Geschichte Franz Steiner Verlag Martina Kessel Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 Franz Steiner Verlag Martina Kessel Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar. © Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2019 Satz: DTP + TEXT Eva Burri, Stuttgart Druck: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza Gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier. Printed in Germany. ISBN 978-3-515-12382-2 (Print) ISBN 978-3-515-12383-9 (E-Book) Inhaltsverzeichnis I. Einleitung: Gewalt und Gelächter. ‚Deutschsein‘ 1914–1945 7 II. Das Ernste und Heitere im Ersten Weltkrieg: Dabeisein und Rechthaben 21 1 Deutschwerden durch Krieg: „Kampf und Lachen“ 21 2 Identität: ‚Künstler-Soldaten‘ im Angriff 41 3 Zeitlichkeit: Vorwärts statt verhandeln 58 4 Räumlichkeit: Grenz- und Körperverletzung im Scherz 67 5 Differenz: Demokraten und Juden als ‚nichtdeutsch‘ 84 III. Nicht nur Tucholskys: Die Weimarer Republik 95 1 ‚Verbrecher, Zuhälter, Deserteure‘: Narrative gegen die Demokratie 95 2 Das Ernste und Heitere nach Versailles: Den Frieden abwerten 113 3 Hitler in Weimar: Dialogischer Hohn, Konsens im Gelächter 127 IV. Gewalt im Gelächter: Verletzungsmacht in Zeit und Raum 149 1 Das „lustige Volk“: Eine Gesellschaft verständigt sich 149 2 „Das Lachen wird Euch noch vergehen“: Die Erzählung vom ‚Juden‘ als ‚Täter‘ 166 3 Humor als ‚kommunikativer Vertrag‘: ‚Ein Volk, das sich beschweren darf ‘ 187 4 „Humor = Mit Gewalt“: ‚Unterhaltung‘ im Vernichtungskrieg 204 5 Ein Imperium der Beschämung: Vernichtung als Identitätspolitik 219 V. Gewalt vergessen machen? „Gelächter im Nationalsozialismus“ nach 1945 249 Quellen- und Literaturverzeichnis 263 Abkürzungen 289 Bildnachweise 290 Danksagung 292 Namensregister 293 I. Einleitung: Gewalt und Gelächter. ‚Deutschsein‘ 1914–1945 K urz nach Beginn des Ersten Weltkriegs, am 1 Oktober 1914, attackierte Theo- dor Fritsch jüdische Deutsche als die „lachenden Dritten“: Er behauptete, sie würden aus jedem Krieg zwischen Deutschland und anderen Ländern Profit schlagen, versteckt hinter der Maske dessen, der für die deutsche Seite blute 1 Vor dem Krieg hatte der bekannte antisemitische Agitator das berüchtigte Handbuch der Juden- frage publiziert und den Reichshammerbund gegründet, der nach 1918 im Deutschen Schutz- und Trutzbund aufging Nicht von ungefähr legte Fritsch nach Kriegsbeginn nach Während jüdische Deutsche hofften, durch ihren Kriegseinsatz endlich vorbe- haltlos als Deutsche akzeptiert zu werden, wollte er genau das verhindern Deshalb ent- warf er sie als ‚Dritte‘, als Menschen, die weder deutsch seien noch zu anderen Nationen gehören, ihre Nichtzugehörigkeit aber maskieren würden Mit dem Topos vom Geläch- ter lud er seinen Angriff emotional noch auf: Indem er jüdischen Deutschen zuschrieb, über andere zu lachen, unterstellte er ihnen, diese nicht nur schädigen, sondern auch beschämen zu wollen Nationalsozialistische Aktivisten setzten tatsächlich Spott ein, um Verfolgte zu be- schämen und zu erniedrigen Nach der Annexion Österreichs 1938 verschleppten die Deutschen Tausende jüdischer Männer in Konzentrationslager, darunter auch den Sportjournalisten Dr Maximilian Reich Die SS in Dachau verwandelte die Ankunft der Österreicher höhnisch in ein regelrechtes Spektakel, das sich bei einem Besuch Heinrich Himmlers wenig später wiederholte 2 Reich erinnerte sich, dass die SS jeden Satz Himmlers mit beifälligem Gelächter quittiert und sich besonders amüsiert habe, als ihr Chef einen älteren Industriellen fragte, ob er wisse, warum er in Dachau sei Als der Gefragte verneinte, hätten sich Himmler und seine Begleiter vor Lachen geschüttelt und ersterer sofort Dunkelarrest angeordnet, damit der Verhaftete „darüber nachden- ken“ könne 3 1 Fritsch, Burgfrieden, 506 S Albanis, German-Jewish Cultural Identity, 37 Zur Figur des Dritten u a Holz, Nationaler Antisemitismus, 543 Breger/Döring (Hg ), Figur des/der Dritten 2 Wünschmann, Before Auschwitz, 168 ff , hier 174 3 Reich, Die Mörderschule, 96 f Reich emigrierte nach seiner Freilassung nach England 8 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 Wie hingen die beiden Situationen zusammen? Himmlers Spott war für die Betrof- fenen nicht komisch, sondern bedrohlich, und Fritsch hörte selbstredend nicht wirk- lich jemanden lachen Die Momentaufnahmen stehen vielmehr dafür, dass beide über Identität verfügen wollten Fritsch verweigerte jüdischen Deutschen ihr Deutschsein mit dem Topos vom Lachen; die SS agierte mit Gelächter ihre Verletzungsmacht gegen- über denen aus, die sie als ‚nichtdeutsch‘ markierte und verfolgte Entsprechend dreht sich mein Buch ausdrücklich nicht um Komik, sondern um zwei andere Leitfragen: Zum einen, welche Vorstellungen von Deutschsein Akteure vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der NS-Zeit im (Reden über) Gelächter ausagierten; zum anderen, wie sie rechtswidrige Gewalt mit Spottpraktiken in vorgeblich ‚rechtmäßiges‘ Verhalten um- deuteten Überlebende der Shoah haben vielfach beschrieben, dass sie nicht nur mit Gewalt, sondern auch mit Spott gequält wurden, und nicht nur von Gewaltakteuren im en- geren Sinne Warum aber? Der Hohn ging über das Ziel eines Völkermordes hinaus Das heißt, er wäre nicht notwendig gewesen, um Juden in Deutschland und Europa zu ermorden Um ihn zu erklären, ist die Geschichtsdeutung wichtig, die Fritsch 1914 beschwor, also von Juden nicht nur ‚ausgebeutet‘, sondern ‚verlacht‘ und ‚beschämt‘ zu werden Wenn ich den Topos vom Gelächter analysiere, geht es um die Geschichte die- ser Projektion Denn mit der Unterstellung, beschämt und erniedrigt worden zu sein, begründeten auch Nationalsozialist/innen, warum sie reale Beschämung und Erniedri- gung zu einem Strukturelement der Verfolgung machten 4 Ich verstehe Gelächter also als Sinnangebot und Verhaltensweise, um ‚deutsch‘ als Differenz zu ‚jüdisch‘ zu etablieren und Gewalt auf emotionalisierende Weise zu recht- fertigen Anders gesagt, ich fokussiere weniger auf Antisemitismus in Deutschland als auf der Frage, wie Deutschsein gefasst wurde, um Antisemitismus (oder die Abwehr anderer ‚Nichtdeutscher‘) scheinbar plausibel zu machen Denn um die Ausgrenzungs- und Verfolgungsbereitschaft von Menschen zu erklären, die ihr ‚Deutschsein‘ in den Mittelpunkt stellten, ist nicht nur entscheidend, wie sie andere in ‚Andere‘ verwandel- ten Zentral ist, dass und wie sie sich mithilfe dieser Projektionen zu ‚Deutschen‘ mach- ten Ich nehme das (Reden vom) Gelächter daher als roten Faden, um zu diskutieren, mit welchen Sinnstrukturen Zeitgenossen die angebliche Differenz ‚deutsch vs jüdisch‘ so verankerten, dass ihr antijüdisches Handeln scheinbar selbstverständlich erschien 5 Um wiederum zu erklären, warum Fritsch vom Lachen sprach und die SS spot- tete, um einen angeblich unüberbrückbaren Gegensatz zu markieren, ist entscheidend, dass beide auf einen lange verankerten, spezifischen Humorbegriff rekurrierten In der Forschung gilt Humor meist als Oberbegriff für verschiedene Spielarten wie Sa- tire, Karikatur, Spott oder Ironie 6 Im Vordergrund steht zudem häufig die Frage, ob er subversiv oder affirmativ sei Bereits diese Dichotomie ist problematisch, denn (an- geblich) scherzhafte Praktiken können beides zugleich sein Zudem können sie noch 4 Vgl Kap IV Confino, World without Jews, deutet in analoger Weise das Verbrennen der hebräischen Bibel als Zeichen, den jüdischen Ursprung des christlichen Abendlandes ausradieren zu wollen 5 Inspirierend: Olin, From Bezal’el to Max Liebermann S a Feldman, Conceiving Difference 6 Oder für Situationen, die Vergnügtsein herbeiführen, Korte/Lechner, History and Humour, 11 9 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 ganz anderes bedeuten Menschen handeln mit Spott und Gelächter Ehrbegriffe aus, lösen oder verschärfen Spannungen Die Entscheidung, wer mit wem über wen oder was lachen darf, verweist auf die ‚heiligen Kühe‘ einer Gesellschaft, auf Überzeugungen oder Werte, die nicht karikiert werden dürfen Zudem bearbeiten Akteure Statushierar- chien und Machtbeziehungen, wenn sie sich darüber verständigen, wen sie gemeinsam öffentlich verspotten 7 All diese Aspekte spielen im Buch eine Rolle Doch erschließen auch sie sich erst dann, wenn zunächst der Begriff des Lachens in der deutschen Kultur in den Blick kommt, der in sich bereits ein spezifisches Verständnis von Deutschsein und Politik signalisierte Denn in Deutschland stand der Begriff der Heiterkeit – mit Trabanten wie Humor oder Lachen – für eine konkrete Deutung von Geschichte und Identität Der Topos existierte in diesem Sinne seit der Zeit um 1800, wurde aber im Ersten Weltkrieg breit wirksam Seit 1914 überschwemmten Anekdotenhefte das Land, deren Titel Humor im Felde , Kampf und Lachen oder Ernstes und Heiteres versprachen Sie transportierten die Einstellung, die Michael Geyer als „katastrophischen Nationalismus“ bezeichnet hat: 8 Die Überzeugung, dass nicht demokratische Politik, sondern nur Kampf und Krieg eine Nation produzieren würden, die genuin ‚deutsch‘ sei Um ihre Sicht anschaulich zu vermitteln, erzählten die Autoren Geschichte anhand von militärischen Führungs- figuren oder Soldaten ohne Rang, die vertrauensvoll zu den Helden aufschauten Ihre Anekdoten verherrlichten erstens nichtdemokratische Politik, indem sie ein nicht- demokratisches Persönlichkeitsideal inszenierten: Nur wer kämpfe, statt demokratisch zu verhandeln, sei deutsch Zweitens schrieben die Hefte die Gewalt um, die gegen internationale oder völkerrechtliche Übereinkünfte verstieß: Sie deuteten den Zugriff auf Grenzen, Räume und Körper dann als ‚gerecht‘, wenn er den deutschen Kriegszie- len diene 9 Anders gesagt: Im Ersten Weltkrieg etablierten Kriegsverfechter/innen die Sinnfigur des ‚lachenden deutschen Soldaten‘, der auch dann ‚im Recht sei‘, wenn er gegen das Völkerrecht verstoße Drittens verbreiteten Anekdoten das binäre Deutungs- muster vom ‚richtigen