sigismunds zusammenzuführen. Als ein Ergebnis dieser seit dem Herbst 2004 verwirklichten internationalen Zusammenarbeit wird das vorliegende Beiheft der Regesta Imperii, ein Sammelband einer Tagung von 2007, dem Publikum übergeben. An ihm haben erfreulicherweise Historikerinnen und Historiker aus Deutschland, Österreich, Schweiz, Slowakei, Tschechien und Ungarn mitgewirkt. Wien, im Oktober 2011 Karel Hruza (Leiter der Arbeitsgruppe Regesta Imperii) INHALT Geleitwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Vorwort der Herausgeber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 K arel H ruza : Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 I. ASPEKTE DES POLITISCHEN HANDELNS UND DER HERRSCHAFTSPRAXIS SIGISMUNDS J osef V álKa : Sigismund und die Hussiten, oder: wie eine revolution beenden? 21 r obert N oVotNý : Die Konfessionalität des böhmischen und mährischen Adels in der Zeit der Regierung Sigismunds von Luxemburg . . . . . . . . . . . . . . . 57 K arel H ruza : König Sigismund und seine jüdischen Kammerknechte, oder: Wer bezahlte „des Königs neue Kleider“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 J aN W iNKelmaNN : Sigismund von Luxemburg als Markgraf von Brandenburg 1378–1388 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137 m artiN Š tefáNiK : Die Beschlüsse des venezianischen Consiglio dei Dieci zu den Attentatsversuchen auf Sigismund aus den Jahren 1413–1420 . . . . . . . 161 H eiNz K rieg : König Sigismund, die Markgrafen von Baden und die Kurpfalz . . 175 P eter N iederHäuser : Gefryet von romischer keyserlicher macht. Aargauer Adel zwischen Reich, Habsburg und den eidgenössischen Orten . . . . 197 8 Inhalt II. URKUNDEN- UND BRIEFPRODUKTION SIGISMUNDS m árta K oNdor : Hof, Residenz und Verwaltung. Ofen und Blindenburg in der Regierungszeit König Sigismunds – unter besonderer Berücksichtigung der Jahre 1410–1419 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 D aniela D vořáková : Aspekte der Narrationes der Schenkungsurkunden Sigismunds für ungarische Adelige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 a malie f össel : Die Korrespondenz der Königin Barbara im Ungarischen Staatsarchiv zu Budapest . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 M artin Č apský : Der Briefverkehr Sigismunds von Luxemburg mit schlesischen Fürsten und Städten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 a lexaNdra K aar : Die stadt (...) viel privilegirt, aber wenig ergötzt. Sigismunds Herrschaftspraxis und seine Urkunden für die „katholischen“ königlichen Städte Böhmens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 a Ndreas z aJic uNd P etr e lbel : Wappenmarkt und Marktwappen. Diplomatische und personengeschichtliche Überlegungen zum Wappenbrief König Sigismunds für Mohelno aus der Zeit des Konstanzer Konzils . . . . . . . 301 III. RITUALE, MENTALITÄTEN UND BILDER t omአb oroVsKý : Adventus regis in unruhigen Zeiten. Sigismund und die Städte in Böhmen und Mähren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367 g errit J asPer s cHeNK : Von den Socken. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte der Politik am Beispiel des Einzugs König Sigismunds zum Konzil in Basel 1433 . . 385 g erald s cHWedler : Rituelle Diplomatie. Die persönlichen Beziehungen Sigismunds von Luxemburg zu benachbarten Königen und den Herrschern des Balkans . . . . . . . . . . . . . . 411 9 Inhalt J oacHim s cHNeider : Herrschererinnerung und symbolische Kommunikation am Hof König Sigismunds. Das Zeugnis der Chronik des Eberhard Windeck . . . 