vs falschen Lachen‘, um festzulegen, wer dieses Deutschsein für sich reklamieren dürfe: Wen sie ausgrenzen wollten – ob Demokrat/innen, Kriegsgeg- ner/innen oder jüdische Deutsche -, dem attestierten sie ein ‚falsches Lachen‘ Mit dem Kürzel schrieben sie den Angegriffenen eine ‚falsche Politik‘, eine ‚falsche Identität‘ oder beides ein Dieses Sinnmuster zirkulierte Fritsch in seiner Polemik Mein Buch erzählt die Geschichte des Ernsten und Heiteren , wie ich es im Folgen- den nenne, vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der NS-Zeit Eine Kernthese ist, dass seine Anhänger/innen Identität und Gewalt bereits im Ersten Weltkrieg mithilfe die- ses Sinnmusters codierten Wer nach 1918 die Revolution oder die Republik ablehnte, zeitweise oder dauerhaft, diffamierte die Demokratie ebenfalls nicht nur als politisch inakzeptabel, sondern als Identitätsverlust für ‚wahre Deutsche‘ Im Kontext konkurrie- render Politikmodelle platzierten sich die Nationalsozialisten in den zwanziger Jahren, 7 U a Kessel, Landscapes Bremmer, Rodenburg (Hg ), Kulturgeschichte des Humors Konkret nach Komik in autoritären Regimen fragen die Beiträge in Caplan/Feldman (Hg ), Laughing out loud 8 Geyer, Insurrectionary Warfare, 516 9 Vgl Kessel, Gelächter Dies , Laughing about death 10 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 indem sie weniger konkrete Politik als Identitätspolitik anboten und dazu das ausschlie- ßende Verständnis von Deutschsein radikalisierten Nach 1933 realisierten Engagierte auch mit Spottpraktiken eine entsprechende Gesellschaft und deklarierten die dafür eingesetzte Gewalt als ‚rechtmäßig‘ Gerade die Form, in der sie handelten, reflektierte die Legitimationsmuster, auf die sie sich beriefen Die NS-Gesellschaft war attraktiv, weil sie das Gefühl von Differenz garantierte Deutschsein toppte Demokratie Ich frage also nicht, ob Zeitgenossen das, was sie als heiter bezeichneten, komisch fanden, und schon gar nicht, ob wir darüber lachen können oder dürfen Das Ernste und Heitere fungierte vielmehr als eine „Matrix des Imaginären“: 10 Es war ein Verknap- pungsbegriff für ein ganzes Set von Identitätsbehauptungen und Zuschreibungen Mit den darin gebündelten Sinnstrukturen entschieden Menschen über ‚Deutschsein‘; sie beschrieben ihre eigene Geschichtsdeutung als ‚Wahrheit‘ und entzogen damit und durch den Modus des angeblich Scherzhaften ihr Vorgehen der Diskussion Um ihren Weg als den einzig möglichen darzustellen, setzten sie das Ernste und Heitere diskursiv, symbolisch und körperlich ein: Sie nutzten es als Beschreibungsmuster, um Akteure und Politikangebote zu bewerten und zu hierarchisieren, und sie agierten es aus, um als deutsch aufzutreten Das Erzählmuster lieferte, mit Foucault gesprochen, ein alltägli- ches Regulierungswissen Denn Menschen unterhielten sich auf diese Weise über Iden- tität sowie über die Wege, die von ihnen gewünschte Ordnung herzustellen Erfahrbar und fühlbar machten Akteure ihre Vorstellungen, indem sie sie in Handlungsstruktu- ren, soziale Beziehungen und Machtverhältnisse übersetzten 11 Ich binde mich entsprechend in die Forschung ein, die Prozesse von „meaning con- struction“ in den Blick nimmt, die Art und Weise, wie Zeitgenossen ihrer Welt Sinn ga- ben und danach handelten 12 Dabei steht im Vordergrund, wie der Topos vom Gelächter dazu diente, Vorstellungen von (kollektiver) Identität und das Plausibel-Machen von Gewalt zu verknüpfen Denn Sinnproduktion zwischen 1914 und 1945 bedeutete auch und gerade, rechtswidrige Gewalt in etwas vorgeblich Legitimes umzudeuten, und die- ser Prozess setzte nicht erst im Nationalsozialismus ein 13 Wenn ich von Identität rede und einen weiteren heiß umstrittenen Begriff benutze, sei betont: Nicht ich behaupte ein angeblich festlegbares, gleichsam wesenhaftes So-Sein Vielmehr beanspruchten die historischen Akteure, die ich analysiere, ein ‚wesenhaftes‘ Deutschsein fixieren zu kön- nen, jenseits von rechtlicher Gleichstellung Ich möchte gerade entziffern, auf welche Weise sie Deutschsein als nichtjüdisch herstellten und diese Einstellung zunehmend ra- dikalisierten 14 Denn die SS beanspruchte mit ihrem Spott, zuerst eine Grenze zwischen 10 Der Begriff bei Sémelin, Elemente, 39 11 Anderson, Imagined Communities, 19, zufolge erschließen sich Gesellschaften weniger durch Ideo- logien als durch ihre kulturellen Bedeutungssysteme Butler, The Psychic Life, 32, zufolge etablieren sich Menschen als Subjekte, indem Handlungsmöglichkeiten ( agency) und die Verinnerlichung gesellschaft- licher Setzungen zusammenspielen, als „gleichzeitige Entfaltung und Regulierung des Subjekts“ 12 Stone, Holocaust Historiography and Cultural History, bes 49 f 13 Weinhauer/Ellerbrock, Perspektiven, 11, zu Gewalt als kommunikativer Praxis, die verschiedene Ordnungs- und Sinnangebote vernetzt Zum Ersten Weltkrieg Horne/Kramer, German Atrocities Zum Nationalsozialismus u a Buggeln, Gewalt, 18 ff Zu kultureller Gewalt Münzner, Hiller, 19 ff 14 Zur langen Tradition dieser Einstellung Meyer, Jüdische Identität, v a 116–126 11 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 gedachten Identitäten ziehen zu dürfen, um dann den Verfolgten zu unterstellen, die Linie ‚unrechtmäßigerweise‘ zu überschreiten Nach 1945 verwischte die (west)deutsche Gesellschaft gezielt diese Geschichte des Gelächters Stattdessen kanonisierte die Nachkriegsgesellschaft die engführende Deu- tung, Scherze im Nationalsozialismus seien ein Widerstandsakt nichtjüdischer Deut- scher gewesen, die damit ihr Leben riskiert hätten 15 Sammlungen, die nach 1945 Witze aus der NS-Zeit zirkulierten, speisten die populäre Selbstbeschreibung als nichtjüdi- sche Leidensgemeinschaft 16 Damit blendeten sie andere Bedeutungen aus und rückten auch aus dem Blick, dass Humor selbst eine Form von Gewalt und Erniedrigung gewe- sen war Außerdem verdeckte der Zugriff, wie geläufig die in der NS-Zeit wirksamen Verhaltensweisen schon lange vor 1933 gewesen waren, um Menschen als zugehörig oder nicht zugehörig zu markieren Die beiden österreichischen Kunsthistoriker Ernst Kris und Otto Kurz dagegen, die in den dreißiger Jahren nach England emigrieren mussten, wiesen bereits 1934 auf eine andere Bedeutung von Humorpraktiken hin Sie entlarvten nicht nur den Mythos vom ‚großen Künstler‘, der angeblich von allen gesellschaftlichen Bedingungen unabhängig sei und dessen Aura Hitler zeitgenössisch für sich reklamierte 17 Sie betonten auch, wie wichtig Anekdoten für die gesellschaftliche Projektion eines solchen ‚Führers‘ seien, und fanden es irreführend, sie als Quelle auszumustern, weil sie angeblich trivial und wenig aussagekräftig seien Stattdessen deuteten Kris und Kurz Witze und joviale Ge- schichtchen als elementaren Teil der Konstruktion großer Helden Denn sie würden die Identifikation mit der Leitfigur erleichtern, die man dergestalt in den Alltag hinein- hole 18 In diesem Sinne verstehe ich Anekdoten, Spott und das Reden über Gelächter als ‚Geschichtsschreibung im Alltag‘: 19 Als Handlungsweisen vermittelten sie kollektive Vorstellungen von Deutschsein, Geschichte und Politik und ließen sie gefühlte Wirk- lichkeit werden Als Geschichtserzählung en miniature bildeten sie Ereignisse nicht ein- fach ab, sondern stellten sie ihrerseits her und schrieben ihnen in verdichteter Form einen Sinn zu Ihn gilt es zu dechiffrieren 20 Identität und Politik festlegen: Das ‚Ernste und Heitere‘ im 19. Jahrhundert Um das Sinngefüge des Ernsten und Heiteren genauer zu erklären, skizziere ich zu- nächst vier darin verflochtene Deutungsmuster, die sich bereits im 19 Jahrhundert entwickelten und ab 1914 breitenwirksam wurden Mit dem Rückblick beschwöre ich weder eine deterministische noch eine eindimensionale Geschichte Es geht umgekehrt 15 Meier/Sellin, Vox populi, 18 Anders bereits Hill, Humour Wöhlert, Der politische Witz Merziger, Nationalsozialistische Satire 16 Zu deren Fortdauer bis in die jüngste Gegenwart Jureit/Schneider, Gefühlte Opfer 17 Schwarz, Geniewahn Pyta, Hitler, für die frühen 1920er Jahre und den Zweiten Weltkrieg 18 Kris/Kurz, Legende vom Künstler, 31 19 Fineman, History of the Anecdote, 57, zu Anekdoten als „smallest minimal unit of the historiogra- phic fact“, als kompakten Verweis auf ‚das Reale‘ bzw dessen Imagination S a Kessel, Gelächter, 102– 107 20 Zu letzterem mit Blick auf Karikaturen Schäfer, Vermessen, 95 12 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 um Zugriffe auf Identität und Politik, die nicht immer dominant waren, aber auch nie verschwanden und deshalb in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts angeeignet und verändert werden konnten Das Ernste und Heitere stammte aus der Zeit um 1800, als das alte Reich zusammenbrach, aber nicht eine Nation an dessen Stelle trat In Deutsch- land gab es weder eine Revolution, die die Moderne einläutete, noch eine einheitliche Grenze oder politische Struktur für alle, die sich als deutsch verstanden Stattdessen de- finierten (preußische) Deutungsmächtige Deutschsein kulturell; sie fassten die ‚Nation ohne Nation‘ durch Dimensionen wie Sprache und christliche Konfession, Kategorien wie Geschlecht und ‚Rasse‘ oder pauschal die deutsche Kultur Tatsächlich handelten Menschen auf vielfältige Weise Selbstverständnisse und Zugehörigkeiten aus 21 Den- noch überdauerte die Perspektive bis in das 20 Jahrhundert In meinem Analysezeit- raum prägte der Zugang nicht nur Debatten darüber, wer dazugehöre, sondern auch, welche Form von Politik als deutsch gelten dürfe Seit der Zeit um 1800 war erstens die Begriffskombination im Titel selbst die Bot- schaft Intellektuelle wie Friedrich Schiller oder Johann Gottlieb Fichte definierten die Abwesenheit einer Nation als ernstes oder gar tragisches Phänomen Die Bereitschaft, die Nation im Kampf zu kreieren, beschrieben sie dagegen als Heiterkeit oder Hu- mor Davon abweichende Positionen galten als ironisch oder spöttisch Das richtete sich gegen