429 m artiN r olaNd : Was die Illustrationen zu Eberhard Windecks Sigismundbuch präsentieren, was man dahinter lesen kann und was verborgen bleibt . . . . . . . 449 a lexaNdra K aar : Urkunden, Rituale und Herrschaftspraxis eines Europäischen Monarchen. Eine Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . 467 Quellen- und Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 477 Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 533 Personen- und Ortsregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 535 Autorenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 561 VORWORT DER HERAUSGEBER Das vorliegende Buch versammelt 18 zum Teil für den Druck erheblich überarbeitete und erweiterte Referate der internationalen Tagung „Kaiser Sigismund (†1437). Herr- schaftspraxis, Urkunden und Rituale“, die am 6. und 7. Dezember 2007 am Histori- schen Institut der Masaryk-Universität in Brünn (Brno) in der Tschechischen Republik stattfand. Ein Beitrag der Tagung erreichte in seiner schriftlichen Form schließlich den Umfang einer kleinen Monografie und soll als solche veröffentlicht werden. Als Ersatz konnte der Autor aber in Zusammenarbeit mit einem Kollegen einen anderen Text zu Sigismund beibringen. Zwei gehaltene Vorträge wurden leider auch nach mehrmaliger Nachfrage nicht schriftlich eingereicht. Anlass für die Tagung war zum einen der 570. Todestag Kaiser Sigismunds in Znaim (Znojmo) am 9. Dezember 1437, zum anderen das Ende des seit 2004 laufenden, vom österreichischen Fonds zur Förderung der wis- senschaftliche Forschung/Austrian Science Fund (FWF) geförderten Projekts P 17519- G08 „Sigismund (†1437), Kaiser im Reich, in Ungarn und in Böhmen“. In diesem, am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien angesiedelten Projekt arbeiteten vier Historikerinnen und Historiker aus Ös- terreich, Ungarn und der Tschechischen Republik unter der Leitung Dr. Karel Hruzas an der Erfassung und Bearbeitung der Urkunden Sigismunds. Die Ergebnisse dieser Arbeiten wie auch derjenigen, die im derzeit betriebenen Anschlussprojekt des FWF P 21198-G18 „Kaiser Sigismund: Herrschaftspraxis in drei Reichen“ geleistet werden, sollen einer Neubearbeitung der Urkunden Sigismunds innerhalb der Regesta Impe- rii zugutekommen. Dementsprechend wird in der Hälfte der vorgelegten Beiträge die Urkunden- und Briefproduktion Sigismunds problematisiert. In den anderen Beiträgen dieses Buches wird, ebenso wie in jenen zur Urkunden- und Briefproduktion versucht, jeweils Aspekte der Landes-, Verwaltungs-, Diplomatie-, Religions-, Ritual-, Kultur- und Kunstgeschichte für Themen der Regierungszeit Sigismunds fruchtbar zu machen. Zu hoffen bleibt indes, dass von den präsentierten Beiträgen der Anstoß zu vermehrter wis- senschaftlicher Beschäftigung mit dem Kanzleiauslauf Sigismunds ausgehen mag. Uns bleibt die angenehme Pflicht, die Institutionen und Personen anzuführen, die das Zustandekommen der Tagung in Brünn und die Verwirklichung des vorliegenden Bu- ches ermöglicht haben: Der FWF, das Austrian Science and Research Liaison Office (Brno), die Österreichische Akademie der Wissenschaften in Wien und das Historische Institut der Masaryk-Universität in Brünn haben die Tagung finanziell getragen und or - 12 Vorwort der Herausgeber ganisatorisch unterstützt. Die Wiener Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter Márta Kondor und Petr Elbel waren an der Suche nach Autorinnen und Autoren