diejenigen, die ironische Selbstreflexivität als Signum der Moderne fassten und dafür plädierten, dass Identität eben kein homogenes, irgendwie wesenhaftes Ding sei 22 Das begriffliche Paradox, Kampfbereitschaft Heiterkeit zu nennen – eine heitere Entschlossenheit zum Krieg, um das vorgeblich ernste Problem der fehlenden Nation zu lösen -, erklärt, warum spätere Kontroversen um die Deutungshoheit über deutsche Geschichte mit dem Stichwort des Ernsten und Heiteren geführt wurden Wer sich da- rauf berief, plädierte für Krieg als Ursprung nationaler Einheit, ohne es ausbuchsta- bieren zu müssen Zudem ließ diese Perspektive nur eine Nation und keinen anderen politischen Verbund als adäquaten Rahmen für ‚Deutschsein‘ zu Um 1800 beschrieb die Debatte die reale politische Vielgestaltigkeit als ‚tragisch‘ und akzeptierte nur das kämpferische Drängen auf eine Nation als ‚deutsches‘ Verhalten Zweitens lenkte das Ernste und Heitere daher immer dann, wenn andere für De- mokratie plädierten, fort von Fragen wie Gewaltenteilung, Wahlrecht oder politischer Repräsentation Nach der Revolution von 1848 etwa präsentierten Anekdotenhefte Kampf und Krieg als einzig richtigen Weg zur Nation, um die Erinnerung an demo- kratische Möglichkeiten zu überlagern Sie feierten die antinapoleonischen Kriege des frühen 19 Jahrhunderts in ihrer ‚menschlichen‘ und ‚gemütlichen‘ Seite 23 Wer heiter und entschlossen gegen andere kämpfe, so die Botschaft, sei denen überlegen, die wi- derstreitende Interessen demokratisch aushandeln wollten Scherzhefte aus den sog 21 Zu Deutschen im Ausland u a O’Donnell (Hg ), Heimat abroad Methodisch-theoretisch Harders, Migration 22 Bohrer (Hg ), Sprachen, zufolge lehnten die Verfechter des ‚Ernstdiskurses‘ Ironie als Ausdruck mo- derner Selbstreflexivität ab Entsprechend verurteilten sie Gegenpositionen zu ihrer eigenen als ‚spöt- tisch‘ Bausinger, Lachkultur, 21, spricht daher von einer „unrühmliche(n)“ Geschichte des Humorbe- griffs seit 1800 Kessel, Gelächter, 101 23 U a Ebersberg, Am Wachfeuer 13 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 Einigungskriegen meldeten enthusiastisch Vollzug Sammlungen wie Humor und Ernst des deutschen Kriegers von 1866 oder Humor im Felde von 1870 beschrieben entwe- der mutige Soldaten, die mit einem Scherz auf den Lippen kämpften Oder sie stellten politisch-militärische Befehlshaber als joviale Leitfiguren dar, etwa Friedrich II oder „Papa“ Wrangel, den preußischen General und Oberbefehlshaber in den Marken, der die Revolution von 1848 in Berlin niedergeschlagen hatte 24 Indem sie die Bonhomie von Militärs und Königen inszenierten, präsentierten sie die Reichsgründung als rein militärisches Phänomen und blendeten Entwicklungslinien jenseits von Krieg aus – ‚kriegerische Persönlichkeit‘ statt Demokratisierung Der Ansatz verschwand auch nach der Reichsgründung nicht, im Gegenteil Ge- rade weil es zu Demokratisierungsprozessen im Kaiserreich kam, stellten Ernst und Heiter -Protagonist/innen eine solche Entwicklung als Problem dar Der Humortopos blieb ein antidemokratischer Kampfbegriff, um Demokratie als bloße Zersplitterung zu diskreditieren und einen Mangel an ‚wahrer‘ Einheit zu behaupten Das Aushängeschild der konservativen Revolution, Arthur Moeller van den Bruck, plädierte 1910 mit dem Titel Lachende Deutsche dafür, einem ‚demokratischen Verfall‘ mit kriegerischer Kunst und Politik zu begegnen; er kanonisierte eine Riege nichtjüdischer „großer Männer“ seit Rembrandt, um zu suggerieren, dass die verhasste Demokratisierung keine ‚großen Köpfe‘ mehr zulasse 25 Dieser Humordiskurs war in der kulturellen Pluralisierung vor 1914 nicht unbedingt dominant, doch verschwand er auch nie Deshalb war er verfüg- bar, um bei Kriegsbeginn zu einem wichtigen Stichwort der Mobilisierung zu werden Drittens, und das klang bei Moeller van den Bruck bereits an, beanspruchten Ernst und Heiter -Akteure, nicht nur in Sachen Politik, sondern auch mit Blick auf Kunst die ‚Wahrheit‘ zu sagen In der Debatte um Deutschsein spielte Kunst im 19 und 20 Jahr- hundert eine ähnlich bedeutsame Rolle wie Bildung Die bürgerliche Kultur verlieh nicht nur Bildung, sondern auch Kunst einen quasireligiösen Charakter Entsprechend wichtig und umstritten war, wer als kreativ und was als Kunst gelten dürfe, erst recht, als sich die Unterhaltungsbranche ausdifferenzierte Im Vormärz und der Revolution von 1848 etablierten sich Satire, Lachtheater oder Karikaturen auch in Deutschland als populäre Unterhaltungsformen und zugleich als Mittel, um politische Kritik zu üben 26 Seitdem achteten Anhänger/innen der herrschenden Ordnung darauf, ihrerseits heitere Unterhaltung für ihre Politik zu nutzen und nicht den Kritiker/innen als Instrument zu überlassen 27 Zugleich sprachen sie denen, die Politik und Kunst demokratisieren woll- ten, ästhetische Qualität ab Anders gesagt: Sie verurteilten Demokratisierungswünsche politisch als „zersetzend“ und künstlerisch als „unästhetisch“ 28 Auch hier ging es nicht darum, zu definieren, was Humor und Satire als Genre jeweils ausmache oder unter- 24 Z B Humor und Ernst, 8, 21 f , 15 Humor im Felde Zum Spott über Frankreich Koch, Teufel, u a 486 25 Moeller van den Bruck, Lachende Deutsche 26 Hier nur Townsend, Forbidden laughter 27 Als in den 1860er Jahren wieder einige regierungskritische Zeitschriften erscheinen durften, eta- blierten Konservative beispielsweise eine kurzlebige Zeitschrift mit dem sinnigen Titel Der kleine Reac- tionair Sie wollten dem ‚zuchtlosen‘ Witz der Demokraten ‚echten Humor‘ entgegensetzen, Hippen, Kabarett, 46 28 Mit weiterer Literatur Kessel, Gelächter, 102 14 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 scheide Die Topoi erlaubten vielmehr, Demokratisierung argumentfrei abzulehnen: Wer missliebigen Politikern oder Künstler/innen ‚Heiterkeit‘ absprach und sie statt- dessen als ironisch oder spöttisch klassifizierte, sprach ihnen ab, deutsch zu sein Wer dagegen ernst und heiter auftrat, beanspruchte, den ‚wahren‘ Kampf für die Nation zu führen Diese Linie drehten Anhänger/innen der Matrix im 20 Jahrhundert weiter, um ‚Dichter und Denker‘ in ‚rechtmäßige Richter und Henker‘ zu verwandeln 29 Viertens schließlich inszenierte das Ernste und Heitere seit dem 19 Jahrhundert jü- disch und deutsch als Gegensatz Das Kürzel umschrieb im Grunde die Position, die der Staatsrechtler Adam Heinrich Müller 1808 vertrat Er hatte irritiert festgestellt, dass es außer den Deutschen nur ein weiteres Volk gäbe, das eine ‚Nation ohne Nation‘ dar- stelle, nämlich die Juden Doch lehnte Müller das Judentum als mögliches Vorbild ent- schieden ab Er behauptete stattdessen, es stehe „mit seinem innersten Wesen mit der Deutschheit im Widerspruch“, so dass „die Deutschen“ nur „mit Widerwillen“ hinsehen würden 30 Müller übersetzte den konfessionellen Unterschied zwischen Judentum und Christentum in den angeblich wesenhaften Gegensatz von ‚jüdisch vs deutsch‘ Seine Umdeutung reagierte darauf, dass neben der ständischen Gesellschaft auch das Chris- tentum mit der Aufklärung seinen umfassenden Anspruch verloren hatte, Ordnung zu begründen, so dass ‚der Jude‘ als Gegenbild ‚des Christen‘ überflüssig wurde 31 Wer Ju- den auch in einer modernen Gesellschaft ausschließen wollte, und zwar konstitutiv und nicht nur situativ, brauchte daher andere Sinnmuster, um eine angeblich inhärente, unüberbrückbare Differenz behaupten zu können Angesichts der Demokratisierungs- debatten im Vormärz entwickelten protestantische Eliten die Denkfigur eines ‚jüdi- schen Witzes‘, um Juden als ‚nichtdeutsch‘ zu markieren Als Heinrich Heine die deut- sche Politik ironisierte, karikierte er auch den Gestus der Erhabenheit, den Fichte und Schiller inszeniert hatten Prompt grenzten einflussreiche Protestanten ihn als nicht zugehörig aus: Heine sei spöttisch und nicht humorvoll, also ‚nichtdeutsch‘ 32 Wer Juden nicht als deutsch akzeptieren wollte, konnte seitdem auf die Formel von der ‚jüdischen Ironie‘ zurückgreifen Sie darf ebenso wenig als tatsächliche Eigenschaft verstanden werden wie das Konstrukt des ‚herzlichen deutschen Soldaten‘ Beides wa- ren diskursive Muster, die den konfessionellen Unterschied zwischen Juden und Chris- ten in den Gegensatz von ‚jüdisch vs deutsch‘ umwandelten Wenn Kritik an der herr- schenden Ordnung als ‚jüdisch‘ galt oder Einlassungen von jüdischen Deutschen als ‚ironisch‘ abqualifiziert wurden, dann hieß das jeweils, die Aussage oder die Person als ‚nichtdeutsch‘ zu verurteilen Denn antijüdische Projektionen sagten nichts aus über Juden Sie reflektierten ein Denken, das sich auf eine christliche Tradition berief, wie 29 Vgl Kap II 2 Den Ausdruck zitiert auch Petropoulos, Art as politics, 310 Zum Absolutheitsan- spruch dieser „Kriegskultur“ vgl Hull, Absolute Destruktion 30 Müller, Vom echten Deutschen, 157 f Aly, Warum die Deutschen, zu Antisemitismus auch in demo- kratischen und liberalen Milieus 31 Gilman, Salome, 100 Von Braun, Blut und Blutschande, 84 ff , zufolge übersetzte die bürgerliche Kultur des 19 Jahrhunderts ein Kernmuster christlicher Judenfeindschaft ins allgemein Kulturelle: ‚Den Juden‘ als ‚Zweifler‘, der eine absolut gesetzte christliche Wahrheit, die Offenbarung, nicht anerkenne 32 Chase, Inciting Laughter 15 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 nah oder fern auch immer, und mithilfe einer Feindsetzung die eigene Welt ordnen wollte 33 Dieser Hintergrund beleuchtet, warum gerade selbsterklärt „humoristische“ Blätter im Kaiserreich jüdische Deutsche besonders aggressiv angriffen 34 Spottkarten und Bel- letristik schrieben deutschen Juden ein vorgeblich ‚höhnisches Lächeln‘ ein, um sie wie Fritsch als Figuren zu markieren, die andere ‚beschämen‘ oder ‚erniedrigen‘ würden Der Prozess verschärfte sich im Kaiserreich, als jüdische Deutsche rechtlich gleichge- stellt und jüdische und protestantische Bürgerliche sozio-kulturell nicht mehr zu unter- scheiden waren In dem Maße, in