sowie an der Tagungsorganisation beteiligt. In Brünn haben Jiří Malíř, Martin Wihoda und ihr Team alle Belange der Tagung vor Ort zur Zufriedenheit aller erledigt und eine ausgesprochen gastfreundliche Atmosphäre für ihre internationalen Gäste geschaffen. Petr Elbel lud die Gäste nach Tagungsabschluss zu einer ganztägigen Exkursion nach Znaim ein. Bei der redaktionellen Bearbeitung der Tagungsbeiträge, bei der auch die Angaben zu Quellen und Literatur in ein nachgestelltes Verzeichnis extrahiert wurden, unterstützte uns Mar- cus Schmidt. Othmar Hageneder in Wien und Peter Johanek in Münster haben sich um die Drucklegung verdient gemacht, die Johannes van Ooyen beim Böhlau-Verlag zu un- serer großen Zufriedenheit betreut hat. Allen soeben genannten Institutionen und Perso- nen danken wir herzlich! Karel Hruza Alexandra Kaar Wien, im Oktober 2011 Karel Hruza EINLEITUNG Sigismund von Luxemburg (1368–1437), Sohn Kaiser Karls IV. (1316–1378), erlangte vier Königskronen: die ungarische (1387), die römisch-deutsche (1410/11), die böh - mische (1420) und die lombardische (1431). Im Jahr 1433 wurde er zum Kaiser der Römer gekrönt. Der von ihm beherrschte Herrschaftskomplex bildete ein geografisch riesiges „Imperium“ in Europa, das sich ganz oder teilweise auf die heutigen Staaten Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxem- burg, Tschechien, Ungarn, Slowakei, Polen, Rumänien, Bulgarien und die Nachfolge- staaten Jugoslawiens erstreckte. Zur räumlichen Ausdehnung traten unterschiedlichste kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Verhältnisse in den einzelnen Ländern. Die Aufgabe, diesen Raum seiner Herrschaft zu unterwerfen, stellte eine immense Her- ausforderung für Sigismund, seinen Hof und seine Kanzlei dar. Einer ähnlichen Heraus- forderung sahen sich andererseits die „Beherrschten“, seine „Untertanen“, gegenüber, wenn es ihrerseits galt, Kontakte zu Sigismund und seinem Hof anzuknüpfen. Da Sigis- mund gegenüber seinen Vorgängern wieder verstärkt am Prinzip des Reisekönigtums festhielt, war er für Personen und Gruppen verschiedener Gesellschaftsschichten über lange Zeiträume hinweg ein „ferner“ Kaiser und König. Er übte eine „Herrschaft von der Ferne“ aus, seine Königreiche können unter bestimmten Aspekten als „Reiche ohne König“ (so Sabine Wefers) bezeichnet werden. Das heißt aber nicht, dass von ihm aus- gestellte Urkunden und Briefe nur in vergleichsweise geringer Zahl überliefert sind. Die Größe des von Sigismund beherrschten Raumes, seine lange Regierungsdauer, seine aus- gesprochen aktive politische Tätigkeit und auch der hohe Grad der Schriftlichkeit der damaligen königlichen Verwaltung in Ungarn hatten nämlich zur Folge, dass der Auslauf seiner Kanzleien beträchtliche Ausmaße erreichte. Dementsprechend sind Urkunden und Briefe Sigismunds in großer Zahl weit über die europäischen Archive verstreut, und ihre editorische Bewältigung sowie die moderne geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung seiner Herrschaft sind nur in internationaler Zusammenarbeit möglich. Nach der seinerzeit grundlegenden vierbändigen Sigismund-Biografie Joseph von Aschbachs, die 1838–1845 in Hamburg erschien 1 , sollten fast eineinhalb Jahrhunderte vergehen, bis in der Geschichtswissenschaft wieder eine ertragreiche Biografie vorgelegt wurde. Innerhalb der Jahre 1984 bis 1998 waren es dann sogar mehrere Biografien, die in 1 a scHbacH , Geschichte. 