dem wahrnehmbare Unterschiede abnahmen, wurde eine wesenhafte Differenz behauptet 35 Das reagierte im Zweifel darauf, dass jüdische Deutsche vielfach vorführten, dass Deutschsein nicht durch (kulturelle) Abgrenzung hergestellt werden musste Nach innen verbanden sie jüdische und christliche Tradi- tionen, in welcher Form auch immer Nach außen entwarfen manche deutschjüdische Intellektuelle einen transnationalen Heimatbegriff: Sie spürten vergessenen polnischen und kaukasischen kulturellen Traditionen nach, um jüdischen Deutschen die Identifi- kation mit einem weit zurückreichenden Judentum zu ermöglichen und so den Vor- wurf auszuhebeln, Juden hätten weder Heimat noch Volkstradition 36 Das heißt, sie präsentierten ‚Grenzüberschreitung‘ als Mehrwert, um Identität aus vielen kulturellen Bezügen herzustellen Doch im Kaiserreich, das selbst ein global player geworden war und viele transnationale Biographien aufwies, sollte der Topos vom Gelächter verhin- dern, dass eine deutschjüdische Existenz als selbstverständlich deutsch empfunden würde Der antijüdische Impuls zielte nicht immer schon auf Vertreibung oder gar Vernichtung 37 Aber, und das war langfristig entscheidend: Das Skript des Ernsten und Heiteren akzeptierte jüdische Deutsche zu keinem Zeitpunkt als deutsch Wohl blieb seine Verwendung ambivalent, und nicht alle, die es nutzten, grenzten aus Jüdische Deutsche griffen ihrerseits darauf zu, um ihr Deutschsein zu leben Doch wer sie nicht als deutsch anerkennen wollte, verwandte dieselbe Erzählung, um nur ein nichtjüdi- sches Deutschsein als selbstverständlich erscheinen zu lassen Deutschsein: Eine ‚imagined identity‘ 38 Zu Beginn des Ersten Weltkriegs stand im Ernsten und Heiteren somit ein komplexes Muster zur Verfügung, um nichtdemokratische Politik zu sakralisieren und jüdische Deutsche nicht als Deutsche zu akzeptieren Für das Ausgestalten einer modernen Ge- sellschaft war entscheidend, dass seine Anhänger/innen der deutschen Gesellschaft 33 Nirenberg, Anti-Judaism 34 Dazu Koch, Teufel, 179 f , 189 Zur Visualisierung Haibl, „Antisemitische Bilder“, 243 ff 35 Vgl Jensen, Gebildete Doppelgänger, u a 75–77 Hax, „Gut getroffen“, bes 97–101 Aly, Europa, betont den Neid auf soziale Aufsteiger 36 Brenner, Jüdische Kultur, 29, 40 f Man könnte zuspitzen, dass diejenigen, die für Identität qua Ab- grenzung plädierten, eine solche ‚Identität des Überschusses‘ nicht erreichen würden 37 So Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker 38 In Anlehnung an Anderson, Imagined community 16 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 eine systematische Ausgrenzung nach innen einschrieben, indem sie Deutschsein als nichtjüdisch fixierten Zudem fassten sie Kampfbereitschaft und Demokratisierung als Gegensatz und beanspruchten, in Sachen Identität, Politik und Kunst die ‚Wahrheit‘ zu sagen Mit dem Kürzel des ‚richtigen vs falschen Gelächters‘ riefen sie alle Positionen ab In der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts erhielt das Sinngeflecht enorme Konjunk- tur, wobei es die Ideologisierung von Gesellschafts- und Identitätsvorstellungen reflek- tierte und speiste Daher sei abschließend noch kurz skizziert, um welche konkrete Vorstellung von Deutschsein seine Anhängerschaft stritt und wie sie kulturelle Sinn- strukturen vernetzte, um sich durchzusetzen Erstens beanspruchten Ernst und Heiter -Protagonist/innen seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs ein Selbstverständnis für sich, das bis dahin durch verschiedene politische Lager zirkuliert war Als statushöchste Form von Deutschsein galt seit dem 19 Jahrhundert der ‚(gebildete) Künstler-Soldat‘ 39 Die Denkfigur imaginierte einen Mann, der die angeblich in der Moderne auseinanderdriftenden Handlungsbereiche von Kunst, Bildung/Wissenschaft und Militär/Politik in seiner Person integriere und deshalb als ‚Künstler‘ zu verstehen sei Vor 1914 war das Konstrukt sozial elitär und ge- schlechterspezifisch gebrochen, aber politisch offen: Männer der Oberschichten setzten es als Distinktionsmerkmal in jede Richtung ein; doch griffen nicht nur Konservative darauf zu, sondern Anhänger verschiedener Politiken, bis hin zu Pazifisten Alle be- gründeten ihren Anspruch auf Einfluss und Herrschaft, indem sie reklamierten, Kunst- sinn, Bildung und politisches Engagement für Deutschland zu verbinden Sie mussten nicht wirklich Künstler, Soldat oder Wissenschaftler sein, sondern andere davon über- zeugen, dass sie jeweils am geschicktesten Geist und Macht symbolisch verknüpften Genau dieser Anspruch galt als ‚deutsch‘, so dass, wer wollte, die Sinnfigur als nichtjü- disch dachte 40 Das Potential und die Gefahr der Projektion war, dass sie quer zu politischen Struk- turen lag und für alles einsetzbar war Man konnte damit im Kaiserreich eine Demo- kratie avisieren Man konnte mit der Aura des modernen Künstlers, der sich keinem anderen Maßstab unterwerfen müsse als der eigenen Intuition, aber auch jede Gewalt rechtfertigen 41 Die Geschichte des Ernsten und Heiteren zeigt, wann und wie diese Pro- blematik sich entfaltete Im Ersten Weltkrieg und erst recht in der Weimarer Republik stritten politische Lager scharf darum, wer das symbolische Kapital des ‚Künstler-Sol- daten‘ reklamieren dürfe Die Nationalsozialisten griffen in den zwanziger Jahren auf alle skizzierten Sinnmuster zu und verschmolzen auch auf diese Weise ‚nationalsozi- alistisch‘ und ‚deutsch‘ 42 Nicht von ungefähr fasste Freikorps- und SA-Anführer Man- fred Freiherr von Killinger das Vorgehen der SA 1927 mit dem Titel Ernstes und Heite- res aus dem Putschleben : Er reklamierte das Image des ‚Künstler-Soldaten‘, um Gewalt gegen Juden und die Republik in das ‚kreative‘ Herstellen einer neuen Ordnung um- zuschreiben 43 Ich nutze daher das Konzept des ‚(gebildeten) Künstler-Soldaten‘, um 39 Zum Konzept und zum Folgenden Kessel, Langeweile Dies , Einleitung, 11 ff S a Köhne, Geniekult 40 Vgl Kap II 2 41 Kessel, Langeweile 42 Zu dieser Gleichsetzung Confino, World without Jews, bes 34 ff S a Geyer, Stigma of violence, 93 43 Killinger, Ernstes und Heiteres Vgl Kap III 3 17 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1914–1945 Identitätspolitik zwischen 1914 und 1945 zu diskutieren, auch wenn der Führerbegriff geläufiger sein mag Doch geht es darum, zu fragen, welche Eigenschaften und Fähig- keiten denn genau einem ‚Führer‘ eingeschrieben wurden, um ihn als integrationsfähig zu feiern Darüber gab das Ernste und Heitere Aufschluss Damit bin ich bei der zweiten Linie, die für meine Analyse wichtig ist Denn es reichte nicht aus, das statusgenerierende Ideal zu reklamieren Wer so anerkannt sein wollte, musste sich auch in andere Deutungselemente der deutschen Kultur einschrei- ben Dazu gehörten in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts Konstrukte von Zeit und Raum, Arbeit und Reinheit, Geschlecht, Sexualität, Körpern und Gefühlen Um Status und Zugehörigkeit zu- oder abzuerkennen und das Verhältnis von Recht und Gewalt zu codieren, bündelten Zeitgenossen diese Sinnmuster im Ernsten und Heiteren Dabei fassten sie jede Dimension auf binäre Weise und markierten manche Akteure beispiels- weise als ‚produktiv‘, andere als ‚nichtproduktiv‘, je nachdem, wer als deutsch oder nicht- deutsch gelten sollte 44 Zugleich übersetzten sie alle Aspekte aufeinander: Eine ‚produk- tive‘ Figur erschien als zukunftsfähig, eine ‚unproduktive‘ nicht Wer ‚Künstler-Soldat‘ sein wollte, musste entsprechend als ‚produktive‘ oder ‚kreative‘ Person gelten Wer wie- derum gedachten Gruppen wie Demokraten und Juden einschrieb, ‚destruktiv‘ zu sein, unterstellte ihnen auch, das Ideal nicht zu erreichen oder es gar zu gefährden Das heißt auch, dass die Akteure kulturelle Deutungsmuster und nicht biologis- tische nutzten, um eine inhärente Differenz zwischen ‚deutsch‘ und ‚nichtdeutsch‘ zu produzieren Wer Demokratisierung und multiple Identitäten ablehnte, nutzte nicht immer den Rassebegriff, der im Globalisierungs- und Partizipationsschub um 1900 nach innen und außen dazu diente, bei wachsender Verflechtung Differenz behaupten zu können Zeitgenossen nutzten auch und vor allem Alltagskonzepte mit langer Dau- er 45 Dabei interessiert im Folgenden vorrangig, wie ‚Deutsch-Humoristen‘ Identität und Handlungsoptionen engführten: Sie behaupteten Eindeutigkeit, indem sie nur ein binäres Entweder-Oder gelten ließen und im Nullsummenmodus zuspitzten 46 Daher zeigt die Geschichte des Ernsten und Heiteren auch, wie unauffällig Demo- kratie und parlamentarische Praxis unterlaufen werden können Antidemokratisches und antijüdisches Denken war zwar selten subtil Doch war es schwerer zu entziffern oder ernst zu nehmen, wenn es in dichotome Konstrukte wie ‚herzliches Lachen vs spöttischer Hohn‘ eingeschrieben war Aber gerade diese Formel emotionalisierte De- batten um Identität und Politik: Sie verwandelte politische oder militärische Konflikte in angebliche Gefühlsdramen; sie beschuldigte Deutsche mit nichtchristlichem Hinter- grund, ein ‚wahres‘ Deutschsein zu ‚beschämen‘; und sie entkoppelte die Vorstellung, 44 Zu Binarität als Mittel, ‚das Normale‘ zu produzieren, Hödl, Pathologisierung Zu Geschlecht Clin- tock, Imperial Leather Zu Sexualität als Erzählmuster, um Geschichte zu deuten, Herzog, Sex after Fas- cism 45 Latzel, Wehrmachtssoldaten, 586 f , zu Reinheit als ‚alltagsrassistischem‘ Muster mit langer Dauer Zur Kritik am Rasseparadigma für den Nationalsozialismus Pendas/Roseman/Wetzell (Hg ), Beyond the Racial State 46 Vgl Kaldor, 10 years of terror: Ihr zufolge darf Carl Schmitts Freund-Feind-Schema, demzufolge Krieg aus Feindschaft folge, nicht als Ist-Beschreibung verstanden werden Vielmehr erschaffen Gesell- schaften ‚Freunde und Feinde‘, um bestimmten Fragen auszuweichen, und erzeugen möglicherweise gewaltsam eine Situation, die so aussehe, als ob es tatsächlich nur ‚Freunde oder Feinde‘ gäbe 18 I Einleitung: Gewalt und Gelächter ‚Deutschsein‘ 1