14 Karel Hruza Deutschland, Österreich, Tschechien und Ungarn publiziert wurden 2 . Während Wilhelm Baum und Jörg K. Hoensch versuchten, ein umfassendes Bild Sigismunds und seiner Herrschaft zu liefern, konzentrierten sich Elemér Mályusz auf Sigismunds Herrschaft in Ungarn und František Kavka auf jene in Böhmen. Die Werke der zwei Letztgenann- ten sind daher nicht als Biografien im vollen Sinn zu verstehen, während die schmalen Bücher Václav Drškas und Július Bartls nur längere biografische Skizzen darstellen. Als gültige Biografie Sigismunds wird in der Forschung das Buch Hoenschs gehandelt. Es enthält auch, im Gegensatz zu den Büchern Baums, Kavkas und Mályusz‘, eine fundierte „Bibliographie raisonnée: Schwerpunkt der Sigismund-Forschung“, die den Forschungs - stand aus der Mitte der 1990er-Jahre reflektiert und auf die an dieser Stelle besonders hingewiesen sei 3 . Diese Bibliografie lieferte Hoensch auch in seinem als wertvolles Ne - benprodukt der Biografie entstandenen Itinerar Sigismunds, das er 1995 veröffentlichte 4 Zum Thema Sigismund kehrte Hoensch schließlich einige Jahre später auf über 70 Sei- ten in seiner grundlegenden Darstellung „Die Luxemburger“ zurück 5 Im Juli 1987 konnte in einer denkwürdigen Konferenz zu Sigismund, die „anläßlich der 600. Wiederkehr seiner Thronbesteigung in Ungarn und seines 550. Todestages“ in Budapest stattfand, die Zusammenarbeit zwischen deutschen, österreichischen, tschechi- schen, slowakischen und ungarischen Historikern über die Epoche Sigismunds intensi- viert werden. Allein der Titel der 1994 publizierten Tagungsbeiträge zeigt an, welchen zu erforschenden Raum man öffnen wollte: „Sigismund von Luxemburg. Kaiser und König in Mitteleuropa 1387–1437. Beiträge zur Herrschaft Kaiser Sigismund und der europäischen Geschichte um 1400“ 6 . Dieser wichtige und erfreuliche Anstoß zu einer international vernetzten Sigismund-Forschung, der zudem von einer Ausstellung be- gleitet wurde, fand Nachfolge mit der großen internationalen Konferenz „Sigismond de Luxembourg 1387–1437. Roi de Hongrie et empereur“, die im Juni 2005 in Luxemburg abgehalten wurde und deren Beiträge im darauffolgenden Jahr erschienen 7 . Auch diese Tagung wurde im selben Jahr 2006 von der umfänglichen Ausstellung „Sigismund – Rex et Imperator. Kunst und Kultur zur Zeit Sigismunds von Luxemburg 1387–1437“, die in Budapest und anschließend in Luxemburg zu sehen war, ergänzt und ein opulenter Ausstellungskatalog publiziert 8 2 m ályusz , Zsigmond; d ers ., Kaiser Sigismund; b artl , Zigmund; b aum , Sigismund; d rŠKa , Zikmund; H oeNscH , Sigismund; K aVKa , Poslední Lucemburk. 3 H oeNscH , Sigismund 527–547. 4 Itinerar, hg. H oeNscH . Siehe auch e Ngel , C. t ótH , Itineraria. 5 H oeNscH , Luxemburger 234–306. 6 Sigismund, hg. m aceK , m arosi , s eibt 7 Sigismund, hg. P auly , r eiNert 8 Sigismundus, hg. t aKács 15 Einleitung Das 620-jährige ungarische Krönungsjubiläum Sigismunds und sein 570. Todes- tag gaben Anlass zu zwei internationalen Tagungen, die im Dezember 2007 in Brünn (Tschechien), in der Nähe seines Sterbeortes Znaim, und in Oradea (Rumänien), seinem Begräbnisort, abgehalten wurden. Die Ergebnisse der Brünner Tagung werden im vorlie- genden Konferenzband der Öffentlichkeit übergeben, während jene aus Oradea bis auf einige Ausnahmen nur in knappen Skizzen publiziert wurden 9 . Wertvolle internationale Beiträge zu Sigismund wurden 2009 in einem weiteren rumänischen Sammelband ver- öffentlicht 10 . Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass weitere Forschungsergebnisse zu Sigismund von zwei Tagungsbänden zu erwarten sind: Die Herbsttagung des Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte e.V. widmete sich 2011 dem Thema „Das Konstanzer Konzil als europäisches Ereignis. Begegnungen, Medien und Rituale“ unter zuvorderst diplomatie- und politikgeschichtlichen Aspekten 11 , eine Tagung im Dezember 2011 in Prag hingegen dem Thema „Kommunikation im Krieg im späten Mittelalter“ 12 Neben diesen überwiegend thematisch auf Sigismund konzentrierten Publikationen haben neuere Überblicksdarstellungen zur Geschichte bestimmter Ländern und Kö- nigreiche den Blick auf des Kaisers Herrschaft kritisch erweitert 13 ; das gilt ebenso für Sammelbände zu bestimmten Themen wie beispielsweise Leben und Wirken Johannes Hus’ 14 . Auch in speziellen Themen gewidmeten Monografien wurden in den vergange - nen Jahren Person und Herrschaft Sigismunds untersucht. Das geschah mehr oder we- niger ausgiebig beispielsweise im Zuge der Darstellung der „Hussitischen Revolution“, der Biografie Jan Hus’ oder von Sigismunds Vetter Jost, von Studien über „Hoftag – Ge - meiner Tag – Reichstag“, „Papst Martin V. [...] und die Kirchenreform in Deutschland“, „Außenpolitik im Spätmittelalter“, „Westbindungen im spätmittelalterlichen Europa“ oder über „Schrift und politisches Handeln“, „Königs- und Kaiserbegräbnisse im Spät- mittelalter“ und in ritualgeschichtlich ausgerichteten Studien zu „Zeremoniell und Po- litik“, zum „Empfangszeremoniell bei mittelalterlichen Papst-Kaiser-Treffen“ oder zu den „Herrschertreffen des Spätmittelalters“ 15 . Diese Werke lieferten, mitunter en pas- 9 Sigismund, ed . c iure , s imoN (kurze Beiträge); Sigismund, ed. M itsiou , p opović , p reiser -k apeller , s imoN (einige längere Beiträge der Oradea-Konferenz). 10 Worlds in Change, ed. g astgeber , P oP , s cHmitt , s imoN 11 Der zu erwartende Tagungsband der „Vorträge und Forschungen“ wird von Gabriela Signori und Birgit Studt herausgegeben. 12 Mitveranstalter der Tagung ist das am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW in Wien von den Regesta Imperii betriebene FWF-Projekt 21198-G18 „Emperor Sigismund: Lordship in Practice in three Monar - chies“. 13 Genannt seien nur: m ezNíK , Morava; Č ornej , Dějiny; Š maHel , Husitské Čechy; e Ngel , Realm. 14 Jan Hus, hg. s eibt ; Jan Hus, hg. d rda , H oleČek , V ybíral 15 Š maHel , Hussitische Revolution; H ilscH , Hus; Š těpán , Jošt; a NNas , Hoftag; s tudt , Martin V.; r ei - 16 Karel Hruza sant, überzeugende Forschungsergebnisse zu Sigismund, und dasselbe kann auch von der Aufsatzliteratur gesagt werden 16 Betrachtet man die Publikationen der vergangenen 25 Jahre, so kann der erfreuliche Schluss gezogen werden, dass sich die Forschung über Sigismund und die von ihm be- herrschten Länder zunehmend internationalisiert hat und die durch gegenwärtige Natio- nalstaaten determinierte isolierte Betrachtung bestimmter Länder oder Problemkreise zu- rückgeht. Ebenso kann festgestellt werden, dass es gelungen ist, Beiträge zur politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Geschichte und vor allem auch zur Kommunikations- und Kunstgeschichte Sigismunds und „seiner Zeit“ zu publizieren. Verhältnismäßig we- nig Aufmerksamkeit wurde demgegenüber der Analyse von Sigismunds Urkunden- und Briefproduktion zuteil, wie auch – abgesehen vom ungarischen, mittlerweile 11 Bände aufweisenden Editionsunternehmen „Zsigmondkori oklevéltár“ (Urkundenbuch zum Zeitalter Sigismunds) – nicht an einer systematischen Verbreiterung der Quellenbasis ge- arbeitet wurde. Der Forschung stehen als Grundlage bisher die von Wilhelm Altmann in den Regesta Imperii XI (1896–1900) verzeichneten 12.362 Kurzregesten zur Verfügung, die das Königreich Böhmen nur sehr unzuverlässig und das Königreich Ungarn äußerst sporadisch erfassen. Diese Regesten werden von den „Deutschen Reichstagsakten“ der älteren Reihe und den derzeit bis in das Jahr 1424 reichenden, in ungarischer Sprache erstellten Regesten des „Zsigmondkori oklevéltár“ ergänzt. Innerhalb des großen Editi - onsunternehmens der Regesta Imperii wurde seit dem Jahr 1900 bis zum Beginn eines FWF-Projekts im Jahr 2004 17 , aus dem der vorliegende Tagungsband hervorgeht, nicht mehr an den Urkunden und Briefen Kaiser Sigismunds gearbeitet. In einem bis in das Jahr 2012 laufenden Anschlussprojekt werden die Editionsarbeiten fortgeführt. Da der vorliegende Tagungsband bewusst aus Editionsarbeiten an den Urkunden und Briefen Sigismunds konzipiert wurde, steht dementsprechend die Urkundenproduktion des Königs in ungefähr der Hälfte der Beiträge im Mittelpunkt 18 . Das hat letztlich umso mehr Berechtigung, als wie oben dargelegt auch in den jüngeren umfangreichen Publi- temeier , Außenpolitik; K iNtziNger , Westbindungen; b ruN , Schrift; m eyer , Königs- und Kaiserbe- gräbnisse; s cHeNK , Zeremoniell; H acK , Empfangszeremoniell; s cHWedler , Herrschertreffen. Eine Vollständigkeit bei der Nennung relevanter Titel wurde nicht angestrebt. 16 Zahlreiche Titel sind im Literaturverzeichnis dieses Bandes angegeben. 17 Über die Arbeiten in diesem FWF-Projekt 17519-G08 und im Anschlussprojekt 21198-G18 informieren die im DA veröffentlichten Jahresberichte über Stand und Fortführung der Regesta Imperii. 18 Des Weiteren verweise ich auf die von den Mitarbeitern der Wiener Sigismund-Projekte veröffentlich- ten Aufsätze: e lbel , Neznámý list; d ers ., Pobyty vyslanců; d ers ., Scio ; d ers ., Bitva; d ers ., Co to znamená; d ers ., Olomoucký biskup; d ers ., Testamentární odkazy; K aar , Sigismund; K oNdor , Zsig- mondkori Oklevéltár; d ies ., Királyi kúria; d ies ., Urkundenausstellung; d ies ., Latin West; s Preitzer , Belehnungs- und Bestätigungsurkunden. 17 Einleitung kationen zu Sigismund und seiner Zeit Themen der Diplomatik und Urkundenforschung bis auf wenige Ausnahmen ausgeklammert blieben. In den anderen Beiträgen dieses Bu- ches wird, natürlich ebenso wie in jenen zur Urkunden- und Briefproduktion versucht, jeweils Aspekte der Landes-, Verwaltungs-, Diplomatie-, Religions-, Ritual-, Kultur- und Kunstgeschichte für Themen der Regierungszeit Sigismunds fruchtbar zu machen. Die Konzentration auf Sigismunds Urkundenproduktion soll dem vorliegenden Tagungs- band ein entsprechendes Profil verleihen. Zusammen mit der in den Wiener Sigismund- Projekten der Regesta Imperii begonnenen Neubearbeitung der Regesten Sigismunds und der Übersetzung und Überarbeitung der ungarischen Regesten des „Zsigmondkori oklevéltár“ soll insgesamt ein Plädoyer für die vermehrte wissenschaftliche Beschäfti - gung mit den Urkunden der spätmittelalterlichen römisch-deutschen Herrscher und den Urkunden Sigismunds im Besonderen abgegeben werden. Sollte dieses Plädoyer auf fruchtbaren Boden treffen und die Anregung zu editorischen und diplomatischen Arbei- ten an den Urkunden Sigismunds bilden, wäre das ganz im Sinn der Herausgeber und wohl auch aller Autoren des vorliegenden Buches. I. ASPEKTE DES POLITISCHEN HANDELNS UND DER HERRSCHAFTSPRAXIS SIGISMUNDS